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Auf zum Hochzeitstanz

Kategorie: Natur
 Ausgabe 04 - 2010 - 01.04.2010

Text:  Andres Jordi

Die alljährliche Wanderung der Amphibien zu ihren Laichplätzen ist eine der vielen Gefahren im bewegten Leben der bedrohten Tiere.

Selten erhalten Amphibien so viel Öffentlichkeit wie neulich Da Vinci. Die Geschichte des Laubfrosches, der im Februar einer verdutzten Frau in St. Gallen aus einem Beutel Fertigsalat entgegengehüpft war, ging durch die Presse. «Der Frosch stammt von einem Gemüseproduzenten in Südfrankreich», sagt der Biologe Lukas Indermaur, der sich dem Exilanten angenommen hat. Laubfrösche halten sich dort gerne in der Nähe bewässerter Gemüsekulturen auf und gelangen hin und wieder mit dem Gemüse in den Export.

Surftipps
Hier erhalten Sie weitere Informationen und nützliche Tipps zum Thema
karch – Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz
BAFU – Rote Liste der gefährdeten Arten der Schweiz: Amphibien
Froschnetz – Frösche, Kröten, Molche
Amphibien der Schweiz

Mediales Echo kann Da Vinci und seinen Artgenossen grundsätzlich nicht schaden, steht der Laubfrosch doch auf der Roten Liste der gefährdeten Amphibien der Schweiz. Und er ist nicht alleine. Sage und schreibe 14 der 20 einheimischen Lurche (70 Prozent) finden sich auf der Roten Liste. Zum Vergleich: Weltweit gelten laut der Weltnaturschutzunion (IUCN) 32 Prozent aller Amphibienarten als bedroht.

Zu viel Ordnung

«Der hohe Anteil an gefährdeten Arten in der Schweiz ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Amphibien hierzulande praktisch keine Lebensräume mehr haben», sagt Silvia Zumbach, Leiterin der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (Karch) in Neuenburg. «Die seltenen Arten wie der Laubfrosch etwa sind auf temporäre Gewässer angewiesen, wie sie bei Überschwemmungen entstehen», so Zumbach. Doch die Flüsse seien begradigt, die Seen reguliert und die Feuchtgebiete grösstenteils trockengelegt. «Jeder Quadratmeter ist durchstrukturiert», sagt die Biologin und plädiert für mehr Unordnung in der Landschaft: «Jede mit Wasser gefüllte Fahrrinne, jeder liegen gelassene Asthaufen ist ein möglicher Lebensraum für Amphibien.»

Auf planmässiger Wanderschaft sind zurzeit dessen helvetische Artgenossen. Seit Ende März rufen die ersten Laubfroschmännchen von den Bäumen und Büschen, um Weibchen anzulocken, die bereits zu den Laichgewässern unterwegs sind. Wie die allermeisten Amphibien sind auch die Laubfrösche für die Fortpflanzung auf Wasser angewiesen und legen auf ihrem Weg von den Winterquartieren zu Land bis zu den Laichgewässern unter Umständen mehrere Kilometer zurück.

Tod auf der Strasse

«Unser dichtes und stark befahrenes Strassennetz kann für Amphibien zur tödlichen Falle werden», sagt Zumbach. Nach Schätzungen der Karch überqueren in der Schweiz jedes Frühjahr über fünf Millionen Amphibien auf ihren Laichwanderungen eine Strasse und laufen Gefahr, überfahren zu werden. Besonders betroffen davon sind Erdkröten und Grasfrösche. So gibt es laut Karch in der Schweiz mehrere Erdkrötenpopulationen mit Tausenden von Tieren, die im Frühjahr mehr oder weniger gleichzeitig zu den Laichgewässern wandern.

Sind die Amphibien wohlbehalten in ihrem Laichgewässer angekommen, geht es zur eigentlichen Sache. Bei der Paarung klammern sich die Froschmännchen mit ihren Vorderbeinen an den Weibchen fest. Um Halt zu finden auf der glatten Haut, bilden sie während der Fortpflanzungsperiode an Daumen und Zeigefingern Haftschwielen aus. Ihr Klammerreflex ist in dieser Zeit so ausgeprägt, dass sie praktisch alles umklammern, was sich in ihrer Umgebung bewegt – auch andere Männchen, artfremde Weibchen oder ein Stück Holz, das im Wasser dümpelt. Molchmännchen werben mit einem veritablen Balztanz um die Gunst der Weibchen. Meister in dieser Disziplin ist der Kammmolch.

Laubfrösche paaren sich bevorzugt in sonnigen Tümpeln. Ab Mitte April legen die Weibchen ihren Laich in mehreren haselnussgrossen Klumpen von 30 bis 80 Eiern in die Vegetation am Gewässerrand. Zu dieser Zeit lassen sich vom Grasfrosch bereits Larven entdecken. Er gehört zu den früh laichenden Arten und begann seine Wanderung schon Ende Februar, sobald die Temperaturen über fünf Grad anstiegen und Regenwetter einsetzte. Auch Berg- und Teichmolche sind so früh im Jahr unterwegs. Zeit lässt sich dagegen die Gelbbauchunke, die erst Ende April an ihrem Laichgewässer eintreffen wird.

Nach der Paarung verlassen die meisten Amphibien Tümpel und Teiche wieder und ziehen in ihre Sommerlebensräume an Land. Und abermals droht der Tod auf der Strasse, auch wenn die Rückwanderung viel weniger massiert erfolgt.

Vom Wasser- zum Landtier

Im Wasser zurück bleibt der Laich, in langen Schnüren aufgereiht bei der Kreuz- und Erdkröte, in grossen Ballen beim Grasfrosch, während die Molche jedes einzelne Ei fein säuberlich in ein Pflanzenblatt gewickelt haben. Beim Laubfrosch schlüpfen aus den Eiern nach ein bis zwei Wochen die Larven und entwickeln sich je nach Temperatur weitere zwei bis drei Monate. In der abschliessenden Metamorphose verwandeln sich die Kaulquappen in Frösche, die keine Kiemen mehr haben, sondern über Lungen atmen, ihren Schwimmschwanz zurückbilden und Beine entwickeln – die Umwandlung vom Wasser- zum Landtier.

Nun verlassen die Jungen das Wasser und folgen ihren Eltern. Dabei kommt es gelegentlich zu eindrücklichen Massenwanderungen. An ihre Geburtsgewässer kehren die Lurche erst wieder zurück, wenn sie sich selber fortpflanzen. Beim Laubfrosch ist das nach zwei Jahren.

Wenn der Herbst ins Land zieht, die Tage kürzer werden und die Temperaturen tiefer, suchen die meisten Amphibien ihre frostfreien Winterquartiere auf: Erd- und Mauslöcher, Spalten, alte Wurzelgänge. Für viele Arten heisst dies, nochmals auf Wanderschaft zu gehen und sich erneut Risiken auszusetzen. So sterben in regnerischen Herbstnächten auf den Strassen fast so viele Amphibien wie im Frühjahr. Wer auch diese Gefahr heil überstanden hat, kann nun Winterruhe halten. Amphibien verfallen nicht in einen Winterschlaf oder eine Winterstarre, sondern sind trotz reduziertem Stoffwechsel mehr oder weniger mobil und aktiv.

Ein solch bewegtes Froschleben wird Da Vinci vorenthalten bleiben. «Das Aussetzen kommt alleine schon wegen einer möglichen Infektion mit dem Chytridpilz oder anderen Krankheitserregern nicht in Frage», sagt Silvia Zumbach von der Karch. Zudem sei es wahrscheinlich, dass es sich bei Da Vinci um einen Mittelmeerlaubfrosch handle, der im Gegensatz zum Europäischen und Italienischen Laubfrosch in der Schweiz gar nicht heimisch sei. Ausgesetzte Fremdarten können für die einheimische Fauna zum Problem werden, wie das Beispiel des vor einigen Jahrzehnten eingeschleppten Seefroschs zeigt. Dieser breitet sich in gewissen Regionen stark aus und bedrängt einheimische Amphibienarten.

So wird Da Vinci künftig ein ruhiges Leben in Gefangenschaft führen. «Er ist mittlerweile im Terrarium einer St. Galler Kantonsschule untergebracht und dient dort im Biologieunterricht zur Anschauung», sagt Lukas Indermaur über seinen ehemaligen Schützling.

Fotos: seatops.com, Lars Gejl, Axel Gebauer, zvg

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