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Tierlegenden

Kategorie: Natur
 Ausgabe_04_20 - 29.04.2020

Text:  Erik Brühlmann

Sind Elstern geflügelte Diebe? Haben Lemminge einen Hang zum Selbstmord? Und können Frösche das Wetter vorhersagen? Wir sind einigen tierischen Legenden nachgegangen – und sind auf Überraschendes gestossen.

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Vermehren wie die Karnickel
«Die vermehren sich wie die Karnickel!» Der oft abschätzig gemeinte Ausruf hat durchaus einen wahren Kern, denn Kaninchen sind tatsächlich sehr fruchtbar und vermehrungsfreudig. Der Rammler versucht meist noch in der Stunde nach der Geburt, das Weibchen schon wieder zu decken! Aber Sex ist ja nur das eine; effektive Fortpflanzung das andere. «Der Deckungsakt ist bei Kaninchen fast immer erfolgreich», sagt Julika Fitzi, Tierärztin und Leiterin der Fachstellen Tierversuche und Tierärztliche Beratungsstelle des Schweizer Tierschutzes (STS). «Man spricht von einer induzierten Ovulation: Der Deckakt löst Eisprünge aus, sodass die Spermien des Rammlers stets auf fruchtbare Eizellen treffen.» Nach einer Tragzeit von 30 Tagen werden vier bis sechs Junge geboren. Als wäre das nicht genug, verfügen weibliche Kaninchen auch noch über eine spezielle Gebärmutterform mit zwei langen Uterushörnern. So kann es vorkommen, dass das Weibchen noch während einer bestehenden Trächtigkeit im einen Uterushorn im anderen erneut trächtig wird. Diese extreme Vermehrungsfreudigkeit, die schon manchem Haustierbesitzer über den Kopf gewachsen ist, hat vermutlich einen einfachen Grund: Überleben. Als Art. Denn hinter den Kaninchen sind viele her. «Auch der Mensch bejagte bis nach dem Zweiten Weltkrieg Kaninchen und Hasen als Fleisch- und Felllieferanten exzessiv», sagt Julika Fitzi. «Würden sie sich nicht so schnell vermehren, wären sie vermutlich längst ausgestorben.»

Diebische Elstern
Jeder kennt die sprichwörtlichen diebischen Elstern, jene Menschen, welche die Finger nicht vom Glitzerzeug anderer lassen können. «Es ist erstaunlich, dass sich diese Redensart im täglichen Sprachgebrauch festsetzen konnte», findet Christoph Vogel, Rabenvogelspezialist an der Schweizerischen Vogelwarte Sempach. «Denn es gibt keine gut dokumentierten Beobachtungen, die auf ein solches Verhalten der Elstern schliessen lassen.» Er verweist auf eine Studie von Verhaltensforscher Toni Shephard und seinem Team vom Centre for Research in Animal Behaviour (CRAB) der Universität im britischen Exeter. Im Experiment wurden freilebenden Elstern Nüsse angeboten, daneben auch glänzende Objekte wie Schrauben, Alufolie usw. Das Resultat widerspricht dem Volksglauben: Bei 63 von 64 Besuchen an der Futterstelle wurden die glänzenden Objekte gar nicht beachtet respektive lösten sie nicht selten sogar Misstrauen aus und führten dazu, dass die Elstern auf das Futter, die Nüsse, verzichteten. «Wir fanden keine Hinweise darauf, dass sich Elstern von glänzenden Objekten angezogen fühlen», schliesst die Studie. Vielmehr deute alles darauf hin, dass jeder unbekannte Gegenstand Neophobie – die Angst vor Neuem – erzeugt. «Wir vermuten, dass Menschen, wenn sie Elstern sehen, die gelegentlich glänzende Objekte aufnehmen, glauben, dass die Vögel diese attraktiv finden.» Hingegen falle es nicht auf, wenn Elstern mit weniger auffälligen Gegenständen interagierten.

Der zerteilte Wurm
«Der zerschnittene Wurm verzeiht dem Pflug», schrieb einst der englische Dichter William Blake (1757–1827). Das fällt dem Wurm sicherlich leicht, denn es überleben ja beide Hälften. Oder? «Das ist leider nur eine Wunschvorstellung», sagt Lukas Pfiffner, Agrarökologe am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick. Wahrscheinlich stamme sie daher, dass der Mensch sich im Garten möglichst viele Regenwürmer wünsche, denn es gilt: je mehr Regenwürmer, desto besser der Boden.
Immerhin bedeutet ein Spatenstich nicht unbedingt das Ende des Regenwurms. Pfiffner: «Je weiter hinten die Trennung erfolgt, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass der gekürzte Wurm überlebt. Das abgeschnittene Stück aber stirbt ab.» Denn die wichtigen Organe wie etwa die fünf Paar Herzen (!) befinden sich etwa in der Körpermitte. Werden sie verletzt, verblutet das Tier. Doch wie erkennt man beim Regenwurm das Kopfende? «Mit etwas Übung sieht man, dass das Kopfende leicht konisch ist, das Schwanzende eher rund.» Im Zweifelsfall könne man sich aber auch einfach danach richten, in welche Richtung der Wurm kriecht – denn Regenwürmer bewegen sich nicht im Rückwärtsgang durchs Leben.

Die Schnecke auf der Rasierklinge
Weniger Freude haben Gärtner, wenn sie zwischen den Pflanzen auf Schnecken stossen. «In der Schweiz gibt es rund 200 Landschneckenarten, aber nur die Spanische Wegschnecke ist eine wirkliche Gartenplage», relativiert der Malakologe Jörg Rüetschi. Die Tiere wurden in den 1950er-Jahren aus den Pyrenäen eingeschleppt und erweisen sich als äusserst anpassungsfähig und zäh. Rüetschi: «Mittlerweile sind sie auf bis zu 2000 Metern über Meer sesshaft, und sie ernähren sich von allem, was sie finden, vom Salat über tote Artgenossen bis zu Hundefäkalien.» Selbst Dornen und Rasierklingen können diese und alle anderen Landschnecken nicht aufhalten – denn ihre «Füsse» berühren die scharfen Hindernisse gar nicht erst. «Schnecken kriechen immer auf einem Schleimband aus artspezifischen Substanzen, welches die Tiere vor Verletzungen schützt», so Rüetschi. Problematischer als dünne Klingen sind für Schnecken daher Bodenbeläge wie Sand, bei denen die Tiere zur Fortbewegung aussergewöhnlich viel Schleim produzieren müssen. Auch hierbei gibt es jedoch eine Ausnahme, welche die Regel bestätigt: Der Fuss der Schönen Landdeckelschnecke ist längsgeteilt. Diese Schneckenart kriecht deshalb nicht, sie schreitet!

Wetterfrösche
Steigt der Laubfrosch die Leiter hoch, wird das Wetter schön, heisst es im Volksmund. Sind Laubfrösche also die besseren Wetterfrösche als Kachelmann und Co.? «Es gibt keine Hinweise, dass Laubfrösche wirklich das Wetter vorhersagen können», sagt Mario Lippuner, Biologe und Amphibienspezialist der Zürcher Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (karch). «Laubfrösche gehören zu den Baumfröschen», erklärt Lippuner. «Sie leben in Büschen und Bäumen, wo sie in Höhen bis 30 Meter beobachtet wurden, und kommen praktisch nur zum Überwintern und zur Fortpflanzung auf den Boden.» In den Gehölzen beziehen die Laubfrösche Sitzwarten, wo sich die wechselwarmen Tiere selbst im Sommer stark der Sonne exponieren. Dies beschleunigt Stoffumsatz und Wachstum; die Geschlechtsreife wird früher erreicht, was die Arterhaltung wahrscheinlicher macht. Damit sie beim Sonnenbaden nicht austrocknen, schliessen sie Drüsen und halten die exponierte Körperfläche so klein wie möglich: Sie legen die Extremitäten eng an oder sogar unter den Körper. Woher die Idee des Wetterfrosches genau kommt, weiss Lippuner nicht. Vielleicht, vermutet er, wurde beobachtet, wie die Laubfrösche bei Wetterumbruch an die Oberfläche des Blattwerks der Gehölze kletterten, um ein Sonnenbad zu nehmen. Daraus schloss man, die Tiere würden den Umbruch voraussehen. «Solche Beobachtungen wurden einfach falsch interpretiert. Und manche Fehlinterpretationen halten sich bis heute hartnäckig.»

Grillen als Thermometer
Was machte man früher, als es noch keine Smartphones gab und man die Temperatur bestimmen wollte? Man befragte die Grillen – zumindest in den USA: 1897 fand der amerikanische Physiker Amos Emerson Dolbear (1837–1910) die Formel zur Temperaturbestimmung «per Grille» heraus: Man zähle 13 Sekunden lang, wie oft die Grille zirpt, addiere zu diesem Wert 40 und erhalte die Umgebungstemperatur in Grad Fahrenheit. In der Tat ändert sich bei Grillen – wie bei allen Heuschreckenarten – die Zirpfrequenz mit der Temperatur. «Grillen sind wechselwarme Tiere», erklärt Florin Rutschmann, Grillenexperte und Schutzgebietsbeauftragter von Pro Natura Aargau. «Je wärmer es ist, desto aktiver sind sie und desto häufiger zirpen sie tendenziell.» Für Grillen ist das Zirpen eine Art Sprache. Der Spontangesang, den man beim Wandern im Frühling oft hört, klingt anders als das Zirpen zum Balzen oder das Zirpen, wenn zwei Männchen aufeinandertreffen. Gibt es auch in der Schweiz Grillen, die exakte Rückschlüsse auf die Temperatur zulassen? Rutschmann: «Beim Zwitscher-Heupferd lässt sich bei etwa 10 Grad Celsius eine deutliche Veränderung des Gesangs feststellen.» Da aber noch viele andere Faktoren die Zirpfrequenz beeinflussen können, ist man mit einem gängigen Thermometer vermutlich doch besser bedient.

Lebensmüde Lemminge
Lemminge sind niedliche kleine Nager, die zu den Wühlmäusen gehören. Bekannt sind sie vor allem deswegen, weil sie sich angeblich alle paar Jahre in einen kollektiven Selbstmord stürzen. Sogar ein Computerspiel wurde auf dieser Annahme entwickelt – die aber nur eine Mär ist. «Suizid ist kein biologisches Konzept», sagt Robert Zingg, Kurator im Zoo Zürich. In guten Jahren vermehren sich Lemminge recht ungezügelt, bis die vorhandenen Ressourcen nicht mehr ausreichen. Daraufhin ziehen die Lemminge los, um sich neue Nahrungsquellen zu erschliessen. «Dabei gehen sie zum Teil hohe Risiken ein, wenn es darum geht, Hindernisse zu überwinden», weiss Zingg. Viele Tiere lassen dabei ihr Leben, weshalb bei Lemmingen tatsächlich grosse Populationsschwankungen beobachtet werden können. «Das ist ganz einfach ein Regulativ der Natur», sagt der Kurator.

Das Märchen von den lebensmüden Lemmingen geht vermutlich zurück auf den Disney-Film «White Wilderness» aus dem Jahr 1957. Dieser zeigt die Lemminge, wie sie zuhauf in einen Abgrund stürzen, und kommentiert: «Die Lemminge erreichen den tödlichen Abgrund. Dies ist ihre letzte Chance zur Umkehr. Aber sie laufen weiter, stürzen sich in die Tiefe.» Wie sich später herausstellte, half das Filmteam bei diesen Stürzen jedoch massiv nach. . .

Die unsterbliche Qualle
Und dann gibt es da noch diese mysteriöse Qualle, die – wie alle Fans von «The Big Bang Theory» wissen – unsterblich ist. «Das stimmt so nicht ganz», berichtigt Kurator Robert Zingg. Es ist nicht so, dass die Qualle mit dem sehr klangvollen Namen Turritopsis dohrnii nicht totzukriegen ist. «Man muss es sich eher so vorstellen wie bei einer Pflanze, die einen Ableger macht», erläutert Zingg. Analog dazu kann besagte Qualle aus einer Zellmasse einen Ableger bilden, der dann als neue Qualle weiterlebt, während das ursprüngliche Tier – wie jedes Lebewesen – den Weg alles Irdischen geht. Ob diese Fähigkeit mit Unsterblichkeit gleichzusetzen ist, bleibt wohl eine philosophische Frage.

Buchtipps
Emmanuelle Pouydebat «Was Tiere können», Goldmann 2019, ca. Fr. 16.–

Emmanuelle Pouydebat «Da drehte die Qualle die Zeit zurück», Knesebeck 2019, ca. Fr, 38.-

Helmut Höge «Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung», Westend 2018, ca. Fr. 25.–

Foto: mauritius-images.com

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