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Totholz und Biodiversität

Kategorie: Natur
 Ausgabe_11_20 - 01.11.2020

Text:  Eva Rosenfelder

Es ist eine stille Tragödie: Totholz, eines der wertvollsten und artenreichsten Habitate, ja Grundlage für neues Leben, ist selten geworden. Ein Plädoyer für mehr «Unordnung» in Gärten und Wäldern.

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Der Tod gehört zum Kreislauf der Natur. Wie weit entfernt ist davon unsere «ewig-junge» Gesellschaft, in der alles Abgestorbene sogleich verbannt und weggeräumt wird. Im natürlichen Geschehen aber wird, was tot oder am Absterben ist, unmerklich gewandelt. Alles hat seine Zeit und seinen Sinn. So wird jeder tote Baum kostbare Nahrung und Kinderstube: Etwa ein Viertel aller im Wald lebenden Tier-, Pilz- und Pflanzenarten ist auf Totholz angewiesen, um zu überleben. In der Schweiz sind das allein etwa 2700 Grosspilze, 150 Flechten- und 1700 Käferarten. Hinzu kommen grössere Tiere wie Spechte, Siebenschläfer, Fledermäuse usw., aber auch Ameisen, Wildbienen etc. Insgesamt, so schätzt man, sind mindestens 5000 Tierarten auf den Lebensraum Totholz angewiesen. Und jede zweite junge Fichte im Gebirgswald wächst auf vermodernden Baumstämmen heran.

Überlässt man einen Baum ganz seinem Lebenszyklus, ohne ihn zu fällen, so stirbt er irgendwann zuerst teilweise und dann als Ganzes ab. Doch dieser Tod ist noch lange nicht das Ende, im Gegenteil. Nun wird das abgestorbene Holz erst recht zum Lebensraum: Während sich Pilze vom toten Holz ernähren, legen Wildbienen und andere Insekten ihre Eier darin ab, Vögel, Igel, Mäuse und andere Säugetiere wiederum ernähren sich von den Eiern, Larven und adulten Insekten – der tote Baum ermöglicht also Leben in vollen Zügen.

Lebendige Prozesse

Die Eiche gilt als die «artenreichste» Baumart. Sie beherbergt ungefähr 650 holzbewohnende Käferarten, während es auf der Buche «nur» 240 und auf der Fichte gerade mal 60 Käferarten sind. Da manche Arten nur in einer bestimmten Baumart vorkommen, ist auch in Sachen Totholz Vielfalt gefragt.

Eine abgestorbene Buche bietet in den ersten beiden Jahren etwa für den Schrot-Zangenbock (Rhagium mordax) ideale Entwicklungsbedingungen. Dieselbe Buche ist für den Balkenschröter (Dorcus parallelipipedus), eine Hirschkäferart, erst Jahre später, wenn der Zersetzungsprozess bereits fortgeschritten ist, eine optimal nutzbare Ressource.

Ein reiches Totholzangebot ist aber nicht Garant für eine vielfältige Käfergemeinschaft. Licht und Besonnung spielen eine ebenso wichtige Rolle. Eine Untersuchung im Arlesheimer Wald nahe Basel zeigte, dass das Totholz- oder das Blütenangebot alleine keine Erhöhung der Käfervielfalt zur Folge hatte. Totholz und Blüten kombiniert, ergaben hingegen eine Verdoppelung der Anzahl Arten der Roten Liste.

Die Erklärung dafür: Viele Bock- und Prachtkäfer fressen sich als Larve durch Totholz. Nach der Entwicklung zum adulten Käfer stehen dann aber oft Blütenpollen und Nektar zuoberst auf der Speisekarte – und oft werden sogar ganz bestimmte Blütenfarben bevorzugt. Der Eichen-Parchtkäfer zum Beispiel liebt gelbe Blüten, egal ob Hahnenfuss, Löwenzahn oder Habichtskraut.

Quelle: www.adriennefrei.ch

 Totholz im Garten



Wer zu wenig eigenes Schnittholz hat, besorgt sich bei Förstern, Landwirten etc. Wurzelstöcke, gefällte Obstbäume (im Herbst oder früh im Jahr wird geschnitten). Auch Schwemmholz ist eine Möglichkeit (z.B. nach Hochwasser bei Stauwehren nachfragen). Besonders Wurzelstöcke und Schwemmholz sind nicht nur wertvoller Lebensraum, sondern auch sehr dekorativ. Je nach Standort sind es gute Sonnenplätze für Eidechsen und Schmetterlinge, während Wurzelhohlräume, egal ob im Schatten oder an der Sonne, von verschiedensten Tieren als Versteck genutzt werden.

Totholzzaun
Das Grundgerüst für einen Totholzzaun geben zwei Pfostenreihen vor, die in den Boden geschlagen oder eingegraben werden. Sie geben die gewünschte Breite des Zauns vor. Mit der Breite steigt der ökologische Wert, aber auch der Materialbedarf, der oft unterschätzt wird. Den Raum zwischen den Pfosten gilt es zu füllen mit Ästen, Zweigen, Heckenschnittgut, Schilf, Wurzeln, Weihnachtsbäumen etc. Durch Verrottungsprozesse sackt der Haufen nach und nach zusammen, so ist immer wieder neues Material gefragt – das im besten Fall direkt aus dem eigenen Garten stammt (natürliche Kreisläufe).

Holzstapel
, die man zum Verrotten stehen lässt, sind eine einfache Methode, mit der sich grössere Mengen an Totholz im Garten integrieren lassen. Am besten verwendet man dafür verschiedene einheimische Baumarten. Eine dicke Schicht Holzschnitzel und Erde dienen als Feuchtigkeitsspeicher. So finden Pilze optimale Wachstumsbedingungen und das Modern kann losgehen.

Schnitzelwege
Einen Weg (z.B. Labyrinth-Weg) oder Platz ca. 30 Zentimeter tief ausheben und mit Laubholz-Schnitzeln auffüllen. Wenn die Schnitzel mit der Zeit verrotten, bieten sie vielen Insekten Lebensraum. Senkt sich der Boden ab, können neue Schnitzel ausgebracht werden. Allzu viel aber kann den Boden sauer machen, sodass Lebewesen langfristig verschwinden.

Alte und tote Bäume sollten – sofern sie kein Sicherheitsrisiko darstellen – unbedingt stehengelassen werden. Sollte dies nicht möglich sein, ist es eine gute Variante, den Baum als sogenannte Hochstubbe oder Torso zu kappen. Dabei bleibt zumindest der Stamm stehen. So können selbst gekappte Baumveteranen noch über viele Jahre einen wertvollen ökologischen Beitrag leisten.

Das leise Sterben
Nach dem Absterben des Holzes beginnt eine Besiedelung mit Tausenden von verschiedenen Arten, die sich zum Beispiel bei der Eiche über Jahrhunderte hinziehen kann. Doch so wie Menschen heute oft nicht mehr eines natürlichen Todes sterben können, so lässt man auch den Bäumen respektive dem Wald keine Zeit mehr dafür. Denn Holz war und ist vor allem auch ein Wirtschaftszweig, war es doch bis weit ins 20. Jahrhundert ein zentraler Bau-, Brenn- und Werkstoff. Infolgedessen wurde die Waldnutzung in einem Ausmass intensiviert, in dem auch der letzte Rest Holz weggeräumt und nichts mehr auf dem Waldboden liegengelassen wurde. Damit verloren nicht nur viele Tierarten – darunter unzählige Nützlinge – ihren Lebensraum, auch gingen dem Wald kostbare Nährstoffe verloren.

Heute ist fast die Hälfte aller holzbewohnenden Käferarten (sogenannte Xylobionten) gefährdet. Dies, obwohl die Menge an Totholz in den Schweizer Wäldern seit der Umstellung auf Öl als Brennstoff kontinuierlich zugenommen hat und es heute doppelt so viel Totholz im Wald gibt wie noch vor 30 Jahren. Dazu beigetragen haben auch die Orkane Vivian (1990) und Lothar (1999) sowie die mangelnde Rentabilität der Holzernte in vielen Regionen. Ebenso haben anhaltenden Dürreperioden in den letzten Jahren viele Bäume absterben lassen. Und nicht zuletzt ist immer mehr Waldbesitzern die Wichtigkeit von Totholz durchaus bewusst.

Dennoch mangelt es nach wie vor sogenannten Biotopoder Habitatbäumen. Damit werden Bäume bezeichnet, die besondere Lebensräume (Biotope, Habitate) für andere Lebewesen bieten; oft handelt es sich um sehr alte, teilweise bereits absterbende oder tote Bäume. Selten geworden sind auch stehende oder liegende dicke, besonnte tote Baumstämme sowie Holz in fortgeschrittenen Abbaustadien. Im Wirtschaftswald werden Bäume nach wie vor lange vor dem «Greisenalter» gefällt: Eine Weisstanne kann 500 bis 600 Jahre alt werden, wird aber meistens bereits mit 90 bis 130 Jahren «geerntet».

Alte Bäume, lichte Auen und Laubwälder in tiefen Lagen, gestufte Waldränder, hochstämmige Kastanien und Obstbäume – auf diese heutzutage selten gewordenen Lebensräume sind die 118 einheimischen Holzkäferarten angewiesen, die auf der Roten Liste stehen. Genauso wie Hunderte ihrer Artgenossen, die mangels Kapazität noch nicht einmal erfasst werden konnten und in aller Stille aussterben.



Bitte halten Sie Unordnung!
Der Anblick eines geräumten Waldes ist für uns so normal geworden, dass wir herumliegendes Totholz als unordentlich empfinden. Wie wenig hat unser künstliches Ordnungsgefühl doch zu tun mit der unglaublichen biologischen Vielfalt, die sich durch die tiefergreifende Ordnung der Natur stets erneuert – und mit ihren perfekten Kreisläufen immer wieder neues Leben erzeugt.

Was bereits im Wald das ästhetische Gefühl mancher erholungsuchender Menschen stört, ist diesen erst recht im Garten ein Dorn im Auge. Hier, wo noch immer der Rasenmäher das Sagen hat, wo regelmässig geschnitten, «Unkraut» getilgt, gewerkt und geputzt wird, bis alles blitzblank aussieht – jedoch unzählige Lebensräume von Kleinlebewesen, Vögeln und Säugetieren verschwunden sind. Doch gerade im Garten, auf dem Vorplatz oder sogar auf dem Balkon kann jeder und jede Einzelne viel bewirken und höchst persönlich beitragen zu mehr Artenvielfalt.

Totholz ist besonders dann hilfreich, wenn auch der restliche Garten möglichst naturnah gestaltet wird, mit Stein- und Asthaufen, Wasserstellen, verwilderten Winkeln, heimischen Wildsträuchern und möglichst lange blühenden Wildpflanzen (beim Kauf Bio vorziehen, denn viele Pflanzen aus dem Supermarkt sind heute mit für Kleinlebewesen höchst giftigen Pestiziden versetzt). Je mehr solche naturnahen Gärten entstehen, desto besser funktioniert die Vernetzung dieser Kleintierparadiese untereinander. Ein dichtes Netz ermöglicht es den verschiedenen Tier- und Pflanzenarten, zu wandern und sich auszubreiten.

Totholz ist dabei immer gefragt. Anstatt Äste und Zweige also sogleich diensteifrig in der Grünabfuhr zu entsorgen, schichte man sie besser lose zu einem Asthaufen auf. Laubhölzer wie Eiche, Buche oder Obstbäume beherbergen generell mehr Arten als Nadelhölzer; dicke und lange (mindestens 1,5 m) Äste geben mehr her als dünne. Doch grundsätzlich ist es die Vielfalt an verschiedensten Möglichkeiten, die am meisten bewirkt. Ob stehend oder liegend, ob an feuchten schattigen Stellen, wo es schnell modrig wird, oder an trockenen Plätzen: Immer finden sich schon in Kürze die entsprechenden Tierarten ein, die genau diesen Lebensraum suchen. Und so wuselt es meist schon bald im Totholz, dass es eine Freude ist!

Buchtipps

Werner David «Lebensraum Totholz. Gestaltung und Naturschutz im Garten», Pala Verlag 2020, ca. Fr. 21.–

Volker Binner «Lebensraum Baum. Auf Entdeckungsreise in der faszinierenden Welt zwischen Wurzel und Krone», BLV 2019, ca. 35.–

Fotos: iStock.com

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