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Schwarmintelligenz

Kategorie: Natur

Text:  Leila Dregger

Raubbau an der Natur, Artensterben, Hungersnöte, Epidemien – die globalen Herausforderungen können wir nicht mit herkömmlichen Methoden lösen. Vielleicht aber unter einer «Führung ohne Führung». Wie das funktioniert, zeigen uns die Schwärme des Tierreichs. Wir lernen: Unsere kollektive Krise ist auch unsere grösste Chance auf Heilung.

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Ein Wanderfalke stösst immer wieder auf einen Schwarm von Staren. Wo er auch angreift, formieren sich die Stare so dicht, dass der Falke die Flügel nicht mehr bewegen kann und aus dem Schwarm herausfällt. Er bleibt ohne Beute. In fliessenden Bewegungsabläufen, stets den Impuls eines Einzelnen durch viele andere verstärkend, ist die Schwarmintelligenz der Stare dem einzelnen Falken überlegen.

Im Internet finden sich zahlreiche Videos solcher komplexer, selbstgesteuerter Vorgänge – von Tierschwärmen, aber auch von Menschenmassen oder Computersimulationen. Das Fehlen eines Koordinators oder einer Hierarchie erzeugt kein heilloses Chaos. Im Gegenteil, die wellenartigen Bewegungen der Vogel- und Fischschwärme sind nicht nur sinnvoll, sie berühren mit ihrer faszinierenden Schönheit auch unser Herz.

Aber wie funktioniert so ein Schwarm? Warum stossen Heuschrecken oder Heringe nicht ständig zusammen, wenn sie in Riesenschwärmen übers Land fliegen und durch die See schwimmen? Was hält einen Schwarm auch bei hoher Geschwindigkeit zusammen?

Erst seit der Entwicklung von Hochleistungscomputern können Wissenschaftler die grossen Datenmengen selbstorganisierter Systeme analysieren und deuten. In virtuellen Modellen werden bewegliche Figuren – so genannte Boids – mit ganz einfachen Regeln programmiert, bis sie als Schwarm agieren. Die Erkenntnis: hochkomplexe Schwarmbewegungen beruhen lediglich auf drei einfachen Regeln, die unter unmittelbaren Nachbarn gelten:

● folge dem vor dir in gleichem Abstand
● halte Abstand zu dem hinter dir
● bleibe so schnell wie die neben dir

Auch wir Menschen folgen in der Menge solchen Regeln, zumindest wenn wir dasselbe Ziel haben. Der Rest ist Physik. All die nicht-linearen, ausufernden, dynamischen Formen eines Schwarms geschehen durch Selbstverstärkung und Abbremsung. Wissenschaftlich gesagt, durch positive und negative Rückkopplung. Das erklärt Schwarmbewegung. Für Schwarmintelligenz braucht es dann noch kollektive Lernfähigkeit und Kommunikation.

Führung ohne Führer
Der Tanz der Kundschafter-Bienen zeigt dem Volk, wo die nächste Nektarquelle ist. Doch nur wenige Bienen sehen den Tanz überhaupt. Warum fliegt dennoch bald die gesamte Gruppe ans Ziel? Verblüffend einfach: Es reicht, wenn nur wenige informierte Bienen schneller voranfliegen als andere. Die Nachbarn folgen ihnen, deren Nachbarn wiederum ihnen folgen – so fliegen die Bienen in einer Kettenreaktion kollektiv als Schwarm zur Blumenwiese. Es braucht also keine festen Anführer, um einen Schwarm richtig zu bewegen. Es reicht, wenn einige Individuen ein klares Ziel vor Augen haben – und der Rest der Gruppe vor allem zusammen bleiben möchte. Es ist das Prinzip der Führung ohne Führer: Lediglich ein kleiner Informationsvorsprung und entsprechend entschlossenes Handeln machen den Unterschied.

Dasselbe geschieht unter Menschen: Viele Gruppen lassen sich führen, ohne es überhaupt zu bemerken; viele sind selbst Führer, ohne es zu wissen. Es genügt, wenn jemand oder einige wenige entschlossen ein Ziel verfolgen: Die anderen werden sie unwillkürlich nachahmen – vorausgesetzt sie haben kein eigenes Ziel. Der Sozialpsychologe Stanley Milgram machte dazu in den 1960er-Jahren zahlreiche Experimente. So liess er Mitarbeiter in einer frequentierten Strasse stehenbleiben und auf ein Fenster in einem oberen Stockwerk schauen. Innerhalb weniger Sekunden (!) blieben immer mehr Passanten stehen und schauten ebenfalls hoch zum Fenster. Wir folgen offenbar instinktiv jenen, von denen wir glauben, sie hätten einen Informationsvorsprung.

Da sträubt sich unser Sinn für Individualität. Sollten wir nicht lieber selbst denken? Doch, schon – zumindest auch. Denn das erfolgreichste System vereinigt beides: selbstständiges Denken und anderen folgen.

Schwarmgleiche Elitetruppen
Erfolgreiche Führung kommt also von innerhalb der Gruppe und ist nicht festgeschrieben: Sie wechselt durch einen tatsächlichen Informationsvorsprung je nach Situation. Die Navy-Einheit der Seals nutzt dieses Prinzip: In Einsätzen der Elitetruppe hat immer der das Kommando, der den nächsten Schritt kennt und entschlossen vorangeht. Man mag sich vorstellen, wie viel Training und Disziplin es braucht, damit die anderen tatsächlich vertrauensvoll folgen.

Flexible oder «unsichtbare» Führung ermöglicht einer Gruppe, rasch zu lernen und sich chaotisch verändernden Umweltbedingungen anzupassen: Während alte Hierarchien immer dieselben Methoden probieren, zapft eine spontan wechselnde Führung neue Ressourcen an, um eine Herausforderung zu meistern. Wenn Sie Teil eines lernfähigen Systems sein möchten, dann beachten Sie diese Grundregel: Wenn jemand etwas besser macht als Sie, dann machen Sie es nach.

Sie können sich auch selbst in der Rolle des unsichtbaren Führers finden: Vielleicht ist am Bahnhof einmal die Anzeigetafel ausgefallen und nur Sie wissen, wo der nächste Zug abfährt. Statt jeden Einzelnen zu überzeugen, gehen Sie entschlossen in diese Richtung, nehmen vielleicht einige Umstehende mit, und schon wird Ihnen die Menge folgen.

«Ein Schwarm braucht keinen festen Anführer. Es reicht, wenn einige Individuen ein klares Ziel haben und der Rest der Gruppe zusammenbleiben will.»

Digitale Schwärme
Viele Kundschafter-Ameisen ziehen los, um Futter zu suchen. Eine von ihnen findet als Erste welches, kehrt zurück und markiert den Weg mit ihrem Duft. Nun folgen die anderen dieser Duftspur. Wieso aber folgen sie nur der einen Ameise und nicht den vielen anderen Kundschafterinnen? Sehr einfach: Die erste zurückkehrende Ameise ist logischerweise die, die den schnellsten Weg gefunden hat. Die anderen Ameisen folgen ihr, verstärken dabei deren Duft, woraufhin mehr Ameisen der Duftspur folgen – so wird der anfangs einsam begangene Weg schon bald zur Ameisenstrasse.

Dieser «Ameisenalgorithmus» wird für die Berechnung von Routen und Netzwerken, für Telekommunikation und die Bildung von digitalen Trampelpfaden angewendet, z. B. im Internet-Marketing. Die Funktion der Duftstoffe wird durch häufige Besuche, Verlinkungen, Kundenbewertungen übernommen. So tauchen die beliebtesten Seiten und Angebote häufiger auf, werden dadurch noch mehr angeklickt, tauchen folglich noch häufiger auf usw. Der Nachteil dieses Mechanismus: Je sensationsheischender und krasser eine Meldung ist, unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt, desto öfter taucht sie auf und desto mehr werden relativierende, mässigende Stimmen unterdrückt. Deshalb wichtig: Auch bei Schwarmintelligenz das Selbstdenken nicht vergessen!

Heilsame Schwarmintelligenz
Ob es uns bewusst ist oder nicht: Wir sind bereits ein Schwarm. Doch Vorsicht: Nicht alle Schwärme sind intelligent. Gruppendruck kann zu Anpassungszwang und Selbstverleugnung führen. Es braucht eine ganz persönliche Entscheidung für gegenseitige Hilfe, Wahrheit, Selbstverantwortung. Nur so entsteht die wichtigste Grundlage der Schwarmintelligenz: Vertrauen. Wie unter Staren oder Bienen ist das wichtigste Wesen immer das, welches uns am nächsten ist. Darum: Pflegen Sie Kontakt zu Ihren Nachbarn. Finden Sie heraus, wie es ihnen geht, was sie brauchen. Und wenn diese etwas besser können als Sie – dann machen Sie es nach. Wenn Sie selbst einen Informationsvorsprung haben, teilen Sie diesen und handeln Sie entsprechend. Und schaffen Sie Situationen, wo auch Menschen zu Wort kommen, die sonst nicht gefragt werden.

So werden wir über unseren Tellerrand hinausschauen und nach und nach zum Teil eines bewussten, lernfähigen planetarischen Schwarms. Er ist das Subjekt für den grossen Heilungsvorgang, vor dem wir stehen. Vertrauen Sie dabei auf den Schmetterlingseffekt: Was in Ihrer unmittelbaren Nähe geschieht, wirkt im Grossen weiter.

Wie Sie Schwarmintelligenz anwenden können

Fussgängerströme

Um Massenpanik zu vermeiden, greifen Behörden oder Architekten die Erkenntnisse der Schwarm- und Strömungsforschung auf. So verringern z.B. asymmetrisch ausgerichtete Säulen den Druck auf einen Ausgang. Wenn Sie selbst in eine unübersichtliche Menschenmenge geraten: Vermeiden Sie Stillstand und zu hohe Dichte. Folgen sie einem Strom, der sich bildet, auch wenn er nicht in ihre Richtung geht. Je mehr sie dagegen ankämpfen und gegenrudern, umso länger wird es dauern, bis Sie aus dem Getümmel finden. Deshalb: Verstärken Sie Fussgängerströme, denn ihre Bewegung löst die Enge am schnellsten auf.

Politische Aktion
Eine sehr effektive politische Aktion ist der Smart Mob (oder Flashmob): Durch Handys oder Social Media informiert ein Aktivist den anderen, es entsteht eine Kettenreaktion, und an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit taucht eine demonstrierende Menschenmenge auf, die sich wieder zerstreut, bevor Ordnungskräfte eingreifen können. Smart Mobs haben den arabischen Frühling und die Occupy-Bewegung geprägt und den philippinischen Präsidenten aus dem Amt gejagt.

Gruppenintelligenz
Gruppeneinschätzungen sind manchmal sogar Expertenwissen überlegen, zumindest bei Schätzfragen (z.B. beim Schätzen des Gewichts eines Wals anhand eines Bildes von diesem). Wenn Sie also die Antwort auf eine Schätzfrage suchen, dann ist die Befragung einer Gruppe von Laien mitunter zielführender als die Befragung eines einzelnen Experten. Der Grund: Viele falsche Antworten ergeben zwar keine richtige, aber ihr Durchschnitt ist in der Regel eine gute Annäherung an die Wahrheit.

Buchtipps

Thomas D. Seeley «Bienendemokratie. Wie Bienen kollektiv entscheiden und was wir davon lernen können», S. Fischer Verlag 2014, ca. Fr. 16.–

Ernst Kurzmann, Johannes-Paul Fladerer «ManagemANT. Mit Schwarmintelligenz zum Unternehmenserfolg», Frankfurter Allgem. Buch 2017, ca. Fr. 28.–

Heiko Hamann «Schwarmintelligenz», Springer Spektrum 2019, ca. 35.–

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