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Einssein mit der Natur

Kategorie: Natur
 Ausgabe 01 - 2012 - 01.01.2012

Text:  David Coulin

Die sanfte Wildnis des Juras lädt im Winter nicht nur zu romantischen Spaziergängen, sondern auch zum Langlaufen und zu ausgedehnten Schneeschuhtouren ein.

Schneeschuhlaufen liegt im Trend. Denn die Schneeschuhe erschliessen unsere Berglandschaft auch den Nichtskifahrerinnen und -skifahrern, die sich abseits der gesicherten Pisten bewegen wollen. Schneeschuhlaufen bietet aber mehr als nur eine Erweiterung der sportlichen Aktivitäten: Wenn das Knirschen der Schuhe im Schnee rhythmisch einhergeht mit dem Atem, die Alltagsgespräche verstummt sind und sich eine meditative Ruhe von den Fussspitzen bis in die Regionen des Denkens und Fühlens ausbreitet, kann ein Gefühl des beglückenden Einsseins mit der Natur aufkommen, das immer mehr Menschen suchen. Nur: Wo in der Schweiz finden sich schöne Schneeschuhgebiete? Welche Routen sind erlaubt? Wo geht der Schutz des Wildes vor? In meinem neuen Buch werden diese und weitere Fragen rund um das Thema Schneeschuhwanderungen und Naturschutz beantwortet. Von den 250 Touren und Varianten im Buch werden nachfolgend zwei Routen im Waadtländer Jura vorgestellt.

Viel Gastfreundschaft

Das Gebiet Ste-Croix/Les Rasses nur als Schneeschuhparadies zu verkaufen, wäre ungerecht. Denn in erster Linie steht dieses Gebiet für ein Schneesport-Gesamterlebnis für die ganze Familie. Hier wird demonstriert, was Freundlichkeit alles heissen kann. Nehmen wir als Beispiel die Streckenposten des Loipennetzes, das sich von Les Rasses oberhalb Ste-Croix über rund 25 Kilometer bis zum Creux du Van hinzieht. Da stehen sie, helfen einem Senior in die Bindung, rufen einer daherschnaufenden Schülergruppe einige ermunternde Worte zu, erleichtern Ortsunkundigen die Orientierung. Diese Leute an den Steckenposten vermitteln dem Besucher das Gefühl: Wer hierherkommt, gehört dazu. Ein weiteres Beispiel für Gastfreundschaft und Service ist die Kassierin der Skiliftanlage von Les Rasses. Bei ihr kann man nicht nur eine Tageskarte kaufen, sondern auch eine Fünf-, eine Vieroder auch nur eine Einstundenkarte. Wer morgens um elf mit Kind und Kegel hier ankommt, fühlt sich verstanden – auch ohne grosse Französischkenntnisse. Vergessen ist, dass die Auswahl der Skilifte nicht konkurrieren kann mit den grossen Destinationen, vergessen auch, dass an schönen Tagen oft der Nebel an den Jurahöhen emporkriecht. Denn spätestens beim Bergrestaurant von Les Avattes schweifen die Blicke über den endlosen Nebelteppich bis hinüber zu den Berner und Waadtländer Hochalpen. Oder sie bleiben hängen am Chasseral mit dem Gipfelhotel, das im Winter nur zu Fuss erreichbar ist. 

Auf dem Weg zu bleiben, ist Ehrensache

Der Kennerblick realisiert sofort: Das ist alles wunderschönes, unberührtes Schneeschuhgelände. So beispielsweise auf der anderen Seite von Ste-Croix, wo man auf einer Waldstrasse bequem zum Mont de Baulmes hinaufgelangt. Das Bergrestaurant ist zwar geschlossen, doch das Panorama vom nahen Aussichtspunkt ist fantastisch. Plötzlich zeigt sich da der Jura von seiner rauen Seite, denn senkrecht stürzt die Nagelfluhwand ab in den steilen Wald, der erst weit unten von der Ebene zwischen dem Neuenburger- und dem Genfersee aufgefangen wird. Mit den Schneeschuhen auf den bestehenden, überschneiten Fahrstrassen oder Wanderwegen zu bleiben, ist hier Ehrensache. Denn es gibt hier keine offiziell markierten Schutzgebiete, obwohl sich das Gelände fast durchwegs in der sensiblen Waldrandzone bewegt. Hier wird nicht verboten oder eingegrenzt, sondern vertraut – eben wie in einer grossen Familie. Und die Schneeschuhspuren zeigen – das Vertrauen wird kaum missbraucht. Vielleicht ist es die Geschichte des Ortes Ste-Croix, welche die Leute hat zusammenrücken und einen Familiensinn entwickeln lassen. Wer kennt sie nicht, die alten Hermes-Schreibmaschinen. Sie wurden ebenso in Ste-Croix hergestellt wie Plattenspieler und Diaprojektoren. Bis heute überlebt hat einzig ein Produzent von Musikautomaten – der Rest ist in eindrücklichen Museen für die Nachwelt konservierte Vergangenheit. Überlebt hat auch das Grand Hotel bei Les Rasses, das noch heute einen Hauch von Noblesse verströmt. Eine Noblesse, die sich die ganze Region trotz schwieriger Umstände dank viel Menschlichkeit bewahrt hat und die sie auch gegenüber ihren Gästen zeigt.

Das Buch «Das grosse Schneeschuh Tourenbuch
 der Schweiz» ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.

Zwei unterschiedliche Schneeschuh-Touren in Ste-Croix
 Anreise / Rückreise
Mit der Bahn via Yverdon-les-Bain nach Ste-Croix und zurück
• Unterkunft / Restaurants
Hotel du Chasseron, Le Chasseron, Tel. 024 454 23 88, www.chasseron.ch
Café-Restaurant des Cluds, Tel. 024 454 25 94, www.restaurantlescluds.ch
Restaurant Chalet la Gittaz, unterhalb Mont des Cerfs, Tel. 024 454 38 38, www.lagittaz.com
• Karten
Landeskarte 1: 25 000, 1182 Ste-Croix, 1183 Grandson
Landeskarte 1: 50 000, 241T Val de Travers
• Weitere Informationen
www.sainte-croix-les-rasses-tourisme.ch

www.juravaudois.ch
Tour 1
Les Rasses – Le Chasseron
Les Rasses erreicht man von Ste-Croix per Bus oder an Wochenenden bei offenen Skiliften mit einem Skibus: Tel. 024 455 41 42.
• Charakter
Der hier empfohlene Schneeschuhtrail bietet einen stimmungsvollen Aufstieg weg von Skiliftanlagen und Langlaufloipen.
• Schwierigkeit
WT 1 bis 2 nach der Bewertungsskala des Schweizer Alpen-Clubs;
WT 1 meist flaches, wenig steiles Gelände und markierte Trails; WT
2 Gelände ohne Steilstufen, Grundkenntnisse im Beurteilen von Lawinensituationen nötig, ohne Kenntnisse beim Kartenlesen, nur bei schönem Wetter empfehlenswert. 
• Höhendifferenz
450 m Auf- und Abstieg
 Distanz/Wanderzeit
11 km/4 bis 5 Stunden
• Wegbeschreibung
Von Les Rasses auf bezeichnetem Schneeschuhtrail entlang der Langlaufloipe nach Les Cluds. Dann auf dem gut markierten Trail hinauf zum Gipfel des Chasseron. Im Abstieg verläuft der Trail auf dem Grat (Petites-Roches) südwestwärts und dann mit einer kleinen Gegensteigung zum Le Cochet (P. 1483). Von dort über La Casba hinunter nach Les Rasses.
Tour 2
Ste-Croix – Aiguilles de Baulmes
• Charakter
Sanfter Aufstieg in eine wildromantische Gebirgswelt mit steilen Felsabbrüchen, fein abgerundet.
• Schwierigkeit
WT 2 bis 3; WT 2 siehe oben; WT 3 längere Tour, teilweise steiles Gelände, erschwerte Orientierung, Kartenlesen ist ein Muss.
• Höhendifferenz
600 m Auf- und Absieg
• Distanz/Wanderzeit
13 km/5 bis 6 Stunden
• Wegbeschreibung
Von Ste-Croix südwärts hinunter zum Talboden bei Culliairy. Von dort auf Bergsträsschen mit Abkürzungsmöglichkeiten dem Wanderweg entlang hinauf zu dem im Winter geschlossenen Bergrestaurant Mont de Baulmes d’en Haut. Südlich einige Meter hinauf bis zum Aussichtspunkt, dann südwärts dem Gratkamm entlang bis zum höchsten Punkt (P. 1559). Zurück auf demselben Weg oder bis zum Chalet des Aiguilles, das auf der Nordseite in einer Lichtung gut sichtbar ist. Von diesem Chalet auf überschneitem Zugangssträsschen hinunter zum Col de L’Aiguillon. Auf Fahrsträsschen an der Gite Dessus vorbei zu einem Schneeschuhtrail, der über La Gite Dessous auf den lang gezogenen Mont des Cerfs führt. Abstieg über kurze Skipiste nach Ste-Croix.
• Kurze Variante
Schwierigkeit WT 1. Tour nur bis zum Aussichtspunkt (P. 1287). Das ist schon lohnend genug. 250 Höhenmeter, 6 km, 2 bis 3 Stunden.

Foto: AT Verlag, David Coulin

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Kategorie: Gesundheit, Natur

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