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Der Spatz in der Hand

Kategorie: Natur
 Ausgabe 03 - 2010 - 01.03.2010

Text:  Heini Hofmann

Im Gefolge der Menschen haben die Spatzen unaufhaltsam die Welt erobert. Doch in den letzten Jahren ist der Allerweltsvogel vielerorts seltener geworden.

Heimlich hat ein kleiner, sich plusternder, andauernd schwatzender, ständig streitender, nervös hüpfender, extrem geselliger, aber bloss unscheinbar aussehender Vogel sozusagen die ganze Erde zu seiner ökologischen Nische erklärt. Die Rede ist vom Spatz. Der phänomenale Verbreitungsdrang und eine unerhörte Anpassungsfähigkeit machten den quirligen Federball zur häufigsten Vogelart in unmittelbarer Nähe des Menschen. Und all das ohne behördlichen Gesetzesschutz, sondern vielmehr unter dem Druck ständiger Verfolgung und Bekämpfung. In den letzten Jahren haben die Bestände in Europa jedoch teilweise stark abgenommen, sodass Vogelschützer teilweise bereits Alarm schlagen. 

Souvenir aus der Heimat

Ursprünglich war der Sperling im Mittelmeerraum zu Hause. Dann verschleppten ihn europäische Auswanderer rund um den Erdball, teils aus sentimentalen Gründen, indem sie in ihm eine Handvoll lebendige Heimat sahen, teils aber auch im damaligen Irrglauben, mit ihm einen tüchtigen Helfer für die Schädlingsbekämpfung in der Landwirtschaft mitzuführen. 

Während anfänglich eigens dafür gegründete private Gesellschaften sich um das Aussetzen der Vögel bemühten, mussten bereits wenige Jahrzehnte später die Geister, die man unüberlegt gerufen hatte, energisch bekämpft werden. Denn die Spatzen richteten im Getreidebau erhebliche Schäden an.

Dem ausgeprägt anpassungsfähigen Vogel gelang es, in wenigen Jahrzehnten, ganze Kontinente zu besiedeln. Sein weltumspannendes Verbreitungsgebiet weist heute deshalb kaum mehr weisse Flecken auf.

Sein Hauptverbreitungsgebiet in Europa sind jene Landstriche, wo menschliche Siedlungen liegen und wo Ackerbau betrieben wird. Einen sprechenden Beweis für das Vorhandensein einer gewissen Abhängigkeit des Spatzen vom Menschen liefert die Tatsache, dass zwischen Einwohnerzahl der Menschen und Bestandesdichte der Spatzen eine Relation besteht. Wo die einen sind, da lassen sich meist auch die andern nieder.

Verfolgter Schädling

Eigentlich ist der Spatz mehrheitlich Vegetarier und ernährt sich in erster Linie von Sämereien, wobei er eine besondere Vorliebe für Getreide entwickelt hat. Am liebsten mag er Weizen und Hafer. Ganz besonders schmecken ihm die weichen, milchreifen Körner. Deshalb haben ihn die Bauern stets als Schädling verfolgt – total erfolglos. 

Der kleine Tausendsassa wusste seinen Kopf immer wieder aus der Schlinge zu ziehen. Seine Ausbreitung über die Kontinente hat nachgewiesenermassen oft gerade entlang der Getreidetransportwege stattgefunden. Dabei liess er sich von Getreideschleppkähnen und Güterwagen oft über weite Distanzen dahintragen. Auch unsere Alpentäler besiedelten sie schrittweise zusammen mit dem im letzten Jahrhundert dort vordringenden Ackerbau.

Trotz intensiver Verfolgung des Sperlings seit dem Mittelalter, war die Lawine seiner Ausbreitung nicht aufzuhalten. In früheren Jahrhunderten waren die Bauern vielerorts durch obrigkeitliche Verordnungen gehalten, jährlich eine bestimmte Anzahl Spatzen zu vernichten. Die Säumigen wurden mit saftigen Bussen bestraft. Später folgten Massenvernichtungen mit Gift; doch das Stehaufmännchen Spatz fuhr unbeirrbar fort, sich zu vermehren und zu verbreiten.

Allerlei Spatzen
Sein Name, Sperling oder Spatz, stammt ab vom althochdeutschen «spar» oder «sparo», was zappeln bedeutet und wohl seine hüpfende Fortbewegungsart charakterisieren soll. Der Schweizer Naturforscher Conrad Gesner nannte ihn im 16. Jahrhundert in seinem Werk über die Vögel den Husspar.
Die beiden hierzulande hauptsächlich vorkommenden Sperlinge sind der Hausspatz und der Feldspatz. Der Letztere lebt, wie schon sein Name sagt, mehr am Rand der Ortschaften, in Gärten, Feldern und am Waldrand. Der Hausspatz dagegen folgt dem Menschen in die Siedlungen und bis mitten in städtische Agglomerationen. Ihm begegnen wir vor allem.
Das typischste Unterscheidungsmerkmal beim etwas kleineren Feldsperling ist der dunkle Wangentupf, schwarz beim Männchen respektive braun beim Weibchen, der beim Haussperling fehlt.
Im Gegensatz zu den mehr fliegenden Vogelarten sind Spatzen ausgesprochene «Hüpflinge», die sich ständig nach sicherer Deckung Ausschau haltend kaum in offenes Gelände trauen. Spatzen sind zudem typische Standvögel. Ihr Leben spielt sich meist im Umkreis von bloss einem Kilometer ab. Etwas mehr Ausbreitungstendenz zeigen die Jungvögel, die sich in Entfernungen bis zu 30 Kilometern häuslich niederlassen.

Kurzes Spatzenleben

Doch es wäre ungerecht, den Spatz bloss als Getreide- und Obstdieb hinzustellen. Er vertilgt natürlich auch Insekten und andere Kerbtiere. Der Feldsperling mehr noch wie der Hausspatz. Bei beiden stellen Heuschrecken, Käfer und Schmetterlingslarven sogar den Hauptbestandteil des Futters für die Jungen dar. Selbst Insekten im Flug werden vom Sperling geschickt abgefangen.

Im Winter brauchen die kleinen Federbälle wegen des hohen Wärmeverlustes kalorienmässig einen Drittel mehr Futter. Das bedeutet, dass sie bei fast halb so langer Tageslichtdauer und weniger Nahrungsangebot mehr aufnehmen müssen. Wer nicht kräftig ist, übersteht diesen Stress nicht. Das ist das grausam harte, aber gesunde Auswahlverfahren der Natur. Dafür bleibt dann in der warmen Jahreszeit mehr Zeit für Liebesleben oder Balz, für das Fortpflanzungsgeschäft, Nestbau und Aufzucht der Jungen, die Territoriumsverteidigung, aber auch fürs gesellige Leben in der Kolonie und für die Gefiederpflege, das heisst Sand- und Wasserbadplausch.

Nachdem es schon nur 50 Prozent aller Jungspatzen zum Ausfliegen bringen, stirbt von diesen nochmals die Hälfte bereits in den zwei ersten Lebensmonaten. Und nur 20 Prozent überleben ein volles Jahr. Mehr noch: So ein Spatzenleben dauert in der freien Natur im Schnitt kaum mehr als ein Jahr. Neben Krankheiten und Parasiten lauern den Sperlingen mancherlei Gefahren: der Mensch, der Verkehr (Spatzen sind diejenige Vogelart mit den meisten Verkehrstoten), Giftweizen, aber auch Katzen, Sperber und Eulen.

Fotos: fotolia.com, chefranden / flickr / cc

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