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Die Zukunft der Welt

Kategorie: Natur

Text:  Walter Hollstein

Die Zahl der Menschen auf unserem Planeten hat seit dem Jahr 1900 von 1,65 Milliarden auf 7,8 Milliarden zugenommen. Die Belastung des Planeten stösst bei den Lebensgrundlagen Wasser, Humus und Artenvielfalt an Grenzen. Und die Welt ist in Aufruhr.

@ unsplash.com/tom roberts

Immer häufiger bricht der Ausnahmezustand in Form von Naturkatastrophen, Amokläufen, Flüchtlings- und Wirtschaftskrisen in den Alltag ein. Statt Pragmatismus beherrscht zunehmend Populismus die Politik. Unsicherheit und Angst werden geschürt; Wut und Frustration machen sich breit. «Die brüchigen Lebenswelten sind der Hauptgrund für den Erfolg von ‹Populisten›, rechten Bewegungen und den Protest von unten», stellt Walter Hollstein fest. In seinem aktuellen Buch «Das Gären im Volksbauch» ist der emeritierte Professor für politische Soziologie dem brodelnden Volkszorn auf der Spur. Für «natürlich» hat er eine Zusammenfassung geschrieben – ganz nach seinem Motto: «Gesellschaftliche Zustände ändern sich nur dann, wenn sich Menschen finden, die die Verantwortung für den sozialen Wandel auf sich nehmen.»

« Friede ist nur durch Freiheit, Freiheit nur durch Wahrheit möglich. » Karl Jaspers

29. Juli 2019:
Drama am Frankfurter Hauptbahnhof. Ein achtjähriger Junge wird vor einen einfahrenden ICE gestossen. Einfach so. In Indien hat eine Hitzewelle gezeigt, dass manche bevölkerungsreiche Regionen der Erde womöglich bald nicht mehr bewohnbar sind. Cecile Eledge, 59 Jahre alt, brachte im US-Bundesstaat Nebraska ihre eigene Enkeltochter auf die Welt – als Leihmutter für ihren schwulen Sohn. Schock am Fasanenhof in Stuttgart: Mitten auf der Strasse wird ein Mann von einem syrischen Flüchtling getötet – mit einem Schwert. Im vergangenen Jahr hungerten weltweit 821 Millionen Menschen. Für weitere zwei Milliarden Menschen drohen die Nahrungsmittel knapp zu werden. In Städten wie Amsterdam und Rotterdam sind heute schon die Hälfte der Bewohner Migrantenfamilien, 180 Nationen leben hier, zwei Drittel der Schulkinder sind nicht hier geboren. Einheimische fühlen sich zunehmend fremd.

« Das Volk versteht das meiste falsch; aber es fühlt das meiste richtig. » Kurt Tucholsky

Soziale Umwälzungen
Das sind einige Zeitungsmeldungen des vergangenen Jahres, wahllos herausgegriffen, und es sind nicht die schlimmsten. Sie signalisieren Auflösungstendenzen unserer alltäglichen Ordnung. Heimat bricht weg, das Vertraute und Gewohnte. Stattdessen sind «plötzlich» Millionen von Fremden, Flüchtlingen und Zugewanderten da – vielfach aus «exotischen» Ländern mit gänzlich anderen Wertvorstellungen.

Viele Menschen sind irritiert und verängstigt. Sie beklagen, dass ihnen die Orientierung abhandenkomme: Alles verändere sich ständig und in einem so hohen Tempo, dass man ihm nicht mehr zu folgen vermöge; nichts bleibe, wie es sei. An was kann man sich da noch festhalten? Gleichzeitig werden Leistungs- und Profilierungsanforderungen immer höher geschraubt – die Krankenstatistiken der Versicherer und Krankenkassen belegen seit Jahren einen stetigen und zum Teil dramatischen Anstieg von Burn-out, Depression und anderen Stress- und Verschleisserkrankungen. Das ist zum Ärger der Betroffenen kein öffentliches Thema.

Die soziale Wirklichkeit transformiert sich rapide. Die traditionellen gesellschaftlichen Milieus lösen sich auf: Nachbarschaften, Vereine, gut erreichbare Einkaufsmöglichkeiten, Serviceleistungen wie zum Beispiel die Post, die alte Eckkneipe, die Sitzbank mit den Bekannten. Das Selbstverständliche des Lebens verschwindet. Leben muss aber, um es sinnvoll und zufrieden leben zu können, ein grosses Stück selbstverständlich sein. Es darf nicht jeden Tag wieder infrage gestellt werden. Es ist einfach da, und es ist tragfähig. Das lehrt die Anthropologie; aber vor allem belegt es unsere Erfahrung.

Die Leere füllen
Was dergestalt als Orientierungsverlust erlebt wird, wird überdies als Kontrollverlust wahrgenommen. Das Gewohnte, Vertraute und Gesicherte entgleitet einem immer mehr. Es entsteht ein Vakuum. Mit Leere lässt sich auf Dauer aber nicht leben; sie muss wieder gefüllt werden, um sich überhaupt eine eigene Zukunft vorstellen zu können. Wenn die Orientierungsund Anpassungsfähigkeit des Einzelnen an Grenzen kommt, droht auch das gesellschaftlich Ganze zu kippen. Das kann unter heutigen Bedingungen ganz rasch gehen, wie zum Beispiel die «Gilets jaunes» in Frankreich gezeigt haben – und, obwohl in den hiesigen Medien kaum mehr Thema, immer noch zeigen!

Planbarkeit ist zur Illusion geworden. «Diese verdammte Unsicherheit», klagt ein Betroffener. Die brüchigen Lebenswelten sind der Hauptgrund für den Erfolg von «Populisten», rechten Bewegungen, Protest von unten. Die Unzufriedenheit der «rechten» Wähler richtet sich nicht in erster Linie gegen die Flüchtlinge, die Hausbesitzer oder das Kapital, sondern gegen den kulturellen Wandel.

Die Welt scheint aus den Fugen oder ist es sogar. Wirklichkeit hat sich in kürzester Zeit radikal verändert. Nichts ist mehr, wie es war. Viele Menschen sehen sich in Unsicherheit, Angst, aber auch in Wut und Frustration, das belegen viele Untersuchungen. Besorgniserregend für den Gesamtzustand des Gemeinwesens ist dabei vor allem das Verschwinden des Vertrauens in Institutionen, Verbände, Politik und Gesellschaft. Viele haben das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören. Das führt sozial und politisch zu starken Verwerfungen, zu Unordnung in der Politik und zur sozialen Segmentierung.

Der Wind hat sich gedreht – und er weht nicht mehr von links. Im Hoch sind mittlerweile die rechten Parteien. Das war vorbereitet und wird begleitet vom Aufstieg konservativen Denkens. Ein Mentalitätswandel wird konstatiert, der von einer erstaunlichen Vergangenheitsorientierung geprägt ist. Diese Nostalgie lässt sich erklären über den Mangel an Zukunftsentwürfen und über die Hilflosigkeit vor Katastrophenszenarien unvorstellbaren Ausmasses. Letztere betreffen demografische Prognosen, die vor einer «Muslimisierung» von innen ebenso warnen wie von einer «Völkerwanderung» von aussen. Hinzufügen muss man die zu erwartenden Turbulenzen aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung verknüpft mit Künstlicher Intelligenz und des Klimawandels.

Welt im Wandel – unsere Chance!

Es brauche Menschen, die die Verantwortung für den sozialen Wandel auf sich nehmen, schreibt Walter Hollenstein. Um uns dieser Verantwortung stellen zu können, müssen wir zuerst Selbstverantwortung übernehmen – ganz im Sinne von Mahatma Gandhi: «Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünscht für diese Welt.»

Wir sind nicht machtlos. Im Gegenteil, mit unserer Schöpferkraft kreieren wir permanent Realität. Und gerade weil die bestehenden Verhältnisse erodieren, haben wir die Chance, eine neue Welt zu kreieren. Den Himmel auf Erden zu holen. Hier und heute! Dazu müssen wir aktiv werden. Selber denken; uns von Ideologien lösen; Spaltung überwinden; wahrhaftig und barmherzig sein; Freiheit und Liebe in die Welt tragen.

Was wir brauchen, ist eine Revolution des Herzens und praktischen Verstand. Eine Bewusstseinsentwicklung. Dazu müssen wir Neues wagen. Und uns umfassend informieren. Schauen Sie doch mal statt Tagesschau alternative Medien auf Youtube, z.B. Schrang TV oder KenFM. Besuchen Sie Internetportale wie infosperber.ch oder gemeinschaften.ch. Hören Sie sich Vorträge an von Armin Risi, Gerald Hüther oder Ulrich Warnke. Und lesen Sie gute Bücher – einige seien Ihnen hier ans Herz gelegt. Und denken Sie stets daran: Nichts ist wirksamer als gewaltfreier Widerstand.

Rainer Mausfeld «Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien», Westend 2019, ca. Fr. 22.–


Dieser schmale Band enthält eine geballte Ladung verdichteter Information zu den Hintergründen und Auswirkungen des radikal antidemokratischen Neoliberalismus und seinen verheerenden Auswirkungen. Der emeretierte Professor für Wahrnehmungs- und Kognitionsforschung zeigt auf, wieso Demokratie und Kapitalismus nicht vereinbar sind und wie diese Tatsache mittels massiver Propaganda vertuscht wird. Ein fulminantes Aufklärungswerk!

Christoph Pfluger «Die Strategie der friedlichen Umwälzung. Eine Antwort auf die Machtfrage», edition zeitpunkt 2019, ca. Fr. 15.–



Die tiefere Ursache von Umweltzerstörung und Kriegen ist das Kreditgeldsystem, so der Herausgeber der Zeitschrift «Zeitpunkt». In seinem neusten Werk erklärt er, wie man sich aus dem Mangeldenken befreit und wie wir ein Geldsystem im Dienste der Allgemeinheit implementieren können. Der Clou ist sein Vorschlag der «sozialen Homöopathie», die jeder anwenden kann: Mit Botschaften wie «Glaubet ans Geld!» soll die friedliche Umwälzung gelingen.

Srdja Popovic «Protest! Wie man die Mächtigen das Fürchten lehrt», Fischer 2015, ca. Fr. 23.–



Der «Widerstandsguru» und Politaktivist hat mit Mut, Phantasie, Gerissenheit und einer guten Portion Humor die Bewegung Otpor hervorgebracht, die es schaffte, den Diktator Slobodan Milosevic zu stürzen. Otpor ist zu einer Art Blaupause für gewaltfreien Widerstand weltweit geworden. Die «Anleitung zum gewaltfreien Widerstand» zeigt, wie wir unsere Visionen konkret verwirklichen können – für alle, die ihr Quartier verschönern, etwas bewegen oder gar die Welt verändern möchten.

Rob hopkins «Einfach. Jetzt. Machen! Wie wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen», oekom 2014, ca. Fr. 15.–



Die Transition-Town-Bewegung ist wohl etwas vom Praktikabelsten, was zur Überwindung unserer immer weniger akzeptablen Marktwirtschaft vorgeschlagen wurde. Der Begründer der Bewegung lädt uns ein, gross zu träumen – und jetzt zu handeln. Basierend auf der Idee «global denken, lokal handeln» zeigt er viele Möglichkeiten auf, wie wir auf eine andere, naturverträgliche Art und Weise leben und wirtschaften können – und dabei glücklicher werden.

« Nicht im Wald und auf den Bäumen, in den Herzen muss es keimen, wenn es besser werden soll ! » Gottfried Keller

Glückliche Genügsamkeit
Katastrophenalarm? Ja, mehr als das: Die Welt steht seit Jahren im Katastrophenmodus. Dauerhaft und ohne Unterbrechung. Auch die Erde beginnt sich den Menschen buchstäblich zu entziehen – man denke nur an den Verlust der Artenvielfalt und der fruchtbaren Böden, der Grundlage unseres Seins! Der französische Soziologe Bruno Latour postuliert gar, dass die Erderwärmung der tiefere Grund für die politischen Unruhen der letzten Jahre sei. Wir hätten unseren Halt verloren, weil wir keinen Glauben mehr an die Zukunft haben; Zukunftspläne seien wertlos geworden, weil wir nicht mehr sicher sein können, dass es überhaupt eine Zukunft gibt.

Was tun? Von der «grossen» Politik sind derzeit Innovationen nicht zu erwarten. So braucht es die Kraft des Einzelnen als Korrektiv – Einzelne, die andere Lebensentwürfe wagen, wie Pierre Rabhi, der agrarisch ein Modell der «glücklichen Genügsamkeit» umgesetzt hat oder die gegengesellschaftlichen Projekte der Alternativbewegung: Wohngemeinschaften, Genossenschaftsmodelle, Allmenden, Alternativwährungen, Tauschbörsen, freie Schulen, patientengerechte Arztpraxen, ökologische Landwirtschaft. Es gibt auch immer wieder Beispiele im Alltäglichen, und sie mehren sich: Junge Menschen freiheitlich-anarchistischer Prägung organisieren in Zürich einen Protestmarsch gegen die Stadtverwüstung: «Heute Abend soll diese Stadt mal wieder richtig leben. Wüste Betonlandschaften à la Google-Quartier, Europaallee, ZüriWest und PJZ wuchern im Dienste des Kapitals in ganz Zürich, während eigene Gestaltungsmöglichkeiten und alternative Projekte wie die Binz und das Labitzke-Areal zerstört werden. Mit der heutigen Aktion wollen wir euch motivieren, selber aktiv zu werden.» Oder in den USA: Sechs Wochen nach dem Schulmassaker von Parkland haben Hunderttausende überwiegend junge Menschen für striktere Waffengesetze demonstriert. Oder eine Meldung aus Deutschland: «Kommt alle! In einem anonymen Berliner Hochhaus lädt ein alter Herr die Einsamen zum Essen ein.» 2013 war Christian Vollmann, der «alte Herr», auf eine amerikanische Internet-Plattform namens nextdoor.com gestossen. Die Idee hat ihm eingeleuchtet: Menschen knüpfen online Kontakte zu Menschen aus ihrer Umgebung. Seither lädt Vollmann andere ein. Sie kommen als Fremde und gehen als Freunde. Oder Belgien: Bart Somers, Bürgermeister in Mechelen, verhinderte das Entstehen von Parallelgesellschaften in seiner Stadt, indem er dafür sorgte, dass sich die Bewohner armer Viertel als gleichwertige Bürger fühlen. «Wer Teil einer Gemeinschaft ist, greift sie nicht an», so seine Überzeugung. «Wir haben als Erstes in Problemvierteln aufgeräumt, die Strassen gereinigt, Spielplätze angelegt und Parks aufgehübscht.»

Die Liste an inspirierenden positiven Geschichten liesse sich beliebig erweitern. Fantasie ist gefragt. Und ja, auch etwas Mut. Trauen Sie sich doch auch – für die Mitmenschen, für das Leben! So können auch Sie ein Fleckchen Hoffnung in turbulenten Zeiten schaffen. Das ist wichtig. Denn Hoffnung strukturiert unser Leben und hält es aufrecht.

Dem Volkszorn auf der Spur

Walter Hollenstein zeigt Gründe für und Auswege aus der Krise

Es brodelt:
Angesichts der mannigfachen Probleme auf der Welt empfinden immer mehr Menschen eine zunehmende Unsicherheit und Angst, aber auch Wut und Frustration darüber, dass sich nichts ändert. Den gewachsenen Protest versucht man, unter dem Begriff des Populismus zusammenzufassen. Damit setzt sich das vorliegende Buch kritisch auseinander. Der Autor hat viele Gespräche und Interviews geführt, Zeitungsartikel und Social-Media-Posts analysiert, um zu verstehen, was im Empfinden der Menschen gärt und sich politisch ankündigt.

NZZ Libro 2020, ca. Fr. 25.–

Fotos: unsplash.com/wendy bandursky-miller, unsplash.com/mika baumeister, unsplash.com/tom roberts, ZVG , mauritius-images.com
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