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Wundertüte

Kategorie: Garten
 Ausgabe 02 - 2012 - 01.02.2012

Text:  Vera Sohmer

Rasen, Rhododendren, Rosen: das wirkt akkurat und dekorativ. Für wucherndes Leben sorgen solche Arrangements aber kaum. Wie Sie Naturvielfalt in den Garten bringen.

Für Natur bleibt immer weniger Platz: In der Schweiz wird alle zwei Stunden die Fläche eines Fussballfeldes überbaut. Und selbst in Gärten haben einheimische Pflanzen- und Tierarten kaum noch eine Chance, weil auf englischem Rasen und zwischen Buchsbaum und Rosen nicht so gut leben ist. Dabei wäre es einfach, den Tieren und Pflanzen neue Lebensräume zu schaffen und damit für mehr Naturvielfalt zu sorgen. Kleintiere, Insekten, Reptilien – sie alle brauchen Strukturen, um sich wohlzufühlen. Damit sind zum Beispiel Ast- oder Steinhaufen gemeint. Diese übernehmen lebenswichtige Funktionen, sind Zufluchtsort, Brutstätte, Ruhezone für Fortpflanzung und Winterschlaf und erleichtern die Nahrungssuche.

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Auch eine gezielte Auswahl von Pflanzen, das Schaffen von Brachflächen und das Anlegen eines Teiches bieten vielen Tierarten gute Bedingungen. Auf einer Wiese mit Brennnesel oder Wiesenschaumkraut finden Schmetterlinge Futter. Früh blühende Pflanzen wie Weiden oder Lerchensporn schaffen ideale Voraussetzungen für Wildbienen. Ein Weiher kann Wasserläufern oder Bergmolchen einen optimalen Lebensraum bieten. Ein derartig naturnah gestalteter Garten sei ein Gewinn für Mensch und Umwelt, heisst es beim WWF Schweiz. Mit Kindern am Gartenteich zu beobachten, wie Libellen aus ihren Larven schlüpfen, das sei «Naturkino pur».

Wildpflanzen, Steinhaufen, Nisthilfen: Tipps fürs Gartenbiotop
Die Pflanzen des Naturgartens sollten laut Pro Natura zum Standort passen, sprich zum Klima, zur Besonnung und zum Boden. Auf kalkhaltigem Boden sollte man beispielsweise auf Moorpflanzen verzichten. Auch sich schnell ausbreitende exotische Pfl anzen wie die Kanadische Goldrute oder der Staudenknöterich haben im Naturgarten nichts verloren. Und selbstverständlich sollte man keine geschützten Pflanzen ausgraben, um sie in den eigenen Garten umzusiedeln.
• Am Anfang die Pflanzen nicht zu dicht setzen, sonst machen sie sich gegenseitig Konkurrenz.
• Einige einheimische Wildpflanzen wie die Königskerze oder der Steinklee sind nach Angaben des WWF Schweiz wahre Hungerkünstler. Sie gedeihen auf Sand, Kies und Schotter. Sonnige Plätze sind dafür ideal. Dabei dürfen es kleine Flächen von wenigen Quadratmetern sein.
• Für Ast- und Steinhaufen eignen sich besonnte, windgeschützte und möglichst ungestörte Orte.
• Wer einen Garten gestaltet, möchte es meistens ordentlich haben. Der WWF Schweiz rät: Im Naturgarten bloss nicht alles wegräumen. In sogenanntem Totholz – abgestorbenes Holz von morschen Bäumen, Ästen und Reisig – leben Insekten, Vögel, Flechten, Pilze und Moose. Man kann Steine, Äste und Balken nutzen, die im Garten schon vorhanden sind. Auch morsche Zaunpfähle oder tote Bäume kann man stehen lassen, wenn sie niemanden gefährden.
• Ob Saat- oder Pflanzgut, Holz oder Steine – verwenden Sie typisches Material aus der Region.
• Natürliche Nistangebote, beispielsweise in Baumhöhlen, brauchen lange, bis sie von selbst entstehen. Vorgefertigte Nisthilfen wie Schwalbennester oder Wildbienenhotels können sinnvoll sein. Sie gehören nach Angaben von Pro Natura nicht zwingend zur Ausstattung eines Naturgartens. Das Treiben zu beobachten, ist aber ein Erlebnis.
• Ein Gartenteich zu bauen, ist aufwendig und muss sorgfältig geplant werden. Ziehen Sie gegebenenfalls eine Fachperson bei.
• Je nach Kanton und Gemeinde und je nach Grösse des Teiches brauchen Sie eine Baubewilligung. Erkundigen Sie sich auf der Gemeindeverwaltung.
• Für Kleinkinder kann ein Teich eine Gefahr sein. Eventuell muss er mit einem Zaun gesichert werden.
• Informieren Sie ihre Nachbarn über die Pläne. Quakende Frösche sind oft Anlass für Streitereien.
• Verzichten Sie darauf, Fische oder Amphibien auszusetzen. Die Natur wird den Teich automatisch besiedeln.
• Auch Balkons oder Terrassen lassen sich zur Naturzone umfunktionieren.
Stellen Sie Kisten mit Wildpfl anzen und Wildsträuchern auf. Das sieht schön aus und duftet angenehm. Oder hängen Sie eine Nisthilfe für Wildbienen auf.
• Balkon-Feuchtbiotope sind nur bedingt zu empfehlen: In kleinen, ruhigen, flachen und sich schnell erwärmenden Gewässern fühlen sich Stechmückenlarven besonders wohl. Die Mücken können den Sommer auf dem Balkon dann gründlich vermiesen.

Wer kommt, wer bleibt?

Welche Lebewesen sich tatsächlich einfinden, lasse sich allerdings schwer voraussagen und hänge auch davon ab, in welcher Umgebung sich der Garten befinde, erklärt Urs Tester, Abteilungsleiter Biotope und Arten bei Pro Natura. Ein Naturgarten sollte daher nicht zum Zweck angelegt werden, bestimmte Tier- und Pflanzenarten halten zu wollen. Es handle sich schliesslich weder um einen Zoo noch um einen botanischen Garten. «Die Natur entwickelt sich oft nicht so, wie wir uns das vorstellen», sagt Tester weiter. Sich für ein Gartenbiotop zu entscheiden, erfordere den Mut, sich auf Neues und Unvorhergesehenes einzulassen. Und Geduld sei gefragt, im Naturgarten brauche alles seine Zeit.

Wer nicht weiss, wie er es genau anpacken soll, kann sich von Naturgarten-Büchern und speziellen Ratgebern inspirieren lassen und danach die Wildpflanzen oder Samenmischungen selbst auswählen beziehungsweise nach den Bauanleitungen vorgehen. Bei wenig Gartenerfahrung fragt man am besten eine Fachperson. Urs Tester rät, bei der Umsetzung aber selbst mitzuhelfen, «damit es der eigene Garten wird».

Buchtipps
Simone Kern: «Der neue Naturgarten», Kosmos, 2011, Fr. 35.90
Werner Lantermann, Yvonne Lantermann: «Vögel im Naturgarten», Cadmos, 2008, Fr. 17.90

Fotos: fotolia.com, Hans Reinhard, Okapia

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