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Bedrohter Mythos

Kategorie: Natur
 Ausgabe 11 - 2011 - 01.11.2011

Text:  Hans Keller

Die Gemeine Esche ist Nährboden geheimnisvoller Sagen, Modell für bombastische Bühnenbilder, sie liefert wertvolles Holz – und sie ist schlicht ein schöner Baum. Nun ist die Esche durch Pilzbefall bedroht.

Ihre Bedeutung als Weltenbaum verdankt die Esche nicht der Tatsache, dass sie ein hohes Alter erreicht. Eschen werden nämlich «nur» etwa dreihundertjährig und somit weniger alt, als andere in der germanischen Zeit wichtige Bäume wie Eichen und Linden. Doch es war ein nordischer Brauch, das Haus unter die schützende Krone eines Baums (Esche) zu bauen, damit dieser Weltenbaum die Bewohner mit kräftigen Kindern segnet.

Die Esche im Park des Zürcher Kantonsspitals wäre jedenfalls ein attraktives Modell für Undings Hüttenbaum. Diese etwa hundertfünfzigjährige Esche hat einen rund anderthalb Meter dicken Stamm, der sich ab Mannshöhe in fünf mächtige, himmelwärts strebende Äste teilt. Beim Blick von unten ins Geäst nimmt sich der Himmel hinter den zahllosen Blättchen wie eine filigran gemusterte Fläche aus.

Eschen erkennt man gut an den gefiederten Blättern, die sich aus bis zu fünfzehn gezähnten und lanzettförmigen Teilblättchen zusammensetzen. Im Herbst hocken kegelförmige und schwarzfilzige Winterknospen in den Blattgabelungen. Eine unter unseren Laubbäumen einzigartige Besonderheit: Die Eschenblätter fallen im Herbst meist grün vom Baum. Verwechselt werden kann die Esche eigentlich nur mit dem Vogelbeerbaum und vor allem mit dem Chinesischen Götterbaum, auch Bitteresche genannt. Mit diesem aggressiven Exoten hat die Esche ein ausgesprochenes Expansionsverhalten gemein, denn wo nichts wächst, wächst oft eine Esche. Oder aber, noch öfter, eben ein Götterbaum, dessen Blätter weniger stark gezahnt sind als diejenigen der Eschen. Betrachtet man den Stamm einer Esche länger, glaubt man, eine weiss-grau-braune Canyon- oder Gletscherlandschaft zu überfliegen, tiefe Rinnen und Gräben ziehen sich durch das oberflächliche Borkenholz.

Kaum ein anderer Baum liefert ein derart vielfach verwendbares Arbeitsmaterial. Die Esche gehört zu den wichtigsten Laubnutzhölzern in Mitteleuropa. Das Holz ist elastisch und gleichzeitig hart, es lässt sich gut biegen, ohne zu brechen. Unsere Vorfahren jagten mit Eschenbögen und Eschenpfeilen das Wild und sie durchbohrten sich gegenseitig mit Lanzen aus Esche; sowohl Ruder, Möbel, federnde Barrenstangen als auch Axtstiele werden aus Esche verfertigt.

Und Schlitten, wie sie Albert Almer konstruiert. Der 53-jährige Dachdecker Albert Almer ist gelernter Zimmermann, baut Schlitten im Nebenberuf und rodelt mit ihnen auch an Rennen. In seiner in Grindelwald gelegenen Werkstatt baut Almer neben Tiroler Formen vorwiegend klassische, Gemmel genannte Grindelwalder Schlitten, die sich vom Davoser Modell vor allem durch Querverstrebungen auf der Sitzfläche unterscheiden. «Eschenholz ist da unverzichtbar», erklärt Almer, in dessen Werkstatt auch Schneeschaufeln mit runden, hinten birnenförmigen Eschenstielen hängen. An diesen lässt sich die feine Parallelmaserung des Holzes besonders gut beobachten. Zum Biegen benutzt Almer Formen, an welche die hellen Eschenbrettchen gepresst und miteinander zu stabilen Kufen verleimt werden. Das Rohmaterial bezieht er aus verschiedenen Quellen. «Manchmal bieten sich zufällige Gelegenheiten. So hörte ich kürzlich von einem Bekannten, dass in Lauterbrunnen eine grosse Esche gefällt worden sei und ich machte mit dem Besitzer einen Deal: Er gab mir das Holz und ich liefere ihm dafür Schlitten», erklärt Almer. Meistens profitiere er aber davon, dass an Bächen – Eschen lieben wie Erlen feuchte Standorte – in Grindelwald der Bestand ausgelichtet werde.

Wenig erforschte Bedrohung

Eine Strophe aus der altisländischen Edda liest sich da wie eine düstere Prophezeiung: «Die Esche Yggdrasil erduldet Mühsal / mehr als man weiss / der Hirsch weidet oben, und an der Seite fault es / Nidhögg beschädigt unten.» Bedroht ist die Esche derzeit aber nicht von Schlangen und Hirschen, sondern durch Pilzbefall. Das Phänomen ist relativ neu und wurde erst vor etwa drei, vier Jahren in unseren Regionen registriert. «Eine zu kurze Zeit, um die Zukunft der Esche vorhersagen zu können, geschweige denn, therapeutische Massnahmen anzubieten», erklärt Ottmar Holdenrieder von der ETH Zürich. Es ist eine ziemlich komplexe Geschichte: Das Eschensterben beobachtete man bereits in den 90er-Jahren in Polen, aber erst 2006 entdeckte ein polnischer Wissenschaftler den Erreger. Dieser wurde als neue Art beschrieben und heisst Falscher Stengelbecherling (Hymenoscyphus pseudoalbidus). Er unterscheidet sich nur genetisch von seinem Doppelgänger Hymenoscyphus albidus, der völlig harmlos ist und auch auf der Esche vorkommt. Die aggressive Art wurde wahrscheinlich eingeschleppt und ihre Herkunft ist unklar. Möglicherweise spielen auch Umweltveränderungen eine Rolle beim Krankheitsverlauf. Der aggressive Pilz beschädigt jedenfalls die Leitbahnen im Holz, der Baum stirbt mit der Zeit ab. Bislang ist man machtlos dagegen, denn der Pilz bildet seine Sporen auf abgefallenen Blattstängeln und wird durch den Wind verbreitet.

Rettung dank Robustheit?

Die Pilzkrankheit verbreitet sich unaufhaltsam in Europa, ist aber noch nicht überall gleich stark präsent. Während in gewissen Gebieten Osteuropas schon jeder zweite Baum befallen sein soll, lassen sich für unsere Region noch keine genauen Zahlen nennen, da das Phänomen zu neu ist. Obschon zum Beispiel auf Zürcher Stadtgebiet schon Eschentriebwelke beobachtet wurde, beurteilt Lukas Handschin von «Grün Stadt Zürich» die Lage in der Limmatstadt als noch nicht dramatisch. Laut Mirjam Würsch, Kommunikationsverantwortliche des Wildnisparkes Zürich (Sihlwald), gibt es auch dort bereits kranke Eschen. Aus Grindelwald erhält man dagegen eine positive Nachricht. Albert Almer erkundigte sich diesbezüglich beim zuständigen Förster. Der kennt die Krankheit zwar, in seinem Revier sind die Eschen jedoch gesund. Möglich, dass das Bergtal zu weit ab vom Schuss liegt. Gemmelbauer Almer jedenfalls kann (vorläufig) aufatmen.

Buchtipps
• Richard Wagner: «Die Walküre», Reclam 2002, Fr. 4.90
• Arnulf Krause: «Die Götterlieder der Älteren Edda», Reclam 2006, Fr. 8.50
• Christian Rätsch: «Der Heilige Hain», AT-Verlag 2005, Fr. 34.90
• Walburga Liebst: «Von Baum zu Baum», Haupt Verlag 2009, Fr. 39.–

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