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Mythische Bolle di Magadino

Kategorie: Natur
 Ausgabe 12 - 2010 - 01.12.2010

Text:  Elmar Good

Das Naturschutzgebiet Bolle di Magadino im Mündungsgebiet von Ticino und Verzasca hat auch keltisches Erbe zu bieten.

Die vom Schalensteinexperten Franco Binda in seinem Buch erwähnten Schalensteine auf dem Hügel bei Ragno sind nicht leicht zu finden, obwohl es sich um vier Gletscherschliffplatten aus Gneis handelt, von denen die grösste 5 mal 2 Meter misst und die unglaubliche Anzahl von 128 Schalen mit einem Durchmesser zwischen 3 und 20 Zentimetern aufweisen soll. Direkt am Wegrand allerdings liegt ein prächtiger und leicht zu findender Stein, der mit aussergewöhnlich schönen Schalen verziert ist. Die anderen Schalensteine sind auf der gegenüberliegenden Wiese verstreut und, obwohl sie erstaunlich grosse Schalen aufweisen, nicht leicht zu finden, weil sie mit ihrer abgeplatteten Oberfläche nur wenig über das Gras hinausragen. Ausserdem liegen sie auf Privatgrund und wurden, als wir sie besuchten, als Unterlage für die Misthaufen einer Eselweide missbraucht. Was würden die keltischen Vorfahren wohl zum Verhalten ihrer Nachfahren sagen?

Prähistorischer Kultplatz

Das Vorhandensein von gleich mehreren Schalensteinen in einzigartiger Lage über dem See lässt an diesem Ort einen prähistorischen Kultplatz vermuten. Die Aussicht über den Lago Maggiore mit dem Ghiridone im Hintergrund ist bemerkenswert. Die Bewohner von Magadino werden manchmal von ihren Nachbarn aus Ascona und Locarno verspottet, wenn etwa über sie gesagt wird, bei ihnen scheine weder im Sommer die Sonne, noch leuchte im Winter der Mond. In der Naturphilosophie spricht man bei solchen Bedingungen von der «Sonne um Mitternacht». Das gelbe Licht der verborgenen Sonne mischt sich mit dem tiefen Blau des Weltraums und lässt ein ruhevolles, mystisches Grün entstehen. Vielleicht eignete sich gerade deshalb die nach Norden ausgerichtete Waldlichtung mit Blick auf den See als prähistorischer Kult- und Opferplatz. Auch die optische Verbindung zu Kultorten am gegenüberliegenden Seeufer lässt dies vermuten.

Von Ragno aus lässt sich erahnen, welche Bedeutung der Lago Maggiore bereits für die Schifffahrt in der Zeit der Kelten und Römer hatte. Lokale Wetterexperten unterscheiden bis acht verschiedene Winde oder Windrichtungen auf dem See. Diese wirken sich unterschiedlich auf den Wellengang aus, was von der Schifffahrt beachtet werden muss. Am meisten gefürchtet ist der Marenca-Wind. Wenn sich das schlechte Wetter aus dem italienischen Valcuvia in seltenen Fällen bis zur Ticinomündung auswirkt, kommt dieser von der Schifffahrt gefürchtete Wind auf. Die Bezeichnung Marenca soll sich auf die hohen und langen Wellen beziehen, wie sie sonst im Allgemeinen nur von Meeresküsten bekannt sind.

Der Hafen von Magadino ist wie kein anderer Ort im Tessin mit den Gottheiten des Windes und des Wassers verbunden. In der mythologischen Vorstellung ist das weite Meer der Körper des Meeresgottes, etwa des griechischen Poseidon oder des römischen Neptun, und sein Bewusstsein ist auf feinstoffliche Weise selbst im kleinsten Wassertropfen enthalten. Das Attribut des griechischen Meeresgottes Poseidon ist der magische Dreizack. Die drei Zacken symbolisieren die materiellen Leiden der Lebewesen, die sie nach Möglichkeit zu vermeiden suchen. Es sind die Leiden, die durch andere Lebewesen verursacht werden, die im eigenen Geist und Körper entstehen oder die wie Erdbeben und Überschwemmungen von Mutter Erde verursacht werden. Wenn sich die Erdgöttin durch das Verhalten der Menschen respektlos behandelt oder beleidigt fühlt, kann sie ihre Energien zurückziehen, was eine Verknappung der Bodenschätze zur Folge hat; sie kann aber auch das Klima verändern, die Temperatur ansteigen lassen oder das Land überfluten. Was sich für die Lebewesen verheerend auswirkt, ist aus ihrer Sicht ein natürlicher Reinigungsvorgang. Wer nicht hören will, muss fühlen.

Natur und Mystik
Von der Postautohaltestelle Magadino gehen wir Richtung Hafen, bis wir die Strassenkreuzung mit dem Wegweiser erreichen. Wir folgen der Strasse, die zur Kirche San Carlo hinaufführt, und von dort auf dem Sentiero molina weiter aufwärts bis zur grossen Waldlichtung von Ragno. Anstatt geradeaus weiterzugehen, biegen wir hier rechts ab und bleiben auf dem Fussweg, bis wir nach wenigen Metern auf die erste Felsplatte mit Schalen treffen. Die anderen Steine liegen verstreut in der Wiese eines Privatgrundstücks und können deshalb nicht besichtigt werden. Auf dem gleichen Weg, wie wir gekommen sind, gehen wir zum Hafen von Magadino zurück.

Für die Rundwanderung durch das Naturschutzgebiet folgen wir bei der Hafenanlage von Magadino dem Wegweiser Sentiero Magadino, am Bootshafen vorbei und einer Dauerausstellung von Steinskulpturen entlang bis zur kleinen Schiffswerft. Dort biegen wir links ab und gelangen auf dem Schutzdamm ins Naturschutzgebiet Bolle di Magadino. Hier beginnt der Naturlehrpfad (Informationstafel am Wegrand). Wie mit dem Lineal gezogen, verläuft der Wanderweg bis ans Ufer des Ticino. In der Gegend von Lischedo biegt links ein kleiner Pfad zu einem erhöhten Naturbeobachtungsposten ab. Danach gehen wir weiter bis zum Ticinokanal, dort biegen wir links ab und gehen dem Flusslauf entlang Richtung See, wobei wir nicht ganz bis an die Spitze der Boletto-Halbinsel gelangen. Auf halbem Weg dorthin führt ein Pfad zu einer weiteren Beobachtungsplattform. Auf dem gleichen Weg kehren wir zurück ins Zentrum von Magadino.

Refugium für seltene Arten

Vielleicht deshalb und um besser mit ihnen kommunizieren zu können, haben die Menschen seit Urzeiten die Naturkräfte personifiziert, sich mit Dank und Bitte an sie gewandt und ihnen Opfer dargebracht. Alte keltische Opferplätze sind nicht nur ihrer Lage, sondern auch der dort durchgeführten Zeremonien wegen Orte der Kraft. Die einfachste Art und Weise, der Landschaftsgottheit ein Opfer anzubieten, ist, es in freier Natur in eine Schale zu legen. Auch die Schalensteine von Ragno kann man in diesem Sinne als prähistorische Opfergefässe deuten.

Der nordische Windgott wird von Odin oder Wotan verkörpert. Er ist im Alpenraum als Anführer des Wüetisheers, als Schicksalsgott, Schamane, Heiler, Zauberer und Magier bekannt. In der Natur erscheint er als Sturmgott, in der Psychologie als Urkraft, und den Schamanen schenkt er Inspiration und Exstase. Er gilt als klug, weise und gelehrt, was ihn nicht daran hindert, zuweilen eine List anzuwenden, um sein Ziel zu erreichen. Die drei wichtigsten Ereignisse seines Mythos sind sein Selbstopfer am Weltenbaum, sein Besuch beim Orakelbrunnen der Weisheit und der Raub des Unsterblichkeitstranks, den er an die Bewohner der himmlischen Planeten verteilte. Doch nicht nur Engel, sondern auch ihre Widersacher wollten von diesem ambrosischen Nektar kosten, der den ewigen Genuss paradiesischer Zustände in einem immer jungen Körper versprach.

Das Ticino- und Verzascadelta wird im Bundesinventar der Landschaften von nationaler Bedeutung als eine der letzten unverbauten grossen Flussmündungen in der Schweiz beschrieben. Die beiden heute noch getrennten Naturschutzgebiete zu beiden Seiten des Deltas sollen in Zukunft mit einem durchgehenden Wanderweg verbunden werden. Dann wird man von Locarno ungehindert dem See entlang bis nach Magadino spazieren können.

Das unberührte Schilfgebiet an den Ufern des Lago Maggiore ermöglicht eine einzigartige Wasser- und Sumpfvegetation und eine ausserordentliche Flora. Das seit 1977 als Naturschutzgebiet ausgewiesene Gebiet ist ein Refugium für Amphibien, Fische und seltene Vogelarten und hat auch grosse Bedeutung als Rastplatz der Zugvögel, bevor sie zum Flug über die Alpen ansetzen. Der heute selten gewordene Kuckuck, dessen Ruf als Frühlingsbote gilt, findet hier von Ende März bis Anfang September eine Heimat. Doch auch hier macht sich die Erderwärmung bemerkbar: Die Insektenraupen, die den Zugvögeln und ihrem Nachwuchs als Nahrung dienen, schlüpfen bereits zwei Wochen früher als sonst. Daher müssen nun auch die Vögel ihre Jungen zwei Wochen früher auf die Welt bringen. Und damit verschieben sich sowohl die Ankunft als auch der Abflug dieser Himmelsboten.

Die Vogelbeobachtung war seit der Keltenzeit sehr beliebt. Was würden wohl die im Vogelorakel bewanderten Druiden dazu sagen? Was würde ihnen das Verhalten der Vögel mitteilen und wie würden sie darauf reagieren?

Im Zeichen des grünen Kreuzes

Die in den Bolle di Magadino vorherrschende Farbe ist das geheimnisvolle Grün, das je nach Perspektive und Spiegelung durch den Übergang von Erde und Wasser, von See und Festland ein ganzes Spektrum von Schattierungen entfaltet. In der Naturphilosophie ist die Farbe Grün mit Pflanzenwelt, Medizin und Heilung verbunden. Schamanen glauben, dass die Wirksamkeit einer Medizin von der energetischen, in der lebendigen Pflanze enthaltenen Feenkraft abhängt. Diese feinstoffliche Kraft geht von der Seele der Pflanze aus, die dem Bewusstsein der Fee entspricht. Ihre Energie ist mittels Resonanz in den Molekülen der Pflanze gespeichert. Wenn wir also eine Medizin herstellen, sollten wir darauf achten, diese feinstoffliche Information der Pflanzenicht zu verlieren. Im Lexikon der modernen Symbolik wirbt der Berufsstand der Apotheker – Zufall oder nicht – mit dem grünen Kreuz der Heiler. Will er sich damit auf keltische oder druidische Ärzte berufen?

Ein Aufenthalt im Naturschutzgebiet der Bolle di Magadino kann unsere Lebenslust wecken, die Lebenskraft stimulieren und das Herzchakra öffnen, indem wir mit der grünen Kraft oder Mutter Erde in eine harmonische Beziehung treten. C. G. Jung, der bekannte Schweizer Psychiater und Psychoanalytiker, ordnete der Farbe Grün die nördliche Himmelsrichtung und den allumfassenden Wissensaspekt des Buddha Amoghasiddhi zu. Dieser ist für die Welt der Titanen zuständig; er wird, von der Grossen Mutter umarmt, auf einem gefl ügelten Donnervogelthron dargestellt. In seiner rechten Hand hält er einen doppelten Donnerkeil, der dem Schwert des Wissens entsprechend die Unwissenheit vertreibt, so wie die aufgehende Sonne die Dunkelheit der Nacht beendet.

Die Magadinoebene ist auch als «Gewächshaus» des Tessins bekannt. Glücklicherweise blieb das unmittelbare Mündungsgebiet mit dem Naturschutzgebiet davon verschont. Bis zu seiner Kanalisation vor rund 80 Jahren brachte sowohl der Ticino als auch die bis in die 60erJahre unverbaute Verzasca viel klares und nährstoffarmes Wasser, aber auch eine grosse Menge Kies und Geröll ins Delta. Dies machte sich das Kieswerk Magadino zunutze; heute hat es seinen Betrieb eingestellt, die Gebäude werden abgerissen und das Gelände soll renaturiert werden. Mit dem Bau der Staumauer von Vogorno wurde die Verzasca ruhiggestellt, und heute fliessen nur noch Restwassermengen im beinahe trockengelegten Flussbett durch die Bolle di Magadino in den Lago Maggiore.

Das Buch «Magisches Tessin – Wanderungen zu Orten der Kraft» ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.

Bolle di Magadino
Anreise Von Cadenazzo mit dem Postauto bis Magadino.
Magadino Post (200 m ü. M.) – Ragno (Schalensteine 330 m ü. M.) – Magadino Porto (199 m ü. M.): ½ Stunden.
Magadino Porto – Lischedo (197 m ü. M.) – Bolette – Lischedo – Magadino: 1½ Stunden.
Gesamtwanderzeit: 2 Std.
Rückreise
Von Magadino Post mit dem Postauto nach Cadenazzo oder von Magadino Imbarcadero mit dem Schiff nach Locarno.
Landeskarte 1:25 000, 1313 Bellinzona
Information www.bolledimagadino.ch oder www.ticino.ch

Fotos: swss-image.ch/Roland Gerth

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