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Nachtschattengewächse

Kategorie: Natur

Text:  Erna Jonsdottir

Hexenmedizin, Druidentrank, Schamanenpflanzen, Zaubermittel – keine andere Pflanzenfamilie wurde derart verehrt und gleichzeitig gefürchtet wie die der Nachtschattengewächse. Sie dienen uns noch heute nicht nur als Nahrungs- sondern auch als Heilmittel.

@ unsplash.com/jan antonin kolar

Die Anziehungskraft der Nachtschattengewächse (Solanaceae) auf uns Menschen ist fast schon magisch. Sie sind sagenumwoben und haben eine uralte Tradition als Heilmittel, Nahrungs- und Rauschpflanzen. Tomaten, Kartoffeln und Auberginen gehören gleichermassen zu den Solanaceen wie der Tabak, die Tollkirsche und das Bilsenkraut. So unterschiedlich diese Geschöpfe der Natur auch sein mögen, eines haben sie doch alle gemeinsam: Nachtschattengewächse sind in allen grünen Pflanzenteilen aufgrund der enthaltenen Alkaloide giftig. Das Atropin in der Tollkirsche und das Hyoscyamin im Bilsenkraut sind hochwirksame Alkaloide, die aufgrund ihrer psychoaktiven Wirkung gerne von keltischen Druiden, Priesterinnen und Schamanen für ihre Rituale genutzt wurden. Sie waren Inhaltsstoffe von Liebestränken und gleichzeitig tödliche Mixturen für Feinde. Im Mittelalter als Hexenmedizin verschrien, kamen sie eng in Verbindung mit der Inquisition (siehe unten «Die Spuren der Hexensalbe»).

Dämonen und die Nähe zum Tod
Die Bezeichnung Nachtschattengewächse ist jedoch nicht auf diese dunklen Zeiten zurückzuführen. Ebenso wenig wachsen die Nachtschattengewächse im Dunkel der Nacht. Im Gegenteil, gerade die Lebensmittelpflanzen und die Gewürze unter ihnen benötigen sehr viel Sonne und Wärme. Das mittelhochdeutsche Wort «nahtschate» bezeichnet im Plural zwar ursprünglich Dunkelheit; im Singular jedoch verschiedene Nachttiere. Die Übertragung auf die Pflanzen ist laut des Etymologischen Wörterbuchs deshalb unklar. Umso facettenreicher sind die verschiedenen Interpretationen.

So wird zum Beispiel darüber spekuliert, ob der fast weltweit vorkommende Schwarze Nachtschatten (Solanum nigrum), eine einjährige krautige Ruderalpflanze, zur Prägung beigetragen hat. Der Schwarze Nachtschatten wurde im Mittelalter medizinisch zur Milderung nächtlicher Albträume (genannt Nachtschaden) verwendet, die nach Ansicht unserer Vorfahren von Dämonen beeinflusst wurden. Weiter wird vermutet, dass die nahe Beziehung der Nachtschattengewächse zum Tod eine Rolle spielt. Denn unter den rund einhundert Gattungen und weltweit über 2500 Arten wird ein grosser Teil der Nachtschattengewächse den Gift- und Arzneipflanzen zugeordnet. Das Risiko: Die therapeutische Breite, also der Unterschied zwischen einer therapeutischen Dosis und einer toxischen Wirkung, ist vom Standort abhängig und variiert enorm. Die Gefahr einer Überdosis ist deshalb gross – und allfällige Nebenwirkungen sind schrecklich. Typische Vergiftungserscheinungen sind unter anderem Schwindel, Erbrechen, Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Im schlimmsten Fall kommt es zur Bewusstlosigkeit und Atemlähmung und so zum Tod.

Die Spuren der Hexensalben

Fliegende Hexen haben Kultstatus und leben noch heute in Märchen, Sagen, Filmen und Opern weiter. Beinahe ebenso berühmt sind die Flug- oder Hexensalben. Über die genaue Zusammensetzung gibt es jedoch lediglich Spekulationen, die von Fett und gekochten Gliedern von Kindern bis hin zu psychoaktiven Stoffen aus Pflanzen und Tieren reichen. Hexen sollen auf jeden Fall in der Lage gewesen sein, sich mit diesen Salben in Tiere zu verwandeln, den Körper zu verlassen, mit Besen an entfernte Orte zu fliegen und sexuelle Erlebnisse mit dem Teufel und Dämonen zu haben. Der Hexenhammer, ein Werk zweier Inquisitoren, das unter anderem Heilmittel in legal und illegal einstufte, sowie Gerichtsprotokolle aus dem 17. und 18. Jahrhundert geben keine genaueren Angaben. Sicher ist: Die einfachste Methode, jemanden loszuwerden, war der Nachweis des Besitzes illegaler Heilmittel und die Denunziation. Sicher ist auch: Flugsalben haben eine lange Tradition. Sie hatten in der Regel eine schmerzstillende und krampflösende Wirkung und waren nichts anderes als der Griff in die Hausapotheke. Nachtschatten- und Mohngewächse waren also schon im Altertum bekannt und damals als Heilmittel sehr geschätzt, so auch bei Paracelsus.


Narkosemittel und Pfeilgifte
Die Nachtschattengewächse wurden deshalb nicht immer nur zum Wohle der Menschheit eingesetzt. Die kleine Alraune oder Mandragora etwa, eine Zauber- und Ritualpflanze, die mit ihrer äusserlichen Erscheinung nicht einmal auffallen mag – ihre Macht versteckt sie unter der Erde in den Wurzeln, die wie kleine teuflische Gestalten aussehen –, wurde schon in der Antike unter anderem als Beruhigungsmittel eingesetzt – oder aber dem Wein beigegeben, um jemanden in den ewigen Schlaf zu versetzen. In Europa üblicher war das Schwarze Bilsenkraut, das ein ähnliches Wirkprofil hat wie die Alraune. Es gehört zu den ältesten Heilpflanzen unseres Kulturkreises und hat zahlreiche Namen wie Tollkraut, Zahnkraut oder Schlafkraut, die auf die damaligen Anwendungsgebiete hinweisen. Die Ärzte im Mittelalter lobten die Bilsenkraut-Extrakte aus den Blättern oder Samen für ihre beruhigenden, krampf- und schmerzstillenden Eigenschaften und verwendeten sie sogar als Narkosemittel bei Operationen. Nicht selten wurde das Bilsenkraut jedoch zum todbringenden Gift: So präparierten die Germanen ihre Wurfspiesse mit einem entsprechenden Pflanzenextrakt und im Altertum wurde mit dem Bilsenkraut so mancher ins Grab gebracht. Doch nicht nur Giftmorde wurden damit verübt.

Hexenkräuter und Zaubermittel
Das Bilsenkraut und andere psychoaktive Hexen- und Zauberpflanzen wie Tollkirsche und Stechapfel waren – wie aus heute noch bekannten Rezepten hervorgeht – Ingredienzien von Hexen- oder Flugsalben. «Geflogen» wurde aber auch in kommunen Gasthäusern: Früher wurden dem Bier Bilsenkrautsamen zugesetzt, um dessen Rauschwirkung zu verstärken. Sogar der hochgiftige und halluzinogene Stechapfel fand den Weg ins Bierfass. Mit dem deutschen Reinheitsgebot im Jahr 1516 wurde die Beimischung dieser und anderer psychoaktiver Pflanzen jedoch verboten.

Die Tollkirsche – auch Wolfsbeere, Schlafkirsche oder Teufelsauge genannt – wuchs laut der Äbtissin und Heilkundigen Hildegard von Bingen lediglich dort, wo der Teufel seinen Einfluss ins Spiel brachte. Trotzdem mischte sie den Saft der Beere ihren Salben gegen Geschwüre bei. Diese Salbe durfte allerdings nur in geringen Mengen aufgetragen werden.

Übrigens: Den Namen Belladonna, italienisch für «schöne Frau», erhielt die Tollkirsche im Mittelalter: Frauen nahmen damals geringe Mengen der Beeren ein, damit sich ihre Pupillen erweiterten. Ein gefährliches Spiel für die Schönheit.

Die Schätze der Heilkunde
Tollkirsche, Stechapfel, Bilsenkraut – diese als teuflisch respektive hexisch verschrienen Pflanzen haben, anders als Tausende kräuterkundige Frauen, die Inquisition überlebt. Das Atropin wird noch heute medizinisch in der Augenheilkunde verwendet. In der Naturheilkunde gibt es zahlreiche Mittel aus Nachtschattengewächsen in spagyrischer und homöopathischer Form. Die Anwendungsgebiete sind vielfältig: das Schwarze Bilsenkraut (L-Hyoscyamin) kommt bei Unruhe, Spasmen des Gastrointestinaltrakts sowie bei nervösen Herzbeschwerden zum Einsatz; zudem ist es Bestandteil von Narbencremes. Eines der wichtigsten Entzündungsmittel ist die Belladonna. Sie hilft bei Fieber, Mittelohr- und Halsentzündung sowie bei Sonnenstich und krampfartigen Schmerzen im Bereich des Verdauungstrakts. Der Schwarze Nachtschatten mag vielleicht nicht mehr vor Albträumen schützen, heute wird er jedoch bei Erkrankungen des Zentralnervensystems eingesetzt. In der Dermatologie geschätzt wird der Bittersüsse Nachtschatten (Solanum dulcamara), der adjuvant bei chronischem Ekzem verwendet werden kann.

Aus der Küche nicht mehr wegzudenken sind zahlreiche Nachtschattengewächse wie Kartoffeln, Tomaten, Auberginen und Paprika. Sie enthalten reichlich Vitamine, Spurenelemente und Mineralien. Was viele nicht wissen: Die Kartoffel wird beim Kochen zur Vitamin-C-Bombe, besonders, wenn sie ungeschält gekocht und gegessen wird. Ebenso wertvoll ist die gekochte Tomate: Der rote Farbstoff, das Carotinoid Lycopin, ist so besser für unseren Körper verfügbar. Lycopin ist ein Antioxidans und schützt unsere Zellen vor freien Radikalen.

Doch wie schon eingangs erwähnt: Ganz ungiftig sind unsere essbaren Lieblinge nicht. So enthält die Kartoffel giftige Steroide und sollte deshalb niemals roh gegessen werden. Dass die grünen Stellen entfernt werden müssen, ist weitgehend bekannt. Vorsicht geboten ist auch bei der Tomate – unreif enthält sie das giftige Solanin.

Man merke also: Seien es die Wurzeln, das Kraut, die Blüten, das Fruchtfleisch oder die Samen – jedes Nachtschattengewächs hat mindestens einen toxischen Pflanzenteil. Diese ganz besonderen Pflanzen sollten deshalb mit grösstem Respekt behandelt und mit Vorsicht genossen werden. Und das ist ganz bestimmt keine Hexerei.

Alkaloide

Das Wort Alkaloide
stammt aus dem Arabischen «al-qalya» (für «Pottasche») und bezeichnet eine grosse Gruppe von alkalisch basisch reagierenden Natursubstanzen, die kompliziert aufgebaute Stickstoffe enthalten. Sie besitzen eine ähnliche Struktur wie Neurotransmitter und wirken primär über das zentrale Nervensystem. Nachtschattengewächse enthalten vor allem Alkaloide sowie Steroidverbindungen. Eine Übersicht:



Tropanalkaloidhaltige Solanaceen: 
Sie kommen in wenigen Arten der Solanaceen vor. Von medizinischem Interesse sind die Hauptalkaliode Atropin, Hyoscyamin Scopolamin.
Pflanzenbeispiele: Alraune, Bilsenkraut, Glockenbilsenkraut, Stechapfel, Tollkirsche.



Steroidhaltige Solanaceen: 
Viele Nachtschattengewächse enthalten in allen Teilen Solanum-Alkaloide. Solanin ist ein glycosidisch gebundenes Steroid und hat saponinähnliche Wirkungen. 
Pflanzenbeispiele
: Bittersüsser und Schwarzer Nachtschatten, Aubergine, Kartoffel, Tomate.



Nikotinhaltige Solanaceen:
Nikotin gehört zu den Pyridinalkaloiden und ist ein Nervengift. Früher galt es als Sedativum, Diuretikum und Expektorans (Hustenlöser).
Pflanzenbeispiele: Tabak, Bauerntabak.


Capsaicinhaltige Solanaceen:
Capsaicin hat eine wärmende, durchblutungsfördernde und schmerzlindernde Eigenschaft und wird unter anderem bei Muskelschmerzen und Arthrosen eingesetzt.
Pflanzenbeispiele: Spanischer Pfeffer (Chili), Cayennepfeffer.




 

Buchtipps

Patrizia Felizitas Ochsner «Hexensalben und Nachtschattengewächse. Medizin und Zaubermittel», Nachtschattenverlag 2015, ca. Fr. 30.–

Christian Rätsch «Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen», AT Verlag 2018, ca. Fr. 144.–

Amy Stewart «Gemeine Gewächse», Piper 2017, ca. Fr. 18.–

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