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Schlauer Bauer

Kategorie: Natur
 Ausgabe 12 - 2010 - 01.12.2010

Text:  Andreas Krebs

Mit Naturschutz liesse sich in der Landwirtschaft gutes Geld verdienen. Doch erst wenige Bauern setzen auf Artenvielfalt als Betriebszweig – die meisten wollen lieber produzieren.

Man kann auf jedem Stück Land etwas für die Natur machen, man muss einfach damit anfangen», sagt Thomas Baumann. Der Agronom bewirtschaftet im aargauischen Suhr, mitten im Agglomerationsbrei, einen Biobetrieb. Seine Produkte verkauft er fast ausschliesslich im Direktvertrieb: Gemüse, Brot, Most und den Käse seiner 25 Milchgeissen – ein Zustupf allerdings. Denn 70 Prozent seines Einkommens stammen aus ökologischen Direktzahlungen. Dafür pflegt Baumann auf rund 21 Hektaren seines Betriebes ökologische Ausgleichsflächen.

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Da sind Hochstammobstbäume auf einer steilen, wieder artenreichen Blumenwiese, Brennnesseln entlang der Wege; unten in der Ebene Hecken und Brachflächen in Äckern – Oasen für viele Tiere – und zwei schöne, glückliche Schweine, die ein Plätzchen direkt an der Suhle schon komplett umgewühlt haben. Das sei eines der erfolgreichsten Kreuzkrötenprojekte, verkündet Baumann stolz: «Die Säue machen das grossartig. Grabend und wühlend halten sie die Fläche frei, so entstehen Tümpel für Kreuzkröten, Unken und andere Pioniere.»

Viel Geld für wenig Leistung

Durch das Lichten des Waldes am steilen Hang ist der Schachbrettfalter wieder aufgetaucht. Schleiereule und Turmfalke sind zurückgekehrt. Der Neuntöter brütet wieder, nachdem er sich 50 Jahre lang nicht gezeigt hat in der Region – für ihn sind Büsche im offenen Feld lebenswichtig, weil er dort seine Jungen aufzieht. «Ohne Direktzahlungen könnte ich all das nicht machen», sagt Baumann und blickt vom Hügel ins Tal auf seine Felder: ein Mix aus Landwirtschaft und Naherholungsgebiet. «Das sind wichtige Orte im städtischen Leben», sagt er. «Sie bringen Ruhe ins hektische Leben der Menschen. Und sie sind existenziell für die Entwicklung der Kinder. In unserer dichter werdenden Landschaft werden solche Räume immer wichtiger», ist er überzeugt.

Viele Bauern tun sich schwer mit den Betriebszweigen Naturschutz und Landschaftspflege. Ein psychologisches Problem, meint Markus Jenny, Spezialist für Agrarökologie bei der Vogelwarte Sempach: «Viele Bauern sehen sich als Produzenten und nicht als Buntbrachenpfleger.» Das Naturverständnis sei den Bauern abhanden gekommen. «Sie lernten nur, produktiver zu sein, die Natur wurde dabei völlig vernachlässigt. Da gibt es ein gewaltiges Defizit», sagt Jenny.

Der Konsument entscheidet mit

Eine Landwirtschaft mit vielen Tieren kann nicht ökologisch sein. Denn heute stecken in jeder bei uns produzierten Nahrungsmittelkalorie 2,5 Energiekalorien – vor allem fossile, importierte Energie für Treibstoffe, Dünger und Kraftfutter. «Wir haben zu viele Tiere», sagt Jenny. «All diese Tiere in all den Mastanlagen fräsen vor allem Kraftfutter aus dem Ausland, wo teilweise Menschen hungerten, weil statt für ihr Brot für den Trog unserer Schweine produziert werde. «Diesem Problem muss sich die Gesellschaft stellen», sagt Jenny. «Wollen wir diesen Kreislauf aufrechterhalten oder zeigen wir uns solidarisch?» Nicht nur die Bauern, sondern vor allem auch die Konsumenten müssten also umdenken und ihre Essgewohnheiten anpassen. Es gilt, weniger tierisches Eiweiss zu konsumieren.

Eine auf Selbstversorgung der Schweiz ausgerichtete, produzierende Landwirtschaft stehe keineswegs im Widerspruch zu den ökologischen Zielsetzungen des landwirtschaftlichen Verfassungsauftrags – ganz im Gegenteil, sagt Andreas Bosshard, Agrarökologe und Geschäftsführer von Vision Landwirtschaft. Der Verein setzt sich für eine nachhaltige Landwirtschaft ein, welche die natürlichen Ressourcen wie lebendige Böden und eine hohe Artenvielfalt pflegt und nutzt. «Eine solche Landwirtschaft arbeitet insgesamt extensiver als unsere heutige, weist eine deutlich bessere Energiebilanz auf, verursacht weniger Umweltschäden, bietet grösseren Artenvielfalt Lebensraum und ernährt aus dem eigenen Boden mehr Menschen, so Bosshard. Die Bauern seien auf eine entsprechende Agrarpolitik ebenso angewiesen wie auf eine Allianz mit den Konsumenten. Die müssten bereit sein, die hochwertigen Produkte aus Schweizer Produktion zu fairen Preisen zu kaufen. «Die Konsumenten bestimmen mit ihrem Kaufverhalten, was, wo und wie nachhaltig produziert wird. Unsere Bauern werden sich mit Sicherheit danach richten.»

Produktion und Ökologie

«Fürs Nichtstun wird es kein Geld geben», nimmt Jenny Kritikern den Wind aus den Segeln. Der Betriebszweig Ökoausgleich sei ebenso anspruchsvoll wie die Produktion von Milch oder Ackerfrüchten. «Den Liegestuhl in die Blüemliwiese stellen, reicht nicht», stimmt Hans Rüssli vom Schweizerischen Bauernverband zu. Er findet die Pflege der Landschaft ebenfalls wichtig. Aber: «Die Erträge vom Markt sind zuverlässiger als Direktzahlungen. Wir brauchen eine produzierende Landwirtschaft», sagt Rüssli.

Biobauer Baumann zeigt auf einen grossen Hof auf der gegenüberliegenden Talseite: «Ist mit produzierender Landwirtschaft das gemeint?» Der mache nur noch zwei grosse Felder Viehfutter, einfach zu bewirtschaftende Intensivkultur, herzinfarktmässig. «Für Mensch und Natur völlig nutzlos, man könnte die Fläche ebenso gut teeren» sagt Baumann. Die Überschüsse produzierende Landwirtschaft sei auf dem Irrweg, glaubt er und widerlegt Rüsslis Argumentation: «Bei Gemüse, Obst und Getreide ist der Ertrag nicht jedes Jahr gut, ausserdem schwanken die Preise. Für Ökoflächen hingegen gibt es Sechsjahresverträge und ab dem ersten Jahr das volle Einkommen. Das bietet kein anderer Betriebszweig.»

Keinesfalls aber müssten sich die Bauern zu reinen Naturschützern und Landschaftsgärtnern entwickeln, so Baumann. «Meine Vision ist eine Landwirtschaft, bei der hochwertige Produkte und Ökologie gleichgestellt sind. In der Agglomeration kann sie die Aufgabe eines Stadtparks übernehmen, aus dem weiterhin landwirtschaftliche Produkte kommen, die man vor Ort verarbeitet, veredelt und verkauft.» Dass Nahrungsmittelproduktion und Landschaftspflege Hand in Hand gehen, beweist er auch mit seinem Karpfenteich, den er neu angelegt hat – eine Nischenproduktion und eine Oase für Tiere und Pflanzen in der Agglomeration. «Wasser ist ein Magnet für die Natur», sagt er, «und ich
produziere darin naturnah Karpfen – wir essen ja immer mehr Fisch.»

Fotos: René Berner, mediacolors, Maurice / flickr / cc

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