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Die Rückkehr der Lachse

Kategorie: Natur
 Ausgabe 11 - 2010 - 05.11.2010

Text:  Andres Jordi

Der Lachs soll in der Schweiz wieder heimisch werden. Noch versperren ihm auf seiner Wanderung von der Nordsee flussaufwärts aber verschiedene Hindernisse den Weg.

Man arbeitet konzentriert in der Halle der ehemaligen kaiserlichen Fischzucht im elsässischen St. Louis. Routiniert nimmt Jean-Martin Fierz den nächsten Junglachs in die Hand, hält ihn Kopf voran an die Mündung des Markierungsapparats und betätigt den Auslösemechanismus. Eine feine Nadel schnellt heraus und schiesst dem Tier ein winziges Metallplättchen in den Kopf. «Das ist für den Lachs absolut schmerzlos», versichert Fierz. «Die Nadel dringt nur in die Fettschicht, zudem ist der Fisch betäubt.» Mit der auf dem Plättchen eingravierten Nummer lassen sich in Freiheit entlassene Tiere später wieder identifizieren.

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Rund 10 000 Fische seien auf diese Weise zu kennzeichnen, sagt Hans-Peter Jermann, kantonaler Fischereiaufseher des Kantons Basel-Stadt, während er mit einem Netz einen Schwarm Lachse aus dem Bassin fischt und in einen kleineren Behälter schüttet. «Das Wasser enthält Nelkenöl», erklärt er, «das wirkt narkotisierend.» Und tatsächlich verwandeln sich die Zappelphilippe binnen Sekunden in apathische Attrappen.

Rückkehr bis 2020

Die Markierungsaktion in der Petite Camargue Alsacienne findet im Rahmen des Wiederansiedlungsprojektes «Lachs 2020» der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) statt. Die Organisation, der alle Rheinanliegerstaaten angehören, setzt sich für die Rückkehr des Atlantischen Lachses und der anderen ursprünglich im Rhein heimischen Wanderfische wie Meerforelle, Maifisch, Meerneunauge oder Stör ein. Das Ziel der IKSR ist es, dass bis 2020 wieder sich selbst erhaltende Wildlachspopulationen im Rhein und dessen Einzugsgebiet leben. Der bis zu eineinhalb Meter lange Wanderfisch kam in der Schweiz ursprünglich bis weit in die Gewässersysteme der Thur und der Aare vor. Bis in die 1920er-Jahre galt er als wichtiger «Brotfisch» der Hochrheinfischerei. Die zunehmend schlechtere Wasserqualität setzte dem sensiblen Langstreckenschwimmer jedoch zu, durch Flussbegradigungen und -kanalisierungen wurden die Laichgebiete und Lebensräume für Jungfische zerstört, und der Bau von Wasserkraftwerken unterband die Rückwanderung der geschlechtsreifen Tiere von der Nordsee. Bereits seit 1930 ist er deshalb aus den Schweizer Gewässern verschwunden und gilt als ausgestorben.

Seither hat sich vieles zum Guten gewendet. «Nach dem Chemieunfall bei Sandoz 1987 in Schweizerhalle realisierte man, dass bezüglich Gewässerschutz etwas geschehen musste», sagt Andreas Knutti, der beim WWF Schweiz für das Projekt «Lachs come back» verantwortlich ist. «Der Lachs wurde zur Galionsà gur dieses Gesinnungswandels.» So haben das Bundesamt für Umwelt (Bafu) und die Kantone Basel-Stadt, Basel-Landschaft und Aargau zusammen mit den Fischereiverbänden und Naturschutzorganisationen in den letzten Jahren grosse Anstrengungen unternommen, um den Lachs in der Schweiz wieder anzusiedeln und seinen Lebensraum aufzuwerten.

Fische aussetzen

Dank verbesserter Kläranlagen konnte die Wasserqualität inzwischen etwa erheblich verbessert werden. Fischtreppen ermöglichen es den Lachsen vielerorts, auch Kraftwerke zu überwinden. Laut IKSR können Lachse und andere Wanderfische seit 2006 von der Nordsee her Strassburg wieder erreichen. «In der Schweiz sind die Aufstiegshilfen aber oft zu klein oder mangelhaft konzipiert, sodass die Fische den Einstieg gar nicht finden», relativiert Knutti.

Als weitere Massnahme hat man in der Schweiz seit 1984 laut Bafu über 300 000 Junglachse ausgesetzt. «Damit will man die Bestände stützen, bis sich die Fische eines Tages wieder selbstständig vermehren können», sagt Knutti. Der erste Besatz im Jahr 2010 fand im Frühling statt, wo in verschiedenen Bächen und kleineren Flüssen im Einzugsgebiet des Schweizer Rheins wenige Wochen alte Jungtiere, sogenannte Brütlinge, ausgesetzt wurden.

Derweil bereiten die Lachsmarkierer in St. Louis knapp halbjährige Sömmerlinge für den Herbstbesatz im Aargau und im Kanton Basel-Stadt vor. «Idealerweise entlässt man die jungen Lachse möglichst früh in die Natur», sagt Jermann. «Doch für die Markierung müssen sie 12, 13 Zentimeter gross sein.» Nachdem Jean-Martin Fierz einem Lachs die Marke gesetzt hat, reicht er ihn einem Kollegen weiter, der dem Fisch mit Schere und sicherem Schnitt die Fettflosse abtrennt – was laut Jermann für das Tier ebenso problemlos ist wie Markierung zuvor. «Mit dem Fettflossenschnitt kennzeichnen wir die Lachse äusserlich, sodass man sie später bei einem Fang sofort als markiert erkennt», sagt er.

Die Markierung dient der Erfolgskontrolle des Besatzes. Bis 2008 waren es laut IKSR über 5000 erwachsene Lachse, die in den Rhein und seine Neben Flüsse aufgestiegen sind, um sich dort fortzupzupflanzen. In mehreren Seitengewässern vermehrten sich die Lachse sogar wieder natürlich, so die IKSR.

Soweit ist es in der Schweiz noch nicht. «Das Kraftwerk Kembs nördlich von Ba sel und drei weitere französische Kraftwerke stellen für den Lachs zurzeit noch praktisch unüberwindbare Hindernisse dar», sagt Knutti. Immerhin hätte der Kraftwerkbetreiber Électricité de France konkrete Vorschläge gemacht, das Problem bis 2015 zu beheben.

Spiessrutenlauf

Doch vor allem der Abstieg ist für die jungen Lachse ein Spiessrutenlauf. Auf ihrer Wanderung zur Nordsee orientieren sich die Tiere an der Hauptströmung des Flusses. Fehlt eine gut auffindbare Strömung übers Wehr oder eines Umgehungsgewässers, werden sie durch die Turbinen getrieben, was etliche mit dem Tod bezahlen. «Erfahrungen aus Sachsen-Anhalt zeigen, dass schräg gestellte Feinrechen, welche die Fische um die Turbinen herum in einen Bypass leiten, das Problem entschärfen könnten», so Knutti. Heute seien aber noch keine Kraftwerke entsprechend ausgerüstet.

Schaffen es die Lachse dereinst in die Nordsee und wieder zurück in helvetische Gewässer, benötigen sie für die Fortpflanzung und die Jungtiere für die ersten ein bis zwei Jahre ihrer Existenz geeignete Lebensbedingungen. «Lachse brauchen Kies zum Laichen und kühles, fliessendes Wasser», erklärt Knutti. Solche naturnahen Flusslandschaften sind in der Schweiz jedoch rar geworden. Viele Flüsse wurden begradigt und verbaut. Laut dem Bericht «Strukturen der Fliessgewässer in der Schweiz» vom Bafu aus dem Jahr 2009 sind rund 14 000 Gewässerkilometer hierzulande stark beeinträchtigt, naturfremd oder eingedolt.

Erste, in den vergangenen Jahren realisierte oder angelaufene Flussrevitalisierungsprojekte zeigen, wo es in Zukunft hingehen muss, will man dem Lachs wieder ein Zuhause bieten. «Lebendige und dynamische Flüsse bieten auch vielen anderen Arten Lebensraum», sagt Knutti. «Und die Bevölkerung schätzt sie als Naherholungsräume, wie man an bereits renaturierten Flussabschnitten etwa der Aare bei Rubigen (BE) sehen kann.» Zurzeit stehe den Flüssen aber noch eindeutig zu wenig Raum zur Verfügung, konstatiert er und ortet auch bei den aufgewendeten Finanzen ein Defizit. Dies könnte sich jedoch mit der vom Bundesrat beschlossenen Änderung des Gewässerschutzgesetzes schon bald ändern. Was den Lachs betrifft, ist Knutti auf jeden Fall zuversichtlich: «Geld und Wille sind vorhanden, sodass ich optimistisch bin, dass 2020 wieder Lachse im Schweizer Rhein und sogar in der Aare schwimmen werden.»

In der kaiserlichen Fischzucht zu St. Louis haben die Junglachse das Markierungsprozedere inzwischen schadlos überstanden und schwimmen wieder munter in ihrem Becken. «In den nächsten Wochen werden wir die Sömmerlinge aussetzen», sagt Jermann. Und wer weiss, vielleicht schafft es der Eine oder Andere von ihnen in einigen Jahren sogar zurück an seinen Geburtsort. Erkennen würden sie die Fachleute auf jeden Fall.

Fotos: zvg, ajo, WWF

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