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Kategorie: Natur
 Ausgabe 01 - 2011 - 01.01.2011

Text:  Andreas Krebs

In der Schweiz gibt es zu wenig sichere Wanderrouten für Wildtiere. Vor allem im Mittelland ist die Situation prekär. Ein Projekt soll helfen, die Verkehrswege von Hase, Reh und Co über die Landesgrenzen hinaus durchgängig zu machen – ein unerlässliches Instrument gegen den Artenschwund.

Stinkt kaum, Fuchskot», sagt Helen Müri und richtet sich wieder auf. Dann beäugt sie eine feine Spur in der sogenannten Sandfalle. «Ein Baummarder», sagt die Wildtierbiologin, die im 30 Meter breiten und sechs Meter hohen Wildtierdurchgang unter der A1 im aargauischen Birmenstorf auf Spurensuche ist. Das schweizweit erste unterirdische Bauwerk dieser Grössenordnung wurde im Jahr 2004 fertiggestellt, exklusiv für Wildtiere. Die Unterführung und eine 40 Meter breite Brücke über die Kantonsstrasse Dättwil-Birmenstorf kosteten fünf Millionen Franken. Sie waren Teil des Baregg-Bauprojekts, das total über 300 Millionen Franken kostete.

Luchs unterwegs nach Slowenien

1995 initiierte Pro Natura eine erste Studie zum Thema. Daraufhin beauftragte das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) die Schweizerische Gesellschaft für Wildtierbiologie (SGW), die Wildtierkorridore exakt zu kartieren. Es sind Flaschenhälse innerhalb des ökologischen Netzwerkes. Wo diese nicht sicher überwunden werden können, braucht es vom Menschen gebaute Wildtierpassagen. Speziell wichtig sind die überregionalen Bewegungsachsen, die entlang von Hügelzügen, Tälern oder lang gezogenen Waldgebieten den Tieren auch Fernwanderungen ermöglichen. Der Luchs etwa, ein ausgeprägter Einzelgänger, beansprucht bis zu 40 000 Hektaren für sein Revier, eine Fläche grösser als Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden zusammen. Für das langfristige Überleben einer Population braucht es mindestens 500 Individuen. Deshalb müssen nicht nur die Luchsareale im Jura und in den Alpen verbunden werden. Es gilt auch, Routen zu den Luchsen in der Steiermark und in Slowenien zu konzipieren. Bei Braunbär und Wolf stellen sich ähnliche Herausforderungen.

Aber auch gewohnte Arten sind betroffen. Jungfüchse etwa legen auf der Suche nach einem eigenen Revier bis zu 40 Kilometer zurück. Dachse gehen für Futter ohne Weiteres einige Kilometer, und Wildschweine benutzen für ihre Wanderungen seit Generationen stets dieselben Routen. Wo diese an Verkehrswege stossen, kommt es zu Kollisionen. Gemäss Schweizerischem Versicherungsverband kollidiert jede Stunde ein Auto mit einem Reh, jährlich werden auf den Strassen mindestens 20 000 Wildtiere getötet. Rehe sind gross genug, dass ein Unfall auch für den Menschen gefährlich enden kann: Pro Jahr werden etwa 60 Personen zum Teil schwer verletzt. Zudem entstehen Sachschäden von rund 25 Millionen Franken. Intakte Wildtierkorridore könnten Kosten und viel Leid verhindern.

180 Kilometer – und keine sichere Passage

Die gesamtschweizerische Bilanz ist jedoch beklemmend: Von den 303 wichtigsten Wildtierkorridoren sind nur noch 85 intakt. Es gilt, deren guten Zustand zu unterstützen, etwa raumplanerisch: In diesen Gebieten dürfen keine neuen Bauzonen festgelegt werden.

171 Korridore gelten als beeinträchtigt. Um das Habitat zu wechseln, müssen die Tiere mehrere Hundert Meter landwirtschaftliches Kulturland ohne grösseres Gehölz oder Hecken queren; oft beschränken stark befahrene Strassen oder Flüsse mit künstlichen Steilufern die Mobilität der Tiere zusätzlich. 47 Korridore schliesslich sind weitgehend unterbrochen. Die Wildwechsel praktisch unmöglich – Siedlungen, Autobahnen und stark befahrene Eisenbahnlinien fordern einen hohen Blut zoll. Im Mittelland ist die Lage besonders prekär: 86 Prozent aller Passagen sind unterbrochen oder beeinträchtigt.

Wie schwierig die Situation für das Wild geworden ist, zeigt die Übersichtskarte der SGW: Auf der Strecke Reichenau- Chur-Walensee-Linthebene-Zürichsee-Baden-Olten gibt es auf 180 Kilometern für grössere Wildtiere praktisch kein sicheres Durchkommen. Im Jura hingegen ist parallel zu den Bergrücken ein weitgehend intaktes Vernetzungssystem erhalten geblieben. Besonders wichtig ist dort die Bewegungsachse entlang der Jurafusskette von La Dôle bis zum Weissenstein. Sie dient Wildschwein, Fuchs, Luchs und Reh als Eurowanderweg von den Alpen in die Vogesen und den Schwarzwald. Kann die restliche Schweiz und insbesondere das Mittelland seinen Ureinwohnern je wieder solche Wanderungen ermöglichen? Ausufernde Siedlungen, mehr als 5000 Kilometer Bahnlinie und 140 000 Kilometer Strassen – es scheint hoffnungslos.

Von den 303 überregionalen Wildtierkorridoren können 78 nur noch mit speziell konzipierten Wildtierpassagen funktionieren. 51 sollen gemäss dem Eidgenössischen Department für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation wiederhergestellt werden; die meisten im Zuge von grösseren Autobahnsanierungen. Für die Kosten kommt mehrheitlich der Bund auf, einen kleinen Beitrag übernehmen die Kantone. Wildtierpassagen gehen mit durchschnittlich rund fünf Millionen Franken zu Buche.

Genetisch verarmte Rehpopulationen

Die Sanierung des Waldgürtels Suret zwischen Rohr und Rupperswil im Kanton Aargau sei für die Schweiz absolut erstrangig, so Müri. Der Suret ist gesamtschweizerisch eines der wichtigsten Nadelöhre. Im Siedlungsgürtel zwischen Linthebene und Olten ist der Suret die einzige bewaldete zirka 300 Meter breite Lücke. Und er ist die einzige vollständig wiederherstellbare Bewegungsachse zwischen Deutschland und den Alpen. Heute ist diese Jahrtausende alte Wanderachse voller tödlicher Hindernisse: Autobahn A1, Aaretalstrasse, die Kantonsstrassen zwischen Rohr und Rupperswil und Suhr und Hunzenschwil sowie die vierspurige SBB Linie Rupperswil – Aarau und die einspurige Linie Hunzenschwil-Suhr. Mit seiner Mehrfachbarriere ist der Suret eine Herausforderung für die Planer. Thomas Gremminger, Projektleiter Wildtierkorridore Aargau, sagt: «Wir müssen mit mehreren Bauwerken planen, dabei sind verschiedene Behörden und Landbesitzer involviert.» Das macht die Sache schwierig und langwierig – selbst innerhalb der Verwaltung gibt es Zielkonflikte.

Der Wildtierbiologe gibt zu bedenken, dass im Suret zwischen den Verkehrswegen vier isolierte, genetisch verarmte Rehpopulationen leben, sogenannte Inselpopulationen. «Inzuchterscheinungen sind eine Frage der Zeit. Das Ausrottungsrisiko ist gross», sagt Thiel. Die ganze Artenvielfalt sei stark bedroht durch Lebensraumverlust und -zerschneidung. So sei etwa der Feldhase vielerorts bereits ausgestorben. Thiel fordert deshalb eindringlich Leitstrukturen für die Tiere, inklusive Grünbrücken und Unterführungen. «Nach den vielen Jahren der politischen Diskussion müssen die Wildtierkorridore jetzt endlich verwirklicht werden.» Es ist höchste Zeit für eine faire Neuregelung des Verkehrskonflikts zwischen den vierbeinigen und den vierräderigen Bewohnern unseres Landes.

Fotos: Biosphoto, fotolia.com, -konny / flickr / cc, kalbara87 / flickr / cc

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