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Kategorie: Natur
 Ausgabe 03 - 2010 - 01.03.2010

Text:  Urs Fitze

Inmitten der jurassischen Freiberge liegt der idyllische Etang de la Gruère. Die Moorlandschaft hat sich während Jahrtausenden gebildet und wurde vom Menschen stark verändert. Seit einigen Jahrzehnten hat die Natur hier wieder mehr Platz.

Ungerührt geleitet die Entenmutter ihren Nachwuchs durchs dicht stehende Schilf ans freie Wasser. Dass sie dabei von einer ganzen Kinderschar beobachtet wird, stört sie überhaupt nicht. Die Kinder lehnen sich über das Geländer einer kleinen Holzbrücke im Naturschutzgebiet Etang de la Gruère im Jura. Der Mensch als faszinierter, teilnehmender Beobachter: So soll es sein in diesem Kleinod inmitten der von Weiden, Wald und stattlichen Gehöften geprägten jurassischen Landschaft auf 1000 Metern über Meer.

Trittspuren am Ufer und im Wald zeigen indes, dass es viele Besucher mit dem strikten Weggebot nicht allzu genau nehmen. Sie stören dabei nicht nur die Wildtiere, sondern machen auch dem empfindlichen Boden zu schaffen. Dabei befinden sie sich in einem Schutzgebiet, das schon 1943 eingerichtet wurde, um eine der schönsten Moorlandschaften der Schweiz vor der endgültigen Zerstörung zu bewahren.

Eine Mondlandschaft

Es war eine Pioniertat des Naturschutzes. Als andernorts in der Schweiz noch grossflächig Torf gestochen wurde, kam es hier zur endgültigen Einstellung des Torfabbaus. Seither darf das Moorgebiet des Etang de la Gruère auch nicht mehr entwässert werden. Um an den Torf heranzukommen, wurde das Wasser der nassen Böden seinerzeit mit tiefen Gräben aus dem Moor geleitet. Danach entfernte man die Pflanzendecke. Der Torf selbst wurde mit grossen Messern in backsteingrosse Stücke zerschnitten und zu kleinen Pyramiden aufgestapelt. Damals sah es hier aus wie in einem Braunkohlerevier nach Einstellung des Tagbaus – eine Mondlandschaft, geprägt vom braun-schwarzen Torf.

An einigen Stellen ist das Moor heute so trocken geworden, dass nun Tier- und Pflanzenarten gedeihen, die die feuchten Moorbedingungen nicht ertragen. Das sind etwa die rund um den Moorteich häufigen, sich meist kümmerlich entwickelnden Fichten. Sie sind erst nach Einstellung des Torfabbaus aufgekommen. Der heutige Fichtenwald soll nur eine Zeit des Übergangs sein. Denn seit den 1980er-Jahren wird die Regeneration des Etang de la Gruère auch aktiv betrieben. Seither sind auf rund vier Hektaren die Entwässerungsrinnen zugeschüttet worden, sodass sich das Moor langsam wieder mit Wasser füllt und die Böden vernässen. Den Bäumen behagt dies gar nicht, sie werden im Laufe der Jahre nach und nach absterben und von wurzellosen Sphagnum-Moosen überwuchert, die wiederum die Torfbildung in Gang bringen werden.

Danach könnte es hier wieder so aussehen wie in den vom Torfabbau unberührten Flächen: Die Böden fühlen sich schwammig an, die Bewaldung ist nur sehr spärlich. Solche Landschaften kennt man aus Kanada oder Finnland, in der Schweiz sind sie selten und entsprechend schutzwürdig.

Vom Mensch geprägt

Die Geschichte des Etang de la Gruère beginnt vor Jahrmillionen, als während der letzten Jurafaltung der Doubs ein immer tiefer werdendes Flussbett grub. Dies liess auf dem Hochplateau der Freiberge den Grundwasserspiegel allmählich absinken, was Platz schuf für ein Flüsschen, das sich bei La Gruère ein Bett in den weichen Kalkfelsen grub. Es dauerte Jahrtausende, bis das Gewässer eine weitgehend wasserdichte Mergelschicht freigelegt hatte, auf die sich während der Eiszeiten dicke Eispanzer legten. Nach deren Abschmelzen staute sich in dieser Senke das Wasser.

Vor etwa 12 000 Jahren gediehen im Gebiet der heutigen Halbinsel die ersten Rohrkolben und Binsen. Später kamen Blumenbinsen und Schlammseggen dazu, die alle mit wenig Nährstoffen auskommen. Rund ein Jahrtausend später bildeten sich die für Hochmoore typischen Torfmoose. Diese Pflänzchen überwucherten die anderen Pflanzen und begannen, auf der kalkarmen Mergelschicht das Hochmoor aufzubauen. Seine maximale Ausdehnung erreichte dieses vor 7000 Jahren. Seither wächst es nur noch in die Höhe. Heute ist die Torfschicht am Etang de la Gruère bis zu acht Meter dick.

Jahrhundertelang blieb die Moorlandschaft vom Menschen weitgehend unberührt. Das änderte sich im Jahr 1650, als am Ausgang der Talmulde eine Mühle gebaut wurde mit Reservoir und Schleuse zur Wasserregulierung. Am tiefsten Punkt des Moores wurde dazu ein Staudamm aufgeschüttet. Dieser Damm hat das Moor nachhaltig verändert. Grosse Teile versanken im Stausee.

Rund 300 Jahre drehten sich die Wasserräder. Erst im Jahr 1952 wurde in der lokalen Sägerei auf Strom als Energiequelle umgestellt. So natürlich der Eindruck heute wirken mag: Der Moorsee und seine Umgebung haben mit dem ursprünglichen Zustand dieser Landschaft nichts mehr zu tun. Es ist der Mensch, der den Etang de la Gruère nachhaltig verändert hat.

Die Moorlandschaft in Zahlen
Die gesamte Moorlandschaft von La Gruère umfasst 210 Hektaren. Davon sind 11 Hektaren Flachmoore, 56,5 Hektaren Hoch- und Übergangsmoore. Der Moorsee hat eine Fläche von 8 Hektaren. Das eigentliche Naturschutzgebiet ist 120 Hektaren gross. Über 500 Pflanzen- und Tierarten leben in La Gruère, unter ihnen: 17 Seggen, 35 Pilze, 32 Moose, 118 höhere Pflanzen, 109 Spinnen, 32 Wasserkäfer, 24 Libellen, 22 Schmetterlinge, 12 Heuschrecken, 6 Fische, 8 Amphibien, 65 Brutvögel und 20 Säugetiere. 60 dieser Arten sind in der Schweiz bedroht.
Sehr empfehlenswert ist ein Besuch des Zentrums für Forschung, Information und Moorschutz am Rande des Moorgebietes. Neben einer Dauerausstellung und einem Naturlehrpfad sind auch Fuührungen durch das Moor im Angebot. Das Naturschutzzentrum Les Cerlatez ist von Ostern bis Ende Oktober für das Publikum geöffnet.
Stiftung Les Cerlatez
Case Postale 212, 2350 Saignelégier
Telefon 032 951 12 69
www.centre-cerlatez.ch

Im Schutzinventar

Heute präsentiert sich den Besuchern ein Mosaik aus feuchten und überfluteten Gebieten. Pflanzen und Tiere finden hier eine seltene Vielfalt an Lebensgrundlagen: säurehaltige oder neutrale Böden, viel oder wenig Nährstoffe. In den Randzonen der Moore finden sich die typischen Pflanzen der Übergangs- und Flachmoore, vor allem Riedgräser und Binsen. Die Böden hier sind vergleichsweise reich an Nährstoffen, denn sie werden durch Sickerwasser aus den angrenzenden Viehweiden versorgt. Auch wenn die Randmoore wie ein Filter wirken und einen Teil der gelösten Stoffe aufnehmen: Ganz kann die natürliche Barriere diese Nährstofffracht nicht aufhalten. Deshalb kann im Uferbereich des Sees keine typische Hochmoorvegetation gedeihen. Nur die etwas höher gelegenen Bereiche liegen ausserhalb der Reichweite der Nährstoffe. Erst hier zeigt sich die typische Fauna und Flora eines nährstoffarmen Hochmoores. Das gilt vor allem für die grosse Halbinsel, die etwa vier Meter über dem mittleren Wasserspiegel des Sees liegt.

Inzwischen hat die Regenerationsfläche sich so weit erholt, dass sie ins Inventar der Hochmoore von nationaler Bedeutung aufgenommen werden konnte. Nur gerade 15 Quadratkilometer gross ist die gesamte Fläche dieser 549 geschützten Flächen. Der grösste Teil davon befindet sich in den niederschlagsreichen Voralpen und im Jura. Im Mittelland hat nur ein kleiner Bruchteil die Torfstech-Kampagnen der Vergangenheit überlebt. Für die Aufnahme ins Inventar muss ein Standort neben einem Anteil von fünf Prozent Torfmoosen auch die vier Zeigerpflanzen Gemeine Moosbeere, Rosmarinheide, Rundblättriger Sonnentau und Scheidiges Wollgras aufweisen.

Die Torfmoose breiten sich am Etang de la Gruère inzwischen in raschem Tempo aus und auch die Verbuschung scheint weitgehend gestoppt. Ob damit die Moorlandschaft dauerhaft wiederhergestellt werden kann, wird die Zukunft weisen. Das auffälligste Landschaftselement, der Moorsee, wird auf jeden Fall erhalten bleiben. Eigentlich sind es vier kleine Seen, die eine grosse Vielfalt an bedeutenden Tier- und Pflanzenarten beherbergen. Einige dieser Arten sind spontan aufgekommen, bei einigen anderen, vor allem bei den Fischen, half der Mensch mit Aussetzungen nach. Im Wasser tummeln sich Hechte, Barsche, Schleien, Karpfen und Rotfedern, die allesamt den See aus eigener Kraft nicht hätten erreichen können.

Rätselhaft ist die Herkunft der Teichmuscheln. Ob sie ausgesetzt wurden, ist nicht nachgewiesen. Eher ist zu vermuten, dass die winzigen Larven dieser Muschelart über den Wind verbreitet wurden. Vermutlich von einem Pflanzenliebhaber
ausgesetzt wurde der Radblättrige ­Teichenzian. Im See findet sich auch der Fieberklee, dessen weisse Blüten im Mai und Juni zu sehen sind. Daneben kommen Seebinse, Schnabelsegge, Sumpfblutauge und Schlammschachtelhalm in den Moorseen vor.

Vom Regen gespiesen

Weitab von den einstigen Entwässerungskanälen findet sich erst die typische Hochmoorvegetation. Die Niederschläge sorgen für eine starke Vernässung des abflusslosen Bodens; das Regenwasser bildet die einzige Nahrungsquelle. Nur noch ausgesprochene Spezialisten können mit so kargen Lebensbedingungen umgehen.

In der Mitte der Halbinsel im Moorsee wächst wegen des sehr nassen Bodens kein Baum mehr. An dieser Stelle spriessen die Torfmoose, die Baumeister des Hochmoores, besonders üppig. Sie speichern Feuchtigkeit in den Stängeln und Blättern und können vollgesogen bis zu 20-mal schwerer sein als in trockenem Zustand. Die Moose wachsen an der Spitze, während die unteren Teile laufend absterben.

Weil sie dauerhaft unter Wasser liegen, zersetzen sie sich kaum und häufen sich so allmählich an. So wächst das Hochmoor stetig. Das ständige Wuchern der Moose schafft kleine Polster, sogenannte Bulten, die wie Kissen anmuten. Das sind eher trockene Zonen, auf denen sich der Rundblättrige Sonnentau, eine fleischfressende Pflanze, ausbreitet. Die tierische Nahrung in Form von Insekten, die in speziellen Fallen gefangen und verdaut werden, erlaubt es dem Sonnentau, auch unter den extrem nährstoffarmen Bedingungen des Hochmoores zu überleben.

Gegen das Seeufer hin wird es trockener. Hier halten sich Bergföhren, in unmittelbarer Nähe des Ufers auch Fichten, auf. Das ist durchaus typisch für viele Hochmoorgebiete. Am Etang de la Gruère war indes ein Grossteil der Landschaft während Jahrtausenden nur von Seggen, Binsen und Torfmoosen bewachsen.

Das Buch zur Wanderung: «Die schönsten Naturparadiese der Schweiz» ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.

Rund ums Moor
• Anreise:
Mit der Bahn von Biel über La Chaux-de-Fonds oder Tavannes via Le Noirmont nach Saignelégier. Oder von Delémont via Glovelier nach Saingelégier.
• Übernachtung: Hôtel De la Balance, Les Vacheries 9, 2345 Les Breuleux, Tel. 032 954 14 13, www.hotelbalance.ch
• Essen: Hôtel Restaurant de l’Ours, Rue de l’Auberge, 2713 Bellelay, Tel. 032 484 97 27
• Auskunft: Jura Tourisme, Place du 23 Juin 6, 2350 Saignelégier, Tel. 032 420 47 70, www.juratourism.ch
• Karten: Landeskarte 1:25 000, 1104 Saignelégier, 1105 Bellelay, Landeskarte/Wanderkarte 1:50 000, 222/222T Clos du Doubs
Wanderung
Rund um den Moorsee führt, grösstenteils auf Holzstegen, ein hübscher Wanderweg, zu dem es verschiedene Zugangswege gibt. Der See lässt sich in einer guten Stunde umwandern. Sehr empfehlenswert ist die Tageswanderung vom nahen Saignelégier (982 m ü. M.) her, welche die zauberhafte Landschaft der Freiberger mit einschliesst. Die weit­läufigen Gehöfte, Nadel­wälder mit statt­lichen Wettertannen, weidende Pferde sind die Charakteristiken dieser Gegend. Ausgangspunkt ist der Bahnhof von Saignelégier. Man folgt dem Wegweiser in Richtung Bellelay und schlägt kurz darauf den gut markierten Wanderweg Richtung Etang de la Gruère ein. Nach etwa einer Stunde hält man bei Les Cerlatez rechts Richtung Etang de la Gruère.
Bei La Theurre (Einkehrmöglichkeit) geht  es weiter auf dem Weg Richtung Tramelan, danach zum See hinunter, den man im Gegenuhrzeigersinn umrundet.
Zurück in La Theurre wählt man wieder  den Wanderweg nach Tramelan. Nach rund einer halben Wegstunde geht es bei einem Hof Richtung Bellelay weiter, kurz darauf folgt man dem Wanderweg nach rechts und geht wieder Richtung Tramelan. In Tramelan fahren ab dem Bahnhof Busse zurück nach Saignelégier. Wanderzeit: rund 4 Stunden, Höhendifferenz 120 Meter, Verpflegungsmöglichkeit in Saignelégier, La Theurre (hübscher Landgasthof, wo auch Reiter mit ihren Pferden einen Halt einlegen) und Tramelan.

Fotos: swissimage Gerry Nitsch, Jura Wanderer / flickr / cc

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