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Schroffer Berg, übermütiger Bach

Kategorie: Natur
 Ausgabe 03 - 2011 - 01.03.2011

Text:  Heinz Staffelbach

Rauhe, steile Bergwelt im Urner Etzlital, verspielte, wilde Wasser im Bündner Val Strem – eine Wanderung der Gegensätze und zum Geniessen.

In ohrenbetäubendem Lärm geht es den Berg hoch. Der kleine gelbe Bus ist randvoll, und der Motor muss alles geben, um die Ladung Wanderer und die Schulreisegruppe fahrplangemäss von Amsteg nach Bristen hinaufzubringen. Im engen Tunnel dringt das Dreiklanghorn durch Mark und Bein, und im Freien hallt es hundertfach von den Felswänden jenseits der Schlucht zurück, vermischt mit dem aufgeregten Geschrei der Schülerschar. Kurz nach Bristen, bei der Talstation der GolzernSeilbahn, trennen sich die Wege; jene mit Turnschuhen und rosa Rucksäcken verschwinden in der Talstation, jene mit schwereren Schuhen und ebensolchen Rucksäcken machen sich auf ins hintere Maderanertal oder ins Etzlital Richtung Chrüzlipass.

Verlassenes Bergdorf

Ruhe ist nun eingekehrt. Steil, sehr steil sogar, geht es bergwärts bis man zur Naturstrasse gelangt, die ins Etzlital führt. Immerhin ist es herrlich schattig im Wald, unten rauscht der Etzlibach, und nach einer guten Stunde erreicht man den Vorderen Etzliboden, wo sich das Tal fast zu einer kleinen Hochebene weitet und sich die Kühe am frischen Frühsommergras gütlich tun. Ganz am Anfang des Etzlibodens liegt Porthüsler. Heute nur noch eine Handvoll Gaden und Häuschen, war dies um das Jahr 1850 ein veritables kleines Bergdorf mit mehr als zwanzig Häuschen, bewohnt von etwa 45 Seelen, inklusive Sägerei und Schnapsbrennerei. Der Hauptteil der Siedlung lag damals westlich des Bachs, und es wurden Kartoffeln, wahrscheinlich auch Hanf, Flachs und Gerste angebaut. Zwischen 1868 und 1896 zerstörten Lawinen eine Reihe der Häuser, Geröll und Schutt stauten das Wasser und liessen die Wiesen versumpfen. Heute lebt niemand mehr in Porthüsler, der ganze Etzliboden wird aber im Sommer zur Kuhund Rinderweide. Deren Produkte – Joghurt, Molke und Käse – gibt es für pausenhungrige und durstige Wanderer auf dem Hinteren Etzliboden zu geniessen.

Im Schatten der Grünerle

Wie eine gigantische Treppe ist der Weg von Bristen zum Tagesziel, der Etzlihütte, angelegt, und der Etzliboden war nur die erste Stufe. Auf einem guten Weg geht es über die nächste Steilstufe auf den Rossboden, dann auf Gulmen, auf die Müllersmatt und schliesslich zur Etzlihütte. Der Aufstieg auf dieser Seite des Chrüzlipasses hat den Vorteil, dass man sich an heissen Tagen immer wieder im kühlen Schatten der Grünerlen ausruhen kann. Auf der Bündner Seite des Passes hingegen gibt es praktisch überhaupt keine Bäume und damit auch keinen Schatten. Ähnlich wie die Legföhre hat auch die Grünerle sehr elastische Stämme und Zweige. Sie kann so auch dicke Schneelasten tragen, verhindert das sonst häufige Abrutschen des Schnees und bietet erst noch Unterschlupf und Nahrung etwa für den Schneehasen. An lichteren Stellen leuchtet das Lila des WaldStorchschnabels aus dem Grün, daneben sind die zarten weissen Blütenblätter der HainSternmiere auszumachen, und immer wieder entdeckt man auch das Gefleckte Knabenkraut. Früher wurde ein Präparat dieser Orchidee als sogenannter Salepschleim bei Husten, Mund- und Rachenentzündungen, zur Kräftigung und auch bei Durchfällen bei Kindern eingesetzt. Heute ist die Pflanze geschützt, das Pflücken nicht mehr erlaubt.

Die Etzlihütte liegt nur einige Minuten abseits der direkt auf den Chrüzlipass führenden Route, und es lohnt sich auf jeden Fall, hier eine Nacht zu verbringen. Eine erste kleine Hütte wurde hier bereits im Jahr 1911 eingeweiht, und nach zahlreichen Erweiterungen steht heute eine schöne, komfortable Hütte für 75 Personen bereit. Sie liegt auf einem Rücken etwas erhöht über der Müllersmatt, einem malerischen Bödeli, durch das sich der Etzlibach geruhsam und in weiten Kehren windet, bevor er schäumend und tosend ins Tal schiesst. Von der Müllersmatt erreicht man auf einem guten Weg, stets der nördlichen Talseite folgend, etwas weg von der schroffen Geröllwüste, die das Tal ausfüllt, in etwa einer Stunde den Chrüzlipass. Über die historische Bedeutung dieses Passes, der das Urnerland mit dem bündnerischen Tujetsch verbindet, sind sich die Experten nicht ganz einig. Die einen schreiben ihm eine wichtige Rolle zumindest bis zur Eröffnung der Gotthardroute zu (erst um 1200 wurde mit dem Bau der Teufelsbrücke die Schöllenen passierbar). Der Chrüzlipass wäre dann insbesondere für das bereits um das Jahr 700 gegründete Benediktinerkloster in Disentis wichtig gewesen: Via Lukmanier pflegten die Mönche ihre Beziehungen zum Süden, und der Chrüzlipass wäre dazu die logische Fortsetzung im Norden gewesen. Andere Fachleute bestreiten dies, und zwar aus dem einfachen Grund, dass es keine Beweise dafür gibt. Sie gehen davon aus, dass der Pass stets nur von lokaler Bedeutung war, etwa als Übergang für Pilger oder für Hirten, die ihre Tiere über den Pass trieben. Für diese zweite Variante spricht auch die Tatsache, dass es für den Chrüzlipass offensichtlich keinen rätoromanischen Namen gibt und auch nie einen gegeben hat.

Farbige Blumenwiesen

Wie auch immer, auf dem Chrüzlipass lässt es sich herrlich ausruhen – in den grasigen Halden hat es genug Platz, sich genüsslich hinzulegen und die Bergwelt auf sich wirken zu lassen. Liegt man unter den schattigen Felsblöcken unterhalb des Chrüzlistocks, erhebt sich linker Hand der Bergkranz um die Etzlihütte mit dem Sunnig und dem Schattig Wichel, geradeaus steigen die senkrechten Granitplatten des Gwasmet und des Witenalpstocks in den Himmel, und zur Rechten thront der mächtige Oberalpstock. Wer geduldig ist und ein Fernglas dabei hat, hat hier gute Chancen, Steinwild und Gemsen zu sehen. Das Steinwild hält sich häufig im Gebiet des Chrüzlipasses auf, auch im hinteren Val Strem, nie aber um Spillaui westlich der Etzlihütte. Die Gemsen sind im ganzen Gebiet um den Pass zu Hause – die beiden Arten gehen sich aber doch gerne aus dem Weg.

Das Val Strem hat einen deutlich anderen Charakter als das Etzlital. Es ist ein perfektes Beispiel eines durch Gletscher ausgehobelten UTals, dessen Form kaum ein Lehrbuchzeichner ebenso schön hinkriegen könnte. Im Talabschluss, am Fuss des Oberalpstocks, liegt noch ein kleiner Gletscher, und während der Schneeschmelze stürzen hier und dort Bäche über Felsstufen. Das Tal ist im Gegensatz zur Urner Seite völlig unbewaldet, und im Frühsommer überziehen farbige Blumenwiesen den Talboden. Die Krönung dieses lichten, harmonischen und naturnahen Tales ist aber die Strem. Wie in manch anderem Gebirgstal bestanden auch hier Pläne, die ungezähmten Wasser in Dohlen
verschwinden zu lassen und durch lange Stollen einem Stausee zuzuführen. Glücklicherweise kam es aber nie dazu, und so darf die Strem noch heute um mächtige Felsbrocken tanzen, über Felsplatten schiessen oder in einer Schwemmebene nach Lust und Laune herumtändeln, als wolle sie diese Ruhepause auskosten, um sich dann mit neuer Kraft und Lust über die nächste Felskante zu stürzen. Mit den Bildern dieses prächtigen Naturschauspiels im Kopf wandert man gemütlich Richtung Sedrun, dem Endpunkt dieser abwechslungsreichen Tour entgegen.

Zackengrat an Zackengrat
• An- und Rückreise
Mit dem Zug bis Erstfeld und von dort mit dem Postauto nach Bristen KIBG.
• Ausgangspunkt
Bristen, Talstation der Golzernseilbahn.
Endpunkt
Sedrun. Von dort mit der Bahn via Oberalp-Pass oder Disentis zurück.
• Wanderzeit
Zwei Tage, möglich in einem Tag, aber sehr lang (8 Stunden).
Schwierigkeitsgrad 2
Weg mit durchgehendem Trassee. Gelände teilweise steil, Absturzgefahr nicht ausgeschlossen. Etwas Trittsicherheit. Trekkingschuhe sind empfehlenswert. Elementares Orientierungsvermögen.
• Höhendifferenz, Distanz
1520 Meter Aufstieg, 910 Abstieg, 15 Kilometer.
• Route
1. Tag Vom Ausgangspunkt teilweise recht steil nach Herrenlimi und dann auf einer Naturstrasse bis zum Hinteren Etzliboden. Von dort auf einem gut ausgebauten Wanderweg über Müllersmatt bis zur Etzlihütte. 1220 Meter Aufstieg, 4 Stunden. Übernachten in der Etzlihütte.
2. Tag Von der Hütte wieder nach Müllersmatt absteigen und hoch zum Chrüzlipass. Auf der Bündner Seite auf gutem Weg eine steile Runse hinab und dann, oft dem Bach entlang, durch das Val Strem nach Sedrun. 370 Meter Aufstieg, 980 Abstieg, 4 Stunden.
• Alternative
Kürzerer erster Tag: Mit dem Taxi bis zum Hinteren Etzliboden, Telefon 041 883 14 80 oder 079 229 40 22
• Berghäuser und Hütten zum Übernachten
Etzlihütte SAC-Lager, bewartet Juni bis Oktober, Telefon 041 820 22 88 oder 079 355 12 60, www.etzlihuette.ch
• Karten
Landeskarte 1: 25 000, 1212 Amsteg;
Landeskarte 1: 50 000, 256 oder 256 T Disentis
• Weitere Informationen
Verkehrsbüro Bristen, Poststelle, 6475 Bristen, Telefon 079 403 27 34, www.bristen.ch
Sedrun Tourismus, Via Alpsu 62, 7188 Sedrun, Telefon 081 920 40 30, www.sedrun.ch

Fotos: zvg

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