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Garten als Fitnesscenter

Kategorie: Garten
 Ausgabe 02 - 2012 - 01.02.2012

Text:  Remo Vetter

Während der letzten dreissig Jahre konnte sich Remo Vetter nicht nur von den Vorzügen des Gartens als Fitnesscenter überzeugen, er lernte auch, die Natur als Lehrerin anzunehmen.

Da wir im voralpinen Raum leben, liegt der Schnee oft von November bis Mai. Man kann somit nicht sagen, dass wir an bevorzugter Lage gärtnern. Ganz im Gegenteil: Das meiste, was in unserem Garten gedeiht, dürfte in diesem Klima gar nicht wachsen. Der Boden ist lehmig, schwer und basisch.

Arbeiten im Februar
● Saatgut überprüfen: Meistens sind vom Vorjahr noch einige Samenresten vorhanden. Je nach Gemüseart bleibt die Keimfähigkeit der Samen unterschiedlich lange erhalten. Eine kühle und trockene Lagerung erhält die Keimfähigkeit besser. Wenn wir ganz sicher sein wollen, dann machen wir eine Keimprobe. Eine Anzahl Samen wird auf feuchtem Löschpapier bei Zimmertemperatur zum Keimen gebracht. Wenn nicht mindestens 50 Prozent der Samen keimen, lohnt es sich aus unserer Sicht nicht, den Samen zu nutzen, sondern wir kaufen neues Saatgut bei einem biologischen Anbieter.
● Samen bestellen
● Keimprobe bei älterem Saatgut machen (siehe oben)
● Gartengeräte überprüfen, ergänzen
● Frühbeet packen
● Erste Saaten ins Treibhaus, Treibbeet

Langsam und wuchtig

Als wir die vor dreissig Jahren aus dem Süden mitgebrachten Bäume, Sträucher, Beeren und Kräuter in unseren Garten pflanzten, waren wir erstaunt, wie langsam diese gediehen. Da war praktisch über Wochen kein Wachstum auszumachen. Ganz im Gegensatz zum vorher bewirtschafteten Garten im milden Klima der Südschweiz, wo die Pflanzen förmlich aufschossen. Doch nachdem sich die importierten Mitbringsel an das alpine Klima gewöhnt hatten, waren wir erstaunt über die Wucht und horizontale Ausbreitung unserer Pflanzen.

Die Mäuse liebten unseren Garten von Anfang an heiss. Von unten knabberten sie die Wurzeln unserer Delikatessen an, sie frassen Artischocken, Auberginen, Peperoni und Tomaten, während sich die Schnecken von unseren Salaten, Gurken und Radieschen ernährten. Zu allem Übel schwemmte es uns den Gemüsegarten nach starken Regenfällen immer wieder talwärts. Gegen Süden hat das Terrain 24 Prozent Gefälle. Das ist zwar gut für die Sonneneinstrahlung, doch Schnee- und Hangdruck zeigten uns den Meister und liessen die Beete zuverlässig rutschen. Als verantwortungsbewusster Gärtner glaubte ich zu wissen, was richtig ist, und legte meine Beete in Ost-West-Ausrichtung an. So nach dem Motto: «Ich bestimme, wie das hier läuft.» Stoisch baute ich meine Beete jedes Frühjahr neu auf, bis ich lernte, die Natur als Lehrerin anzunehmen und die Beete in Hangrichtung anzulegen, in Fliessrichtung des Regenwassers.

Unser Gemüse- und Heilpflanzengarten hat eine Fläche von rund tausend Quadratmetern. Über hundert verschiedene Kräuter wachsen hier, dazu Gurken, Tomaten, Auberginen, Artischocken, Kirschen, Feigen und weitere Pflanzen, die eigentlich auf dieser Höhe nicht gedeihen. Sie tun es trotzdem. Dank ausgeklügeltem Mikroklima, das wir seit Jahren pflegen, dank einer besonderen Anbaumethode und einigen Tricks.

Garten-Planung
In den Wintermonaten haben wir genügend Zeit, um einen Anbauplan für das kommende Gartenjahr zu machen. Die Anbaufläche wird mit Vorteil auf ein Papier aufgezeichnet und die Beete mit den geplanten Kulturen eingetragen. Es ist besonders darauf zu achten, dass wir stark zehrenden Pflanzen wie Kohlgewächsen genügend Raum zwischen und in den Reihen geben. Auch wenn wir Mischkulturen machen, sollten wir bei den Hauptkulturen einen mindestens dreijährigen Fruchtwechsel einhalten. Mit dem Fruchtwechsel verhindern wir, dass der Boden einseitig ausgenutzt und Krankheiten übertragen werden (siehe «natürlich» 01-12).  Je nach dem angestrebten Grad der Selbstversorgung an Gemüse ergibt sich ein bestimmter Flächenbedarf. Wir müssen uns auch zeitig Gedanken machen, ob wir bereit sind, überschüssige Ernten zu konservieren oder diese vielleicht an Freunde und Bekannte verteilen können.

Gut für Geist und Bauchmuskeln

Unser riesiger Garten gebe sicher sehr viel Arbeit, hören wir oft von Gästen. Wir stellen dazu meist eine Gegenfrage: «Wie viel Zeit investieren Sie wöchentlich in Ihren Einkauf?» «Zehn Stunden», meinte kürzlich eine Besucherin. Dazu kommt, dass sie sich ins Auto setzen, zum Supermarkt fahren, einen Parkplatz finden und sich an der Kasse anstellen muss. 

Die meisten Menschen reagieren auf Umstände und Vorkommnisse. Das heisst, sie werden gelenkt und sind nicht Entscheidungsfinder. Es geht hier um die Diskrepanz zwischen reagieren und einer proaktiven Haltung, bei der ich entscheide und die Dinge nicht für mich entschieden werden. Es entspricht unserer Philosophie und Arbeitsweise, dass wir proaktiv tätig sind. Unser Fitnesscenter ist der Garten. 

Frühmorgens kratzen wir die Beete mit der Pendelhacke oberflächlich durch. Das ist gut für das Gehirn, denn wir verrichten eine leichte Tätigkeit, bei der unser Geist erwacht und sich auf den Tag einstimmt. Es ist ausserdem gut für die Bauchmuskulatur, womit wir auf das Fitnesscenter verzichten können, und zu guter Letzt ist die ganze Sache natürlich gut für den Boden. Eine der wichtigsten Arbeiten ist es, den Boden zu lüften, die Kapillaren zu öffnen und der Erde Sauerstoff zuzuführen. Das Fantastische daran ist, dass der riesige Garten dank der proaktiven Arbeitsweise mit wenig Aufwand und Kraftanstrengung in kurzer Zeit durchgekratzt ist. Wichtig ist, dass wir diese Arbeit praktisch täglich und insbesondere nach Regenfällen tätigen, da dann die Unkrautsamen keimen. Wir stören also das aufkeimende Unkraut und belüften gleichzeitig die obere Bodenschicht. Warten wir zu, wird der Arbeitsaufwand für das Jäten um ein Vielfaches grösser und der Garten zwingt uns zur Reaktion.

Der Autor
Remo Vetter wurde 1956 in Basel geboren. 1982 stellte ihn der Heilpflanzenpionier Alfred Vogel ein. Seither ist Vetter im Gesundheitszentrum in Teufen (AR) tätig, wo er mithilfe seiner Familie den Schaukräutergarten von A. Vogel hegt.

Fotos: fotolia.com/zvg

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