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Kobolde des Waldes

Kategorie: Natur
 Ausgabe 03 - 2011 - 01.03.2011

Text:  Heini Hofmann

Das Eichhörnchen ist eines der bekanntesten und beliebtesten Wildtieren unseres Landes. Erstaunlich und traurig zugleich, dass es trotzdem zu den wenig erforschten Vertretern der einheimischen Fauna gehört.

Eichhörnchen sind ausgesprochene Tagtiere mit gewöhnlich zwei Aktivitätsphasen: Beim Morgengrauen werden sie munter, über Mittag halten sie Siesta, am Nachmittag sind sie wieder aktiv und vor Sonnenuntergang gehen sie schlafen. Im Herbst verkürzt sich ihre Mittagsruhe zunehmend und wird schliesslich ganz aufgehoben, das heisst die beiden Aktivitätsphasen verschmelzen zu einer einzigen, die mit fortschreitendem Einwintern zusehends zusammenschrumpft und sich auf den späteren Morgen beschränkt.

Entgegen weitverbreiteter Meinung macht das Eichhörnchen – ganz im Gegensatz etwa zu dem ihm verwandten Murmeltier – keinen Winterschlaf. Allerdings schränkt es seine Aktivität in der kalten Jahreszeit stark ein und verlässt das Nest erst spätmorgens und lediglich für kurze Zeit. Dabei verrichtet es nur das Unvermeidliche: Nahrungssuche und Notdurft. Schnee und tiefe Temperaturen allein schrecken es nicht zurück, doch meidet es stürmische und niederschlagsreiche Schlechtwetterperioden.

Zum Klettern geboren

Eindrücklich ist die Anpassung der Eichhörnchen an ihr Leben auf den Bäumen. Die anatomischen Proportionen mit dem geschmeidigen Körper, dem leichten Knochenbau, den sehr muskulösen Hinter- und den äusserst geschickten Vorderbeinen mit den langen, gebogenen Krallen an Zehen und Fingern machen die Eichkatzen zu wahren Kletterkünstlern, die sich nur selten am Boden aufhalten. Trifft man sie, wie zum Beispiel in Pärken dennoch am Boden an, zeigen diese zahmen Tiere beim Futterbetteln atypisches Verhalten.

Den lateinischen Gattungsnamen, Sciurus vulgaris, erinnert an die poetische Umschreibung, welche die Griechen dem Tier gaben: Skiouros. Zu Deutsch, der sich mit dem Schwanz Schattengebende. Es ist die perfekte Kalenderblattpose: Aufrecht auf einem Ast sitzend, manierlich eine Haselnuss oder einen Tannzapfen in den Vorderpfoten haltend und den buschigen Schwanz – einem Sonnenschirm gleich – S-förmig über den Rücken geschlagen. Allerdings: Das Schattenspenden dürfte wohl die unwichtigste Aufgabe dieses mächtigen Schwanzes sein. In erster Linie dient er als Steuerruder bei weiten Sprüngen oder als Balancierstange beim Klettern, dann auch als optischer Signalgeber bei der Balz und schliesslich als Kälteschutz im Winter. Ein weiteres typisches Merkmal des Eichhörnchens sind die adretten Haarbüschel auf den Ohren. Ähnliche Ohrpinsel weist unter den einheimischen Wildtieren nur noch der Luchs auf.

Die Roten und die Schwarzen

Auf dem besagten Kalenderbild prangt meist ein rotes Eichhörnchen. In Wirklichkeit variiert die Färbung von Rot über Braun bis Schwarz, jedoch stets mit weisser Körperunterseite. In tief gelegenen Ländern (zum Beispiel Deutschland) überwiegt die rote, im hügeligen und Bergland dagegen die dunkle Varietät. Deshalb trifft man in der Schweiz – und dies bereits im Mittelland, noch deutlicher aber in den Bergen – vorwiegend dunkelbraune bis schwarze Individuen an. Zudem wird, im Frühling und im Herbst, die Färbung durch den zweimaligen Haarwechsel beeinflusst. Beim Übergang vom Sommer- zum Winterfell verändern sich nicht nur Länge und Dichte den Haare, sondern es treten vermehrt weissgraue Haare auf, wodurch die Färbung gedämpft wird, sodass rote Tiere grauer und die braun-schwarzen heller erscheinen.

Überleben ist Glückssache

Eine grosse Nachwuchsrate der Eichhörnchen ist notwendig, weil, wie man vermutet, nur etwa ein Viertel bis ein Fünftel der Jungen ein Jahr alt wird und offenbar weniger als ein Prozent aller Tiere fünf Lebensjahre erreicht. Ein Hinweis mehr, wie grausam hart der Überlebenskampf in der Natur ist und wie wenig wir uns dessen eigentlich bewusst sind – sein wollen. Noch fehlen genaue Untersuchungen über die Gründe dieser hohen Selektion. Als sicher gilt, dass die klassischen «Erbfeinde» Baummarder und Habicht höchstens regulierend, nicht aber dezimierend eingreifen.

Vor allem scheinen die negative klimatische Einflüsse Parasitosen unter Umständen drastische Folgen zu haben. Schon junge Eichhörnchen sind häufig von Zecken und Milben, gelegentlich auch von Flöhen und sehr oft sogar von Eingeweidewürmern befallen. Ein einzelliger Darmparasit mit dem exotischen Namen «Eimeria sciurorum» beispielsweise, der eine ansteckende und meist tödlich verlaufende Krankheit (Kokzidiose) hervorruft, kann katastrophale Auswirkungen haben. So fielen beispielsweise 1943 in Finnland rund eine Million Eichhörnchen der Kokzidiose anheim.

Notvorräte: geplanter Zufall

Eichhörnchen mögen hauptsächlich Samen, Früchte und Knospen verschiedener Bäume. Magenuntersuchungen an Tieren aus dem Schweizer Mittelland zeigten, dass an erster Stelle und ganzjährig Samen (Zapfen) von Kiefern und Fichten stehen, Ende Sommer ergänzt durch Buchnüsse, im Winter und Frühling aufgebessert durch Knospen und Blüten der Nadelhölzer. Auf dem Menüplan stehen natürlich auch Beeren, Haselnüsse, Pilze, Blätter und Wurzeln, ja selbst tierische Nahrung wie Ameisenpuppen, Käfer, Insekten aller Art, gelegentlich sogar Vogeleier oder Jungvögel.

Im Herbst, wenn das Nahrungsangebot gross ist, legen die Eichhörnchen fleissig Futtervorräte an, durch Vergraben in Wurzelnähe oder Lagern in Baumhöhlen. Da sie sich all diese Verstecke nicht merken können, suchen sie im Winter an solch typischen Stellen nach dem Zufallsprinzip, werden mal fündig, mal nicht, wodurch sie nebenbei zur Samenverbreitung beitragen.

Foto: fotofinder.com, Zeichnung EM

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