Artikel Natur :: Natürlich Online Es lebe die Vulva | vulva | gesund sein | Natürlich

Es lebe die Vulva

Kategorie: Natur
 Ausgabe_12_19 - 06.08.2019

Text:  Lioba Schneemann

Spieglein, Spieglein in der Hand: Wer hat die schönste Vulva im ganzen Land? Die Zeit ist reif für eine unverkrampfte Sicht auf das primäre Geschlechtsorgan der Frau.

@ unsplash.com/malvestida-magazine

Ich habe einen Tiger zwischen meinen Beinen.» Damit konfrontiert Nora ihren Ehemann im Film «Die göttliche Ordnung», nachdem sie das erste Mal über die Vulva, die Vagina und weibliche Sexualität aufgeklärt wurde. Der Film spielt im Jahr 1971. Jedoch ist unsere «aufgeklärte» Gesellschaft alles andere als informiert, wenn es um die weiblichen Geschlechtsorgane geht. Vieles liegt im Argen: Noch immer wird oft mit Scham, Ekel oder gar Ablehnung reagiert, wenn es um das Thema «Vulva» geht. Dies zeigt schon der Trailer für den Film, in dem nur von Frauenstimmrecht geredet wird – dabei geht es im Film vor allem um die sexuelle Befreiung der Frau. Das betont denn auch die Regisseurin Petra Volpe auf www.filmloewin.de: «Für mich hängen Sexualität und Politik sehr eng zusammen. Ich glaube zutiefst, dass das Private politisch ist und die sexuelle Befreiung Hand in Hand geht mit der politischen Befreiung der Frauen. Und dass man nicht unterschätzen darf, wie wichtig es ist, dass Frauen eine gesunde Beziehung zu ihren eigenen Körpern haben, dass sie ihre Vaginas und Vulvas kennen und lieben.» Man könne keinen Film über Frauenrechte machen, ohne deren Körper und Sexualität miteinzubeziehen, so die Regisseurin weiter. Sie habe «wirklich manchmal das Gefühl, es gibt einen Krieg gegen den Körper der Frau und zwar nicht nur den sexuellen Körper der Frau, sondern allgemein: Wie sie riechen soll und all diese Dinge».

Das falsche Organ
Die Verwirrung und Unkenntnis beginnt schon bei der Benennung: Was meinen wir mit Vulva, was mit Vagina und was mit Scheide? Auch das Wort «Schamlippen» sagt schon vieles über die schlampige Haltung zu all dem «da unten» aus. Denn vielmehr müssten wir von Vulvalippen reden. Doch klären wir die Begrifflichkeiten zuerst: 

Die Vulva ist der sichtbare Teil des weiblichen Genitals.

Mit Vagina wird der innere Muskelschlauch benannt, der die Vulva mit den inneren Geschlechtsorganen verbindet. Die Vagina weist nur wenige Nervenverbindungen auf – deshalb ist eine Geburt überhaupt erträglich.

Die Klitoris besteht wie der Penis aus Schwellkörpergewebe. Sie ist weitaus grösser als die aussen sichtbare Klitoriseichel oder Klitorisperle. Das ist allerdings erst seit wenigen Jahren bekannt: Im Jahr 1998 hat die australische Urologin Helen O’Connell ihre Entdeckung der weitverzweigten tieferliegenden Struktur der Klitoris publiziert.

Der Blick auf die Vulva war lange Zeit und bis heute, auch von Frauen unserer modernen Gesellschaft, ein gänzlich männlicher. «Wenn überhaupt über die Vulva gesprochen wurde, dann im Kontext von Krankheit und Kinderkriegen oder von Missbrauch, Missachtung und Misshandlung», schreibt die deutsche Kulturwissenschaftlerin und Autorin Mithu M. Sanyal in ihrem Buch «Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts». Das prägende Denken des Abendlandes sei, dass man ohne einen Penis kein «richtiges» Geschlechtsorgan besässe. Auch Aristoteles war überzeugt, dass nur der Mann über ausreichend Energie verfüge, um vollständige Geschlechtsteile zu entwickeln. Andere sahen im weiblichen Genital bestenfalls ein «invertiertes männliches Genital». Die Folgerung: Die Frau hat «nichts» und ist damit minderwertig.

Absurd waren auch die Deutungen der Kirchenväter mit dem Ziel, das Geschlecht der Frau zu verteufeln und die weibliche Sexualität zu negieren. Die Erfindung der Jungfrau Maria, die asexuell ein Kind empfängt, war eine logische Folge der Vorstellung, dass Sex zwischen Mann und Frau (und erst recht mit sich selbst!) unrein sei. Ebenso wurde die Schöpfungsgeschichte umgeschrieben, denn körperliche Lust führt gemäss Kirche aus dem Paradies. Uralte Bedeutungen, wie der Apfel oder die Feige als Symbol für das weibliche Genital oder die Schlange als Symbol der Weisheit, wurden gezielt umgedeutet. Mithu M. Sanyal erklärt dies in «Vulva»: «Ursprünglich war der Apfel, den sie ihm gab, der Liebes- und Todesapfel, der aufgeschnitten mit seinem Kerngehäuse das weibliche Geschlechtsorgan symbolisiert. Nachdem Abdiheba (Adam, Anm. d. R.) den Apfel gegessen und sich mit der Göttin (Erdgöttin Heba, die spätere Eva, Anm. d. R.) im Liebesakt vereinigt hat, stirbt er, und Heba schenkt ihm in ihrem Apfelbaumparadies das ewige Leben und die ewige Jugend.»

Ein in den meisten Kulturen auftretendes Symbol ist auch die «Vagina Dentata». Der Psychoanalytiker Sigmund Freud war überzeugt, dass «wahrscheinlich keinem Mann der Schrecken vor der drohenden Kastration beim Anblick der weiblichen Genitalien erspart bleibt». Der sogenannte Penisneid betont die Haltung.

Dabei gibt es keinen Grund für Neid. Oder doch? Denn, wie neue Forschungen zeigen, ist die Klitoris das einzige Organ des Menschen, das ausschliesslich dazu da ist, Lust zu schenken (siehe auch Dokumentation auf «arte»: «Klitoris, die schöne Unbekannte»). So verfügt die Klitoris über zehnmal mehr Nervenverbindungen als der Penis; und auch sie hat Schwellkörper und erigiert wie ein Penis, ebenso wie eine Frau beim Orgasmus ejakuliert. Das verwundert nicht, denn Entwicklungsgeschichtlich gehen Klitoris und Penis aus denselben Anlagen hervor. Frauen sind also genauso leicht erregbar wie Männer und genauso orgasmusfähig. Der «vaginale Orgasmus» übrigens ist ein Mythos, denn er unterscheidet sich nicht von einem «klitoralen Orgasmus», da beim Vaginalsex die inneren Teile der Klitoris stimuliert werden.

« Es ist wichtig, dass die Vulva mehr ins Bewusstsein gebracht wird. So kann Sex eine neue Intensität erreichen. »



Vielfältige Schönheit würdigen
Die Vulva wird immer noch oft mit Scham, Schmutz oder Abwehr belegt. Und die Werbung sowie die Pornoindustrie bedienen diese eher negativen Bilder weiter. Jedoch wurden Vulva und weibliche Sexualität in der Geschichte der Menschheit jahrtausendelang verehrt und gehuldigt. Die Menschheit, schreibt Sanyal, wurde in den meisten Mythologien durch die Zurschaustellung der Vulva gerettet. Es gab sogar den Glauben, dass Frauen mit entblösster Vulva den Teufel besiegen könnten.

In neuerer Zeit rückt die Vulva wieder mehr ins Bewusstsein – eine neue Art der Auseinandersetzung mit der weiblichen Sexualität ist zu beobachten: Gipsabdrücke von Vulven, Tantrapraktiken sowie Bücher mit Fotos von Vulven sowie Vulven in Kunst, Theaterstücken und Filmen bringen Licht ins Dunkel der weiblichen Lust. «Es ist wichtig, dass die Vulva mehr ins Bewusstsein gebracht wird», sagt Sexualtherapeutin Marion Heine aus Basel. «Diese Bewusstheit hilft Frauen, einen besseren Zugang zu ihrem Geschlechtsorgan zu finden und eine gute Beziehung aufzubauen. Wenn Frauen sich selbst besser wahrnehmen, können sie auch freudvoller und freier mit ihrem Körper und ihrer Sexualität umgehen.» Frauen – und Männer – sollten den weiblichen Körper kennenlernen: wie er aussieht, wie er auf Berührungen reagiert, herausfinden, was ihm gefällt und was nicht. «Eine Vulva ist schön in ihrer Einzigartigkeit und Unterschiedlichkeit – genauso wie unser Gesicht», sagt Heine. Gut sei es auch zu wissen, wie die Vulva sich bei Erregung und einem Orgasmus verändere, betont die Sexualtherapeutin. «Orgasmusfähigkeit setzt Akzeptanz und eine Beziehung zum eigenen Körper voraus.»

Heine beginnt in ihrer Beratung oft mit dem Atem, der bis in den Genitalbereich fliessen darf. Es gehe ihr vor allem darum, herauszufinden, was die Frau möge, aber auch um ihre inneren Bilder. «Was denkt die Frau über ihren Körper, ihre Vulva und über ihre eigene Sexualität? Welche Glaubenssätze stecken dahinter?» Sie treffe dabei weniger auf grosse Unsicherheit; vielmehr sei es so, dass viele Frauen mit festen Vorstellung zu ihr in die Praxis kämen, die sich oft an Pornografie orientiere: «So muss es funktionieren. So muss ein Orgasmus klingen. So muss ich mich verhalten, um attraktiv auf meinen Sexpartner zu wirken.»

Buchtipps



Mithu M. Sanyal «Vulva: Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts», Wagenbach 2017, ca. Fr. 20.–

Katharina Stör «Liebe deine Vulva!», Marta Press 2019, ca. Fr. 23.–

Filme



«Die göttliche Ordnung»
, Schweizer Komödie 2017, ca. Fr. 20.–

«Vulva 3.0. Zwischen Tabu und Tuning», Dokumentation, ca. Fr. 18.–


Designer-Vulven
Diese Bewusstwerdung und die Akzeptanz der Eigenartigkeit und Schönheit könnten nicht nur eine befriedigendere Sexualität ermöglichen, sondern vielleicht gar eine Schamlippen-Operation – diese neuste Variante der «Genitalverstümmelung» – verhindern. Diese sind, so sagen kritisch eingestellte Gynäkologinnen und Gynäkologen, meistens reine Geldmacherei. Weltweit haben sich im Jahr 2018 gemäss der Statistik der Internationalen Gesellschaft für ästhetische und plastische Chirurgie fast 140 000 Frauen an den Schamlippen operieren lassen. Dabei werden mittels Laser oder einer Hochfrequenz-Radiochirurgie die inneren Schamlippen verkleinert. Und der Trend scheint ungebrochen, auch in der Schweiz.

Diese Entwicklung zeigt, dass viele Frauen sich als nicht «richtig» empfinden und einem irrealen Bild hinterherlaufen, auszusehen wie ein vorpubertäres Mädchen. Frauen sollten es stattdessen wagen, sich selbst und ihre Lust in einem Spiegel zu betrachten und ihr Geschlechtsorgan mit Bildern anderer Vulven zu vergleichen. Sie würden feststellen, dass sie – in all der Unterschiedlichkeit – «normal» aussehen und es nichts zu optimieren gibt.

«Die Yoni-Massage lädt die Frau dazu ein, auf ganz entspannte Weise mit ihren Empfindungen in Kontakt zu gehen.»

Und legen Sie doch mal (wieder) Hand an. Marion Heine rät vielen Frauen zu einer Yoni-Massage, um sich mit ihrem Körper und ihrer Sexualität anzufreunden. Eine Yoni-Massage besteht aus einer achtsamen Massage des ganzen Körpers inklusive des Genitalbereichs (Yoni ist die Sanskrit-Bezeichnung für Vulva). «Die Yoni-Massage lädt die Frau dazu ein, auf ganz entspannte Weise mit ihren Empfindungen in Kontakt zu gehen», erklärt die Sexualtherapeutin. So entstehe nicht nur ein besseres Bewusstsein fürs eigene Geschlecht, es könnten auch Blockaden und allfällige Schmerzen gelöst und Traumata geheilt werden. Frauen, so Heine weiter, lernten so ihre Wünsche und Bedürfnisse besser kennen, was auch partnerschaftliche Sexualität beflügeln könne. «So kann Sex eine neue Intensität erreichen.»

Fotos: unsplash.com/malvestida-magazine | zvg | iStock.com

Tags (Stichworte):

Kategorie: Natur

Energie: Sonnenenergie am günstigsten

Energie aus nicht subventionierten Solaranlagen ist global gesehen günstiger...

Kategorie:

Kategorie: Garten

Pflanzen: Früh giessen lohnt sich

Garten- und Balkonpflanzen in der heissen Sommerzeit richtig giessen ist keine...