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Weihnachtsrituale

Kategorie: Natur

Text:  Erna Jonsdottir

Das (be)rauschende Fest der Liebe naht und mit ihm christliche Bräuche und Rituale, die in heidnischen Traditionen wurzeln. Wie der Weihnachtsbaum in die Stube kam, weshalb Rentiere fliegen, Harze böse Geister vertreiben und wir wild auf Schokolade sind.

Linda Hodel

Schleichend hüllt sie das idyllische Bergdorf in ihr schwarzes Kleid: Die Dunkelheit, die im Winter herrscht und am 21. Dezember – dann ist Wintersonnenwende, die heidnische Neugeburt der Zeit – ihre längste Nacht feiert. Leise erklingt «Advent, Advent, ein Lichtlein brennt» und durchbricht die Stille der Nacht. Mit glänzenden Augen singen die Kinder vor dem zauberhaft geschmückten Weihnachtsbaum mitten auf dem Dorfplatz und läuten damit die Vorweihnachtszeit ein. Während der süsse Duft von Lebkuchen, gebrannten Mandeln und Glühwein in die Nase steigt und so manche Erinnerungen weckt, stimmen sie «O Tannenbaum» an. Das beliebte Volkslied lehrt, dass der Nadelbaum, der sich sein grünes Kleid auch von Väterchen Frost nicht ausziehen lässt, «Hoffnung und Beständigkeit, Trost und Kraft» spendet.

Gerade deshalb spielen immergrüne Pflanzen wie Tannen, Fichten, Stechpalmen, Vogelbeeren, Misteln oder Efeu aber auch der Fliegenpilz, exotische Weihnachtsgewürze und -düfte sowie Räucherstoffe seit Urzeiten eine wesentliche Rolle an Weihnachten. Es sei das «international erfolgreichste Massenritual, das ethnische, religiöse, kulturelle und politische Grenzen überschreitet», wie der bekannte Ethnowissenschaftler Christian Rätsch schreibt. Historisch betrachtet habe das Weihnachtsfest seinen Ursprung in der vorchristlich-heidnischen Zeit. Weihnachten sei das Fest der Geburt des Erlösers Jesus Christus, der Wiedergeburt der Sonne, der Raunächte (siehe unten), des Jahreswechsels und der Götter und Geister.

Die Raunächte

Die Raunächte
(auch Rauchnächte) erleben ein Revival: Im Gegensatz zur hektischen Vorweihnachtszeit, finden immer mehr Mensch in den elf heiligen Tagen und zwölf Nächten zwischen dem 24. und dem 6. Januar Zeit, um zu Räuchern (daher Rauchnächte), zu meditieren und dabei in sich zu kehren.

Nach alten Überlieferungen spuken die Geister in dieser Zeit besonders heftig. Zudem braust die Wilde Jagd (auch „Odins Jagd“) auf der Suche nach der Sonne durch die Wolken, wobei die Geisterwesen den Kampf zwischen Licht und Finsternis entscheiden. Damals wie auch heute stellen die Raunächte-Räucherungen den Kontakt zu den Göttern und Göttinnen der Anderswelt her und weisen der Wilden Jagd ihren Weg, speisen die Ahnen und Totenseelen, halten Dämonen und negative Schamanen (Hexen, Zauberer) fern.

Die sogenannten Apotropäa (Zaubermittel, die Unheil abwehren sollen) zählen zu den wichtigen Räucherstoffen. Dazu gehören Beifuss, Weihrauch, Hanfblüten, der Fliegenpilz, Rosmarin, Wacholder, Quendel, Fichten- und Eibennadeln sowie Kiefern- und Tannenharz.

Der Siegeszug des Christbaums
Der Weihnachtsbaum, das Wintergrün, Harze und Fliegenpilze sind Mittelpunkt vieler moderner Bräuche und Riten, deren Hintergründe die wenigsten Menschen kennen. Bäume zum Beispiel stellen die Verbindung zwischen Himmel und Erde dar. Sie sind Schutzbäume, Lebensbäume, Stammbäume und Weltenbäume wie die Esche Yggdrasil aus der nordischen Mythologie. Auch der Tannenbaum, dessen Zweige böse Geister vertreiben sollen, hat eine symbolische Bedeutung als Welten- und Lebensbaum. Heilige Bäume galt es zu verehren. Sie wahllos zu fällen, bringt in schamanischen Kulturen Krankheit oder Tod. Erlaubt ist, das Holz für rituelle Zwecke zu verwenden.

Lange Zeit war der Brauch, Tannen- und Fichtenzweige oder ganze Bäume ins Haus zu bringen, als heidnisch verpönt und von der Kirche verboten. Nachdem mit dem Fällen der mystisch-germanischen «Donareiche» die geistige Kultur der Chatten (die heidnisch-germanischen Vorfahren der Hessen) zerstört wurde, kam der Kirchenvater Augustin (354–430) zur Erkenntnis: «Man rotte die Heiden nicht aus, man bekehre sie; man fälle die heiligen Bäume nicht, man weihe sie Jesus Christus.» Und so wurde es umgesetzt.

Der Brauch, vom 24. Dezember bis zum Dreikönigstag einen Baum ins Wohnzimmer zu holen und zu schmücken, ist laut Rätsch eine deutsche Erfindung, deren frühestes Zeugnis aus dem Jahr 1419 stammen soll. Andere betiteln den Strassburger Baum von 1605 als ersten geschmückten Tannenbaum der Welt, der sich auf der ganzen Welt etabliert habe: 1799 kam er nach Zürich, 1912 erreichte er New York.

Schutz vor Krankheiten und Hexen
Weitaus weniger bekannt und dennoch ein wichtiger Bestandteil der Weihnachtsbotanik ist der immergrüne Wacholder. Seine Zweige dienen nicht nur als Wintergrün oder als «Lebensrute», mit der man die Vitalität der Pflanze auf den Menschen überträgt. Die Zweigspitzen, die Beeren und das Harz sind ein Räucherwerk, das im Mittelalter als «falscher Weihrauch» bei ansteckenden Krankheiten zum Einsatz kam. Um die Räume zu desinfizieren, wurden in der Schweiz bis in die Neuzeit hinein Schulräume und Krankenhäuser mit Wacholder ausgeräuchert. Der nette Nebeneffekt: Wacholderrauch schützt besonders gut vor bösen Geistern, Hexen, Kobolden, Druden (Wesen, die sich nachts auf Schlafende legen) und sogar vor dem Teufel höchstpersönlich!

Räucherrituale dienen jedoch nicht nur zur Reinigung und zum Schutz vor dunklen Wesen, sondern auch zur Bewusstseinsbildung. Und: Gerüche regen die Stimmung an, lösen Gefühle aus, steuern unser Sexualverhalten und wecken verborgene oder längst vergessene Erinnerungen. «Deshalb werden Rituale in allen Kulturen mit besonderen Gerüchen markiert», erklärt Rätsch.

Das Weihnachts-Ritual ist voller Gerüche – ein «wahrer Hagel von Pheromonen». Dass Vanille, Zimt und Kardamom aphrodisierend wirken, ist bekannt. Was die wenigsten wissen: In fast allen Räucherharzen sind Phytosterole enthalten; in Kiefernharz zum Beispiel Testosteron und in der Myrrhe dem Testosteron ähnlich riechende Steroidalkohole. Seien es Orangen, Nelken, Anis, Zimt, Vanille, Kardamom, Bittermandel oder Kakao: «Mittels der chemischen Programmierbarkeit der Psyche über den Geruch bekommt man jeden Weihnachtsmuffel hinterm Ofen hervor», ist sich Rätsch sicher.

«Mittels der chemischen Programmierbarkeit der Psyche über den Geruch bekommt man jeden Weihnachtsmuffel hinterm Ofen hervor ». Christian Rätsch

Sünden, die glücklich machen
Von wegen Kakao: Gerade in der Adventszeit verdrücken wir Pralinen wie wild. Weshalb wir das tun? Rätsch liefert spannende Erkenntnisse: Der aus Mexiko stammende immergrüne Kakaobaum gehörte zu den schamanischen Weltenbäumen der Maya und wurde als Nahrung der Götter verehrt. In seinen Samen, den Kakaobohnen, enthalten sind das Alkaloid Theobromin, das eine koffeinähnliche Wirkung hat, sowie Phenethylamin (ein im menschlichen Gehirn vorhandener Neurotransmitter), das für Verliebtheitsgefühle sorgt. Zudem wurde im Kakao die ungesättigte Fettsäure Anandamid entdeckt – ein endogenes Analogon von Tetrahydrocannabinol (THC), das glückselige Zustände auslöst (ānanda ist Sanskrit und bedeutet vollkommene und höchste Glückseligkeit, Wonne, wahre und dauerhafte Freude, unbeeinträchtigte und absolute Seligkeit, die aus sich selbst existiert und nicht durch äussere Dinge bedingt ist). Kein Wunder, nehmen wir in der dunklen Jahreszeit ein paar Extrapfunde in Kauf und freuen uns über die Süssigkeiten, die der Samichlaus am 6. Dezember überbringt. Die Krux: Um gleichermassen benebelt zu werden wie von einem Joint, müsse man schätzungsweise 20 Kilogramm Schokolade vertilgen, meint Rätsch und betont: «Weihnachtszeit ist Rauschzeit!»

Unser Konsumverhalten an den Festtagen sprengt tatsächlich oft alle Grenzen. Seien es Glühwein, deftige Weihnachtsgerichte, üppige Desserts oder Weihnachtskekse – Kalorientabellen gibt es in dieser Zeit nicht. Und wer keine 20 Kilo Schokolade in sich reinstopfen will, trinkt für den Rausch wohl eher einen Fliegenpilz-Wodka oder ein Weihnachtsbier. Das taten die German mit Leidenschaft, und zwar am Juletrinken (Jule bedeutet im Norden Weihnachten). Das Julebier hatte es in sich: Dem alten nordischen Roggen-Gebräu wurden Hanf, Wermut (Grundlage des Absinth), Tannengrün, Sumpfporst und das halluzinogene Bilsenkraut beigemischt – eine berauschende Mischung, die Flügel verlieh.

Die germanische Festzeit wurde generell Biertage genannt und das friedliche Zusammensein mit dem Wort Bierfriede charakterisiert. Es wundert daher nicht, dass das Julebier den kürzesten Tag des Jahres erhellte, genauso wie die immergrünen Pflanzen, die bezirzenden Gewürze und die Räucherungen mit Wirkungen, die für das Fest der Liebe sprechen: Der echte Weihrauch vermag zwar den Teufel vertreiben, nicht aber die Lust. Während der Duft bei den einen unangenehme Erinnerungen hervorruft, löst er bei anderen erotische Gefühle, ja gar eine feurige Liebeslust aus.

«Santa» und die Fliegenpilze

Samichlaus, St.Nikolaus, Sinterklaas oder Weihnachtsmann – der Vorbote der Weihnachtszeit hat viele Namen. Was sie alle gemeinsam haben, sind ihre düsteren Gehilfen Schmutzli, Knecht Ruprecht oder Zwarte Piet. Der Weihnachtsmann, der als Einziger die ganze Welt erobert hat, ist Santa Claus. Auf einem Rentierschlitten fliegt er durch die Lüfte und wirft die Geschenke durch die Kamine.

«Santa» wurde 1931 von Harold Sundblom für «Coca Cola» in den USA geschaffen. Für Ethnowissenschaftler Christian Rätsch entpuppt sich der rot-weiss-gewandete Weihnachtsmann als verkappte Version von Odin, als heimlicher Schamane und sogar als «anthropomorpher Fliegenpilz». Der Fliegenpilz ist die nordische Schamanendroge schlechthin und wird mitunter mit dem Soma der Rigveda, dem ältesten Teil der indischen Veden, assoziiert, einem Rauschtrank der Götter. Das Sanskritwort bedeutet auch «Nektar» und «Unsterblichkeitstrank».

Tatsächlich ist der Fliegenpilz keinesfalls so giftig, wie gemeinhin dargestellt. Er berauscht, kann glücklich und lüstern machen und die Wahrnehmung und das Bewusstsein verändern und so die Tore zu anderen Welten öffnen. Bis heute wird der Fliegenpilz traditionell angewandt, aber auch von Psychonauten geschätzt: Er soll luzide Träume schenken und das (geistige) Fliegen ermöglichen. Übrigens: Auch Rentiere berauschen sich häufig mit Fliegenpilzen, deren Überreste sie sogar unter dem Schnee erschnuppern.

Buchtipp

Christian Rätsch und Claudia Müller-Ebeling «Heidnische Weihnachten: Bräuche, Riten, Rituale» AT Verlag 2019, ca. Fr. 30.–

Ilustration: Linda Hodel

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