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«Lueg, äs Würmli»

Kategorie: Natur
 Ausgabe 07 - 2011 - 01.07.2011

Text:  Hans Keller

Der «Jöh»-Effekt hält sich beim Tier des Jahres in Grenzen. Doch der Regenwurm gewinnt die Sympathien durch seine Bescheidenheit und seinen unermüdlichen Einsatz für die Natur.

Es dunkelt. Zeit für Gärtner Bruno. Zeit für die Regenwürmer. Mit der Dämmerung kommen die Tiere an die Erdoberfläche. Bruno sammelt einige Exemplare ein. Der Hobbyfischer möchte am nächsten Tag seiner Passion frönen. In Männedorf am Zürichsee aufgewachsen, lebt der 73-jährige Bruno noch heute dort. Als langjähriger Gärtner und Fischer kennt und schätzt Bruno alle Vorzüge der Regenwürmer: Sie durchlüften und düngen den Boden seines Gartens und sie dienen ihm als Fischköder. Seine Hobbys haben den Mann zu einem aufmerksamen Naturbeobachter gemacht. Er weiss, dass die Amsel wartet, bis der Regenwurm es gänzlich an die Oberfläche geschafft hat, um ihn zu schnappen. Denn es ist praktisch unmöglich, ein halb aus dem Loch lugendes Exemplar herauszuziehen. Für ihre Körpergrösse besitzen Regenwürmer gewaltige Kräfte und sie können sich mittels ihrer Borsten an den Wänden ihrer unterirdischen Gänge festhaken. «Nicht einmal Menschen schaffen es, einen halb sichtbaren Wurm herauszuziehen, ohne ihn zu zerreissen», erzählt der Gärtner.

Für seine Fähigkeiten und sein unermüdliches Schaffen im Erdreich wird der Regenwurm nun gewürdigt: Die Naturschutzorganisation Pro Natura hat ihn zum Tier des Jahres ernannt. Weltweit existieren über 3000 Arten, in Europa zählt man rund 400, in unseren Breitengraden leben etwa 40 verschiedene. Am prominentesten ist der Tauwurm (Lumbricus terrestris), den jedes Kind als den Regenwurm schlechthin kennt. Daneben sind bei uns der Kompostwurm (Eisenia andrei) und der Mistwurm (Eisenia fetida) sowie der Bläuliche Regenwurm (Octolasion cyaneum) am häufigsten. Mit seinen bläulich violett bis hellblau schillernden und am hinteren Ende ins Gelb wechselnden Körperfarben würde er die Schönheitskonkurrenz der Würmer wohl für sich entscheiden. Bei den Grabtechniken unterscheidet man zwischen flach grabenden und tief grabenden Arten. Zu den ersteren zählen die roten, zwischen vier bis zwölf Zentimeter langen Kompost- und Mistwürmer. Wohnröhren bis in drei Meter Tiefe treibt hingegen der Tauwurm ins Erdreich.

Futter wird unter der Erde «gekocht»

Die «Eingeweide der Erde», wie sie der Philosoph Aristoteles nannte, sind von unschätzbarem Nutzen für unsere Böden: Die Wohnröhren der Tauwürmer lockern das Erdreich auf und die typischen Kothäufchen tragen zur Düngung des Bodens bei. Regenwürmer ernähren sich von Pflanzenresten, Mikroorganismen, Algen, Einzellern und Pilzmyzelen. Da das Tier aber keine Zähne hat, muss der Wurm sein Futter zuerst kompostieren. Es klebt Laub und Pflanzenreste an die Wände seines Baus und deckt ihn mit Kot zu. Nach dem Fressen werden die durch den langen Darm geschobenen säurehaltigen Stoffe in kalziumhaltige Abscheidungen verwandelt und als nährstoffreiche Häufchen wieder ausgeschieden.

Damit sich der Wurm im Boden wohlfühlt, müssen gewisse Bedingungen erfüllt sein: Das Erdreich darf weder zu sauer noch andauernd zu trocken oder zu nass sein. Bevorzugter Lebensraum sind mittelschwere Lehm-, aber auch Sandböden. Am aktivsten sind Regenwürmer bei etwa zehn bis fünfzehn Grad Celsius, bei uns also im Frühling und im Herbst. Grundsätzlich überleben Regenwürmer während einiger Zeit auch bei extremen Bedingungen, indem sie zum Beispiel im Winter in etwa achtzig Zentimeter Bodentiefe in Starre verharren. Auch wenn der Regenwurm von Mäusen über Maulwürfe bis zu Vögeln zahlreiche Fressfeinde hat und ihm ein überdüngter Boden das Leben schwer macht, muss man sich um das Tier des Jahres keine grosse Sorgen machen. «Zum Schutz der Regenwurmpopulation ist zum Beispiel die Menge von Kupfer in Düngungs- und Pflanzenschutzmitteln gesetzlich beschränkt», erklärt Ulrike Schmidt den Begriff der Regenwurm-Toxizität. Die Agronomin berät unter anderem die Gemüsebauern auf der Insel Reichenau im Bodensee. Man müsse die Bodenstruktur so erhalten, dass sich die Regenwurmpopulation selbstständig entwickeln könne. So ist gewährleistet, dass der Regenwurm seine von den Bauern geschätzte Arbeit verrichten kann.

Wie kommt der Regenwurm zu seinem Namen?
Im Volksmund nannte man ihn bis ins 17. Jahrhundert «regen Wurm», was sich auf seine Beweglichkeit bezog. Später entstand eine Verbindung zum Regen, der den Wurm bekanntlich an die Oberfläche lockt, wobei man den genauen Grund dafür bis heute nicht kennt. Eine mögliche Erklärung: Die Bodenvibration, welche der Regen mit sich bringt, gleicht jener des Maulwurfs, einem Fressfeind des Wurms.

Flüchten und zertrampelt werden

In Gefahr kommt der Regenwurm demnächst in Zürich: Wenn am 13. August in der Stadt die grosse Tanzparty Street Parade stattfindet, bedeutet das für Regenwürmer Stress. Das Bum-Bum der mit Musikanlagen ausgerüsteten Lastwagen treibt die Würmer aus dem Boden. Einmal an der Oberfläche angekommen, sind die Tiere dem Getrampel Hunderttausender von Partybesuchern ausgeliefert. Wurmjäger in den USA nennen das Phänomen Wurmgrunzen. Sie machen sich die Reaktion des Wurms auf Erschütterung zunutze. Um die Tiere aus der Erde zu locken, treibt man einen Holzpflock in den Boden und bearbeitet diesen mit einem Metallstab; durch die entstehenden Vibrationen im Erdreich fliehen die Regenwürmer an die Oberfläche. Armer Wurm, denkt man da. Wie sagte der Wurm in Ewalds Märchen? «Ich rackere mich ab, seit ich auf der Welt bin; und bis man mich frisst, pflüge ich die Erde um. Ich bereite die fruchtbare Ackererde.» Höchste Zeit, dem stillen, fleissigen Arbeiter Danke zu sagen.

Buchtipp
Zum Jahr des Regenwurms hat Antje Damm mit dem von ihr verfassten und illustrierten «Regenwurmtage» ein lustiges, unsentimentales und aufschlussreiches Kinderbuch herausgegeben. Die Geschichte basiert auf Erinnerungen der Autorin an ihre Einschulungstage, als sie zu spät zum Unterricht kam, weil sie Regenwürmer vom Asphalt in die Wiese rettete. Vergnüglich!
Antje Damm: «Regenwurmtage», Moritz Verlag, Fr. 16.90

Foto: photoshot.com, Arco Images

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