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Neue Träume braucht das Land

Kategorie: Natur
 Ausgabe 02 - 2012 - 01.02.2012

Text:  Lioba Schneemann

Die heutige Siedlungspolitik ist in einer Sackgasse: Wir zerstören in einem atemberaubenden Tempo Natur, Landschaft und Kultur.

In weiten Teilen des Landes, vor allem aber im Mittelland, werden Land und Natur durch Gebäude aller Art, wie Einfamilienhäuser, Terrassensiedlungen und grossen Gebäuden von Firmen und Logistikunternehmen zerschnitten und zerstört – und irgendwo dazwischen verwirklicht sich ein Star-Architekt mit einem Shopping-Center auf der grünen Wiese. Erschlossen durch das Auto entsteht nahezu lückenlos eine «Pseudo-Urbanität», in welcher die Menschen Erlebnisse und Begegnungen suchen.

Abschied von der Schweiz

Dass hier nicht schwarzgemalt wird, zeigen die Zahlen: Pro Sekunde verbauen Schweizerinnen und Schweizer fast einen Quadratmeter Grünland, das ergibt täglich rund 85 000 Quadratmeter, was wiederum der Fläche von etwa zehn Fussballfeldern entspricht. Strassen zerschneiden die Landschaft mehr und mehr, bereits über 30 Prozent der Siedlungsflächen sind heute Verkehrsflächen. Und weil viele Bauzonen aus Sicht einer immer anspruchsvoller werdenden Klientel am falschen Ort liegen, werden immer neue Flächen eingezont, obwohl das nicht unbedingt nötig wäre.

Diese Entwicklung, die sich gerade in den letzten Jahren vor allem aufgrund historisch tiefer Hypothekarzinsen, niedriger Eigenwertbesteuerung sowie Flucht aus Finanzprodukten in sichere Immobilienanlagen verschärft hat, ist so fatal, weil sie so unwiederbringlich scheint. Denn wir zerstören in einem nie da gewesenen Tempo langsam gewachsene Strukturen, nicht zuletzt zerstören wir Landschaft für Tiere und Pflanzen, auf die auch der Mensch angewiesen ist.

«Meine Vision 2050»
Wie sieht die Schweiz der Zukunft aus? Mit dieser Frage beschäftigt sich Paul Dominik Hasler von Berufs wegen. Der Ingenieur leitet in Burgdorf das «Büro für Utopien», das alternative Siedlungs- und Verkehrskonzepte entwickelt. Für «natürlich» skizziert Hasler sein Wunschbild.
1. Die heutige Zersiedelung ist ein Trotz gegen Lärm und Enge und damit selber wieder Ursache derselben. Das Wohnen sollte ein gemeinschaftliches Abenteuer werden. Es muss Spass machen, dicht zu wohnen, mit allen Privilegien der Privatheit und des Luxus, den es auch braucht.
2. Die heutige Form des Verkehrs raubt uns zu viel Platz, zu viel Lebensqualität und zu viel Bezug untereinander. Wir müssen uns ein Verkehrssystem ohne Tote, ohne Verletzte, ohne Lärm und Emissionen vorstellen, das uns verbindet statt trennt.
3. Wir brauchen wieder mehr Sinn, warum wir gemeinsam diese Schweiz bilden. Das Konzept der Schweiz als Dienstleistungsbetrieb und Reduit für Wohlhabende reicht nicht mehr. Es braucht eine neue Lust, gemeinsam einen Staat zu formen. Das muss über mehr Verantwortung und mehr Beteiligung an gemeinsamen Aufgaben erfolgen.
4. Die Rolle des Privatbesitzes muss überdacht werden. Zwar braucht es Besitz und Privatsphäre, doch ebenso Verantwortung und Beteiligung am Gemeinsamen. Wir haben die Schweiz weitgehend verkauft und bereuen das heute. Wir müssen wieder mehr am Gemeineigentum arbeiten, das uns Platz verschafft.» Infos unter www.utopien.com

Zurück in die Stadt

Irmi Seidl, Ökonomin an der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), ist überzeugt, dass sich bis 2050 unsere Lebensweise und Siedlungsstruktur aufgrund der Ressourcenknappheit wird verändern müssen. Die Abhängigkeit von erneuerbaren Energieträgern und die damit einhergehende Erhöhung der Energiepreise werden sich stark auf den Gebäudebestand auswirken. «Ein grosser Teil wird energetisch saniert werden müssen, und weniger Menschen können sich künftig überdimensionierte Wohnflächen leisten.» Der Verkehr würde ebenfalls teurer und damit auch das Leben im Einfamilienhaus ausserhalb der Stadt wieder unattraktiv. Die demographische Entwicklung schaffe zusätzliche Probleme. Seidl: «Eine älter werdende Bevölkerung in Einfamilienhäusern in zersiedelten Gebieten ist sozialpolitisch anspruchsvoll, unsinnig und teuer.»

Geld kommt vor Schutz

Das Bauen ist zum Selbstzweck geworden und die Landschaft zum Spielball unterschiedlicher Interessen, allen voran der Bauindustrie. Verfügbarkeit und ökonomische Faktoren sind zwar oberstes Gebot, allerdings wird kaum korrekt gerechnet, denn die wahren Kosten der bisherigen Raum- und Siedlungsplanung, des Verkehrs und des Energieverbrauchs  flossen bislang nirgends ein. «Die Zersiedelung wird massiv subventioniert», sagt Christian Schmid, Professor für Soziologie an der ETH Zürich. Eine Strasse oder Buslinie kostet in einem dünn besiedelten Gebiet wesentlich mehr als in der Stadt. Würden die Kosten der Zersiedelung auf die Verursacher und Nutzniesser umgelegt, bestünde endlich Klarheit über die wahren Kosten, sagt er.

Gefragt ist nicht nur die Kostenwahrheit, sondern auch das strikte Einhalten bestehender Gesetze. Gemeinden, Kantone und Bund setzen das Raumplanungsgesetz nicht voll um. So wird zum Beispiel die Vorgabe, haushälterisch mit dem Boden umzugehen, kaum eingehalten. Bedenklich ist auch die ständige Aufweichung der Bedingungen für das Bauen ausserhalb der Bauzonen. Jan Gürke von Pro Natura erklärt warum: «Ein vermeintlich bewährtes Mittel zum Füllen der Gemeindekasse ist die Ansiedlung neuer Steuerzahler, die dann in Einfamilienhaussiedlungen am Rand der Orte in der ehemaligen Landwirtschaftszone wohnen.» Ob diese Rechnung aber wirklich aufgeht, werde kaum hinterfragt. Die Folgekosten etwa für den Bau und den Unterhalt neuer Strassen oder für grössere Schulen und eine angepasste Altenbetreuung würden die zusätzlichen Steuereinnahmen oft gleich wieder auffressen. Bestenfalls ergebe sich ein Nullsummenspiel für die Gemeinden.

Eigenheiten erhalten

Beim künftigen Umgang mit Landschaft und Kulturraum steht die Schweiz vor einer Mammutaufgabe, die alle betrifft. Und es geht um noch viel mehr, nämlich um den Erhalt von Kultur und Vielfalt. «Die Gleichmacherei und die Wahl von kulturell und kontextuell unreflektierten Formen beim Bauen zerstören die regionalen Eigenheiten. Diese aber geben den Menschen Identität, schaffen Zugehörigkeit und Überschaubarkeit», erklärt der Bündner Architekt Gion A. Caminada. Er ist überzeugt davon, dass der Mensch erst aus dem Überschaubaren heraus fähig und motiviert ist, Verantwortung für den eigenen Ort und damit auch für seine Umwelt zu übernehmen. Unsere heutige Praxis habe sich eine Zeit lang bewährt, sie sei aber zur scheinbar zwanghaften Realität geworden mit zerstörerischen Effekten.

Foto: swiss-image.ch/tgt

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