Artikel Natur :: Natürlich Online Gedanken und Geräte wetzen | Natürlich

Gedanken und Geräte wetzen

Kategorie: Garten
 Ausgabe 01 - 2012 - 01.01.2012

Text:  Remo Vetter

Unser Autor Remo Vetter sinniert über das Gärtnerdasein, Schwielen an den Händen, die Sehnsucht nach echter Freude und den Lohn der Arbeit. Und schleift dabei Messer und putzt Töpfe.

Ich weiss noch genau, wann mich das Gartenfieber angesteckt hat. Kürzlich habe ich zwei Fotos entdeckt, auf denen ich als 2-jähriger Knirps mit der Handschaufel im Wald in der Erde wühlte. Mein Grossvater hat mich täglich nach der Arbeit auf Entdeckungsreise in den Wald mitgenommen, wo er einen Garten pflegte. Seine Devise lautete, so schnell wie möglich weg von der Strasse, raus in die Natur. Ich glaube, für meinen Grossvater war das Gartenfieber so ähnlich wie die berühmten Kinderkrankheiten – es macht immun gegen allerhand Widrigkeiten, die einem tagsüber in der Arbeitswelt begegnen. So ein Fleck bepflanzte Erde tröstet und heilt das Gemüt wunderbar, wenn sonst im Leben nicht alles nach Wunsch verläuft.

Doch was ist so faszinierend am Gärtnern, dass es trotz vielen Rückschlägen (Pflanzenkrankheiten), Risiken (Sturm, Hagel, Frost), rissigen, rauen Händen, Muskelkater hin und wieder, einem Hexenschuss gar, so zur Passion werden kann? Ich glaube, dass in vielen Menschen ein Verlangen nach Schönem und ein leidenschaftlicher Gestalterwille stecken, die sich in der Arbeitswelt oft nicht befriedigen lassen – im Garten hingegen schon. Ein Garten ist ein Raum zur Selbstverwirklichung, die nicht auf Kosten der Mitmenschen geht. Gärtner haben etwas nie verloren oder aber im Umgang mit den Pflanzen wiedergefunden, was den meisten Menschen am Ende ihrer Kindheit abhandenkommt: die ungetrübte, ungekünstelte, unbefangene Freude des Kindes, deren Ausdruck so ansteckend auf andere wirkt und sie für Augenblicke in das Erlebnis mit einbezieht.

Vielfalt, nicht Ertrag

Und schon kommt Vorfreude auf: auf den ersten Kartoffelsalat im nächsten Sommer, den ich aus alten Kartoffelsorten zubereite. Ich empfinde es als besonderen Reiz, alte Gemüse und Obstsorten anzupflanzen. Meist sind diese Raritäten vom Markt verschwunden, weil der Ertrag eher bescheiden ist. Vor Kurzem haben wir die letzten Ananas-Renetten verspeist, die nicht viel grösser sind als ein Pingpongball, aber wunderbar nach Ananas schmecken. Damit und mit vielen alten Raritäten hat man Gourmets fast immer auf seiner Seite. Aus unserer Sicht macht es keinen Sinn, als Kleingärtner auf tolle Erträge hin zu arbeiten. Welcher Hobbygärtner hat schon Lust, täglich kiloweise Bohnen zu pflücken oder einen zentnerschweren Kürbis zu verarbeiten? Also halten wir uns lieber an Rondini, «Butter Nut» und Co.

Arbeiten im Januar
● Gartenbuch vom Vorjahr studieren. Was war gut? Was soll verbessert werden?
● Gartenplan für die kommende Saison entwerfen.
● Samen kontrollieren und Saatgut bestellen.
● Wintergemüse und Lagerobst kontrollieren.
● Töpfe säubern, Klingen von Schneidewerkzeugen wechseln oder schärfen.
● Mischkulturen zusammenstellen.

Das Zusammenstellen von verschiedenen Gemüse und Kräuter in Mischkulturen erfordert etwas mehr Denkarbeit. Wichtig ist auch herauszufinden, welche Sorten in der Familie geschätzt werden und wie viel von jeder Sorte angebaut werden soll. Im Buchhandel gibt es verschiedene Tabellen und hilfreiche Beispiele von Mischkulturen. Wichtig ist auch immer das Miteinbeziehen von Gründüngungen als Vor- oder Nachkulturen. Wird in Mischkultur angebaut, muss der Fruchtfolge weniger Beachtung geschenkt werden. Ich pflanze die Hauptkultur (Starkzehrer) jedoch jedes Jahr auf einem anderen Beet, um Krankheiten, Schädlinge und das Auslaugen des Bodens zu verhindern.

Keine faulen Kredite

In unserem Garten lassen wir übrigens einiges Gemüse und Kräuter blühen und in die Saat gehen. Haben Sie schon einmal versucht, Salat und Grünkohl oder Rosenkohl in Saat schiessen zu lassen? Sieht wunderbar aus und die Insektenwelt dankt es Ihnen. Die Blütenstände des Fenchels veredeln jeden Blumenstrauss und ein paar junge Rhabarberstängel mit dramatischem Blatt sind zu roten Tulpen sehr originell. Blühender Dill und Spargelkraut in Sträussen sind aus unserer Sicht viel origineller als Schleierkraut und haben zudem einen kulinarischen Mehrwert.

Die letzten 10 Jahre waren geprägt von Finanz- und Wirtschaftskrisen. Mehr oder weniger ohnmächtig mussten wir Attacken auf unsere Geldanlagen in Kauf nehmen und zusehen, wie Arbeitsplätze verschwanden. Im Garten gibt es Gott sei Dank keine faulen Kredite, lediglich hin und wieder ein paar faule Früchte am Baum. Im Garten bin ich unmittelbar in der Verantwortung: Habe ich nicht genug beobachtet, habe ich die Pflanzen nicht pro aktiv und vorbeugend gepflegt, zeigt sich das Resultat bald. Die Natur ist faszinierend, denn sie gibt uns jedes Jahr die Chance von Neuem anzufangen und es vielleicht noch ein bisschen besser zu machen, als im vergangenen Jahr. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Freude und ein gutes neues Gartenjahr.

Der Autor
Remo Vetter wurde 1956 in Basel geboren. 1982 stellte ihn der Heilpflanzenpionier Alfred Vogel ein. Seither ist Vetter im Gesundheitszentrum in Teufen (AR) tätig, wo er mithilfe seiner Familie den Schaukräutergarten von A. Vogel hegt.


Fotos: fotolia.com

Tags (Stichworte):

Kategorie: Natur

Entdeckt: Neue Affenart

Forscher des Deutschen Primatenzentrums Göttingen haben im tropischen Regenwald...

Kategorie:

Kategorie: Garten

Ein Urgetreide wird global

Schafft es ein Nahrungsmittel aus der Nische im Reformhaus in den Supermarkt,...