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Sitzt Gott im Kopf?

Kategorie: Natur

Text:  Eva Rosenfelder

Hat Gott, der Allmächtige, die Erde und uns Menschen erschaffen? Oder ist Gott nur ein Produkt unseres Gehirns? Eine Spurensuche zwischen der Biochemie des Glaubens, theologischen und philosophischen Aspekten.

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Ob betende Christen, Juden oder Moslems oder meditierende Buddhisten – es werden bei allen die gleichen Hirnregionen aktiviert. Laut neurowissenschaftlicher Forschungen gibt es eine Stelle im menschlichen Gehirn, die vornehmlich zuständig sein soll für Spiritualität: der rechte Schläfenlappen. Kommen wir mit diesen relativ neuen Erkenntnissen Gott ein Stückchen näher – oder ist gerade das Gegenteil der Fall? Erweist sich das Konzept Gott im Lichte der Neurowissenschaften womöglich gar als Hirngespinst? Werden die Religionen entlarvt als simples Grundbedürfnis des menschlichen Wesens nach Eingebettetsein, als Sehnsucht nach einem Gefühl, das Geborgenheit und Sicherheit vermittelt – ganz gemäss ihrer Wortbedeutung (lateinisch religio = Bindung an etwas Höheres)? Sind wir Menschen tatsächlich von Natur aus zum Glauben programmiert, können gar nicht anders, als zu glauben – woran auch immer?

Seit Urzeiten verknüpften wir wie selbstverständlich den Glauben an eine höhere Macht oder Kraft an etwas Göttliches mit einem Geist und einer Seele nicht stofflicher Natur. Das macht es so schwierig oder vielleicht gar unmöglich, dieses Göttliche zu beweisen. Manche Neurowissenschaftler vermuten denn auch, dass es die neuronalen Zustände unseres Gehirns sind, die einen solchen «Geist» oder eben Gott erschaffen. Anhand von neurowissenschaftlichen Studien lassen sich einige religiöse oder mystische Erfahrungen als Ergebnis eines komplizierten Wechselspiels der Neuronen erklären – oder gar als Fehlfunktionen des Gehirns (Epilepsie, Schizophrenie etc.).

Heilige Epileptiker?
«Religiöse Gefühle entstehen in der Tat bei Reizung oder Erkrankung von Bereichen des rechten Schläfenlappens», erklärt Gerhard Roth, Professor beim Institut für Hirnforschung der Universität Bremen. «So können areligiöse Personen, die einen epileptischen Herd in diesem Bereich bekommen, plötzlich tief religiös werden. Bei vielen Religionsgründern bzw. ‹Heiligen›, die göttliche Visionen oder Offenbarungs-Erfahrungen hatten, wird ein akuter epileptischer Anfall im rechten Schläfenlappen vermutet.» Tatsächlich lässt sich mit bildgebenden Methoden bei starken religiösen Erfahrungen eine hohe Aktivität des rechten Schläfenlappens feststellen.

Tiefe Meditation hingegen, erläutert Roth, führe zu einer deutlichen Senkung in den Bereichen des rechten und des linken Scheitellappens. Im linken Scheitellappen entstehen unsere Körper-Erfahrungen. Entsprechend trete bei der tiefen Meditation die bekannte Erfahrung der «Entkörperlichung» auf, weiss Roth. «Diese lässt sich auch experimentell durch die Reizung dieser Hirnregion herbeiführen.»

Mit hochmodernen Hirnscannern ist es möglich, die physiologischen Prozesse im Gehirn abzubilden – auch solche, die bei seelisch-geistigen Vorgängen ablaufen, wie etwa beim Fühlen oder Denken. Doch: Lassen sich diese Vorgänge deswegen zu rein physiologischen Prozessen im Gehirn reduzieren?

Das Bedürfnis nach Bindung
Eine Reduktion geistiger Phänomene auf rein biologische Prozesse wirft endlos Fragen auf: Gibt es eine geistige Wirklichkeit, die gegenüber der materiellen Welt ihre eigenständige Daseinsform hat? Eine geistige Wirklichkeit, ohne die das materielle Sein überhaupt nicht möglich wäre? Oder erschaffen sich das Leben und die Materie aus sich selbst heraus, ohne dass irgendeine geistige oder göttliche Macht darin schöpferisch wirksam ist? Und weshalb überhaupt sollten wir Sinnesorgane für transzendente Erfahrungen herausgebildet haben, wenn Transzendenz lediglich eine Illusion ist? Warum erleben wir nicht ganz einfach die Aktivität einer bestimmten Nervenzelle, etwa ein Kribbeln, sondern ein religiöses Gefühl, wenn dieses nichts anderes sein soll als eben die Aktivität einer Nervenzelle?

Neurobiologe Roth vermutet: «Die aktivierten Gehirnzentren haben wahrscheinlich ihren Ursprung in der frühkindlichen Bindungserfahrung und im Bedürfnis des Menschen, gebunden zu sein; jemanden zu haben, der sich um einen kümmert und mitteilt, wie man sich zu verhalten hat.» Das vermittle Sicherheit und wirke beruhigend; auch mildere es die Angst vor der Zukunft und dem Tod. Dieses Bedürfnis nach Bindung sei bei den Individuen allerdings sehr unterschiedlich ausgeprägt. «Die genannten und andere biologische Befunde zeigen lediglich, dass es Zentren im Gehirn gibt, die mit religiösen oder mit Jenseitserfahrungen zu tun haben, wie auch immer diese entstehen. Daraus kann man entsprechend nicht schliessen, dass es ‹Gott› gibt – genauso wenig aber kann man dies wissenschaftlich widerlegen.» Das liege unter anderem daran, dass es gar kein allgemein akzeptiertes Konzept von Gott gebe, das man überprüfen könnte. «Jeder legt sich seinen Gott selbst zurecht», so der Hirnforscher.

Der Glaube an Übersinnliches
Es verwundert kaum, dass in unserer technisch geprägten Zeit der Glaube an die Materie und damit auch an den faszinierenden Denkapparat in unserem Kopf prädestiniert ist, zur neuen Glaubenssache zu werden. Ersetzen wir etwa die traditionelle Religiosität ganz einfach mit einem neuen Glauben, dem Glauben an die Wissenschaft? Können wir gar nicht anders, als zu glauben? Das zumindest vermutet der Neurophilosoph Georg Northoff: «Statt des Gehirns nehmen wir unsere eigene Person als Selbst wahr, und es ist genau diese Wahrnehmungslücke zwischen Gehirn und Selbst, die offenbar mit dem Glauben verknüpft ist, mit dem Glauben an einen Geist oder Gott oder auch an die Technik. Möglicherweise prädestiniert uns unser Gehirn und sein Design dazu, dass wir gar nicht anders können, als zu glauben.»

Hirnforscher Gerhard Roth sagt: «Rund 85 Prozent aller Menschen glauben an Dinge, welche die Erkenntnisgrenzen der Naturwissenschaften einschliesslich der Hirnforschung überschreiten, egal wie stark sie sonst an die Gültigkeit der Naturgesetze glauben.» Deshalb würden die Naturwissenschaften, zumal sie meist ziemlich abstrakt und unemotional seien, niemals das Bedürfnis nach Gott und Religion verdrängen. «Die einen bedauern das, die anderen finden das gut.» Leider, so Roth weiter, gebe es keine ausgewogene Darstellung dieser so stark polarisierenden Problematik: «Es gibt die glühenden Verteidiger der Ansicht, dass die Hirnforscher Gott bewiesen haben – was nicht stimmt. Und es gibt jene, die mit Inbrunst verkünden, dass die Hirnforscher Gott endlich abgeschafft haben – was auch nicht stimmt. ‹Gott› ist eben kein wissenschaftlicher Begriff. ‹Gott› kann deshalb auch gar nicht wissenschaftlich überprüft werden.»

Wer glaubt, wird selig
Zu dieser polaren Diskussion gebe es keine bedeutenden neuen Erkenntnisse, sondern nur verstärkte Marktschreierei: «Als Naturwissenschaftler sehe ich die Erkenntnisgrenze der Naturwissenschaft. Dazu gehört, dass niemand behaupten kann, er kenne die ‹objektive› Wahrheit. Glauben darf hingegen jeder das, was er für richtig hält – vorausgesetzt er schädigt andere damit nicht», ist Roth überzeugt.

Bleiben wir also so klug als wie zuvor? Zwar wissen wir nun, dass wir ohne unser Gehirn keine religiösen Glaubenszustände erfahren würden. Ob aber etwas Göttliches ausserhalb unseres Gehirns existiert oder nicht – dazu gibt es keine schlüssigen Antworten. Wir tappen weiterhin im Dunkeln, trotz modernster neurowissenschaftlicher und anderer Errungenschaften. Vielleicht stösst die «Krone der Schöpfung» hier definitiv an ihre Grenzen – und das aus dem einfachen Grund, dass wir unser eigenes Gehirn als Gehirn nicht wahrnehmen können. Irgendwie tröstlich, dass die «Krone» doch etwas zu gross ist für unsere kleinen Köpfe.

Neurowissenschaft und Glaube

Der Neuropsychologe Michael Persinger veröffentlichte 1987 ein Buch mit dem Titel «Neuropsychological Bases of God Beliefs». Darin entwickelt er die These, dass eine Gotteserfahrung in den Schläfenlappen zustande kommt. Grundlage dieser These ist seine Beobachtung, dass Menschen mit epileptischen Anfällen im Schläfenlappen-Bereich eher zu religiösen Erfahrungen neigen als Menschen ohne Anfälle. Persinger vermutet deshalb einen Zusammenhang zwischen bestimmten Formen von Epilepsie und dem Glauben an einen Gott. Um seine These zu testen, regte er in Versuchen mittels Magnetspulen bei Probanden entsprechende Gehirnregionen an. Indem er feststellte, dass sich religiöse Erfahrungen im Gehirn auslösen lassen, sah er Gott als Produkt unseres Gehirns als erwiesen an.

Der Neurologe Vilayanur Ramachandran zeigte, dass Menschen mit Schläfenlappen-Epilepsie stärker auf religiöse Bilder reagieren als auf Bilder mit sexuellem oder gewalttätigem Inhalt. Für ihn ist das der Beleg dafür, dass es im Gehirn Regionen gibt, die an religiösen Erfahrungen beteiligt sind («Gott-Module»).

Der Hirnforscher Andrew Newberg veröffentlichte 2001 eine neurotheologische Studie unter dem Titel «Der gedachte Gott. Wie Glaube im Gehirn entsteht» Newberg testete, ob bei Menschen, die religiöse Erfahrungen machen, bestimmte Hirnregionen involviert sind. Dazu untersuchte er buddhistische Mönche und christliche Nonnen beim Meditieren, wobei sich seine Annahme bestätigte, dass das Gehirn offen sei für die Wahrnehmung von «religiöstranszendenten» Erfahrungen und die Fähigkeit besitze zur Selbsttranszendenz, in deren vollkommener Form Geist und Materie «Eins» würden. Newberg räumt ein, hier den Boden der Naturwissenschaften zu verlassen und spricht vom «Absoluten Einssein».

Buchtipps

Gerhard Roth: «Aus Sicht des Gehirns», Suhrkamp 2009, ca. Fr. 20.–

Gerhard Roth, Nicole Strüber: «Wie das Gehirn die Seele macht», Clett-Cotta 2014, ca. Fr. 30.–

Shahar Arzy, Moshe Idel: «Der Dibbuk im Gehirn. Kabbala und Neurowissenschaft», Jüdischer Verlag 2016, ca. Fr. 35.–

Hans Goller: «Wohnt Gott im Gehirn? Warum die Neurowissenschaften die Religion nicht erklären», Butzon & Bercker 2015, ca. Fr. 37.–

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