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Verborgene Lebenswelt

Kategorie: Natur
 Ausgabe_12_19 - 06.08.2019

Text:  Eva Rosenfelder

Moose sind nicht nur Überlebenskünstler, sondern auch sensible Bioindikatoren. Für das Mikroklima und den Wasserhaushalt unserer Wälder, Wiesen, Heiden und Moore sind die bescheidenen Pflanzen von grösster Bedeutung.

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Wer erinnert sich nicht an weich bemooste «Zwergenplätzchen» im verwunschenen Wald? Hellgrüne Teppiche, die in Kindertagen zum Spielen einluden. Eine stille Belebtheit schien von ihnen auszugehen. Nicht verwunderlich: Es kreuchen und fleuchen ja auch unzählige Klein- und Kleinstlebewesen im Moos. Neben Reptilien, Schnecken, Asseln und Regenwürmern tummeln sich Milben, Springschwänze, Bärtierchen, Spinnen, Schnakenlarven, Käfer und unzählige von Auge nicht erkennbare Kleinstlebewesen im weichen Grün. Bis zu 60 000 Tierchen wurden in einem Quadratmeter Moos gezählt.

Märchen, Mythen und Bräuche sind bevölkert von Moosleuten: Zwielichtige Gestalten, die auf der Heide oder im Gehölz hausen. Und bis heute vertreiben moosbehangene, «wüeschti» Kerle an manch einer archaischen Fasnacht den Winter. Ein schönes Sinnbild! Haben doch die Moose Äonen von Zeitaltern überlebt. Die Überlebenskünstler sind eine sichtbare Manifestation des sich stets erneuernden Lebens.

Naturfilter | Moose haben keine echten Wurzeln. Nährstoffe nehmen sie über die ganze Oberfläche auf. Diese ist besiedelt von Bakterien, die sich von organischen Stoffen, aber auch von Russ oder Reifenabrieb ernähren. Das reduziert die Feinstaubbelastung der Luft. Auch deshalb können wir im Wald besonders gut durchatmen.

Alle Zeit der Welt
Moose gelten als «Amphibien unter den Pflanzen». Sie sind die ältesten Landpflanzen überhaupt: Vor mindestens 470 Millionen Jahren haben sie sich aus den Grünalgen entwickelt. Als erste Landpflanzen spalteten sie sich vermutlich schon sehr früh in Lebermoose, Laubmoose und Hornmoose auf – drei Gruppen, die heute noch existieren. «Moose saugen das Regenwasser auf wie ein Schwamm. Echte Wurzeln und komplizierte Leitgefässe für Stoff- und Wassertransport fehlen den weltweit rund 18 000 Moosarten. Ihre feinen Würzelchen dienen lediglich zum Festhalten, nicht zur Wasseraufnahme», erklärt der Moosexperte Ariel Bergamini von der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL. Moose können grosse Mengen Wasser über die gesamte Pflanzenoberfläche aufnehmen. Doch es verdunstet auch schnell wieder, denn im Gegensatz zu anderen Pflanzen haben Moose keine Wachsschicht auf den Blättchen, die vor Verdunstung schützt. «Moose können ihren Wasserhaushalt deshalb kaum regeln», erläutert Bergamini. «Ist die Luft trocken, geben sie nach und nach grosse Mengen an Wasserdampf in ihre Umgebung ab. So sind Moose unter anderem verantwortlich für das angenehm kühle Waldklima, in dem wir uns so gerne erholen.» Wasserkreislauf und Wasserhaushalt beeinflussen übrigens auch den Klimawandel (und umgekehrt) – man denke etwa an eine bewölkte und an eine klare Nacht, also an die Auswirkungen der Wolken auf die Temperatur.

Hart im Nehmen
Dank ihrer ausgeklügelten Strategien ist es verschiedensten Moosarten gelungen, auch nährstoffarme Ökosysteme und sogar Extremstandorte zu besiedeln. Und so kommen Moose – wie Flechten – fast überall vor: in Hochgebirgen ebenso wie in der Tundra, in Wüsten und in tropischen Regenwäldern. Je nach Standort geben sie sich nicht nur mit wenigen Nährstoffen, sondern auch mit wenig Licht zufrieden; und sie betreiben selbst bei niedrigen Temperaturen effektive Fotosynthese. Mehrmonatige Trockenheit überleben Moose, indem sie ganz einfach ihren Stoffwechsel herunterfahren. «Selbst nach zwanzig Jahren im Herbarium kann ein Moos zum Leben erwachen», weiss Bergamini. Dazu bedürfe es lediglich etwas Wasser.

Moose durchlaufen einen einzigartigen Lebenszyklus: Die ausgewachsene Moospflanze bildet gestielte Kapseln, in denen sich die Sporen entwickeln. Sind diese reif, reissen die Kapseln auf oder öffnen sich durch Abwerfen eines Deckels; daraufhin wird eine Vielzahl winzigster Sporen ausgestreut, die von Wind und Wasser weggetragen werden. Die meisten Sporen werden indes nicht sehr weit transportiert. Herrschen aber günstige Windverhältnisse, können vereinzelte Sporen in höhere Luftschichten gelangen und so sogar Ozeane überqueren.

Die Befruchtung ist an Umgebungswasser wie zum Beispiel Regentropfen gebunden. Nur so können die begeisselten Samenzellen zur Eizelle schwimmen. Auf geeignetem Untergrund keimen sie; aus jedem Vorkeim mit mehreren Sprossen drängen sich die jungen Moospflänzchen und wachsen zu einem grünen sanften Polster. Diese grünen Moospolster bilden einen Wasserspeicher, der seinen Untergrund schützt und isoliert. Darüber hinaus sind Moose von grosser Bedeutung für das Mikroklima und den Wasserhaushalt von Wäldern, Wiesen, Heiden und Mooren.

Moose nutzen



Moos als Survival-Pflanze
Moos hat
eine hohe Filterwirkung. Es reduziert Pilze und Bakterien, weswegen Survival-Experten das Moos ausdrücken und das Wasser trinken. Schwermetalle und andere Schadstoffe werden zwar recht zuverlässig herausgefiltert. Gemäss Moosexperte Ariel Bergamini leben aber auf Moosen teils sehr viele Bakterien. Er empfiehlt diese Methode deshalb nur für echte Notfälle. Wer sich im Wald betten will, erinnere sich an die Methoden unserer Ahnen: Sie haben Moos, das bei Feuchtigkeit ja stark aufquillt, zum Abdichten und Verfugen von Holzhäusern und Holzbooten genutzt. Ausserdem diente es als Füllung für Matratzen und Kissen.



Notfallpflaster
Moose sind
als Heilmittel in Vergessenheit geraten. Dabei aktiviert Moos den Wundheilungsprozess; und es hat eine pilz- und bakterienhemmende Wirkung. Die äusserliche Anwendung gilt deshalb auch bei offenen Wunden als unbedenklich, weshalb man Moos als Notfallpflaster verwenden kann. Auch bei Fuss- und anderen Hautpilzen kann man Moos auflegen.
Übrigens: Isländisch Moos, das bei schleimigem Husten hilft, ist kein Moos, sondern ein Flechtengewächs.

Medizinisches Potential
Verschiedene Moossubstanzen
könnten medizinisch interessant werden, sind aber noch zu wenig erforscht. So haben Forscher der Universität Bern vor gut einem Jahr herausgefunden, dass manche Lebermoose ein Cannabinoid enthalten, das ähnlich wirkt wie das THC im Hanf. Die Substanz könnte möglicherweise medizinisch sogar noch wirksamer sein als der Cannabis-Inhaltsstoff, etwa als Schmerzmittel bei Tumorerkrankungen, zur Linderung von Entzündungsprozessen im Gehirn, bei chronischen oder entzündlichen Erkrankungen des Nervensystems etc.

Wichtige Bioindikatoren
Besonders in den Wintermonaten fallen die grünen Polster an den Stämmen alter Bäume auf. Besonders üppig wachsen sie an Bäumen in luftfeuchten Lagen, etwa in Schluchten. Vor allem aber sind alte Bäume wichtig. In ihren Rissen, kleinen Höhlen und an den dicken Ästen finden Moose willkommene Nischen zum Keimen und Wachsen. Alte Bäume und auch andere typische Mooslebensräume sind allerdings selten geworden. Die Folge: Von den über Tausend verschiedenen Moosarten der Schweiz sind heute knapp 40 Prozent gefährdet. «Sie weisen damit einen ähnlich hohen Anteil an gefährdeten Arten auf wie die Brutvögel. Auch die Gefährdungsursachen sind im Prinzip dieselben», sagt Bergamini: «Die Degradierung und Zerstörung von Lebensräumen und die intensive Bewirtschaftung der Agrarlandschaft mit hohen Düngergaben gehören sicher zu den Hauptursachen. In den Wäldern der Tieflagen liegt zudem zu wenig Totholz. Das aber ist für viele Moosarten existenziell. Auch alte Bäume, die für diverse Organismen sehr wichtig sind, fehlen fast vollständig.»

Moose seien wichtige Bioindikatoren, fährt Bergamini fort. In einer Studie des BAFU wurde mittels Moosen, die an 140 Standorten verteilt über die ganze Schweiz gesammelt wurden, die Schwermetallbelastung untersucht. «Da Moose kaum Stoffe aus dem Boden aufnehmen, sondern den Grossteil ihrer Nährstoffe direkt aus dem Niederschlag und von Ablagerungen aus der Luft beziehen, eignen sie sich besonders gut, um Schwermetalleinträge zu messen», erklärt der Moosexperte. «Die Moosproben belegen deutlich, dass die Luft mittlerweile besser ist als vor 30 bis 40 Jahren.» Filteranlagen und das bleifreie Benzin zeigen Wirkung.

Das sei aber keineswegs Grund zur Entwarnung, so Bergamini: «Heute ist zwar anders als in den 1980er-Jahren die Schwefelsäure kein Problem mehr. Der Stickstoffeintrag in die Ökosysteme ist aber immer noch zu hoch.» Moose seien sensible Anzeiger und könnten im Prinzip auch für das Stickstoffmonitoring eingesetzt werden. «Sie werden aber schnell von Blütenpflanzen verdrängt, die mit stärkerem Wachstum auf zusätzlichen Stickstoff reagieren.»

« Von den über Tausend verschiedenen Moosarten der Schweiz sind heute knapp 40 Prozent gefährdet.»

Moore als CO2-Senken
Ein besonders wichtiger Lebensraum für viele Moose sind die Moore, die trotz Moorschutzmassnahmen (z. B. Annahme der Rothenthurm-Initiative 1997) weiterhin gefährdet sind. Besonders Hochmoore nehmen eine ganz spezielle Rolle ein, erklärt Bergamini: «Sie haben ihre Existenz einzig den Torfmoosen zu verdanken, die sich diesen Lebensraum selbst aufbauen.» Torfmoose bilden in Hochmooren dichte Teppiche, die aus einzelnen, eng zusammenstehenden Pflänzchen bestehen, die stetig in die Höhe wachsen. Die älteren Pflanzenteile werden dadurch langsam begraben und vertorfen im nasssauren Milieu. Der typische Torf bestehe also zum überwiegenden Teil aus abgestorbenen Moospflanzen. Bergamini: «Die organische Substanz der Torfmoose wird nicht abgebaut und als CO2 in die Luft entlassen, sondern im Laufe der Jahrtausende in mehrere Meter dick werdenden Torfschichten gespeichert.» Weltweit sind laut dem Experten zirka 450 Gigatonnen CO2 in Mooren gespeichert. Das entspreche ungefähr 60 Prozent des gesamten in der Atmosphäre vorhandenen Kohlenstoffdioxids. Durch Torfabbau werden grosse Mengen davon freigesetzt, was laut Weltklimarat IPCC den Klimawandel beschleunigt.

An vielen Orten in Mitteleuropa gab es vor der Besiedlung durch Menschen meterdicke Torfvorkommen. Im Laufe der Jahrtausende, vor allem aber in den letzten Jahrhunderten, wurden fast alle für Heizzwecke abgebaut oder durch Entwässerung für den Ackerbau zugänglich gemacht. Im Gartenbau werden Torfe leider immer noch zu häufig als Kultursubstrat und zur Auflockerung des Bodens verwendet. Zwar ist in der Schweiz der Torfabbau mittlerweile verboten, aber noch immer wird tonnenweise Torf importiert. Das ist fatal für seltene Pflanzen- und Tierarten wie etwa die Bekassine.

Torf wird auch zu Heilzwecken verwendet, etwa für Torfbäder und Torfpackungen (auch Naturmoorpackung genannt) bei Hautkrankheiten und entzündlichem Rheuma. Torfbäder und -packungen wirken zum einen über die Temperatur, zum anderen über Substanzen wie z. B. die Huminsäuren, die besonders gut von der Haut in den Körper geschleust werden. Weitere Inhaltsstoffe sind Bitumen, Pektine, Zellulose, Hemizellulose, Lignine und Humine sowie östrogenähnliche sogenannte Pflanzenhormone. Torf- und andere Moose haben eine leicht antiseptische Wirkung. So behandelten die Maoris Geschlechtskrankheiten, indem sie eine wässrige Paste aus Moosen anrührten und auf die befallenden Körperteile strichen. Die Indianer Nordamerikas benutzten Torfmoose als Windeln. Die Moose absorbierten nicht nur gut, sondern ersetzten auch die Babycreme, weil die Inhaltsstoffe verhinderten, dass sich die Babyhaut entzünden konnte. Und noch im Ersten Weltkrieg benutzte man Wundkompressen, die mit Torfmoos gefüllt waren. Das absorbierte die Wundflüssigkeit und verhinderte eine Entzündung der Wunde.

Im Garten wiederum kann man Nutzpflanzen mit Moosextrakt bespritzen, das schützt vor Schneckenbefall. Dabei werden die Schnecken nicht etwa getötet; ihnen wird nur «der Appetit verdorben». Moosmatten, wie sie zur Dachbegrünung entwickelt wurden, können den Feinstaubgehalt der Luft senken. Eine weitere potenzielle Anwendung ist noch Zukunftsmusik: Moose könnte man für Luftfilter benutzen, die Bakterien und Pilzsporen absorbieren.

Weil die Moose so schön weich sind, werden sie ausserdem auch als Wohn- und Schlafstätte genutzt – eben von Zwergen, Bärtierchen und anderen aussergewöhnlichen Wesen. Glauben Sie nicht? Dann schauen Sie doch beim nächsten Spaziergang mal genauer hinein in diese verborgene Lebenswelt.

Link
www.swissbryophytes.ch 

Fotos: iStock.com
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