Artikel Natur :: Natürlich Online Das Kamasutra der Blumen | Natürlich

Das Kamasutra der Blumen

Kategorie: Natur
 Ausgabe 05 - 2010 - 01.05.2010

Text:  Andres Jordi

Blütenpflanzen stehen dem Menschen beim Sex in punkto Variantenreichtum in nichts nach. Dies lässt sich auf einem bestäubungsbiologischen Maibummel beobachten.

Der Wonnemonat Mai lässt nicht nur die Menschen den Frühling spüren – auch Schlüsselblume oder Frauenschuh huldigen zurzeit der Fortpflanzung. Und was Sexualpraktiken und Stellungen anbelangt, steht die Pflanzenwelt dem Homo sapiens in ihrem Einfallsreichtum in nichts nach. Doch anders als dieser benötigen Pflanzen, da sie nicht zueinander kommen können, für den Akt eine Partnervermittlung. Meistens übernehmen bei Blütenpflanzen Insekten – mehr oder weniger freiwillig – diesen Liebesdienst und bringen den Blütenstaub (Pollen) auf die klebrige Narbe.

Der Blütenstaub stammt aus den Staubbeuteln, den männlichen Geschlechtsorganen; Narbe, Griffel und Fruchtknoten bilden das weibliche Pendant. Zwitterblüten, wie sie zum Beispiel Schlüsselblumen besitzen, tragen männliche und weibliche Geschlechtsorgane auf derselben Blüte, während Pflanzen wie die Brennnessel rein männliche und weibliche Blüten haben.

Damit die pflanzlich-tierische Dreiecksbeziehung reibungslos funktioniert, verführen viele Blütenpflanzen ihre Bestäuber mit eiweissreichem Pollen oder zuckerhaltigem Nektar. Oder sie betören sie ganz einfach mit ihrem Duft und optischen Reiz.

Wurden die Blütenstaubkörner auf der richtigen Narbe deponiert, keimen aus ihnen sogenannte Pollenschläuche. Diese dringen ins Narbengewebe ein und wachsen durch den Griffel in den Fruchtknoten. Haben sie dort die Samenanlagen erreicht, entlassen sie Spermazellen, welche die Eizellen befruchten. Nun beginnen die Samen zu reifen, während sich der Fruchtknoten zur Frucht entwickelt.

Nicht alle Pflanzen setzen gleichermassen auf Sex. Gewisse Arten verzichten zumindest teilweise darauf und pflanzen sich in aller Stille ungeschlechtlich fort. So vermehren sich Erdbeeren auch über Ausläufer, Kartoffeln über Knollen oder gewisse Gräser, indem auf ihnen fixfertige Tochterpflänzchen entstehen, die von der Mutter abfallen, um ein eigenständiges Leben zu führen.

Do it yourself

Für den Fall, dass geeignete Bestäuber ausbleiben oder schlechtes Wetter eine Bestäubung hintertreibt, behalten sich gewisse Pflanzenindividuen vor, sich mit eigenem Pollen selbst zu bestäuben. Bei den Veilchen gehört dies sogar fest zum Repertoire. Neben den auffälligen violetten Blüten, die von Insekten angeflogen werden, besitzen sie unscheinbar kleine und geschlossen bleibende. Quasi unter Verschluss wird dort nicht der Sünde gefrönt, sondern eine für viele Gewächse häufige Art der Fortpflanzung betrieben. Gewisse Veilchenarten sollen auf diese Weise gar die meisten ihrer Nachfahren zeugen.

Reingefallen

Der Aronstab lockt seine Bestäuber in die Falle. Die besteht aus einem grossen, helmartigen Hochblatt, das am Grund einen durch eine Verengung abgetrennten Kessel bildet. Hier sitzen die Blüten. Die Oberfläche des Hochblattes ist mit einem feinen Ölfilm überzogen. Kommt der Abend, beginnt die Pflanze, über einen Kolben Duft zu verströmen. Damit sich dieser ideal verbreitet, erhitzt sich der Stab auf bis zu 40 Grad. Der Harngeruch lockt winzige Schmetterlingsmücken an, die beim Versuch, auf der glatten Blattoberfläche zu landen, in die Kesselfalle rutschen und ihrer Bestimmung zugefhhrt werden: der Bestäubung der Blüten. Am nächsten Morgen erschlafft der Helm, die ölige Schicht verschwindet und die unfreiwilligen Besucher dürfen nach getanem Werk wieder abreisen.

VIP-Lounge für Schmetterlinge

Jene Schmetterlinge, die als erwachsene Insekten überhaupt noch Nahrung zu sich nehmen, besitzen meist einen langen Saugrüssel. Pflanzen, die für ihre Bestäubung den Dienst von Schmetterlingen in Anspruch nehmen, tragen dem bei der Architektur ihrer Blüten Rechnung: Der Nektar liegt am Grund einer dünnen Röhre und ist nur mit einem langen Rüssel erreichbar; eine waagrechte Plattform bietet den Blütenbesuchern bequeme Sitzgelegenheit, um sich in aller Ruhe der süssen Versuchung aus der Tiefe hinzugeben. Tagfalterblumen wie die Rote Waldnelke erblühen morgens und sind oft lebhaft rot gefärbt. Von Nachtfaltern bestäubte Blüten erblühen dagegen abends und weisen wie die Weisse Waldnelke eine helle Farbe auf und verströmen einen starken Duft.

Über kurz oder lang

Wenn ein Insekt ein Pflanzenindividuum mit dessen eigenem Pollen bestäubt, ist das Inzucht. Die Schlüsselblume weiss eine solche Selbstbestäubung zu verhindern. Bei ihr kommen zwei Blütentypen vor. Der eine Typ hat einen langen Griffel und die Staubbeutel befinden sich im Blüteninnern, der andere ist kurzgriffig mit Staubbeuteln, die oben in der Blüte sitzen. Nascht ein Insekt am tief in der Blüte angebotenen Nektar, bleibt der Pollen je nach Typ an unterschiedlicher Stelle am Körper haften. Nur wenn das Tier danach die Blüte der jeweils anderen Bauart besucht, kommt deren Narbe mit dem Pollen in Kontakt.

Bei gewissen Arten verunmöglicht eine zeitlich versetzte Reife der Geschlechtsorgane eine Selbstbestäubung: Bei den vorweiblichen Blüten der Wegeriche sind die Narben empfängnisbereit, bevor die Staubbeutel reif sind; die vormännlichen Blüten der Gemeinen Akelei produzieren Pollen, wenn die weiblichen Geschlechtsorgane noch nicht funktional sind. Manche Arten hemmen zudem das Auskeimen des eigenen Pollens auf der Narbe auf biochemischem Weg.

Land unter

Ein ziemlich extravagantes Sexualverhalten legt das Hornblatt an den Tag. Die Pflanze lebt und blüht vollständig unter Wasser. Den Staubbeuteln von männlichen Blüten entschweben mit ballonartigem Anhang versehene Pollenkörner, die mit Glück und durch die Bewegungen des Wassers auf die langen Narben weiblicher Blüten gelangen. Die Wasserpflanze wächst hierzulande in nährstoffreichen Seen und Tümpeln und gilt als entwicklungsgeschichtlich urtümliche Art innerhalb der Blütenpflanzen.

Ampfelsystem für Bestäuber

Um ihre Bestäuber nicht zu vergraulen und gleichzeitig auf noch jungfräuliche Blüten zu lotsen, hat die Rosskastanie ein Ampelsystem eingerichtet. Gelbe Flecken auf einer Blüte bedeuten: Ich bin noch nicht bestäubt worden und biete süssen Nektar. Ist die Bestäubung erfolgt und die Nektarproduktion eingestellt, wechselt die Farbe auf Rot, was so viel heisst wie: Zu spät, hier gibt es nichts mehr zu naschen. Zugleich ändert die Blüte ihr Duftbouquet.

Wie die Jungfrau zum Kind

Dem Allerwelts-Löwenzahn begegnen wir gewöhnlich mit Desinteresse – zu Unrecht, ist bei ihm doch einiges nicht so, wie es scheint. Zum einen ist das, was man gemeinhin als Blüte bezeichnet, keine solche, sondern ein ganzes Körbchen voll bestehend aus bis zu 200 Einzelblüten. Zum anderen ist da die Fortpflanzung. Zwar besuchen fleissige Bienen den Löwenzahn seines Nektars wegen unentwegt (125 000 Blütenköpfe sollen ein Kilogramm Honig geben). Doch für die Vermehrung spielt das keine Rolle. Denn beim Löwenzahn entsteht der Nachwuchs vor allem durch Jungfernzeugung: Die Samen entstehen einfach so, ohne dass jemals ein Pollenkorn eine Eizelle befruchtet hätte.

Unfreiwilliger Blümchensex

Viele Orchideen missbrauchen den Sexualtrieb ihrer Bestäuber schamlos für die eigene Fortpflanzung. So täuscht die Spinnenragwurz mit ihren Blüten Hinterteile williger Insektenweibchen vor. Auf den dreisten Trick fallen Sandbienenmännchen herein. Wider besseres Wissen stürzen sich die Jungspunde auf die vermeintlichen Sexualpartnerinnen und beladen sich dabei mit Pollen. Beim Versuch ihr Liebesglück auf der nächsten Blüte zu finden, bestäuben sie diese. Unwiderstehlich ist die Ragwurz weniger ihres Aussehens als ihres Duftes wegen: Ihre Blüten imitieren den Sexuallockstoff weiblicher Sandbienen so perfekt, dass jeder Bienenmann liebestoll wird.

VIP-Lounge für Bienen

Die meisten hiesigen Blttenpflanzen haben sich auf Bienen und Hummeln spezialisiert. Meist blühen sie in Gelb, Rosatönen über Violett bis Blau; seltener sind sie weiss, aber praktisch nie grell rot. Denn die Insekten sind für diese Farbe blind. Dafür können sie das für uns unsichtbare ultraviolette Licht erkennen. Dass sie den knallroten Klatschmohn dennoch zuverlässig anfliegen, hat dieser seinen Saftmalen zu verdanken: im ultravioletten Bereich liegenden Farbmustern. Bienenblumen blühen morgens, wenn auch ihre Bestäuber aktiv sind, und verströmen einen angenehmen Duft. Sie bieten ihren Besuchern in der Regel einen Landeplatz an, etwa in Form einer Lippe wie bei der Taubnessel sowie zur Verköstigung neben Pollen meist auch Nektar.

Vom Winde verweht

Buchen, Eichen oder Birken tragen keine auffälligen Blüten, denn sie müssen keinem Insekt gefallen. Sie setzen bei der Bestäubung auf den Wind. Da der Blütenstaub dabei buchstäblich in alle Winde verstreut wird, produzieren sie grosse Mengen davon. Das geschieht oft noch vor dem Laubaustrieb. So erhöhen sie die Chance, dass einige Pollenkörner trotz des Prinzips Zufall auf einer passenden Narbe landen. Angepasst an die Windbestäubung ist diese meist gross, stark gefiedert und liegt gut zugänglich. Der Pollen ist nicht wie bei tierbestäubten Pflanzen klebrig, sondern trocken pulvrig und extra leicht. Er lagert oft in windexponierten Kätzchen. Des einen Freud, des anderen Leid: Es sind vor allem windbestäubte Pflanzen, deren Pollenmassen Heuschnuppen auslösen.

Foto: Freelens Pool, Blickwinkel, fotolia.com, Okapia, Wildlife

Tags (Stichworte):

Kategorie: Natur

Unter uns

Sie sind nicht jedermanns Sache, doch manche können nicht genug von ihnen...

Kategorie:

Kategorie: Natur

Gentech: Verwilderter Raps

Was es eigentlich zu verhindern gegolten hätte, scheint nun in den USA bereits...