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Heilkräuter aus Albanien

Kategorie: Natur, Pflanzen
 Ausgabe_05_19 - 02.05.2019

Text:  Klaus Sieg

Viele Tees und Gewürze, die wir kaufen, kommen aus Albanien. Das ärmste Land Europas ist besonders reich an qualitativ hochwertigen Heilkräutern. In den kargen Bergen wachsen viele eingesessene Wildarten von Salbei, Oregano oder Wacholder. Und immer mehr albanische Landwirte bauen Kräuter auch an.

@ Jörg Böthling

Flink wie eine Gämse kraxelt Petrica Ngjela den steilen Hang hinauf. Geröll und Steine knirschen unter seinen Schuhen. Das Geräusch mischt sich mit den Rufen der anderen Sammler und dem Rascheln des Plastiksackes in seiner linken Hand. In der anderen Hand hält der drahtige Mann eine Sichel. Er bückt sich, trennt mit einem schnellen Schnitt ein Büschel Salbei ab und stopft es in den Sack. Dann lässt er seinen Blick über die karge Landschaft schweifen. Wo steht das nächste Büschel? Ein Greifvogel schwebt über die Hänge von trockenem Gras und kalkigen Felsbrocken, zwischen denen Schafe grasen. «Salbei wächst meistens an Felsen und Steinen», sagt Petrica Ngjelai und hastet weiter den Bergrücken hinauf. Ungeduldig klopft er mit der flachen Seite der Sichel gegen seinen Oberschenkel.

Bei Asterix-Lesern löst die Sichel unweigerlich das Bild von Miraculix aus. Mit dem Druiden in dem wallenden Gewand hat der 40-Jährige Albaner allerdings keine Ähnlichkeit. Er trägt Jeans, Turnschuhe und ein blaukariertes Hemd. Statt eines weissen Rauschebartes spriessen schwarze Stoppeln auf seinen eingefallenen Wangen. Die Assoziation ist dennoch nicht unbegründet: Salbei fand bereits im frühen Altertum Anwendung. Die alten Ägypter heilten mit der Pflanze Impotenz und Unfruchtbarkeit. Keltische Druiden sahen in ihr ein magisches Kraut, das sogar Tote zum Leben erwecken konnte. Heute nimmt man die Heilpflanze gegen Entzündungen, Halsschmerzen oder übermässiges Schwitzen.

Geschäft mit Tradition

Auch hier in den Bergen bei Berat, im Süden Albaniens, sammeln die Menschen schon seit Jahrtausenden Heilund Gewürzpflanzen. Ob Salbei, Oregano, Wacholder, Myrte, Melisse, Johanniskraut oder einfache Himbeerblätter – die sehr unterschiedlichen Böden, Klimazonen und Landschaften Albaniens bringen eine grosse Vielfalt an Arten hervor.

In dem Balkanland wachsen dreissig Prozent der Pflanzenarten Europas. An Heil- und Gewürzpflanzen wurden in Albanien alleine 300 Arten bestimmt, davon 40 endemische. Manche von ihnen zeichnen sich durch einen besonders hohen Gehalt an Inhaltsstoffen aus.



















Südalbanien 
| Unterschiedlichste Böden und Klimazonen bringen eine grosse Vielfalt an Heilpflanzen hervor. Viele Familien leben vom Sammeln, Anbau und Verkauf der Kräuter.

Auf dem Weltmarkt sind Kräuter aus Albanien deshalb begehrt für die Herstellung von Nahrungsmitteln, Gewürzen, Essenzen, Tees, Kosmetik- oder Medizinprodukten – eine Chance für das ärmste Land Europas, in dem viele Familien am Tropf der Überweisungen ihrer Auswanderer hängen.

Schon zu kommunistischen Zeiten bediente das Land auf der Balkanhalbinsel die Welt mit Kräutern. Mit dem Umweg über Frankreich wurde selbst der Klassenfeind USA beliefert. 100 000 Menschen erwirtschafteten in dieser Zeit jährlich fünfzig Millionen Dollar Devisen für das Regime Enver Hoxhas, von dem noch heute fast 200 000 kleine Bunkeranlagen zeugen. Der isolierte Diktator liess sie von der Bevölkerung zur Verteidigung gegen Angriffe aus allen Himmelsrichtungen errichten.

Heute beträgt das Handelsvolumen für Heil- und Gewürzkräuter zwar nur noch 25 bis 30 Millionen Dollar. Trotzdem sind Kräuter das wichtigste Exportgut Albaniens. Hauptabnehmer sind die USA und die EU, allen voran Deutschland, aber auch die Schweiz. Albanien exportiert von den wichtigsten Kräutern wie Salbei oder Oregano jeweils mehrere Tausend Tonnen Trockenware pro Jahr. Die Bedeutung dieses Exportgutes für die Wirtschaft des EU-Beitrittskandidaten zeigt sich selbst mitten in der Hauptstadt: Vor dem Kulturpalast aus kommunistischen Zeiten in Tirana wachsen Salbei, Oregano, Lavendel und Co in eingefassten Beeten.

Armut führt zu Raubbau
Vor allem in entlegenen Bergregionen leben viele Albaner vom Sammeln der Wildbestände. Bis zu umgerechnet 25 Euro verdient Petrica Ngjela am Tag. Dafür sammelt er fünfzig bis sechzig Kilogramm. «Das Kräutersammeln ist schon seit zwanzig Jahren das wichtigste Einkommen unserer Familie.» Salbei kann Ngjela von Juni bis Oktober sammeln. Zusätzlich verdient er unter anderem mit Wacholder sein Geld. «So muss ich nicht als Erntehelfer nach Griechenland.» Der Kräutersammler tritt von einem Fuss auf den anderen. Genug geredet. Schliesslich wird er nach Kilogramm bezahlt. Und nicht nach Zeit.

Trotz des Tempos achtet er sorgsam darauf, die Wurzeln nicht zu beschädigen. Ausserdem lässt er ungefähr ein Drittel des Bestandes stehen. «Damit wir hier nächstes Jahr auch wieder sammeln können.» So schreiben es die Regeln für nachhaltiges Sammeln des französischen Ecocert-Verbandes vor, der Bio- und Naturkosmetik zertifiziert. Schliesslich gilt es Albaniens Natur vor dem Raubbau zu schützen, den die weltweite Nachfrage nach den Kräutern von der Balkaninsel und die Not vieler Albaner geschaffen hat.

Petrica Ngjela bringt seine Ernte zu einem klapprigen Lastwagen am Fusse des Berges und übergibt das Sammelgut der Firma Gjerda Medical Plants. Für den lokalen Verarbeiter sind rund zweitausend Sammler im Einsatz. Als die Ladefläche voll ist, zuckelt der Lastwagen über gewundene Bergstrassen hinab zur Verarbeitung nach Berat. Die Stadt mit ihrer gut erhaltenen osmanischen Architektur gehört zum UNESCO Weltkulturerbe. Die Fahrt geht vorbei an kleinen Maisfeldern; Männer ernten die braungelben Pflanzen von Hand und laden sie gebündelt auf einen Esel. In Albanien ein häufiger Anblick. Erst langsam entwickelt sich eine mechanisierte Landwirtschaft. Auf einem kahlen Hang neben dem Feld liegt aus Steinen in riesigen Buchstaben das Wort NEVER. «Bis zum Sturz des Regimes 1990 waren die Steine noch zu ENVER angeordnet, dem Namen des Diktators», erklärt der Fahrer. Bis beherzte Anwohner die Umgestaltung übernahmen.

Kräuterland | In Albanien trifft jahrtausendealte Tradition auf hochmoderne Verarbeitung. Davon profitieren wir auch in der Schweiz.










































Profitieren vom Bioboom
In den Hallen der Firma Gjerda Medical Plants im Gewerbegebiet Berats rattern die Maschinen. Sie entfernen Stängel, Staub und Steine. Im eigenen Labor werden Arten und Ölgehalt bestimmt. «Wir müssen unsere hohe Qualität sicherstellen. Ansonsten haben wir keine Chance auf dem internationalen Markt», sagt Direktor Gjergji Qose. Um die 2500 Tonnen Kräuter verkauft das Unternehmen pro Jahr, überwiegend Salbei, Oregano und Lavendel. «Achtzig Prozent der Pflanzen kommen aus der Sammlung von Wildbeständen», so Qose weiter.

Doch die Geschäfte mit dem Hauptprodukt Salbei gehen schlecht. Seit einigen Jahren ist das Angebot massiv gestiegen, weil immer mehr Landwirte die Pflanze anbauen. Statt wie zu Beginn Setzlinge einheimischer Arten aus den Bergen, kam immer mehr importiertes Pflanzgut zum Einsatz. «Das bringt zwar höhere Erträge, aber weniger Qualität», sagt Qose. In der Folge verlor Salbei aus Albanien seinen guten Ruf. In den letzten zwei Jahren greifen die Landwirte aber wieder vermehrt auf lokales Pflanzgut zurück. «Zum Glück», sagt Qose, «wächst ausserdem der Markt für Bioprodukte aus nachhaltiger Sammlung. Er macht mittlerweile fast ein Drittel unseres Verkaufes aus.» Der Direktor zeigt auf eine Karte hinter seinem Schreibtisch, auf der die zertifizierten Areale zum Sammeln in den Bergen von Berat eingezeichnet sind.

Vom Bioboom profitiert auch das italienisch-albanische Joint Venture Naturalba in der Nähe der Hafenstadt Durres. Vom Firmensitz auf dem Cap Rodoni aus geht der Blick über Pinienwälder und das azurblaue Meer der Adria. In den Bergen rundherum sorgen Wildkräuter für einen betörenden Duft, der sich mit der salzigen Brise vom Meer vermischt. Man muss an Kräutertee denken. «Kräutertee?! Dafür ist unsere Ware eigentlich zu wertvoll», sagt Irene Tosti. Zusammen mit ihren Geschäftspartnern beliefert die Italienerin handverlesene Heilpflanzen aus Albanien an Weleda und andere renommierte Hersteller von Naturkosmetik. Andere Kunden verwenden die Ware zur Herstellung von Medizin oder Nahrungsergänzungsmitteln.

Anwendungen und Wirkungen sprudeln nur so aus der Italienerin heraus, die vor der Gründung von Naturalba weltweit im Finanzbereich von Mercedes Benz gearbeitet hat. Ebenso die lateinischen Namen eher unbekannter Arten, wie etwa Ruscus aculeatus, der Stechende Mäusedorn. Er wirkt entzündungshemmend und entwässernd. «Die Pflanze wirkt sehr gut gegen schwere Beine.»

Irene Tosti führt durch die Produktion von Naturalba. An Sortiertischen stehen Frauen und Männer mit Mundschutz. So schützen sie sich gegen Staub und eine Überdosis ätherischer Öle, während sie Verunreinigungen aus der Ware sammeln, sie nach Grössen und Qualität sortieren sowie ganze Blätter von zerbrochenen trennen. Mit seinen niedrigen Löhnen hat Albanien einen Wettbewerbsvorteil auf dem Weltmarkt. Denn neben dem Sammeln und der Weiterverarbeitung erfordert auch der Anbau von Heil- und Gewürzpflanzen viel Handarbeit. Die Setzlinge werden händisch gesteckt, anschliessend muss sehr häufig Unkraut entfernt werden, weil die Pflanzen nur langsam wachsen.
Auch die Ernte geschieht von Hand. Umso wichtiger ist es für die Produzenten, trotz niedriger Löhne einen angemessenen Preis zu erzielen.

Ilir Gjolaj, der Sammler mit der Sichel, der nun auch Kräuter anbaut, hat deshalb in eine eigene Destillationsanlage investiert. «Dann bin ich nicht abhängig von den Einkäufern und Exporteuren.»

Das A und O: Qualität
Mit zusammengekniffenen Augen blickt Gjolaj über seinen Acker im Nordwesten Albaniens. Ein Traktor pflügt durch den steinigen Boden und zieht eine haushohe Staubfahne hinter sich her. Dahinter, vor den kahlen Bergen Montenegros, glitzert der Shkodrasee in der Sonne. Vor dreizehn Jahren hat Gjolaj seinen ersten Hektar hier in der Region Koplik gekauft. Für 200 Euro. «Alle haben mich damals für verrückt erklärt, weil ich mein Geld in einen Haufen Steine steckte. Niemand wollte in die Landwirtschaft gehen.» Gjolaj schmunzelt. Die kalkhaltigen Böden der Region Koplik sind besonders gut geeignet für den Anbau von Heil- und Gewürzpflanzen – unter anderem, weil die vielen Steine die Wärme speichern. Mit seinen Partnern von der Firma Agro-Map baut der Landwirt Salbei, Lavendel, Kornblumen und verschiedene andere Medizinal- und Gewürzpflanzen an. Insgesamt 90 Hektar bewirtschaftet Agro-Map mittlerweile.

Für Ilir Gjolaj fiel der Erfolg nicht vom Himmel. Er versuchte sich zunächst in Italien, startete ein kleines Handelsgeschäft. Dann kehrte er zurück nach Albanien. «Kaum stand ich auf dem Acker, verband ich mich sofort mit den Wurzeln meiner Familie, die hier immer die Böden bearbeitet hat», erinnert er sich. Das tat er von nun an auch. Und bald investierte er in eine gebrauchte Destillationsanlage sowjetischer Bauart. Nun hat er mit seinen beiden Partnern von Agro-Map eine neue angeschafft. Sie arbeitet leise zischelnd in einer zugigen Halle oberhalb der Anbauflächen. «Die neue Anlage holt den gesamten Ölgehalt aus den Pflanzen», sagt Gjolaj. «Die alte schaffte nicht einmal die Hälfte.» Dennoch: Die Ausbeute ist gering. Sie tropft in eine kleine Plastikflasche, die an dem gewaltigen Kessel hängt. Aus einer Tonne Strohblume gewinnt man 1,5 bis zwei Liter Öl, aus Lavendel sechs bis zehn Liter. Wie kann sich das rechnen? Durch Preise von bis zu 1500 Euro pro Liter. So viel bezahlen Kosmetikfirmen oder Hersteller von Arzneimitteln für diese Kräuterkonzentrate. Wenn die Qualität stimmt.

So trifft also im Kräuterland Albanien jahrtausendealte Tradition auf hochmoderne Verarbeitung. Zum Wohlergehen der Menschen auch in der Schweiz.

Fotos: Jörg Böthling
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