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Exoten und Sonderlinge

Kategorie: Natur
 Ausgabe 09 - 2011 - 01.09.2011

Text:  Hans-Peter Neukom

Unter den rund 5500 Pilzen in der Schweiz gibt es sagenhafte Originale. Einige sind eingewandert, andere haben eigentümliche Vermehrungsstrategien – und alle faszinieren durch ihr Aussehen.

Leichenfinger, Hundsrute, Hexen- und Satansröhrling, Tintenfischpilz, Stinkmorchel, Schleierdame: Diese sonderbaren Namen lassen erahnen, dass Pilzen über Jahrtausende etwas Unheimliches, Gefährliches und Mystisches anhaftete. Nicht nur einige tödlich-giftige Arten, sondern auch ihr plötzliches Erscheinen und ihre oft seltsamen Gestalt regten und regen die Fantasie an.

Die meisten der rund 5500 in der Schweiz vorkommenden Wald- und Wiesenpilze wachsen aber in der «klassischen» Pilzform: Sie bestehend aus einem Stiel und einem darauf sitzenden, klar unterscheidbaren Hut. Auf dessen Hutunterseite befindet sich die Fruchtschicht, zum Beispiel aus Lamellen oder Röhren bestehend, wie bei den bekannten Champignons und Steinpilzen. In diesen Lamellen oder Röhren reifen dann die der Fortpflanzung dienenden
Pilzsporen, bis sie abfallen und vom Wind verfrachtet werden.

Exotischer Neubürger

Durch klimatische Veränderungen wie die globale Erderwärmung verschieben sich die Lebensgebiete vieler Lebewesen. Zusammen mit der enorm gewachsenen Mobilität des Menschen führt dies dazu, dass wir heute in unseren Breiten ehemals unbekannte und zum Teil exotische Pilzarten antreffen können, die von Menschen oder Tieren eingeschleppt wurden und sich hier nun ausbreiten. Manche dieser exotischen Sonderlinge erinnern in ihrer eigentümlichen Gestalt an Pflanzen oder Tiere.

Schamlos, unsittlich, stinkend

Die gleiche Vermehrungsstrategie hat auch  Auf den ersten Blick erinnert die Gemeine Stinkmorchel (Phallus impudicus) in ihrer Form an eine Morchel. Sie hat mit der Morchel (Morchella) aber nichts gemein. Sie gehört zur Gattung der Stinkmorcheln (Phallus). Ihre charakteristische Form, die an ein erigiertes Glied (griechisch: Phallos) erinnert, gepaart mit ihrem üblen Geruch, haben diesen Pilz so berühmt wie berüchtigt gemacht. Auch der Fruchtkörper der Stinkmorchel entspringt, ähnlich jenem des Tintenfischpilzes, aus einem sogenannten Hexenei. In seinem Frühstadium soll der eiförmige, noch nichts von seinem späteren Gestank aufweisende Fruchtkörper sogar essbar sein. Der ausgewachsene Pilz gilt hingegen als ungeniessbar. Nach wenigen Tagen platzt das etwa golfballgrosse, von einer gallertartigen Hülle umgebene Hexenei auf und innert weniger Stunden wächst aus ihm eine lange, weisse, zylinderförmige Rute als Pilzstiel hervor. Dieser hohle, brüchige Stiel kann bis zu 20 Zentimetern hoch werden. Auf seiner Spitze sitzt ein glockenförmiger Hut. Der reife, wabenartig aufgebaute Hut ist, vergleichbar den Armen des Tintenfischpilzes, von einer olivschwärzlichen schleimigen und grässlich nach Verwesung riechenden Gleba bedeckt, in der sich wiederum die Pilzsporen verbergen. Während der süssliche Aasgeruch schon manchen Spaziergänger zu Umwegen veranlasst hat, signalisiert er für viele Insekten eine Delikatesse.

Einst selten, hat sich dieser auffällige Pilz in den letzten Jahrzehnten stark verbreitet. Heute ist die Gemeine Stinkmorchel fast in der ganzen gemässigten Klimazone der Welt anzutreffen. In Nordamerika kommt sie bisher kaum vor, dort wird sie von der verwandten Dünen-Stinkmorchel (Phallus hadriani) vertreten, die ihrerseits auch gelegentlich in Europa anzutreffen ist. Als typischer Saprobiont, als Bewohner toter, faulender organischer Stoffe, tritt die Stinkmorchel vom Frühsommer bis in den Herbst in allen Waldtypen, aber auch in Gärten und Parkanlagen in Erscheinung. Ein weiterer Verwandter ist die gemeine Hundsrute (Mutinus caninus). Im Gegensatz zur Stinkmorchel riecht die Hundsrute nur gering und in unmittelbarer Nähe. Ein wesentlich schmeichelhafteres Auftreten hat die europäische Schleierdame (Phallus impudicus var. Duplicatus). Auch sie ist eine nahe Verwandte der Gemeinen Stinkmorchel und von Nordamerika nach Europa migriert. Erstmals wurde die Exotin 1926 in Rostock gefunden. Auch in der Schweiz sind einzelne Funde aus dem Kanton Luzern bekannt.

Stern, der aus der Erde kommt

Auch die Gattung der Erdsterne überrascht mit ihren Eigenheiten. Sie umfasst rund 30 Arten. Der Gewimperte Erdstern (Geastrum fimbriatum) ist der in Mitteleuropa bekannteste der Familie. Der Fruchtkörper dieses seltsamen Pilzes gleicht im voll entwickelten Stadium einem Stern, in dessen Mitte eine Kugel sitzt, die ihrerseits an einen Bovist erinnert. Diese merkwürdige Form ist darauf zurückzuführen, dass sich der Pilz aus zwei unterschiedlichenTeilen, einer inneren und einer äusseren Fruchtkörperhülle, der sogenannten Endoperidie und der Exoperidie zusammensetzt. Dieses Aufbauschema ist allen Arten dieser Gattung gemein. Ähnlich wie ein Hexenei wächst der Fruchtkörper des Erdsterns zuerst dicht unter der Erdoberñ äche als unterirdische Kugel heran. Bei geeigneter Witterung durchstösst diese bald einmal die Erdoberfläche um kurz darauf oben aufzuplatzen. Die äussere, cremefarbige Hülle zerreisst dabei in fünf bis acht sternförmige Lappen, die sich im Reifestadium nach aussen zur Erde hin krümmen. Dabei wird der zweite, innere kugelige Teil freigelegt, worin sich die Sporenmasse des Pilzfruchtkörpers befindet.

Ausstellung
«Pilzgeschichten» bis 20. November im Natur-Museum Luzern, Tel. 041 228 54 11, www.naturmuseum.ch

Fotos: Hans Lutz, okapia.de, Hans Lutz, zvg

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