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Flüsse sind Lebensadern

Kategorie: Natur

Text:  Fabrice Müller

Flüsse sind viel mehr als fliessende Wasserströme, Transportwege und Erholungsgebiete. Sie prägen Landschaften und unser Leben: die Kultur und wahrscheinlich sogar Religionen. Aufenthalte am Flussufer schmeicheln der Seele und schenken Lebenskraft.

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Otti Flepp kennt die Strecke vom Oberalppass zum Tomasee, der Quelle des Rheins, wie seine Westentasche. Der Bergführer aus Disentis (GR) ist regelmässig mit Gästen auf dieser rund dreieinhalbstündigen Wanderung unterwegs. Vor drei Jahren folgte er dem Rhein von der Quelle bis zur Mündung in die Nordsee bei Rotterdam mit dem Rennvelo. Sechs Tage sass er im Sattel. Die Veloreise dem Rhein entlang vertiefte seine ohnehin schon enge Beziehung zum Fluss zusätzlich. «Ich bin mit dem Rhein aufgewachsen. Immer wieder mache ich mir die Schönheiten dieses Flusses, der besonders auch in unserer Region so viele wunderbare Spuren hinterlassen hat, bewusst.» Auf seiner Veloreise erlebte Flepp den Rhein von all seinen Seiten; so erschloss er das ganze Wesen des «Giganten», der damals an verschiedenen Orten Deutschlands über die Ufer getreten war und Verwüstungen anrichtete.

Auf seinen Wanderungen zur Rheinquelle berichtet Otti Flepp von den Pioniertaten des Paters Placidus, der Ende des 18. Jahrhunderts im Kloster in Disentis lebte und wirkte. «Placidus war ein grosser Forscher der Alpenwelt», erzählt der Bergführer. Der Mönch habe Pflanzen und Mineralien gesammelt und sei für seine Erstbesteigungen mancher Gipfel in der Surselva bekannt – etwa des Rheinwaldhorns 1789 oder des Oberalpstocks 1793. In seinen «Entdeckungsreisen» beschreibt Pater Placidus ausführlich die Rheinquellen des Vorder- und Hinterrheins.

«Bei einem Fluss ist das Wasser, das man berührt, das Letzte von dem, was vorübergeströmt ist, und das Erste von dem, was kommt. So ist es auch mit der Gegenwart.» Leonardo da Vinci 1452–1519

Auf der Wanderung zur Rheinquelle begegnet man an den Hängen beim Oberalppass zahlreichen Alpenblumen. Vom Tomasee aus führt die Strecke weiter hoch zum Piz Badus. Er war zur Zeit von Pater Placidus noch von einem Gletscher bedeckt. Das Wasser dieses 2928 Meter hohen Gipfels sowie seiner Nachbargipfel bildet die Quelle des Vorderrheins. Gesammelt im Tomasee, stürzt sich der junge Rhein in Richtung Tschamutt. 

Zugang zur Weltenseele
Flüsse wie der Rhein haben die Menschen seit jeher fasziniert. Die alten Griechen und Römer verehrten alle Quellen und mit ihnen die Nymphen – anmutige weibliche Naturgottheiten – als Bewohner dieser Fliessgewässer. Die Nymphen waren eng mit der Entstehung und Erhaltung des Lebens verbunden. Wie der Geomant Stefan Brönnle erklärt, gaben manche Götter den Flüssen ihren Namen. Der Neckar beispielsweise ist eine Ableitung von Nixe bzw. ihrem männlichen Pendant, dem Nöck, in der Mehrzahl Neckar genannt. Nördlich der Alpen finden sich zahlreiche Marienquellen, die auch heute noch verehrt werden. «Im Wasser zeigt sich bis heute die Seele der Landschaft. Und in der Tiefe des Wassers eröffnet sich der Zugang zur Weltenseele», sagt Brönnle.

Flüsse galten schon immer als Lebensadern, die Menschen und Städte miteinander verbinden. Doch im Gegensatz zu Strassen, die ja ebenfalls eine verbindende Funktion ausüben, ranken sich um Flüsse viel mehr Mythen. «Der Fluss als Grenze und Weg bildet gleichzeitig den Übergang ins Totenreich», erklärt Brönnle. Es sei deshalb nicht verwunderlich, dass man früher an manchen Flüssen Totenwaschungen machte mit dem Ziel, gewisse Seelenanteile abzuwaschen, damit sie nicht mit ins Grab genommen wurden. Natürlich stehe das Wasser auch für Fruchtbarkeit und das Leben, betont der Geomant. «Viele Menschen zieht es deshalb bewusst oder unbewusst ans Wasser bzw. an Fliessgewässer. Dort werden die menschliche Seele genährt und geheilt, die Gefühle gereinigt und geordnet.» So erfahre unsere Lebenskraft eine Erneuerung.

Schaubergers tiefe Erkenntnisse
Für den österreichischen Naturforscher Viktor Schauberger (1885–1958), der durch intensive Naturbeobachtungen zu tiefgreifenden Erkenntnissen über energetische Naturprozesse gelangte, jedoch zu Lebzeiten verkannt und verspottet wurde, ist das Wasser eine «lebendige Gestalt». Schauberger betrachtete das Wasser als die von feinstofflichen Energien gebildete Ursubstanz, die durch die Urbewegung der Erde ins Leben gerufen wurde. Wasser verleihe allen Dingen Leben, die im grossen Plan der ewig schöpferischen Intelligenz vorgesehen sind. «Wenn wir das Wasser nicht als lebendiges, alles Leben nährendes Wesen anerkennen, blockieren wir seine schöpferischen Kreisläufe und behindern das Leben. Dann verwandelt sich das Wasser in einen gefährlichen Gegner», warnte Schauberger. Mit zunehmender Wärme, erhöhtem Lichteinfall, aber auch mit der von Menschenhand vorgenommenen Einengung des Wasserlaufs verliere das Wasser ferner an Vitalität, Gesundheit und seine Fähigkeit, die Umgebung, die es durchfliesst, zu beleben und zu energetisieren. «Nur in seiner natürlichen, selbstkühlenden, spiralig gewundenen Bewegung ist das Wasser in der Lage, seine vitalen inneren Energien, seine Gesundheit und Reinheit zu bewahren», schreibt Schauberger. Auf seinem Weg durch die Landschaften fungiert das Wasser als Träger für all die Mineralien, Spurenelemente und sonstigen subtilen Energien, die in seiner Umgebung benötigt werden.

 

Die Sihl entspringt am Drusberg im Kanton Schwyz. 68 Kilometer legt sie zurück, bis sie die Stadt Zürich erreicht. Ein spektakulärer Wanderweg führt von Richterswil hinunter nach Sihlbrugg.


Der Rhein versorgt Millionen von Menschen mit Trinkwasser. Eindrückliche Begegnungen mit dem Rhein bieten sich zum Beispiel in der Viamala, der spektakulären Rheinschlucht zwischen Ilanz und Reichenau, oder an seiner Quelle beim Tomasee.

Von Jesus und dem Teufel
Flüsse, die ihren Weg durch Täler und Ebenen bahnen, prägen nicht nur Landschaften, sondern auch den Menschen, seine Kultur und vermutlich sogar die Religionen. «Flüsse haben einen Geist und wirken mit ihrem morphogenetischen Feld unterstützend auf ihr Umfeld», erläutert Stefan Brönnle die Wirkung von Flüssen aus geomantischer Sicht. Wasser sei Dank seiner molekularen Struktur in der Lage, Informationen aufzunehmen, zu transportieren und abzugeben – analog zu den Blutgefässen im menschlichen Körper. «Ein Fluss trägt Informationen in sich und verteilt sie weiter. Auch dadurch kann er eine Stadt, ja ganze Regionen prägen.» Brönnle nennt das Beispiel des Inns, der seinen Ursprung in Italien hat und in allen Städten, die er durchfliesst, etwas Leichtes und Jugendliches ausstrahle – unter anderem mit architektonischen Merkmalen wie Arkaden und einer spürbaren Lebensfreude in der Stadt. Auch wenn ein Fluss auf seinem Weg durch die Landschaft von verschiedenen Faktoren beeinflusst werde, sei die Quelle für seine Ausstrahlung entscheidend. Die Quelle eines Flusses entspricht laut Stefan Brönnle dem Urcharakter des Stromes. «An seiner Quelle erhält der Fluss die Urinformationen. Das ist vergleichbar mit dem Geburtsvorgang eines Menschen.»

Zahlreiche Flüsse, manche gelten gar als heilig, strahlen seit Jahrhunderten eine religiöse oder spirituelle Anziehungskraft auf die Menschen aus. So pilgern Jahr für Jahr Millionen von Hindus an die Ufer des Ganges, wo sie sich reinigen, um aus dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburt auszubrechen. Gemäss Bibel bewässert der Tigris das Paradies. Im Judentum geniesst der Jordan eine besondere Rolle. Bei Jericho wurde – so vermutet man – Jesus von Johannes dem Täufer getauft. In Estland sind rund 400 heilige Orte wie Steine, Bäume, Quellen und weitere «Sakralbauten der Natur» entlang des nur 28 Kilometer langen Pühajõgi (estnisch für «Heiliger Fluss») anzutreffen. Der Fluss Narva trennt Russland vom europäisch geprägten Baltikum; er gilt aber ebenso als religiöse Grenze zwischen den estnischen Lutheranern und der russisch-orthodoxen Kirche. Grosse Flüsse sind oft auch bedeutende Schauplätze religiöser Ereignisse: Die Elbe etwa steht in enger Verbindung mit der Reformation. Die sieben Quellen der Elbe soll der Teufel persönlich gebohrt haben.

Die Aare begeistert mit traumhaften Auenlandschaften – zum Beispiel auf dem zehn Kilometer langen Uferweg Alte Aare von Aarberg nach Studen.

Etwas Schweiz in den Meeren
Als Wasserschloss wird die Schweiz von zahlreichen Flüssen durchquert. Der Rhein und seine Zuflüsse strömen der Nordsee zu, die Rhone mündet ins Mittelmeer und der Inn gelangt über die Donau ins Schwarze Meer. Jeder Fluss hat seinen eigenen Charakter. Der Rhein, ein ausgesprochen männlicher und katholischer Fluss, ist von bedeutenden katholischen Bistümern wie dem Bistum Basel oder den Erzbistümern Köln, Mainz und Trier umgeben. «Vater Rhein» inspirierte auch manchen Schriftsteller wie zum Beispiel Friedrich Hölderlin, der dem Rhein eine Hymne widmete.

Ein ganz besonderer Fluss ist auch die Aare. Mit einer Länge von 288 Kilometern ist sie der längste Fluss der Schweiz, dessen Lauf sich ganz innerhalb der Landesgrenzen befindet. Die Aare wird aus dem Gletscher geboren, zwängt sich durch Schluchten und breitet sich in Seen und Auen aus. Doch die Aare ist mehr als ein Fluss. Sie gilt als das Rückgrat des Mittellandes und ist grosses Landschaftstheater mit langer Geschichte. Wie der Berner Naturforscher Samuel Studer erzählt, berichten mündliche Überlieferungen von einer Art Schlange oder Tatzelwurm in der Aareschlucht. Johann Wolfgang von Goethe stattete der Aareschlucht im Herbst 1779 einen Besuch ab, als er das Berner Oberland bereiste. Vom Lammi stieg er durch den «Finsteren Schlüüchen» hinab bis zur Aare. Seine Eindrücke beschreibt er malerisch in der Schilderung «Unbeschreibliche Tage».

Doch wie findet man seinen persönlichen Kraftstrom, an dem man verweilen, sinnieren und auftanken kann? «Oft fühlt man sich von einem bestimmten Fluss oder einer Landschaft intuitiv angezogen. Damit verbunden ist ein Gefühl, zu Hause angekommen zu sein, angenommen wie man ist», sagt Geomant Brönnle. Er empfiehlt, sich vom Bauchgefühl leiten zu lassen. Vielleicht fühle man sich eher von wilden Gewässern angezogen, oder man bevorzuge einen ruhigen, kraftvollen Strom. Wer eine tiefere Verbindung zu einem Fluss aufbauen möchte, kann sich ihm wandernd annähern und die Quelle erkunden.

Aufatmen dank Dr.Wasserfall?

Zeit am und auf dem Fluss verbringen, tut der Seele gut.
Hier kommen wir zur Ruhe, tanken Kraft, können einfach mal sein. Dem fliessenden Wasser zuzuschauen kann helfen, belastende Gedanken loszulassen, was sehr reinigend und heilsam wirken kann. Oft reicht schon der Blick auf einen Fluss (oder auch einen See oder das Meer), damit unser Körper Glückshormone freisetzt.

Studien zeigen, dass Schwimmen und andere Formen von Bewegung im Wasser zum Beispiel den Blutdruck senken, Müdigkeit verringern und Schmerzen lindern können. Gleichzeitig fühlen wir uns im erfrischenden Nass so gut wie schwerelos und können Verspannungen im Nu lösen. Und wir treten so in den Austausch mit dem Element Wasser, schärfen unsere Sinne und konzentrieren uns ganz auf das Hier und Jetzt. Eine echte Wohltat in unserem oft hektischen Alltag. Zusätzlich wirkt das Rauschen oder leise Plätschern entspannend.

Besonders wohltuend empfinden viele Menschen den Aufenthalt an Wasserfällen. Insbesondere Asthmatiker können in ihrer Nähe wieder aufatmen. Die in hoher Konzentration auftretenden negativen Ionen im Sprühnebel sollen ausschlaggebend dafür sein – denn sie versprechen angebliche Linderung, ja mitunter sogar Heilung der Atemwege. Doch die Studienlage dazu ist dürftig. Trotzdem ist es einen Versuch wert, zumal regelmässige Spaziergänge an der frischen Luft gerade im Winter sehr wichtig sind zur Stärkung unseres Immunsystems.

Buchtipps



Martin Arnold, Urs Fitze «Gewässerperlen – die schönsten Flusslandschaften der Schweiz», AT Verlag 2018, ca. Fr. 50.–

Florian Spichtig, Christian Schwick «Die Wasserfälle der Schweiz», AT Verlag 2012, ca. Fr. 50.–

Viktor und Jörg Schauberger «Das Wesen des Wassers», AT Verlag 2006, ca. Fr. 35.–

Theodor Schwenk «Das sensible Chaos. Strömendes Formenschaffen in Wasser und Luft», Freies Geistesleben 2010, ca. Fr. 48.–

Fotos: iStock.com | ZVG | swiss-images.com / andreas gerth, marcus gyger, robert boesch, ivo scholz
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