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Die Fledermaus-Amme

Kategorie: Natur
 Ausgabe 06 - 2010 - 01.06.2010

Text:  Mirella Judith Wepf

Verena Boselli ist eine von 50 ausgebildeten Fledermaus-Ammen der Schweiz. Als Ersatzmutter zieht sie verwaiste Fledermausbabys von Hand auf und ermöglicht ihnen das Überleben.

Im Frühsommer bringen Fledermäuse ihre Jungen zur Welt. Je nach Art leben sie in Kolonien von mehreren Hundert Tieren zusammen. Dabei wird es teilweise eng wie in einer Sardinenbüchse. So können hinter einem Rolladenkasten auf einem Raum, der kaum grösser ist als zwei Telefonbücher, bis zu 60 Zwergfledermäuse mit ihren Jungen hausen. Tagsüber werden die Kleinen gesäugt, nachts fliegen die Mütter aus, um Insekten zu fressen. Dabei kann es vorkommen, dass besonders neugierige Jungtiere beim Herumkrabbeln den Halt verlieren und zu Boden stürzen. Auch Junge, deren Mutter ums Leben gekommen ist, fallen geschwächt zu Boden, denn sie werden nicht von einem anderen Weibchen angenommen.

Fledermaus-Nottelefon

Wer eine Jungfledermaus findet, sollte versuchen, das Tier seiner Mutter zurückzubringen. Ist das Schlafquartier bekannt, kann man das Junge nahe an die Einschlupföffnung halten. Meist wird es blitzschnell zu seiner Kolonie zurückklettern. Weiss man nicht, wo die Fledermäuse hausen, sollte man als Erstes versuchen, das Jungtier abends am Fundort wieder auszusetzen. An einem katzensicheren Ort lässt sich mit einer Schüssel, einer Vase und einer Socke eine Art Abflugrampe basteln, auf der das Fledermausbaby hingelegt wird.

Nach der Aussetzung beginnt das Junge – für den Menschen teilweise unhörbar –, nach seiner Mutter zu rufen. Sobald diese zur Insektenjagd ausfliegt, hört sie ihren Sprössling und landet auf der Socke. Das Junge klammert sich an ihrem Bauch fest und wird von ihr in die sichere Wochenstube zurückgeflogen. «Ein faszinierendes Erlebnis», erzählt Verena Boselli, die pensionierte Verwaltungsangestellte, welche  als Freiwillige bei der Stiftung Fledermausschutz arbeitet. Es kann vorkommen, dass bis zu 20 erwachsene Fledermäuse neugierig herumflattern, bis die Mutter das Findelkind schliesslich abholt. Wer dieses Ereignis beobachten will, muss allerdings Abstand halten und am besten im Haus bleiben, da sich die Fledermäuse sonst gestört fühlen. Geduld ist auch gefragt, denn manchmal geht die Mutter lieber zuerst auf die Jagd und nimmt den Nachwuchs erst bei Morgengrauen mit.

Ein Fledermausbaby kann zwei, maximal drei Nächte ohne Futter überleben. Wenn die Rückführaktion nicht wie erhofft klappt, sollte man beim Fledermaus-Nottelefon Hilfe holen. Dort bekommt man die Kontaktadressen von Fledermaus-Fachpersonen in der Region, und das Jungtier erhält die Chance, von einer der rund 50 ausgebildeten Fledermaus-Ammen der Schweiz aufgezogen zu werden. «Man sollte die Aufzucht nicht einfach selber probieren», meint Hans-Peter Stutz, Biologe und Geschäftsführer der Stiftung Fledermausschutz in Zürich, «das geht mit hoher Wahrscheinlichkeit schief». Die Gefahr, das Jungtier zu verletzen und den Aufwand zu unterschätzen, sei gross.

Vollpension

«Kleine Fledermäuse erkennen ihre Mutter am Geruch, deshalb sollten sie auch nur von einer Person angefasst werden», erklärt Boselli. Nur so lasse sich eine gute Bindung zum Jungtier herstellen. «Nach etwa drei Tagen haben sie mich jeweils als ihre Mutter akzeptiert. Und wehe, jemand anders berührt sie. Dann werden sie unruhig und reklamieren hörbar.»

Je nach Fledermausart – in der Schweiz gibt es insgesamt 30 –, dauert es unterschiedlich lange, bis die Jungtiere flügge sind. Zwergfledermäuse etwa sind nach drei bis vier Wochen erwachsen und selbstständig, bei den Langohren dauert es acht bis zehn Wochen, bis man sie auswildern kann. In dieser Zeit muss die Fledermaus-Amme täglich um sechs Uhr aufstehen und bis weit nach Sonnenuntergang alle 30 bis 60 Minuten eine Mahlzeit zubereiten. Die ganz Kleinen bekommen Milch für Hundewelpen – in homöopathischen Dosen von jeweils 0,1 Millilitern, da die Winzlinge teilweise kaum mehr wiegen als ein Stück Würfelzucker.

Abflug in die Freiheit

«Ich bin auch immer wieder überrascht, wie deutlich diese Zwerge ihre Vorlieben kommunizieren können», sagt Boselli. So zeigen die Jungen an, wann sie reif sind für die erste Flugstunde. Nach einer Weile beginnen sie nach den Mahlzeiten mit den Flügeln eine Art Liegestütze zu machen. Dann mutiert die Wohnung in der Zürcher Altstadt, die Boselli seit 44 Jahren bewohnt, jeweils zum Fledermaus-Flughafen. «Ich nehme sie ins Schlafzimmer und halte sie auf der offenen Hand übers Bett.» So sei sichergestellt, dass ein allfälliger Absturz nicht zu Verletzungen führe. Ist das Jungtier flügge, flattert es dank seines Ultraschall-Radars völlig sicher durchs Schlafzimmer, ohne an Gestelle, geschweige denn an Fensterscheiben zu stossen.

Damit ist die Zeit reif für die Aussetzung. Verena Boselli füttert sie ein letztes Mal, packt sie in eine Schachtel und steigt am Zürcher Paradeplatz, der nur rund 100 Schritte von ihrer Wohnung entfernt liegt, ins Tram Nr. 6 in Richtung Zoo. Dort befindet sich auch das Büro der Stiftung Fledermausschutz.

Auf dem Vorplatz werden die Fledermausjungen bei Anbruch der Dämmerung in die Luft gehalten und starten ihren Flug in die Freiheit. Obwohl sie mit der Person, die sie aufgezogen hat, eine enge Bindung eingegangen sind – sie erkennen ihre Amme an den Geräuschen und markieren deren Hand mit einem Duft –, verschwinden sie jeweils in der Nacht, ohne sich auch nur einmal umzusehen. Boselli stört das nicht: «Im ersten Moment ist man sogar froh, dass sie endlich weg sind, denn es ist eine anstrengende Zeit, in der man fast dauernd mit den Tieren beschäftigt ist.»

Literatur
Christian Dietz: «Handbuch der Fledermäuse Europas und Nordwestafrikas», Kosmos-Verlag 2007, Fr. 84.90

Fotos: Willi Kracher

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