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Alleen: Bäume für die Gesundheit

Kategorie: Natur
 Ausgabe_06_19 - 06.08.2019

Text:  Michel Brunner

Alleen sind die Lungenflügel unserer Städte, dienen als Lärm-, Sicht- und Immissionsschutz und erfreuen durch alle Jahreszeiten unser Gemüt. Sie bringen Natürlichkeit, Harmonie und ein Stück Hoffnung in unseren oftmals grauen Alltag.

@ Michel Brunner

Im Mittelland schrumpfen die Landschaften stetig. Die Zersiedelung breitet sich weiter aus und die Städte werden immer grösser. Da bleibt draussen nur noch wenig Platz zum entspannten Ausgleich eines stressigen Alltags. Deshalb sind oftmals Pärke wichtigster Naherholungsraum für Städter. Oft trennt nur eine Reihe Bäume das natürliche Grün vom künstlichen Grau. Ausgewachsene Alleebäume sind die einzigen Pflanzen, die es teilweise noch mit unseren Bauwerken aufnehmen können und in einer Stadt optisch nicht ganz untergehen. Diese grünen Lebensadern ziehen sich vielerorts durch unsere architektonisch errichteten Siedlungsräume. 

Trotzdem, wie oft flanieren wir gedankenlos durch einen baumbestandenen Wegabschnitt? Was uns so selbstverständlich erscheint, nämlich, dass Alleebäume uns in der Zivilisation tagtäglich begleiten, hat eine lange kulturhistorische Geschichte hinter sich. Dass Kulturbäume auch immer schon Ausdruck einer gesunden Gesellschaft waren, zeigen die ursprünglichen Beweggründe unserer Alleenpflanzungen.

Gesund dank Baumanlagen
Beginnen wir also mit den ersten Hochkulturen der Menschheit, denn ohne Bäume, die nicht nur als Rohstoff wegen ihres Holzes von höchster Bedeutung waren, sähe die moderne Kultur anders aus. Offenbar waren es bereits die Assyrer im 8. Jh. v. Chr., die Bäume in geometrisch gleichen Abständen mittels aufwendiger Bewässerungsanlagen kultivierten. Später, vor rund 3500 Jahren, pflanzten die Ägypter essbare, fruchttragende Bäume – hauptsächlich Datteln und Eselsfeigen – gezielt in Gärten und an Strassenrändern. Damals, also im Neuen Reich (1550–1070 v.Chr.), entstand vermutlich der Vorreiter der Alleenkultur, wie wir sie heute kennen. Bei den Griechen und Römern gehörte die gesunde Nahrungsquelle aus dem Kräuter-, Gemüse- und Obstgarten zur klassischen Dreiteilung ehemaliger Gartenkulturen. Wie bei Kräutern, Gemüse und der Haltung von Vieh für die Milch- und Fleischproduktion brauchte es auch Kenntnis über die Pflanzung und Pflege von Obst- und anderen Bäumen. So musste man beispielsweise die Früchte der Eselsfeigen gekonnt anritzen, damit diese frühzeitig reif wurden. Früchte stillten aber nicht nur Hunger und Durst, sondern lieferten den Menschen Vitamine, Mineralien und andere gesundheitsfördernde sekundäre Pflanzenstoffe. Plätze und Strassen mit Obstbäumen waren also, wenn man so will, eine Art öffentliche Apotheke.

Schatten lindert Strapazen



Auch die lindernde Wirkung durch den kühlenden Schatten brachte viele Vorzüge. Besonders in den heissen Ländern, von wo aus sich die Allee langsam ihren Weg nach Asien und Südeuropa bahnte, war eine von Bäumen umsäumte Strasse schier lebensnotwendig, um die Strapazen damaliger Wegnetze bestehen zu können. Aus diesem Grund entstand bereits 312 v. Chr. die 540 Kilometer lange aus Steinplatten gepflasterte Alleenstrasse von Rom nach Brindisi, die «Via Appia», die als «Königin der Strassen» gilt. Dank des Baumschattens blieb der steinige Boden selbst bei grösster Hitze angenehm kühl.

Mit der Entwicklung der Alleenkultur, die in der italienischen Renaissance und danach im französischen Barock vor allem auch wegen repräsentativen Gründen durch Ludwig XIV. in Versailles grosses Ansehen bekam, erreichte die Allee einen so grossen Status, dass sie von den königlichen Höfen Europas nicht mehr wegzudenken war. Wer etwas auf sich hielt und sich der Aristokratie verpflichtet fühlte, teilte den Alleenboom – selbst wenn er Frankreichs König Ludwig XIV. feindlich gegenüberstand. Zur Verbreitung der Allee weit über Europa hinaus verhalf ausserdem Napoleon Bonaparte. Er liess kilometerlange Alleen setzen, damit seine Soldaten im Schatten der Bäume marschieren konnten. Der Sturz von Adel und Klerus durch das Bürgertum konnte den Siegeszug der Allee nicht stoppen. Mit der Entwicklung der «Chaussee» (Kunststrasse) durch eine Ingenieurschule in Frankreich um 1747 wurde der Alleebaum als Erosions- und Witterungsschutz beim Erbau der luxuriösen Strassen standardgemäss mit einbezogen.

Verordnetes Obstbäume-Pflanzen
Ab dem 16. Jahrhundert kamen vor allem die Obstbaumalleen wieder in Mode. Sie dienten mehrheitlich der Bevölkerung als Wegzehrung auf ihren beschwerlichen Routen. Die Mehrheit der Bürger verfügte früher meist weder über Kutsche noch Vieh, sondern nur über einen Handkarren, dessen schwere Ladung oft in weit entfernte Städte gekarrt werden musste. So halfen Obstbäume im Herbst über Durst und Hunger hinweg, denn Verkaufsstellen für Lebensmittel oder Raststätten gab es entlang der Landstrassen praktisch keine; zumal das Geld für viele nicht reichte, um etwas kaufen zu können. Auch war die Ernährung in den niedrigeren Schichten oft ungesund einseitig, Früchte waren deshalb umso wertvoller. Dank den Alleen konnten Reisende sich auch orientieren, vor allem bei Schnee blieben sie so nicht im unbefestigten Ackerland stecken.

In Notzeiten kam es aber vor, dass man die Alleebäume für Brennholz umhaute. So entstanden von der Obrigkeit bald strenge Edikte, die teilweise vorschrieben, dass die Bürger jedes Jahr einen Obstbaum an die Strasse zu setzen und ihn lebenslänglich zu pflegen hatten.
Baumfrevler wurden mit Geld- oder Gefängnisstrafen geahndet. Teils wurden sie gefoltert oder man hackte ihnen eine Hand ab. Es gab sogar Wachmannschaften und streckenweise wurden Strassenwärter in Chausseehäusern platziert, die fortan für die Pflege der Alleebäume zuständig waren. Wer eine solche Strasse passieren wollte, musste Zoll bezahlen. Schweine durfte er nicht mitführen, da die Gefahr bestand, dass sie den Boden aufwühlten und so die Baumwurzeln traktierten.

In der Belle Époque um 1900 verlustierte sich die illustre Gesellschaft gerne unter dem vor Sonnenstrahlung schützenden Blätterdach. Edle Damen konnten sich ihres Sonnenschirms entledigen, denn eine dichte Allee versprach die gewünschte Hautblässe. Damals kam auch das Spazierengehen in Mode; davor lief nur, wer keine andere Möglichkeit hatte. Und wer in einer Allee lustwandelte, zog die Blicke auf sich – sehen und gesehen werden war nicht nur ein Freizeitvergnügen, sondern ein gesellschaftliches Statement. Auch in der Schweiz entstanden deshalb sogar in abgelegenen Bergregionen aufwendige Alleenanlagen. Es gab seinerzeit praktisch keinen von reichen Touristen besuchten Kurort, der nicht mit einer Allee ausgestattet wurde. Überbleibsel aus der Belle Époque, wo man noch immer wunderbar promenieren kann, findet man heute noch in Baden, Bad Ragaz, Engelberg oder Kriens.

«Waldbaden» in der Agglo
Mit dem Ende des Pferdezeitalters um 1930 und dem Aufkommen der Automobile wurde das «grosse Alleensterben» eingeläutet. Geteerte Strassen waren nun gefragt. Diese schadeten den Baumwurzeln; und durch die «rasende» Geschwindigkeit des motorisierten Verkehrs wurden die Bäume auf einmal zum tödlichen Hindernis. Die Verbreiterung der Strassen tat das Ihrige, dass Alleen im grossen Stil gefällt wurden.

Doch bis heute werden Alleen gehegt und auch neu angepflanzt. Bäume in urbanen Gebieten pflanzen erlebt im Zuge des Klimawandels sogar eine Renaissance: Viele Gemeinden schaffen so kleine, angenehme Klimazonen. Mit gutem Grund. Denn was sich einst bewährte, gilt auch heute noch: Alleen dienen noch immer unserem Wohlbefinden. Sie sind zu Oasen in Städten und der Agglomerationswüste geworden. Sie schenken uns innere Ruhe und lassen uns Durchatmen. Wortwörtlich: Die Bäume binden Kohlenstoffdioxid und produzieren Sauerstoff. In einer Allee lässt sich deshalb auch «waldbaden», wie die mittlerweile auch im Westen populäre japanische Heilpraktik genannt wird.

Ausflugtipps



Michel Brunner stellt in seinem Buch «Alleen der Schweiz» 120 Alleen vor. «natürlich»-Lesern empfiehlt er, da «besonders reizvoll», diese vier zu besuchen:

1. Mischallee in Düdingen/Balliswil FR
Die 400 Meter lange Allee mit mindestens sieben verschiedenen Baumarten führt vom Grandfey-Viadukt in Düdingen zum Herrenhaus in Balliswil. Einzelne Bäume sind vermutlich über 200 Jahre alt.

Gesundheitliche Aspekte: Eine Mischallee entspricht am ehesten der natürlichen Zusammensetzung eines Mischwaldes. Der Aufenthalt in solchen Wäldern soll gegen Diabetes, Bluthochdruck und Stress helfen und das Immunsystem stärken. Die ausgewachsenen Kronen der alten Bäume sorgen für viel Sauerstoff und Transpiration, also ein gutes Klima in der sonst eher ausgeräumten Landwirtschaftszone.

2. Alleen in Delsberg JU
Die über 300-jährigen beiden Eichen- und Lindenalleen führen zur «Chapelle du Vorbourg». Die Eichen sind besonders knorrig und stehen inmitten einer Weide.

Gesundheitliche Aspekte: Eichen enthalten Gerbstoffe, die entzündungshemmend, blutstillend und keimtötend wirken.

Innerliche Anwendung (Blätter und Früchte): bei Durchfall, Magen-Darm-Katarrh, starker Menstruation, Leber- und Blasenleiden sowie Blutungen.

Äusserliche Anwendung (Blätter, Früchte und Rinde): bei Fussschweiss, Zahnfleisch- und Mundschleimhautentzündung, Hautunreinheiten, Wunden und Verbrennungen.

3. Lärchenallee in Kriens LU
Nebst den Linden sind vor allem die Lärchen am Grat des Sonnenbergs einzigartig. Sie wurden zur Belle Époque mit der Eröffnung der Standseilbahn 1902 gepflanzt.

Gesundheitliche Aspekte: Die Rinde und jungen Triebe enthalten reichlich Harze (Terpentinöl und Laricinolsäure) sowie ätherische Öle. Diese wirken hustenstillend, schleimlösend, auswurffördernd und entzündungshemmend.

Innerliche Anwendung: bei starkem Husten, Bronchitis und Entzündungen des Halses, Rachens und der Lunge.

Äusserliche Anwendung: bei Gicht und Rheuma, Hautkrankheiten wie Ekzemen, Flechten, Akne usw. sowie bei neuralgischen Entzündungen und Schmerzen.

4. Lindenallee in Feldbrunnen-St.Niklaus SO
Mit ihrem «Himmelsstrich», dem vertikal geschnittenen Kronenschnitt, ist die Lindenallee, die zum Schloss Waldegg führt, ein einzigartiges Zeugnis barocker Gartenkunst.

Gesundheitliche Aspekte: Lindenblüten enthalten vor allem ätherische Öle, aber auch Saponine, Schleim- und Gerbstoffe. Blätter und Rinde enthalten v. a. Bitterstoffe, hauptsächlich Tiliacin. Die Drogen wirken schweisstreibend, fiebersenkend, krampflösend und entzündungswidrig.

Innerliche Anwendung: bei Fieber, Erkältungskrankheiten und Magen-Darm-Koliken wirkt die Linde lindernd.

Äusserliche Anwendung: bei leichten Hautentzündungen.

Fotos: Michel Brunner
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