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Pilger für einen Tag

Kategorie: Natur
 Ausgabe 02 - 2012 - 01.02.2012

Text:  Charles A.Rüttimann

Auf dem Jakobsweg bei Einsiedeln findet man Kraftorte, eine liebliche Landschaft und die Möglichkeit, mit dem Schlitten ins Tal zu sausen.

Das Dorf Einsiedeln erscheint von den Hügeln des Sihlsees aus kaum grösser als die mächtige Klosteranlage. Die Benediktinerabtei entwickelte sich nach ihrer Gründung im Jahr 934 rasch zu einer bedeutenden Etappe auf dem Jakobsweg. Dank der Marienwallfahrt und der Stellung auf dem Jakobsweg erlangte Einsiedeln im 14. Jahrhundert eine europäische Bedeutung. Der stetig anwachsende Pilgerstrom war im Jahr 1703 Grund für den Neubau von Kirche und Kloster. Vor letzterem steht auf dem grosszügigen Platz der Quellwasserbrunnen, dessen keimfreies Wasser Heilkräfte besitzt.

Förderin der guten Kräfte

Innerhalb der grossräumigen Barockkirche befindet sich eine Art Kapelle. In diesem sogenannten Oktogon ist das berühmte Gnadenbild der Maria. Die Muttergottes ist als schwarzhäutige Madonna dargestellt. In Freiburg, in Ascona, in Deutschland und Frankreich, ja quer durch Europa, gibt es solch geheimnisvolle schwarze Madonnen. Woher die schwarze Hautfarbe kommt, bleibt ein Rätsel und war schon Bestandteil mancher Theorie. Kerzenrauch wurde in Betracht gezogen. Es wurde auch behauptet, die damaligen Künstler hätten kein helleres Holz zur Verfügung gehabt. Gemäss einer Legende aus dem 6. Jahrhundert malte der Evangelist Lukas das erste Madonnenbild auf einer dunklen Tischplatte. So soll das Bild der Schwarzen Madonna entstanden sein. 

Die heilige Maria wurde immer wieder als Vermittlerin zwischen Gott und den
Menschen angebetet, aber auch als Förderin der guten Kräfte in Verbindung mit dem Mond. Es ist anzunehmen, dass auch in der Innerschweiz wie andernorts alte Kulte, Bräuche und Orte neben dem Christentum weitergepflegt und erst allmählich von der Kirche assimiliert wurden. Es kursiert auch die Hypothese, dass die Schwarzen Madonnen eine getarnte Überlieferung der alten Mond- und Erdkulte darstellen sollen. Doch reicht das Alter der verehrten Statuen nicht derart weit in die Zeit zurück.

Doch all diese Fragen werden angesichts der Ausstrahlung des heiligen Bildes in Einsiedeln unbedeutend. Die Ausstrahlung ist derart stark, dass sie jeden Zweifel über dessen Kraft und Bedeutung wegräumt. Die verstorbene Schweizer Kraftortforscherin und Ingenieurin Blanche Merz hatte dort die höchsten Pendelwerte von 30 000 Bovis gemessen. Gemäss der Bovis-Skala gelten Orte mit mehr als 15 000 Bovis als Kraftorte. 

Nach dem Besuch des Klosters geht es in Richtung Etzel. Der Weg führt am Sihlsee vorbei. Seine sanften Konturen gliedern sich gut in die hügelige Landschaft, die sich im Schatten des Hoch-Ybrig-Massivs und der fernen Mythen ausbreitet. Am Sihlsee wurde verschiedentlich von engelhaften Erscheinungen berichtet. Unter dem Lauiberg am Sihlsee gibt es ein dreifaches Echo. Die Legende erzählt von einem Burschen, der in einer kalten Nacht am Ufer stand. Zuerst etwas schüchtern begann er zu rufen: «Echo! zeige dich!», dann nochmals und ein drittes Mal etwas übermütiger. Da kam die Antwort des Echos mit einer unnatürlichen Stärke und Deutlichkeit zurück, dass es dem Burschen eiskalt über den Rücken lief. Gleichzeitig gewahrte er am Hang auf der anderen Seeseite ein weisses Nebelchen, das langsam über die Wasseroberfläche schwebte. Nach und nach kam es näher, und schliesslich konnte er ein weiss gekleidetes, bleiches Mädchen erblicken. Es lächelte ihm zu, und sein goldenes, langes Haar leuchtete geheimnisvoll im Mondlicht.

Europäischer Kulturweg

Beim Galgenchappeli treffen wir auf den Jakobsweg. Jetzt geht es auf einen der bekanntesten Abschnitte des rituellen Wegs, der über mehrere Äste die Pilger von Nordeuropa ins spanische Santiago de Compostela zusammenführt. Insgesamt werden nicht weniger als 14 000 Kilometer Weg zu diesem Netz gezählt. 1987 erklärte der Europarat den Jakobsweg als ersten europäischen Kulturweg. Wichtig bei allen Arten und Formen des Pilgerns ist die Einstellung. Die Rückbesinnung auf den eigenen Lebensweg und die Auseinandersetzung mit dem Sein sind charakteristische Elemente dieser Lebenskunst. Interessanterweise geht das religiöse Pilgern auch von der Annahme aus, dass bestimmte Orte eine grössere Kraft besitzen und einen unmittelbareren Bezug zum Heiligen verleihen. Viele Kirchen, Klöster und Kapellen stehen bekanntlich auf älteren Ritualplätzen und Orten der Kraft. So auch die Kirche St. Peter und Paul, die sich auf der nahen Insel Ufenau im Zürichsee an der Stelle eines galloromanischen Tempels befindet. Die kleine Insel sieht man übrigens gut vom Etzel aus.

Geburtshaus von Paracelsus

Um zur Sihl zu gelangen, müssen wir kurz durch eine Weide hinab wandern. Die Lieblichkeit der durch Fichtensäume kleinräumig gegliederten Landschaft lässt eine gewisse Stimmung aufleuchten, die Orte der Kraft auszeichnet. Seit über tausend Jahren schreiten Pilger über diesen Weg, sühnend und betend um körperliches und seelisches Heil. Die Tüfelsbrugg ist ein wunderschöner Sandsteinbau aus dem 17. Jahrhundert. An einem Deckenpfeiler stehen alte Pilgerinschriften und natürlich ist auch die Jakobsmuschel hier eingeritzt. Zwischen Tüfelsbrugg und St. Meinrad laufen wir am Ort vorbei, wo einst das Geburtshaus des berühmtesten Heilers in Europa stand: Paracelsus.

Raben stellten Mörder

Weiter geht es nach St. Meinrad. Der Name bezieht sich auf den Sohn des Grafen Berchtold von Hohenzollern. Zuerst Mönch in Reichenau, erbaute er im 9. Jahrhundert eine Kapelle am Etzel; später eine Klause, in welcher er als Einsiedler von der Arbeit seiner Hände und von Almosen lebte. Zwei Raben, die er regelmässig fütterte, leisteten ihm treue Gesellschaft. Nach vielen Jahren wurde er von Räubern ermordet. Die Raben flogen den beiden Mördern bis Zürich nach. Die krächzende Begleitung machte die beiden verdächtig; sie wurden gestellt, gaben die Untat zu und wurden vom Reichsvogt zum Rade verurteilt. Der Leichnam von Meinrad wurde nach Reichenau geführt und am Ort seiner Ermordung wurde 934 das Kloster Einsiedeln gegründet. Die zwei treuen Vögel des Eremiten sind im Wappen des Klosters verewigt.

Nach St. Meinrad führt der Weg in Richtung Etzel/Schindellegi zuerst an einem malerischen Waldrand entlang. Die Ausstrahlung ist stark, insbesondere zu Beginn des kleinen Pfads durch den Wald nach Etzel und von dort weiter zum Etzel-Kulm, von wo man eine schöne Aussicht auf den Zürichsee und die Innerschweiz hat. Der Rückweg führt via St. Meinard hinab nach Egg und Hirzenstein. Hirzenstein und Roblosen sind geschützte Riedmoore. Im Winter lagern hier unter der geschlossenen Schneedecke die Samen der Trollblumen, um keimfähig zu werden müssen sie längere Zeit Temperaturen um den Gefrierpunkt haben. Daher gedeiht die Anzucht der im Volksmund Ankebälleli genannten, goldgelb blühenden Pflanze in der Ebene nicht so leicht.

Die Region von Schwyz über Einsiedeln bis St. Gallen gehört zu den niederschlagreichsten der Schweiz. Der hier oben lang anhaltende Winter und die Alpennähe erklären die Präsenz der alpinen Blumen auf dieser tiefen Lage. Einsiedeln und der Etzel bilden das Verbindungsglied zwischen den niederen Lagen um das Zürichseebecken und die Höhenwelten der Alpen. Zwei unterschiedliche Lebensräume vermählen sich zu einer freundlich ausstrahlenden Übergangszone – eben einer Marcht, wie der politische Bezirk auch genannt wird.

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Anreise/Rückreise
Von Zürich mit der S2 nach Wädenswil, weiter mit der S13 bis Einsiedeln.
Rückreise ab Einsiedeln.
• Wanderzeit
5 ¼ Stunden.
• Restaurants
Diverse Restaurants in Einsiedeln, Berggasthaus Etzel-Kulm (Mo./Di. Ruhetag), Gasthaus St. Meinard (Mi./Do. Ruhetag)
• Route
Vom Bahnhof Einsiedeln aus wandern wir bis zum Kloster, dann links diesem entlang. Nach zirka fünfhundert Meter folgen wir links dem Wegweiser Strandweg/Guggus. Nach der Unterführung wandern wir links weiter dem Wegweiser Hüendermatt nach. Wir laufen über den Seedamm in Richtung Pfäffikon-Etzel und wechseln kurz darauf links auf der kleineren Strasse in Richtung Etzel und Hirzenstein. Geradeaus kommen wir am Galgenchappeli vorbei. Jetzt geraten wir auf den Jakobsweg, dem wir bis St. Meinrad folgen. Dort verlassen wir den Jakobsweg links in Richtung Etzel. Auf der anderen Seite des Berggipfels führt der Wanderweg hinab, und wir folgen dem Wegweiser St. Meinrad. Nach dem Hof Jureten verlässt der Wanderweg rechts den Hartbelag und geht durch Wiesen und Wald bis Egg. Im Dorf wandern wir rechts über die Brücke. Kurz darauf nehmen wir den Wanderweg links vor der Kirche. Nach 50 Metern weist eine weitere Tafel auf Hirzenstein. Von jetzt an folgen wir einfach den Wegweisern «Einsiedeln».
• Variante 1
Beim Galgenchappeli nach links zum geschützten Hochmoor Schwantenau. (Zeit: ½ Stunde)
• Variante 2
Schlitteln: Statt bis zum Etzel-Kulm wählt man die Route via Hirzenstein, Tüfelsbrugg direkt nach St. Meinard (Schlitten muss teilweise getragen werden). Von St. Meinard schlittelt man nach Luegeten oberhalb Pfäffikon (Schlittenfahrt: 15 Minuten). Mit dem Bus nach Pfäffikon.
• Karten
Landeskarte 1: 50 000, 5011 Zürichsee-Zug

Fotos: swiss-image/zvg

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