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Erleuchtung

Kategorie: Natur
 Ausgabe 11 - 2010 - 05.11.2010

Text:  David Coulin

Zurzeit leuchtet die Natur im Unterengadin in feurigsten Farben. Doch eine Herbstwanderung lohnt sich in dieser Gegend auch wegen der malerischen Dörfer wie Guarda oder Vnà.

Verborgen liegt das Unterengadin im südostlichen Zipfel unseres Landes – aber seit dem Bau des Vereinatunnels nicht mehr abgelegen. Im 20-Minuten-Takt fahren Autozüge durch den mit 19,06 Kilometern längsten Meterspurtunnel der Welt. Die 800-Millionen-Franken-Investition hat sich gelohnt: Die «Unterländer», wie man hier den Bewohnern des Schweizer Mittellandes sagt, haben das Thermalbad Scuol als Tagesziel entdeckt, und endlich ist man mit Zug und Postauto von Kloten schneller im Val Müstair hinter dem Ofenpass als mit dem Flugzeug in Neu-Delhi.

Diese neue touristische Lebensader ist hochwillkommen in einem Gebiet, dem trotz seiner herben Schönheit ein steifer Wind ins Gesicht bläst. Die Tourismusangebote sind im nahen Österreich sehr viel billiger, und die Arbeitskräfte von ennet der Grenze drücken auf die Löhne. Viele Dörfer haben gegen die Abwanderung und den Rückbau des Service public zu kämpfen. Die Hälfte der gut 100 schönen Engadinerhäuser in Vnà am Eingang des Val Sinestra steht leer. Das Dorf hat noch 63 Einwohner, und die Zahl der Schulkinder kann man an den Fingern zweier Hände abzählen. Aber auch Guarda, durch die Geschichte des Schellenursli bekannt geworden und im Gegensatz zu anderen Unterengadiner Dörfern wie Susch, Lavin oder Tschlin von einer Feuersbrunst verschont geblieben, sorgt sich um seine Einwohnerzahl. Immer mehr Häuser werden teuer an wohlhabende Fremde verkauft, die sie als Ferienresidenzen benutzen. Die Preise sind mittlerweile so hoch, dass sich viele Einheimische ein Haus kaum mehr leisten können. Immerhin zählt die Gemeinde dank Zuzügern aus dem Unterland wieder rund 200 Einwohner. Trotzdem musste die Dorfschule im Jahr 2004 schliessen.

Entflammte Lärchen

Der Wanderer merkt davon aber kaum etwas, sondern geniesst einen Streifzug von Lavin durch das beinahe museal erhaltene Dorf Guarda vorbei am hübschen Weiler Bos-cha und an den Schalensteinen Plattas da las strias bis nach Ardez, das dank seiner vorbildlich renovierten Bürgerhäuser unter Heimatschutz gestellt wurde. Es lohnt sich, mit dieser Etappe zuzuwarten, bis der Herbst ins Land gezogen ist. Ziemlich genau ab dem 20. Oktober ist an den Hängen des Unterengadins ein eindrückliches Naturschauspiel zu beobachten. Dann nämlich beginnen die Lärchen, wie von Geisterhand entfacht zu brennen. Nicht Dutzende, nicht Hunderte, nein, Tausende dieser grazilen Nadelbäume liegen in einem riesigen Flammenmeer. Die Farbe der Nadeln verschiebt sich von Grün zu einem zarten, dünnen Gelb, das im Licht der flachen Sonneneinstrahlung intensiv zu leuchten beginnt. Die Szenerie ist so unwirklich, dass die Unterengadiner immer wieder Gäste darüber aufklären müssen, dass es sich da um einen natürlichen Vorgang und nicht etwa um eine Folge des Waldsterbens handelt.

Früher in der Saison muss aufbrechen, wer die Täler erkunden will, die sich vom Unterengadin nördlich zu den Gipfelkränzen zwischen Silvretta und Muttler erstrecken. Bekannt als Eingangspforte zu den Eisriesen ist die Tuoihütte. Aber auch vom Berggasthof Zuort im hinteren Val Sinestra lassen sich interessante Bergwanderungen unternehmen, zum Beispiel zur Heidelberger Hütte, der einzigen aufSchweizer Territorium liegenden Berghütte des Deutschen Alpenvereins, oder über den Muttler ins zollfreie Samnaun.

Das Engadinerhaus
Auf Schritt und Tritt begegnen wir im Unterengadin den massigen Steinhäusern mit dem breiten Satteldach und dem grossen Haustor. Fenstereinfassungen, Torbogen und Hauskanten sind mit bildlichen oder geometrischen Ornamenten, sogenannten Sgraffiti, verziert. Wandernde Handwerker haben im 16. Jahrhundert die Sgraffito-Technik aus Italien eingeführt. Auffallend sind auch die kleinen, in die Mauer eingelassenen Fenster: je kleiner die Fenster, desto geringer der Wärmeverlust. Damit aber doch möglichst viel Licht in die Wohnräume eindringen kann, sind die Nischen nach aussen trichterförmig erweitert. Eigenartig ist zudem die Stellung der Engadinerhäuser zueinander. Sie drängen sich eng aneinander, obwohl dies für Bauern eigentlich unpraktisch ist. Wer aus dem Stubenfenster nicht genug vom Geschehen auf dem Platz mitbekommen hat, hat sich einen Erker in die Fassade gebaut. In einem einzigen Haus finden sich Wohnhaus, Vieh- und Heustall, Keller, Speicher und der gedeckte Hofplatz. Der Vorraum ist Abstellraum, Arbeitsraum, Speisesaal und Tanzboden zugleich.

Via Engiadina

Wer sich auf der Via Engiadina, die sich von Maloja bis zum Grenzdorf Vinadi erstreckt, von Sent kommend höherschraubt, wird plötzlich innehalten, sich die Augen reiben und fragen, was denn der wuchtige Jugendstilbau soll, der eingangs des Val Sinestra auf einem Felssporn zwischen den Tannen sichtbar wird. Der Grund liegt in  den einzigen arsenhaltigen Eisenquellen der Alpen, die hier entspringen und Anfang des 20. Jahrhunderts zur Behandlung der Syphilis geeignet erschienen. Ein Gesetz erlaubte allerdings ab 1914 den Verkauf von arsenhaltigem Wasser nur noch über Apotheken, und seither fliesst das Heilwasser ungenutzt in die Brancla. Was bleibt, ist das Kurhaus mit einem stilvoll möblierten Aufenthaltsraum, knarrenden Holzdielen und historischen Waschbecken, das heute ein beliebter Etappenort für Wanderer und Biker ist.

Das eigentliche Mekka für Badefreunde ist indes das Bogn Engiadina Scuol. Im Umkreis des ViaEngiadina Etappenortes Scuol entspringen 25 Mineralquellen. Neun davon sind derzeit gefasst und werden für Trinkund Badekuren genutzt. Verantwortlich für die Entstehung der vielen Heilquellen sind Erosionslücken in der Gneis und Granitschicht der ostalpinen Decke. Durch diese Lücken dringen Gase durch die ansonsten undurchlässigen Gesteinsschichten, verbinden sich mit dem Grundwasser und «verwandeln» es so in Heilwasser. Dieses kann an fünf öffentlichen Brunnen in Scuol gratis gekostet werden. Kleine Kupfertafeln weisen auf die Beschaffenheit des Wassers und auf die Namen der Quellen hin.

Die Geschichte der Via Engiadina ist aber auch die Geschichte der Fliessgewässer, die von den Gletschern der Silvrettagruppe herab die Täler Lavinuoz, Tuoi und Tasna beleben. Feuchtigkeit bestimmt die Wegqualität, während man in die Täler hineinfindet, und man wird eingenommen vom Rauschen der Bergbäche, die hinuntertosen und ihr Surren und Singen in die Arena der Talflanken hinaufschicken.

Streifzüge durchs Unterengadin
• Wanderung 1
Von Lavin nach Ardez
Charakter:
Einfache Wanderung durch lichte Lärchenwälder und vor allem durch Guarda hindurch. Prähistorische Schalensteine zwischen Bos-cha und Ardez.
Schwierigkeit: T1
Wanderzeit: 2½ Stunden
Höhendifferenz: Aufstieg 250 Meter, Abstieg 200 Meter
Route: Von Lavin über Chasas da Gonda nach Guarda. Weiter über Auasagna nach Bos-cha und von dort über Pradasura nach Ardez.
Varianten: Von Ardez führen unterschiedliche Wanderrouten – unter anderem der Engadiner Höhenweg – weiter nach Ftan und Scuol. Interessant ist es auch, auf die andere Talseite zu wechseln und über Aschèra nach Tarasp zu wandern (T1, 1½ Stunden). Dort lohnt sich der Besuch von Schloss Tarasp, eine der schönsten und imposantesten Burganlagen der Schweiz (www.schloss-tarasp.ch). In Vulpera bietet sich das Mineralwassermuseum für eine Besichtigung an.
• Wanderung 2
Auf dem Engadiner Höhenweg von Tschlin nach Sent
Charakter: Streifzug durch das touristisch (noch) unentdeckte Unterengadin.
Schwierigkeit: T1
Wanderzeit: 3½ bis 4 Stunden
Höhendifferenz: Aufstieg 250 Meter, Abstieg 350 Meter
Route: Von Tschlin (Postauto) über Chant Dadaint nach Vnà und weiter direkt zum Kurhaus Val Sinestra. Zuerst auf der Fahrstrasse, dann auf dem Wanderweg nach Sent.
Variante: Abstecher von Vnà zum Berggasthof Zuort (½ Stunde länger, im Winter Pferdekutschen ab Vnà).
• Wanderung 3
Chamanna TuoiCharakter: gemütliche Hüttenwanderung ab Guarda.
Schwierigkeit: T1
Wanderzeit: 2½ bis 3 Stunden
Höhendifferenz: 800 m
Route: Von Guarda über Clüs und Alp Suot im Val Tuoi zur Chamanna Tuoi.
Variante: Von der Chamanna Tuoi am besten nach einer Übernachtung über die Furcletta und die Alp Urezzas zur Alp Valmala. Von dort auf der Via Engiadina nach Ardez oder Scuol (T2 bis T3, 5 bis 6 Stunden).
• Ausgangspunkte
Folgende Orte bieten sich im Unterengadin als Ausgangspunkte an: Lavin (Telefon 081 862 26 40), Guarda (Telefon 081 862 23 42, www.guarda.ch), Ardez (Telefon 081 862 23 30, www.ardez.ch), Scuol (Telefon 081 861 22 22, www.scuol.ch), Sent (Telefon 081 864 15 44, www.sent.ch) oder Tschlin (Telefon 081 866 34 34, www.bunttschlin.ch). Alle Destinationen sind mit Bahn und/oder Postauto erreichbar.
• Unterkunft und Verpflegung unterwegs
Chamanna Tuoi (2250 m), 95 Schlafplätze, bewartet Ende Juni bis Ende Oktober, Telefon 081 862 23 22, www.tuoi.ch
Hof Zuort (1711 m), Berggasthaus mit 34 Schlafplätzen, geöffnet Anfang Juni bis Mitte Oktober, Telefon 081 866 31 53, www.zuort.ch
Hotel Val Sinestra (1524 m), Telefon 081 866 31 05, www.sinestra.ch
Hotel Vnà (1630 m), Telefon 081 860 12 12, www.ramosch.ch
• Karten
Landeskarte 1:25 000, 1198 Silvretta, 1199 Scuol
Landeskarte 1:50 000, 249 Tarasp
• Weiterlesen
Zur Via Engiadina: www.wandersite.ch/viaengiadina, www.scuol.ch/viaengiadina (inklusive buchbare Angebote)

Foto: zvg, swiss-image.ch/Max Galli

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