Artikel Natur :: Natürlich Online Raffinierter Sonderling | Natürlich

Raffinierter Sonderling

Kategorie: Natur
 Ausgabe 04 - 2011 - 01.04.2011

Text:  Heini Hofmann

Alle freuen sich, wenn das Frühlingssignet, der neckische Doppelruf des Kuckucks, zum ersten Mal ertönt. Doch der Sonderling und Brutschmarotzer gerät zunehmend in Existenzschwierigkeiten.

Als Zugvogel überwintert der Kuckuck im südlichen Afrika. Von da wandert der gewandte Flieger im Frühling schnell und zielstrebig nordwärts, die Sahara und Nordafrika vielfach ohne Aufenthalt querend. Als ungeselliger Vogel zieht er einzeln und nachts. Seine Ankunft in Mitteleuropa ist jeweils Mitte April. Der Volksmund weiss es genau: «Am 18. kommt er, am 19. muss er kommen!» Und falls er schon vorher da ist, besagt dies lediglich, dass auch Bauernregeln nicht unfehlbar sind … .

Eines ist aber sicher: Zuerst treffen die Männchen ein. Sie sind es auch, die den allbekannten, zweisilbigen Ruf erschallen lassen, der dem Vogel seinen klangmalenden Namen eintrug. Nur gerade ein Drittel des Jahres verweilt der Kuckuck bei uns, bevor er im Hochsommer schon wieder seine Rückreise antritt. Trotzdem hat er es geschafft, zu einem der populärsten Vögel zu werden, der uns beim erstmaligen Ertönen seines Rufes sogar zum bangen Griff nach dem Geldsäckel zwingt … Der Aberglaube verspricht beim Kuckucksruf Geld fürs ganze Jahr, vorausgesetzt man hat schon welches im Hosensack.

Freizügiges Liebesleben

Obschon der Kuckuck als ausgesprochener Brutparasit die elterlichen Pflichten grosszügig seinen Artgenossen delegiert, lässt er sich die Vorfreuden dazu nicht nehmen. «So brutfaul der Vogel, so verliebt ist er», fand schon der Zoologe und Tiervater Alfred Brehm und fuhr fort: «Er ist buchstäblich toll, solange die Paarungszeit währt, schreit unablässig so, dass die Stimme überschnappt, durchjagt unaufhörlich sein Gebiet und vermutet überall einen Nebenbuhler, den hassenswertesten aller Gegner.» Mit der Ehe nimmt es der Kuckuck dann allerdings nicht so genau; denn zur Brutzeit vergesellschaften sich verschiedene Männchen mit einem Weibchen und umgekehrt. Solche Freizügigkeit scheint jedoch mit der nicht ausgesprochenen Territorialität zusammenzuhängen –
ein für einen Schmarotzervogel offenbar taugliches Prinzip; denn so kann das Wirtsvogelangebot besser genutzt werden.

Die Wirtsvögel erkennen den Schmarotzer Kuckuck. Wo er auftaucht, fliegen sie unter Gezeter auf ihn los und attackieren ihn, wie sie das auch teilweise bei Greifvögeln und Katzen tun, sie hassen auf, wie es die Ornithologen sagen. Besonders energisch attackieren sie ihn in der Nähe ihres Nestes, wodurch sie dieses erst recht verraten. Doch kommt dieses Hassen dem Kuckuck gar nicht ungelegen; denn während das rufende Männchen die Hasser auf sich zieht, kann das Weibchen derweil unbemerkt sein Ei ins Nest der Wirtsvögel legen.

Imponieren und spionieren

Zudem gibt die Sperberung, die quergestreifte Färbung der Brust, dem Kuckuck ein Stück weit das Aussehen eines Sperbers. Auch diese Greifvogelmaskerade ist nicht rein zufällig, denn die Nachahmung wehrhafter Tiere durch Brutschmarotzer ist ein von der Natur mehrfach angewandter Trick. Auch die Raffinesse, mit der die Kuckucksfrau den Wirtsvogeleltern ihr Ei unterjubelt, hört sich an wie im Krimi. Zuerst macht sie in Detektivmanier ihre Opfer ausfindig durch Beobachten vom Ansitz aus oder im Suchflug. Um der Attacke der Zieheltern bei der Eiablage zu entgehen, wählt sie nach Einbrecherart einen günstigen Moment aus, nämlich die allgemeine Ruhezeit in den frühen Nachmittagsstunden. Die Eiablage erfolgt meist in unvollständige Gelege und dauert nur wenige Sekunden. Oft trägt die Kuckucksfrau – zwecks täuschenden Ausgleichs – ein Ei des Wirtsvogels im Schnabel weg. Bevor die «beglückten» Eltern etwas merken, ist der Spuk schon vorbei.

Die Bebrütungsdauer des Kuckuckseis ist mit nur rund zwölf Tagen sehr kurz, was sicherstellt, dass das Schmarotzerjunge noch vor den Stiefgeschwistern schlüpft. Auch scheint der Kuckucksembryo weniger empfindlich auf Bebrütungsunterbrüche zu sein. Die Natur bevorteilt ihn in mancherlei Hinsicht. Einmal geschlüpft, ist er fast doppelt so gross wie seine Nestgenossen, jedoch ebenfalls blind und nackt. Aber schon nach wenigen Lebensstunden erwacht in dem kleinen Schmarotzerkind ein unheimlicher Trieb: Alles, was sich ausser ihm im Nest befindet, ob Eier, Stiefgeschwister oder seltenerweise mal ein zweites Kuckucksei (wenn zufällig zwei verschiedene Mütter ins gleiche Wirtsnest gelegt haben), restlos alles wird über Bord geworfen. Und zwar vehement: Rückwärts strampelt das kleine Biest, dem Triebe gehorchend, die Konkurrenz auf dem Rücken stemmend, an der Nestwand empor und befördert sie mit einem letzten Ruck auf oder über den Nestrand hinaus. Auch die Wirtseltern funktionieren nach den knallharten Regeln der Natur: Was regungslos auf dem Nestrand liegt, und wenn es die eigenen Kinder sind, bedeutet für sie nichts anderes als wegzuräumende Fremdkörper, vergleichbar den wegzuschaffenden Kotballen.

Wie eine Kröte im Nest

Wenn er dann im zarten Alter von rund drei Wochen flügge wird und das Nest verlässt, ist er gut und gerne bis zu fünfzig Mal schwerer als beim Schlüpfen. Selbstständig wird er aber erst weitere drei Wochen später. Inzwischen lässt sich das Riesenbaby nonstop füttern. Dies verlangt, aus Gründen des Grössenunterschieds, von den Pflegeeltern beinahe akrobatische Einlagen: Entweder setzen sie sich zum Füttern dem Mammutkind auf den Kopf oder sie verharren in der Luft rüttelnd vor ihm und stecken dabei ihren Kopf weit in seinen Sperrrachen.



Durch die fortschreitende Ausräumung der halb offenen Kulturlandschaft werden verschiedene Raupenarten, von denen sich Kuckucke ernähren, immer seltener. Nicht auszudenken, wie trist das wäre, wenn es eines Frühlings nicht mehr «kuckuck, kuckuck» aus dem Wald rufen würde.

Fotos: Nederland Lineair, pitopia.de

Tags (Stichworte):

Kategorie: Garten

Maulwurfsgrille: Jäger im Garten

Zu Unrecht wird die Europäische Maulwurfsgrille (Gryllotalpa gryllotalpa) von...

Kategorie:

Kategorie: Garten

Ostereier: Natürlich ist am schönsten

Am unkompliziertesten geht natürliches Eierfärben mit Zwiebelschalen!