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Blüten in der Nacht - Das leise Knistern der Nachtkerze

Kategorie: Natur, Pflanzen
 Ausgabe_07_08_19 - 06.08.2019

So manche Pflanze zeigt erst in der Dämmerung oder gar nachts ihre ganze Pracht: Sie duftet nun besonders intensiv oder öffnet gar erst jetzt ihre mitunter spektakulären Blüten. Bei der Nachtkerze kann man das sogar hören: ein leises Knistern, wenn die Kelchblätter aufreissen, worauf sich die grossen, gelben Blütenblätter daraus herausdrehen und in der Nacht leuchten.

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Das Dunkel schärft sämtliche Sinne. Ein Naturgarten braucht deshalb nicht viel Beleuchtung. Nur wo es aus Sicherheitsgründen angebracht ist, etwa entlang von Treppen und Wegen, machen zeitlich begrenzte, nach unten gerichtete Leuchten Sinn.

Denn um den Nachtgarten zu erkunden, reicht in der Regel das Mondlicht aus – zumal viele Nachtblüher helle Blütenfarben haben, die das Mondlicht reflektieren, was die Lockfunktion verstärkt. Andere Pflanzen verströmen in den Abendstunden einen besonders intensiven Duft.

Das Gemshorn etwa, die Levkoje oder die Nachtviole. Ihr süsslich-lieblicher Duft ist nachts eine olfaktorische Offenbarung. Offenbar gilt das auch für die zahlreichen Nachtfalter, die sie umschwärmen.

Nachtkerze (essbar)
Oenotherna biennis



Die dekorative Nachtkerze mit ihren grossen, im Mondschein gelb leuchtenden Blüten gehört in jeden naturnahen Garten. Sie wurde vor zirka 400 Jahren aus Amerika eingeführt; viele Bauerngärten kultivierten sie im 18. und 19. Jahrhundert als Gemüse- und Salatpflanze. Alle Teile sind essbar. Die zweijährige Pflanze bevorzugt sonnige bis halbschattige Plätze und vermehrt sich leicht von selbst. Sie stellt keine besonderen Ansprüche, Staunässe verträgt sie jedoch schlecht. Ihre wohlriechenden Blüten öffnen sich erst in den Abendstunden und verwelken tagsüber bald wieder. Wird die Nachtkerze nach der Blüte geschnitten, besteht die Chance auf einen zweiten Flor. Das regelmässige Entfernen verwelkter Blüten fördert darüber hinaus die Blühfülle und verlängert vor allem auch die Blühdauer, die sich in der Regel von Juni bis September erstreckt.

Inhaltsstoffe

Eiweiss, ungesättigte Fettsäuren, Linolsäuren, GLS, Ölsäure.

Eigenschaften

Beruhigend, stoffwechselanregend, hautwirksam.

Anwendung

Die bis zu ein Meter langen Pfahlwurzeln kann man wie Schwarzwurzel verwenden; die oberirdischen Teile der Pflanze eignen sich als Gemüse, die jungen Blätter als Zugabe in Salaten. Tee aus den Blättern soll bei Durchfall, Krämpfen und Erkältungen mit Husten helfen. Man kann dazu auch Nachtkerzensirup verwenden. Das Öl, das aus den Samen gewonnen wird, ist reich an Gamma-Linolensäure (GLS), einer essenziellen Fettsäure. Es wird als Nahrungsergänzungsmittel zur Behandlung von atopischen Ekzemen verschrieben, etwa bei Neurodermitis. Die Wirksamkeit von GLS zur Behandlung von Ekzemen ist durch klinische Studien belegt. Nachtkerzenöl ist allgemein ein wunderbares Hautpflegemittel. Das Öl und die ganze Pflanze können auch bei Rheuma und Beschwerden im Rahmen des Klimakteriums Linderung verschaffen und allgemein das Immunsystems stärken. Die Nachtkerze wird bei Frauenbeschwerden, Rheuma und Hauterkrankungen meist in Form von ölhaltigen Kapseln eingenommen und äusserlich als Öl oder Salbe aufgetragen.

Stechapfel (sehr giftig!)
Datura stramonium



Man darf sich von der lieblichen Blüte und dem verführerischen Duft dieses Nachtschattengewächses nicht täuschen lassen: Die ganze Pflanze ist giftig! Nicht umsonst wird sie volkstümlich auch Toll-, Tob- und Teufelskraut genannt. Der Stechapfel gedeiht gerne an stickstoffreichen, sonnigen Standorten wie Brachflächen, Schutthalden oder auch Gärten. Seine hübschen weissen Blüten öffnen sich in den Abendstunden und werden von Nachtfaltern bestäubt. Aus den Samen wurden Liebestränke hergestellt und Räucherwerke gemischt, die sexuelle Träume hervorriefen.

Inhaltsstoffe

Alkaloide, Scopolamin, Scopoletin, Hyoscyamin, Atropin, Nicotin, ätherisches Öl, Gerbstoffe, Fruchtsäuren, Vitamine.

Eigenschaften

Krampflösend, hustenlindernd, schmerzstillend, beruhigend.

Anwendung

Früher verkauften Apotheken Asthmazigaretten aus Stechapfelblättern. Als diese jedoch immer häufiger gekauft wurden, um sich zu berauschen, hat man die Arzneizigarette aus dem Verkehr gezogen. Die Heilpflanze wurde früher auch bei Alterszittern, Krampfhusten, Gallenkoliken, Kopfschmerzen, Epilepsie und Rheuma eingesetzt. Heute wird Datura in der Homöopathie bei Keuchhusten und Asthma verschrieben. Schamanen und moderne Psychonauten nutzen Blüten und Samen, um Trance-Zustände zu erlangen: Bereits in geringer Dosierung verursachen sie Halluzinationen und ermöglichen den Zugang in die jenseitige Welt. Davon ist allerdings dringend abzuraten, da der Konsum tödlich enden kann. Auch der äusserliche Gebrauch ist problematisch, es gibt jedoch Narbensalben mit den Inhaltsstoffen des Stechapfels. Das enthaltene Atropin ist ein wichtiger Wirkstoff in der Augenheilkunde, Scopolamin wird bei Parkinsonkranken angewendet.

Rosen (essbar)
z.B. Rosa rugosa-Hybriden



Auch unter den Duftrosen gibt es einige Züchtungen, die in den Abendstunden besonders intensiv duften, zum Beispiel die «Blanc Double de Coubert», die «Rose a Parfum de lʼHay» oder die «Sarah van Fleet» (Bild). Manche Seerosen wiederum öffnen erst in der Dämmerung ihre Blüten. Viele Kakteen tun es ihnen gleich, so auch die in vielen Botanischen Gärten zu bewundernde «Königin der Nacht» (Selenicereus grandiflorus), die für eine einzige Nacht die vielleicht prächtigste Blüte des Pflanzenreichs hervorbringt, die allerdings schon wenige Stunden nach Mitternacht zu welken beginnt und bereits am nächsten Morgen schlaff an der Pflanze hängt.

Inhaltsstoffe

Gerbstoffe, Vitamin C, Pektine, Carotinoide, Flavonoide, Äpfel- und Zitronensäure, Zucker (v. a. in den Hagebutten).

Eigenschaften

Harntreibend, blutzuckersenkend, antioxidative Wirkung.

Anwendung

Hagebutten (nicht nur aber v. a. die der Hundsrose) werden traditionell bei Beschwerden des Magen-Darm-Trakts verwendet. Heutzutage dienen sie meist zur Geschmacksverbesserung von Teemischungen. Die Samen sind ein traditionelles Diuretikum bei Harnwegsbeschwerden. Die getrockneten Kronenblätter können Entzündungen der Mundschleimhaut lindern. Das ätherische Rosenöl wird u. a. in der Aromatherapie genutzt, es soll eine beruhigende, antidepressive und entzündungshemmende Wirkung haben. Rosenwasser ist eine traditionelle Augenlotion. Alle echten Rosen sind essbar – sofern sie nicht gespritzt wurden. Zu den echten Rosen gehören nur die Wild- und Kulturrosen der Gattung Rosa. Pfingstrosen (Paeonia), Christrosen (Helleborus niger) und viele andere Pflanzen haben zwar rosenähnliche Blüten, gehören aber ganz anderen Gattungen an und sind in der Regel sogar giftig.

Madonnenlilie oder Weisse Lilie (essbar)
Lilium candidum



Die imposante, nachts besonders intensiv und lieblich duftende Madonnenlilie, auch Weisse Lilie genannt, gehört zu den ältesten Kulturpflanzen. Seit über 4000 Jahren begleitet sie die Menschen und ist zum Inbegriff der Lilien geworden. Ihre grossen schneeweissen, trompetenförmigen Blüten mit den gelben Staubbeuteln blühen im Juni und Juli. Fünf bis 20 der süss-würzig duftenden Blüten drängen sich auf einem etwa 1,20 Meter hohen Stängel. Die Madonnenlilie symbolisiert Reinheit und ist ein Attribut der Jungfrau Maria. Als Zeichen der Unschuld tragen weiss gekleidete Mädchen beim Fronleichnamsumzug weisse Lilien in der Hand. Die Lilie ist ein Lichtsymbol in allen Kulturen und Völkern; schon bei den Minoern auf Kreta spielte sie im Stierkult eine Rolle. Wer die wärmeliebenden Madonnenlilien im eigenen Garten pflanzen möchte, sollte die Zwiebeln bereits im Spätsommer des Vorjahres setzen.

Inhaltsstoffe

Ätherische Öle, Flavonoide, Schleimstoffe, Saponine.

Eigenschaften

Erweichend, hautwirksam, heilend.

Anwendung

Bereits Plinius und Dioskurides empfahlen die Madonnenlilie als Heilpflanze, besonders bei Frauenkrankheiten; Lilienöl half bei Brandwunden und Ohrenschmerzen. Innerlich wird die Madonnenlilie nicht mehr als Heilmittel verwendet, auch wenn man ihr eine harntreibende Wirkung nachsagt. Man kann sie aber essen (alle Teile); im Orient werden gebratene Lilienzwiebeln und getrocknete Blüten noch häufig als Gewürz eingesetzt. In erster Linie sind aber die hautwirksamen Stoffe interessant. So kann man aus den Zwiebeln und Blüten ein wunderbares Hautöl herstellen, das bei Schuppen und Ekzemen helfen und Bindegewebsverhärtungen und Verhornungen lösen kann. Dazu einfach Blütenblätter ohne Staubgefässe abzupfen und in kalt gepresstes hochwertiges Öl einlegen, 6 Wochen in der Sonne stehen lassen, dann abseihen und in dunklen Flaschen kühl aufbewahren.

Gefleckter Aronstab (giftig)
Arum maculatum



Der giftige Aronstab wird anstössig auch «Pfaffenpint» genannt, eine Anspielung auf den weissen bis gelb-grünen Blütenkolben, der von April bis Mai stolz und steif aus dem Blattgrün ragt. Dieser Blütenkolben verbreitet abends einen abstossenden Harn- oder Aasgeruch und lockt so Insekten an, die vom glatten Rand in die Kesselfalle stürzen und dort von einem Haarkranz am Wegfliegen gehindert werden. So gewährleisten sie die Bestäubung und werden nach der Welke wieder in die Freiheit entlassen. Der Aronstab ist in freier Natur selten geworden, bei Gärtnern aber beliebt. Am richtigen Standort – kühl und schattig – benötigt die ungewöhnliche Pflanze so gut wie keine Pflege. Alle Teile sind giftig, auch die scharlachroten, leicht süsslich schmeckenden Beeren, die sich im Spätsommer bilden, wenn die Blätter bereits verwelkt und abgestorben sind.

Inhaltsstoffe

Glykosid-Saponine, Blausäure, Aroin, Coniin, Scharfstoffe.

Eigenschaften

Nervenberuhigend, auswurffördernd, schleimlösend.

Anwendung

Diese früher sehr bekannte Heilpflanze ist in allen Teilen giftig und wird heute nur noch als potenzierte Arznei in der Homöopathie verwendet, u. a. bei Reizungen der Haut und Schleimhaut, Nasenpolypen, Heiserkeit und Husten, Melancholie sowie Verschleimung der Atemwege. Mit den frischen Blättern können, wenn nichts anderes vorhanden ist, entzündete oder verschmutzte Wunden versorgt werden. Bei Hämorrhoiden bringt ein Tüchlein, das in starken Tee oder Tinktur getaucht wurde, Linderung verschaffen.

Nachtviole
Hesperis matronalis



Ursprünglich ist die Nachtviole eine Mittelmeerpflanze, die ihren Weg über Ziergärten zu uns fand. Sie ist pflegeleicht und lässt sich kinderleicht im Garten anpflanzen. Die Nachtviole bevorzugt nährstoffreiche, humose und durchlässige Böden – Staunässe verträgt sie nicht – und Sonne bis Halbschatten. Sie blüht von Mai bis August, die Blüten sind meist lila oder violett, können aber auch rosa oder weiss sein. Die Blütezeit ist sehr lang, wobei eine zweite Blüte nach dem Rückschnitt möglich ist. Nachts betört die Nachtviole Mensch und Insekt mit einem herrlichen, intensiv-würzigen, veilchenartigen Duft. So lockt sie vor allem Schwebfliegen und Nachtfalter an. Beim Sammeln sollte man genau hinsehen, ist die Nachtviole doch leicht mit dem botanisch verwandten Goldlack zu verwechseln. Dessen Blüten sind zwar meist gelb oder orange, es gibt aber auch Varietäten mit lila und violetten Blüten.

Inhaltsstoffe

Fette, ätherische Öle, Vitamin C, Senföl-Glykoside.

Eigenschaften

Harntreibend, schweisstreibend, auswurffördernd.

Anwendung

Einst setzte man die Nachtviole ein bei Abszessen, Gallensteinen, Gicht und Nierensteinen und vor allem zur Hautpflege. Heute wird sie vor allem noch als Duftgeber in Teemischungen verwendet oder als schmackhafte Dekoration (roh oder gezuckert) auf Salaten und Desserts. Bis auf die Samen (sie sind leicht giftig) ist die ganze Pflanze zumindest in kleinen Mengen essbar.

Ziertabak (giftig)
z.B. Nicotiana x sanderae



Ziertabak gehört zur Familie der Nachtschattengewächse und umfasst über siebzig Arten weltweit. Die kleineren Arten eignen sich auch gut für Pflanzgefässe. Bei Gärtnern ist der unkomplizierte Ziertabak aufgrund seiner hübschen röhrenförmigen Blüten beliebt. Meist öffnen sie sich (vom Juni bis September) in den Abendstunden und schliessen sich bei Sonnenlicht wieder; sie können aber auch tagsüber offen bleiben. Die Blütenfarben reichen von Weiss und Gelb über Grün bis Violett. Manche Arten verströmen einen eher unangenehmen Duft.

Inhaltsstoffe

Pyrrolizidinalkaloide, Flavonoide, Asparigin, Allantoin, Cumarine, Nikotin, Enzyme.

Eigenschaften

Blutdrucksteigernd, Magensaftsekretion steigernd.

Anwendung

Tabak ist die klassische Götterpflanze der Indianer und für Schamanen vieler Kulturen ein Mittel, um in die jenseitige Welt zu gelangen. Bei uns wurde Tabak einst als Heilmittel gegen Lungenerkrankungen geraucht, vor allem aber zum Abnehmen verwendet und äusserlich bei infizierten Wunden sowie bei Augenleiden aufgelegt. Die eingeweichten Blätter können bei Insektenstichen Linderung verschaffen, das getrocknete Kraut vertreibt Schadinsekten. Ein Sud aus den Blättern macht Blattläusen und anderen Schädlingen, jedoch auch Nützlingen den Garaus. Tabacum bis D 200 wird vor allem bei Migräne, Reisekrankheit und -übelkeit, Erkrankungen der Arterien, zur Rauchentwöhnung, bei Verstopfung und Neuralgien angewandt. In der Kosmetikindustrie wird Tabak hauptsächlich für Herrendüfte verwendet. Achtung: Zahlreiche Arten erzeugen in den Wurzeln Nikotin und andere Alkaloide und lagern diese in den Blättern ein. So werden Frassfeinde abgewehrt. Tabak darf deshalb nicht ins Heu gelangen, denn Nikotin ist ein schweres Gift, auch für Tiere.

Fotos: mauritius-image.com | iStock.com
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