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Chrächen und Eggen

Kategorie: Natur
 Ausgabe 02 - 2010 - 01.02.2010

Text:  Luc Hagmann

Auch eingefleischte Wanderer werden staunen, wie viel Überraschendes und Neues es auf dem Trans Swiss Trail von Porrentruy bis nach Lugano zu entdecken gibt – zum Beispiel auf der Route durchs Emmental

Einfach drauflosmarschieren. Nur den Süden im Sinn. Schauen und staunen, welche Überraschung hinter der nächsten Ecke wartet. Einen Platz schrittweise ausmessen, einem zerfurchten Feldweg folgen, im letzten Sonnenlicht des Tages ins Tal absteigen, ein Gespräch am Wegrand führen, in einer schattigen Gartenwirtschaft lokale Spezialitäten kosten. Das alles bietet der Trans Swiss Trail von Porrentruy nach Lugano.

Alles, was es für das Abenteuer braucht, ist Freude am Wandern, einen Rucksack mit dem Nötigsten, etwas Kondition und offene Sinne. Verirren kann man sich nicht: In regelmässigen Abständen tauchen die vertrauten gelben Wegweiser mit dem grünen Routenfeld Nummer 2 für den Trans Swiss Trail auf. Prägend ist vor allem der Mix aus Moderne und Tradition, das Nebeneinander von Natur und Zivilisation. Das macht das Unterwegssein auf dem Trans Swiss Trail lehrreich und spannend.

Altes neu entdecken

Vom Jura führt die Route durch das Seeland in die Region Bern. Via Emmental und Entlebuch geht es in die Zentralschweiz. Auf legendären Säumerpfaden erreicht man den höchsten Punkt der Route am Gotthard und zieht auf der Strada alta hoch über der Leventina hinein ins Tessin bis nach Lugano. Der Trans Swiss Trail umfasst 30 Etappen und ist über 460 Kilometer lang. Dank dem dichten öffentlichen Verkehrsnetz sind Abkürzungen und das Umsteigen auf Bahn, Bus oder Schiff jederzeit möglich.

Die wenigsten Wanderer werden die gesamte Strecke an einem Stück ablaufen, denn das würde – bei täglich 4 bis 6 Stunden Wanderzeit – 30 Tage erfordern. Und doch hat der Gedanke, so weit zu gehen, wie Zeit und Füsse es erlauben, einen besonderen Reiz.

Selbst eingefleischte Schweiz-Wanderer werden staunen, wie viel Überraschendes und Neues es zwischen der fichtenbestandenen Parklandschaft im Jura und den Feigenbäumen und Palmen am Luganersee noch zu entdecken gibt. Wir machen uns auf in Richtung Emmental.

Auf Gotthelfs Pfaden

Am Neujahrstag 1831 reitet ein Vikar von Bern über Worb nach Lützelflüh. Es ist Albert Bitzius, der im Emmental seine vierte Vikariatsstelle antreten soll. Fünf Jahre später wird der aufmüpfige Pfarrer durch seinen ersten Roman «Der Bauernspiegel» landesweit berühmt werden – allerdings unter dem Pseudonym Jeremias Gotthelf. In nur zwei Jahrzehnten schafft er ein literarisches Werk von 20 000 Druckseiten, darunter Meisterwerke wie «Die schwarze Spinne».

Die Wanderetappe verläuft nicht ganz auf Gotthelfs Spuren, der die Route durchs Biglental wählte, aber sie ist gleichwohl eine Wanderung auf historischen Pfaden: Der Weg entspricht weitgehend der einst viel begangenen Verbindung von Bern ins mittlere Emmental, auf der später die sechsspännigen Postkutschen verkehrten. Auch der «Bauernkönig» Niklaus Leuenberger soll 1653 die Aufständischen auf diesem Weg nach Bern geführt haben.

Hinter dem bewaldeten Worbberg beginnt das für das Emmental typische Gelände mit seinen lang gezogenen Hügeln (Eggen) und den steilen Gräben (Chrächen). Wo das Emmental genau anfängt und wo es aufhört, ist allerdings unklar, denn die Grenzen zu den Nachbarsregionen sind fliessend. Am besten, man hält sich für die Gebietsdefinition an die vier Amtsbezirke Burgdorf, Konolfingen, Signau und Trachselwald.

Im Anstieg zur Mänziwilegg, bei der Diepoldshusenegg und vor allem auf dem Höhenhenrücken der Wägesse geniesst man fantastische Ausblicke, sei es auf die Stadt Bern, auf die Alpen, den Jura oder ins Napfbergland. Lützelflüh, das man nach rasantem Abstieg erreicht, wird durch die Emme entzweigeschnitten. Im älteren Dorfteil, dem Oberdorf, befindet sich die Gotthelfstube und am Rainbergli eine Gedenkstätte. Drei Grabsteine hinter der Kirche erinnern daran, dass neben Gotthelf noch zwei andere berühmte Dichter in Lützelflüh wirkten: Simon Gfeller und Emanuel Friedli.

Der Emme entlang

Die anschliessende Etappe führt der Emme nach von Lützelflüh nach Langnau. Der Fluss, der von der Quelle im Hohgantgebiet bis zur Mündung in die Aare rund 80 Kilometer zurücklegt, prägt die Landschaft und die Kultur des Emmentals stark. Auf der Wanderung entlang der Emme trifft man auf allerlei Freizeitsport ler: Joggerinnen, Biker, Reiterinnen, Fischer und manchmal sogar auf Goldwäsche (vor allem in der Nähe des Napfgebiets, das für seine Goldvorkommen bekannt ist). Andere nützen den Fluss für ein erfrischendes Bad oder geniessen ein Picknick am Ufer.

Doch das friedliche Bild kann sich schnell ändern – dann, wenn sich ein intensives Gewitter entlädt und die Zuflüsse die Wassermassen rasch und kraftvoll ansteigen lassen. Früher trat die Emme regelmässig über die Ufer und verwüstete weite Teile des Tales. Heute sorgen zahlreiche Verbauungen dafür, dass sich die Schäden in Grenzen halten. Der grösste Zufluss ist die Ilfis, die bei Obermatt in die Emme fliesst. Dort befindet sich ein Exemplar der vielen kunstvollen Holzbrücken des Tals. Die meisten stammen aus dem 19. Jahrhundert oder sind noch älter. Trotzdem tragen sie oft den heutigen Fahrverkehr. Die Dächer sind reiner Selbstschutz. Sie bewahren das Hängewerk vor Regen und Schnee. Die Etappe nach Langnau erlaubt einen Einblick in die Technik des Holzbrückenbaus (neben der Obermattbrücke die Gohlhusbrügg bei Ltzelflüh).

Langnau ist das Zentrum des oberen Emmentals, konnte aber seinen Dorfcharakter bewahren. Man trifft auf gemütliche Gasthöfe und stattliche Häuser, darunter das Chüechlihuus am Bärenplatz mit dem Heimatmuseum. Das Gebäude aus dem 16. Jahrhundert diente einst als Café, in dem Kuchen serviert wurde. Heute kann man dort viel über das Leben im Emmental erfahren. Wer noch mehr über die Region wissen möchte, biegt nach der Hälfte der Etappe bei Ramsei in den Bauernlehrpfad ein.

Erste Etappe
Worb–Lützelflüh
• An- und Rückreise: Worb ist von Bern mit der S7 oder dem Tram gut erreichbar; von Lützelflüh-Goldbach regelmässige Zugverbindungen nach Bern oder Burgdorf
• Distanz: 17,5 Kilometer
• Wanderzeit: 5 Stunden
• Höhenunterschiede: Aufstieg 605 Meter, Abstieg 605 Meter
• Schwierigkeitsgrad: mittel
• Karte: 1: 50 000 T 243 Bern
• Übernachtungsmöglichkeiten und Infos:  www.luetzelflueh.ch/de/inhalte/leben/restaurants.php
Zweite Etappe
Lützelflüh–Langnau
• An- und Rückreise: regelmässige Zugverbindungen von Bern oder Burgdorf nach Lützelflüh-Goldbach sowie von Langnau nach Bern oder Burgdorf
• Distanz: 12,6 Kilometer
• Wanderzeit: 3 Stunden
• Höhenunterschiede: Aufstieg 130 Meter,
• Abstieg: 45 Meter
• Schwierigkeitsgrad: leicht
• Karten: 1: 50 000 T 243 Bern, T 244 Escholzmatt
• Übernachtungsmöglichkeiten und Infos: www.langnau-tourismus.ch

Fotos: © swissimage Christof Sonderegger

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