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Aus Lehm gebaut

Kategorie: Leben
 Ausgabe 6 - 2008 - 01.06.2008

Text:  Heinz Knieriemen

Lehm ist ein bewährtes, vielfältiges und überzeugendes Material für gesundes Bauen und Wohnen. Und er ist längst salonfähig.

Avantgardistisch:Stampflehmwand aus dem Bauaushub

Verdichtung, Versiegelung und Chemikalisierung von Ober-flächen im Wohn- und Arbeits-bereich sind die grössten und am weitesten verbreiteten Bausün-den. Baumärkte führen keine natürlichen Baustoffe wie etwa Lehm und in der Regel auch keine einzige Naturfarbe auf der Basis von Öl, Kalk, Kasein, Leim oder Silikat mehr. Und auch die Bau- und Dämmstoffe sind meist reine Syntheseprodukte. Auf der Strecke bleibt dabei der Mensch mit seinen Bedürfnissen. Mittlerweile haben uns weltweit das Sick Building Syndrom, die Multiple Chemical Sensitivity und eine Vielzahl allergischer Reaktionen und Krankheiten eingeholt. Wer sich Gedanken über gesunde Ernährung und Kleidung macht, sollte auch den Wohnbereich einbeziehen. Dieser verdient wieder die gleiche Sorgfalt und Zuwendung, wie sie Vögeln beim Nestbau selbstverständlich sind. Umdenken ist angesagt!

Gesundes Raumklima

Mehrfach haben wir auf die Vorzüge von Lehm als Baumaterial im «Natürlich» hingewiesen. Lehm kann energieaufwendig erzeugtes Baumaterial ersetzen. Der Kreislauf von der Verarbeitung bis zur Wiederverwendung bleibt überblickbar. Lehm wird zusammen mit anderen Naturmaterialien daher nicht zu einer Hypothek für Natur und Mensch. Lehm schafft durch seine Fähigkeit, die Luft-feuchtigkeit zu regulieren und Temperaturschwankungen auszugleichen, ein gesundes Raumklima, bindet den Staub und beugt so auch Erkältungskrank-heiten, Asthma und Allergien vor. «Lehm kann die Luftfeuchtigkeit besser aus-gleichen, was die Bildung von Schimmelpilz reduziert», erklärt der Baubiologe Guido Huwiler aus Maschwanden ZH. Lehmwände sind zudem antistatisch, verhindern also eine elektrostatische Aufladung, neutralisieren Rauch und absorbieren im Wasserdampf gelöste Schadstoffe. Lehm ist überdies ein Natur-material, das der Haut schmeichelt und zum Formen und Gestalten einlädt.

Vom Humus befreite Erde ist über Jahr-tausende hinweg ein lebensfreundliches Baumaterial geblieben. In vielen Kulturen auf der ganzen Welt wird dafür beredtes Zeugnis abgelegt. Lehm und Lehmprodukte haben ihr Nischendasein verlassen und treten heute selbstbewusst als gesunde, umweltschonende und preislich attraktive Alternativen zu kon-ventionellen Baustoffen auf. Auch die Vielzahl von kleineren Fach-betrieben zeigt, dass die Lehm- und Natur-bauweisen dem Handwerk eine Zukunft bieten, indem sie Lebensqualität im um-fassenden Sinn schaffen.

Zeitgemäss und vielfältig

Lehmbauweisen bieten vielfältige Möglichkeiten und müssen dem jeweiligen Objekt individuell angepasst werden, wobei die Wünsche und Vorlieben der späteren Bewohner immer im Vordergrund stehen. Ob farbige Lehmfeinputze, Lehmgrundputze, Lehmmauermörtel, Tonmehl, Lehmplatten, Lehmsteine, Stampflehm, Stampflehmböden, Wandheizsysteme mit Lehmplatten, Lehmboden-schüttungen – immer findet sich ein Fachmann, der das Bau-, Reno-vations- oder Umbauprojekt begleitet. Selbst die ursprünglichste Bauweise, die humusfreie Erde des eigenen Grundstücks für den Hausbau oder Verputze zu verwenden, lässt sich auch heute noch realisieren. Und niemand muss sich allein fühlen. Von den Dogons in Mali über die imponierenden Lehmkathedralen im Jemen bis zu den Holzleichtlehmbauten in der Berner Felsenau und einer Siedlung in Lehmniedrigener-gie-Bauweise im solothurnischen Lüsslingen: Auf Lehm ist Verlass. Und Lehm ist inzwischen auch in der Baubranche ein geschätzter Werkstoff und sogar bei Stararchitekten salonfähig.

Der Baustoff aus der Erde wird in verschiedener Weise eingesetzt. Er eignet sich für tragende Wände, für die Dämmung von Innen- und Aussenwän-den, als Wärmespeicher oder einfach als Verputz, Mörtel oder Anstrich. Entsprechend gross ist das Angebot an unterschiedlichen Formen:

• Massivlehmsteine (Adobe) sind wie Backsteine zu vermauern, am besten mit Lehmmörtel. Sie können für wärmespeichernde und schalldämmende Innenwände oder als Innenschale im Holzrahmenbau verwendet werden und eignen sich für tragende Wände.

• Stampflehmmauern (Pisé)
entstehen durch Feststampfen in einer Schalung. Sie können eine tragende Funktion übernehmen, sind gute Speicherwände und weisen mit ihrer unregelmässigen Struktur einen ursprünglichen Charme auf.

• Stroh-, Kork- oder Holzlehmsteine
sind mit Stroh, Korkgranulaten, Holz-häcksel, Hobel- oder Sägespänen ange-reichert und bieten sich an für wärme-und schalldämmende Aussen- und Innenwände in einem Holzskelett oder als Innendämmung einer Aussenwand. Flechtwerk mit Strohlehmbewurf wird vor allem bei Renovationen von Aus-fachungen (Riegelhaus) eingesetzt.

• Lehmbauplatten
können gut verwen-det werden, um eine Wandheizung oder in einer Dachschrägenverkleidung die Lattung zu beplanken und zu verputzen.

• Lehmputz, Lehmmörtel und Lehmanstriche eignen sich, um im Gebäudeinnern Gerüche zu binden und die Luftfeuchtigkeit auszugleichen. Die farbigen Lehmputze schaffen ein besonderes Ambiente. Nicht angewendet werden sollte Lehmputz im Spritzwasserbereich.

Energieeffizient und erschwinglich

Bei Häusern, bei denen nicht nur der Baustoff, sondern auch der Energiehaushalt ökologisch sein soll, eignet sich Lehm ebenfalls. Dies sagt der Architekt Arwed Junginger, Vorstandsmitglied des  Fachverbandes IG Lehm. «Gerade in gut ge-dämmten Bauten wie Minergie-Häusern, wo Frischluft über eine Komfortlüftung zugeführt wird, sind Lehmmauern mit ihrer feuchtigkeitsregulierenden Eigen-schaft ideal», so Junginger. Auch Wandheizungen mit Lehmplatten (Bild) haben sich bewährt.

Kostet ein Haus mit Lehm mehr oder weniger als ein konventionell gebautes? Generell lasse sich das nicht beziffern, sagt Junginger. «Wenn die Bauherrschaft alles von Fachleuten ausführen lässt, rech-net man mit rund zehn Prozent höheren Kosten.» Wenn Eigenleis-tungen erbracht werden, wird es aber günstiger.

Lehmbauer zeigen praktische und kostengünstige Wege auf, wie Lehm und Naturmaterialien im Hausbau oder bei Renovationen eingesetzt werden können. Werner Aeschlimann vom «Oeko Bau Markt» in Bern berät als versierter Lehm-bauer Kunden zwei Stunden gratis. Dabei werden alle objektspezifischen Fragen und persönlichen Wünsche besprochen. Kunden, die einen Teil oder alle Arbeiten lieber ausführen lassen, erhalten selbstver-ständlich ein Angebot. Bei der IG Lehm sind zuverlässige Handwerker und Architekten vereinigt.

Wichtig ist ein individuelles Vorgehen. Ein Massivneubau hat genug Speicher-masse. Lehmgrundputz und Lehmfarbputz tragen zu einem ausgezeichneten Raumklima bei. Im Holzrahmenbau wird Speichermasse benötigt. Für Böden gibt es die Lehmbodenschüttung oder Lehmsteine, für die Wände die Lehm-platten. Pro Zimmer wird immer eine Wand mit dieser schweren Lehmplatte verkleidet, idealerweise mit einem Wandheizsystem kombiniert. Die Lehmplat-ten oder Fermacellplatten werden mit Lehmputzen versehen.

12 gute Gründe, mit Lehm zu bauen
• Bauen mit Lehm und Wohnen in Lehmhäusern ist gesund.
• Lehm reguliert die Luftfeuchtigkeit, schafft ein gutes Raumklima, ist hautfreundlich und bindet schlechte Gerüche wie etwa Zigarettenrauch.
• Als bewährtes Baumaterial überdauert er bei fachgerechter Verarbeitung Jahrhunderte.
• Lehm ist vollständig wieder verwertbar. Lehm aus alten Häusern wird eingesumpft und beim Bauen erneut verwendet.
• Er schützt durch die geringe Gleichgewichtsfeuchte Holzkonstruktionen. Ein chemischer Holzschutz ist unnötig!
• Die Gewinnung und Verarbeitung des natürlichen Baustoffes erfolgt mit geringem Aufwand an Fremdenergie und Technik.
• Lehm lässt sich leicht reparieren und eignet sich gut für das Verlegen von Leitungen.
• Er weist mit entsprechenden Zuschlagsstoffen gute Wärmedämmwerte für Wände, Decken und Dächer auf.
• Lehmbaustoffe haben besonders gute Schallschutzeigenschaften.
• Lehm ist ein bewährtes, gesundes Material für Innenputze, auch bei Renovationen.
• Das Naturmaterial lädt zur kreativen Gestaltung und künstlerischen Betätigung ein – gegen Langeweile und Normierung am Bau.
• Lehm ist ein kostengünstiger Baustoff, der sich zur handwerklichen Verarbeitung gut eignet. Mit keinem anderen Material kann man ähnlich einfach bauen. Deshalb ist Lehm prädestiniert für Selbstbauprojekte.

Nicht eintönig

Attraktiv und ursprünglich sind Stampflehmwände. Sie lassen sich gut mit einer Holz- oder Holzschnitzelheizung kombinieren, da sie eine gute Speichermasse für Wärme bieten. Immer mehr in den Vordergrund rücken Wandheizungen, die in Lehmbauplatten verlegt und dann verputzt werden. Eine Wandheizung liefert Strahlungswärme wie die Sonne und erwärmt die Luft weniger, was gesundheit-lich von Vorteil ist. Doch der Universalbaustoff Lehm kennt Grenzen. Deshalb gilt es auch abzuwägen: Wo arbeite ich statt mit Lehm lieber mit Muschelkalk, Sumpfkalk, Kasein- oder Ölfarben, wo ist Silikat der Anstrich der Wahl?

Der Oeko Bau Markt in Bern bietet seinen Kunden Tageskurse an, die direkt am Bauobjekt durchgeführt werden. Das Geld dafür ist gut investiert. Hier werden letzte Details der Baustoffwahl besprochen. Was wird in Eigenregie unter fachlicher Beratung selbst realisiert, welche Vorbereitungsarbeiten sind nötig, welche Hilfe im Freundes- und Verwandtenkreis kann mobilisiert werden und wie sieht das ökologische Gesamtkonzept aus?

Einem Lehmbauer bereitet es Freude, die reinen Farben der Natur ins Haus zu bringen, die keine künstlichen Pigmente oder Zuschlagstoffe enthalten, sondern nur aus verschiedenfarbigen Sand-kristallen und Lehm bestehen und eine unvergleichliche Harmonie ausstrahlen. Die Naturfarben beeinflussen Stimmungen, sie regen an, stimmen heiter oder beruhigen. Die Farbgebung wird nur durch den Lehm und die farbigen Sande gegeben. So verputzte Wände üben durch die kristallinen Strukturen eine Prismawirkung aus, da das Licht reflektieren kann. Das angebotene Farbenspektrum reicht von weiss über grün, beige, gelb, orange, rot, grau bis schwarz. Selbstverständlich kann mit mineralischen Pulverpigmen-ten und weissem Lehmputz jeder beliebige natürliche Farbton hergestellt werden.

Lehm ist nicht nur ein bewährter Baustoff, der sich in Naturkreisläufe einfügt. In seinen unterschiedlichen Anwendungen macht er Wohnen auch wieder zu einem sinnlichen Vergnügen. Unsere Zukunft kann nicht in Bauweisen liegen, die umweltbelastend sind, Handwerker überflüssig und Menschen krank machen.

Bilder: Arwed Junginger, Markus Zuber

Literatur
• Kurt Schönburg: «Lehmbauarbeiten», 
Beuth Verlag 2008, Fr. 80.90
• Gernot Minke: «Das neue Lehmbau-Handbuch – Baustoffkunde, Konstruktionen, Lehmarchitektur»,
Oekobuch Verlag 2004, Fr. 59.90
• Richard Niemeyer: «Der Lehmbau und seine praktischen Anwendungen», 
Oekobuch Verlag 1982, Fr. 19.50

Links
www.iglehm.ch
www.baubio.ch
www.gibbeco.org
www.dachverband-lehm.de
www.baubiologie.de

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