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Die Rückkehr der Brotbäume

Kategorie: Natur
 Ausgabe 10 - 2010 - 01.10.2010

Text:  Veronica Bonilla Gurzeler

Einst kam die Bevölkerung im Alpenraum nur dank der Edelkastanie ohne zu hungern durch den Winter. Heute erinnert man sich wieder an den Brotbaum und restauriert alte Kastanienhaine – vor allem aus landschaftsund naturschützerischen Gründen.

Einiges haben das Tessin und die Vierwaldstädtersee-Region gemein: Zum Beispiel ihre primäre Ausrichtung auf den Tourismus, die vielen, mediterranes Flair verbreitenden Palmen in den Parkanlagen – und die Kastanien, die im südlichen wie im nördlichen Alpenraum beheimatet sind.

Kastanien in der Zentralschweiz? Nein, nicht die Rosskastanie ist gemeint mit ihren stolzen, weissen oder himbeerroten Blütendolden, sondern die Edelkastanie. Zwar sehen sich ihre Früchte äusserlich zum Verwechseln ähnlich, die beiden Bäume sind aber miteinander nicht im Mindesten verwandt. Die Edelkastanie, Castana sativa, ist ein Buchengewächs, die Rosskastanie, Aesculus hippocastanum, ein Seifenbaumgewächs. Im Gegensatz zur Edelkastanie, deren süssliche Früchte eine nahrhafte und überaus gesunde Delikatesse sind, dient die Rosskastanie einzig Hirschen und Rehen als Winterfütterung.

Armeleutenahrung

Ab dem Mittelalter, etwa seit dem Jahr 1200 bis zur Industrialisierung, war die Edelkastanie im gesamten Alpenraum von grosser, in einigen Regionen für viele Menschen gar von existenzieller Bedeutung.Viele Talsohlen wie etwa die Magadinoebene waren Schwemmland und für die Landwirtschaft ungeeignet. So legte man an den Hängen sogenannte Kastanienhaine an, die man bewirtschaftete. Typisch für diese Haine war der lichte Baumbestand und damit die Möglichkeit, das Land doppelt zu nutzen: Das Gras unter den Bäumen konnte gemäht oder von Ziegen oder Schafen geweidet werden; die Hochstammanlagen lieferten, sofern sie gut gepflegt wurden, reiche Ernte. Ein Kastanienbaum mit seinem Ertrag von 150 bis 200 Kilogramm genügte, um mehr als eine Person einen Winter lang zu ernähren. Frisch oder gedörrt, gemahlen und weiterverarbeitet waren die Kastanien das Brot der armen Bevölkerung – daher auch die Bezeichnung Brotbaum. «In einigen Tessiner Alpentälern hat sich in dieser Zeit ein Grossteil der Bevölkerung während der Wintermonate fast ausschliesslich von Kastanien ernährt», sagt Andreas Rudow, Forstingenieur an der ETH Zürich, «in der Zentralschweiz dürfte es für Teile der Bevölkerung ganz ähnlich ausgesehen haben.» Doch nicht nur die Früchte fanden Verwendung: Die Blätter der Kastanien dienten als Streu, die Äste als Brennholz, aus dem Stamm wurde Bauholz und die Kastanienblüten lieferten im Sommer wertvollen Honig.

Kastanienkultur erleben
Kastanien-Erlebnisweg Arosio-Malcatone
Acht didaktische Stationen mit Erklärungen zur Kastanienkultur. Dauer zirka fünf Stunden, Abkürzungen möglich. Alle Orte sind per Postauto erschlossen. Broschüre erhältlich beim Verkehrsverein Malcatone, infowhatever@malcantone.ch, Tel. 091 505 29 86
• Castagnatas
Die traditionellen Kastanienfeste finden an verschiedenen Orten des Tessins statt. Infos: Verkehrsverein Malcantone, infowhatever@malcantone.ch, Tel. 091 505 29 86
• Chestene-Chilbi
In Greppen (LU) findet am 24. Oktober 2010 die Chestene-Chilbi mit dem grössten Markt von Kastanienprodukten in der Deutschschweiz statt. Infos auf www.kastanien.net

Wiederbelebung

Seit einiger Zeit gibt es Bestrebungen, die Kastanienkultur in der Schweiz wiederzubeleben, da diese Kulturform sowohl ökologisch als auch kulturhistorisch und landschaftlich einen hohen Wert hat. Andreas Rudow gehört zusammen mit Forstingenieur Marco Condera von der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Bellinzona zu den Protagonisten dieser Bewegung. Ihre Ziele: Erhaltung der noch vorhandenen Sortenvielfalt, Förderung der Selven als alte Kulturform sowie als Lebensraum für verschiedene Tierarten wie Feldhasen, Vögel, Flechten. Alte Bäume, die innen hohl sind, dienen beispielsweise der vom Aussterben bedrohten Fledermausart Kleiner Abendsegler als Versteck. Bewirtschaftete Selven beherbergen laut Fachleuten doppelt so viele Fledermausarten wie nicht bewirtschaftete.

Ab 1979, vor allem aber in den 1990er- Jahren wurden in der Südschweiz über 50 Selvenrestaurationsprojekte durchgeführt, die meisten unterstützt vom Kanton und vom Fonds Landschaft Schweiz. Auf über 200 Hektaren wurden Bäume und Boden gepflegt sowie die Selven verjüngt. Die Bevölkerung bringe den Projekten viel Anerkennung und Wohlwollen entgegen, sagt der Tessiner Kastanienpionier Condera. «Die traditionelle Forstwirtschaft hat sich bei uns weniger durchgesetzt, deshalb haben vor allem die älteren Leute noch ein Bild vor Augen, was eine Kastanienselve ist.»

Seit wenigen Jahren erwacht nun auch nördlich der Alpen das Interesse an der hier schon fast erloschenen Kastanienkultur. Die Gründung der Interessensgemeinschaft Pro Kastanie Zentralschweiz vor zehn Jahren ist ein Zeichen dafür. Rund um den Vierwaldstädtersee gibt es allerdings nur noch einzelne Relikte der alten Kultur. Nun läuft auch hier die Suche nach alten Sorten im Auftrag des Bundesamtes für Landwirtschaft zwecks Erhalts der pflanzengenetischen Ressourcen. «Wir haben auf der Alpennordseite schon über 100 Bäume gefunden und näher untersucht, bei denen es sich um alte Lokalsorten handeln könnte», so Andreas Rudow. Ausserdem wurden 16 Haine ausgewählt, die restauriert oder wiederhergestellt werden sollen. Einer davon ist die Chesteneweid in Weggis (LU), die bereits Teil eines Kastanien-Themenwegs ist.

Touristische Vermarktung

«Die Selvenbewirtschaftung ist in der Schweiz nicht kostendeckend», sagt Andreas Rudow, der als Leiter verschiedener Restaurationsprojekte einen guten Überblick hat. Weil Ernte und Weiterverarbeitung der Kastanien kostenintensiv sind, kommen die Marroni, die uns im Winter Magen und Hände wärmen, nicht aus der Schweiz. «Diese wären mindestens doppelt so teuer», so Rudow. Allerdings gibt es Bestrebungen, getrocknete Kastanien, Kastanienmehl, Kastaniennudeln usw. aus einheimischem Anbau zu vermarkten. «Das streben wir auf jeden Fall an, es wäre das Tüpfli auf dem I.»

Zumindest im Tessin versteht man es schon heute, die Kastanienkultur ins touristische Konzept einzubinden. Die Region Malcantone etwa hat sich eine neue Identität als Kastanienland erworben. In Arosio etwa gibt es einen Kastanienweg, wo eindrückliche Selven bestaunt und die stachligen Früchte auch jetzt wieder selbst gesammelt werden können.

Fotos: zvg, Andreas Rudow

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