Artikel Natur :: Natürlich Online

Farne sind lebende Fossilien

Kategorie: Natur

Text:  Gundula Madeleine Tegtmeyer

Biologische Evolution bedeutet generationenübergreifende Anpassung durch Veränderung. Doch Farne, die zu den ältesten Pflanzen zählen, trotzen dem Wandel erfolgreich. Ihre Heilwirkung macht sich die Volksmedizin zunutze.

@ iStock.com

Vor vier Milliarden Jahren spielt sich in den Tiefen des Urozeans, vermutlich an heissen Schloten (sogenannten «Black Smoker»), ein phänomenaler Vorgang ab: die Geburt des Lebens. Auf wundersame Art und Weise entwickeln sich aus unbelebten Stoffen erste lebende Zellen, sogenannte Mikroben. Ihre Nachfahren bilden zwei Reiche: die Bakterien und die Archaeen, die sogenannten Urbakterien.

Vor 2,7 Milliarden Jahren lernten Einzeller das Sonnenlicht einzufangen. Mithilfe der solaren Energie konnten sie nun organische Verbindungen herstellen. Ein Prinzip, das später alle Pflanzen nutzen werden. Lange vor den Pflanzen, vor 2 Milliarden Jahren, verpackten spezielle Mikroben, die Eukaryoten, ihr Erbgut in einen Zellkern. Dieser evolutionäre Schritt ist entscheidend auf dem Weg zu den komplexeren Lebewesen. Ein unvorstellbar langer Weg.

Die Eroberung der Erde

Erst vor etwa 1,2 Milliarden Jahren wurde das Leben «komplex»: Wahrscheinlich durch genetische Zufälle entwickelten sich aus den Eukaryoten mehrzellige Wesen – ein evolutionärer Quantensprung! Diese ersten Mehrzeller sind die Urahnen aller Tiere und Pflanzen auf Erden. Doch dann überzieht ein Eispanzer für Millionen von Jahren nahezu den ganzen Planeten. Nichts Bewegendes scheint sich zu tun; auch nicht in den Tiefen der Ozeane.

Doch nach dem Ende der langen Eiszeit nimmt die Evolution rasch Fahrt auf. Und wie! Paläontologen sprechen von der «Kambrischen Explosion». In 541 Millionen Jahre alten Sedimentgesteinen finden sich Fossilien der meisten noch heute existierenden Tierstämme.

Vor 460 Millionen Jahren gelang ein nächster umwälzender Schritt: der Landgang. Erstmals in der Erdgeschichte gelang es Tieren und Pflanzen im Trockenen zu überleben. Die Landmassen der Erde, bislang eine Todeszone, wurden von immer neuen Spezies bevölkert. Zu den ersten Eroberern gehören Moose und Farne.

Teufelskünste und Liebeszauber
Mit Beginn des Karbon (vor etwa 359 bis 299 Millionen Jahren), wuchsen ehemals kleine Farne zu meterhohen Wäldern heran. Diese Urfarne und Bärlappgewächse haben erstmals in der Pflanzenevolution Blätter hervorgebracht; die richteten sich zur Sonne hin aus und konnten so enorm viel Energie speichern. Und noch etwas Cleveres spielte sich in den Blättern der Farne ab: Leitungen entstanden, die die Pflanzenwurzel mit den Blättern verbanden. Wasser und gelöste Stoffe wurden nun direkt aus dem Erdreich bis in die Pflanzentriebe transportiert – mit imponierenden Folgen: Farne wuchsen bis zu 20 Meter in die Höhe. Ganze Farnwälder entstanden.

Ein grosser Teil der einst existierenden Farnarten ist jedoch vor 66 Millionen Jahren ausgestorben. Ein gewaltiger Asteroiden-Einschlag am Rand der Yucatán-Halbinsel in Mexiko führte zu einem globalen Kälteeinbruch, dem etwa 70 bis 75 Prozent aller damaligen Arten zum Opfer fielen, darunter auch die Dinosaurier. Die Farne hingegen überlebten die Megakatastrophe, wenn auch in geschrumpfter Form.

Es wundert nicht, dass die Menschen im Mittelalter den Farnen magische Kräfte zuschrieben. Daher auch der volkstümliche Name «Hexenkraut». Einsame Nachtwanderer soll das Farn vom Weg abbringen; andererseits schützt Farn gegen Blitz und Hagel und dort, wo Farn wächst, traut sich der Teufel nicht hin. Wer Farn «bei sich trägt, ist vor den Nachstellungen des Teufels sicher», glaubte Hildegard von Bingen (1098–1179). Und bei quälenden Zahnschmerzen empfahl die Klosterfrau, Farne auf den Zahn und das Zahnfleisch zu reiben. Als «Liebeszauber» soll Farn Potenz und Fruchtbarkeit steigern; mithilfe seiner Samen soll sich der Träger gar unsichtbar machen können. William Shakespeare verfiel diesem Volksglauben, zumindest schrieb er in seinem Drama «Heinrich IV»: «Wir gehen unsichtbar, denn wir haben Farnsamen genommen.»

Im Kanton Aargau steht die Behauptung, Farnsamen brächten den Menschen die Herrschaft über den Teufel, seit 1596 unter Strafe. Diese Massnahme im Kampf gegen den Aberglauben fand im benachbarten Ausland bald Nachahmer: So erliess Herzog Maximillian in Bayern im Jahr 1611 das «Landgebot wider Aberglauben, Zauberei, Hexerei und andere Teufelskünste». Von nun an stand das «Farnsamenholen» unter Strafe.

Die Menge macht das Gift
Ob man sich mit dem Tragen von Farnsamen tatsächlich hat unsichtbar machen können, das sei dahingestellt. Unbestritten hingegen ist der feste Platz der Farne als Heilkraut in der Volksmedizin. Farn wirkt krampflösend, schmerzstillend und entzündungshemmend. Seit dem Mittelalter nutzt man es gegen Darmparasiten, bei träger Verdauung, Durchfall, Sodbrennen und Reizdarmsyndrom; Farn lindert auch Reizhusten und Heiserkeit. Aber Achtung: Farne sind schwach giftig! Greifen Sie daher bei innerlicher Anwendung grundsätzlich nur zu Präparaten aus der Apotheke oder dem Reformhaus. Die äussere Anwendung hingegen ist unbedenklich. Auch so hilft Farn gegen eine Reihe von Beschwerden wie Arthritis, Rheuma, Gicht, Krampfadern oder Wadenkrämpfen; auch lindert Farn äusserlich aufgetragen entzündliche Hauterkrankungen, Verbrennungen und Kopfschmerzen. Bei akuten Ohrenschmerzen legten die Menschen in früheren Zeiten ihr Haupt auf ein mit Farnkraut gefülltes Kissen.

Ein Artikel der Redaktion damals.de stützt diese mittelalterliche Empfehlung: Er berichtet von entdeckten Farnspuren im Zahnstein eines 20 bis 30 Jahre alten Mannes, der im 9. oder 10. Jahrhundert in einer Nekropole auf Mallorca beerdigt worden war. Es ist der bislang älteste Nachweis des Einsatzes von Farnen in der Volksmedizin. Die Farnspuren konnte die Forscher dem Braunstieligen Streifenfarn (Asplenium trichomanes) zuordnen. Der Artikel bezieht sich auf historische Quellen. Da heisst es auch, dass Kräuterkundige einst Aufgüsse aus frischen oder getrockneten Farnblättern hergestellt haben, offenbar zur äusseren wie inneren Anwendung. Um das Gebräu geniessbarer zu machen, wurde es mit Orangenblüten oder Honig verfeinert.

Evolution zum Anfassen | Farne sehen noch fast so aus wie vor 350 Millionen Jahren.



Hirschzungenfarn (Links) | Sporenblätter auf der Rückseite eines Farnwedels (Rechts)

Einzigartige Wirkstoffkombination

Farne enthalten neben Stärke, ätherischen Ölen, Gerb- und Bitterstoffen Wirkstoffe wie Phloroglucin, Derivate des Benzols, Phenol, Aspidinol und Albaspidin – es ist diese einzigartige Kombination, die Farne als Heilkraut so interessant macht. Verschiedene Farnarten eignen sich als Heilpflanze. So enthalten die Wurzeln des Tüpfelfarns, landläufig Engelsüss genannt, reichlich Bitterstoffe und regen so die Ausschüttung von Gallen- und Bauchspeicheldrüsensaft an, was wiederum die Verdauung fördert. Zudem wirken seine Harze und Öle krampflösend und entzündungshemmend. Hirschzungenfarn (Asplenium scolopendrium) wiederum löst Schleim und lindert Husten. Als harntreibendes Mittel setzten ihn die Menschen im Mittelalter gegen Kopfschmerzen ein. Und mit Extrakten aus dem Wurmfarn (Dryopteris filix-mas) behandelten sie Darmparasiten. Von der Nachahmung auf eigene Faust muss aber abgeraten werden, enthält der Wurmfarn doch die Nerven- und Muskelgifte Filixsäure und Filmaron. Als Homöopathikum wird Wurmfarn bei Bandwurmbefall und einer Schädigung des Sehnervs gegeben. Gesundheitlich unbedenklich ist auch seine äussere Anwendung, zum Beispiel als Einreibung mit der Tinktur oder im Vollbad, etwa bei Arthritis, Gicht, Rheuma, Glieder- und Kreuzschmerzen, Venenentzündungen und Krampfadern.

In Apotheken und Reformhäusern sind die äusserst beständigen und vielseitig anwendbaren Farne als Tees erhältlich oder als Fertigpräparate, die Farnextrakte meist in Kombination mit anderen Heilpflanzen enthalten.

Rezept

Hirschzungenelixier
nach Hildegard von Bingen

1. Kochen Sie 20 g Hirschzungenfarnkraut (aus der Apotheke; die Hirschzunge ist geschützt!) in ½ Liter Weisswein.

2. Geben Sie 50 g Honig hinzu.

3. Kochen Sie das Ganze nochmals auf.

4. Fügen Sie 1 g Pfeffer und 10 g Zimtrinde hinzu.

5. Kochen Sie alles dreimal auf.

Nehmen Sie bei Asthma, Husten, Heiserkeit oder Kopfschmerzen täglich 3 EL des Elixiers nach dem Essen ein. Es wirkt schleimlösend, hustenlindernd und entzündungshemmend. Auch bei Menstruationsstörungen und Beschwerden der Wechseljahre kann das Elixier Linderung verschaffen. Vorbeugend genommen unterstützt es die Entgiftung durch die Lymphgefässe und stärkt die Lungenleistung. Umschläge damit beruhigen die Haut bei Verbrennungen und lindern Hautentzündungen.

Buchtipp

Renato Strassmann «Urpflanzen: Kraft und Magie alter Heilpflanzen», freya 2016, ca. Fr. 40.–

Fotos: iStock.com | unsplash.com/maria-duda | john-salzarulo | ZVG

Tags (Stichworte):

Kategorie: Natur

Dramen um Meeresaquarien

Das Leben in meeresaquarien fesselt. Doch hinter den Kulissen dieser...

Kategorie:

Kategorie: Natur

Der Hirsch weist den Weg

Auf den Spuren zweier Königstöchter vom Uetliberg in die Stadt Zürich wandern...