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Flechten die Pionierpflanzen

Kategorie: Natur
 Ausgabe_03_19 - 27.03.2019

Text:  Eva Rosenfelder

Flechten gehören zu den ältesten Lebewesen auf unserem Planeten. Es sind faszinierende Mischwesen, bestehend aus Pilzen und Algen. Als sensible Bioindikatoren sind sie wichtig für das Ökosystem. Und sie stecken voller Heilkräfte für Mensch und Tier.

@ iStock.com

 In aller Stille haben dezent gefärbte Flechten ihre Territorien bewachsen. An Steinen, Platten, Hauswänden, Bäumen oder Sträuchern, ja selbst an Tieren und Autogummidichtungen sind sie zu finden. Flechten bilden auf Felswänden prächtige Gemälde, versehen Mauern und Treppen mit bunten Flecken. Zu Unrecht werden sie verschrien, weggeschrubbt und weggekärchert, zerfressen und zerstören sie doch mitnichten wie mithin befürchtet ihren Urgrund. Dabei wäre Respekt angesagt, existieren diese Urwesen doch seit mehr als 600 Millionen Jahren. Sie gehören somit zu den ältesten Lebewesen auf unserem Planeten. Im Laufe der Zeit haben die bescheidenen Anpassungskünstler eine schier unglaubliche Vielfalt an Formen, Farben und Arten herausgebildet: Flechten (auch Lichen genannt) kommen fast überall vor, auch in nährstoffarmen Ökosystemen, die extremen Bedingungen ausgesetzt sind – im Hochgebirge ebenso wie in der Tundra und Wüste oder tropischen Regenwäldern: Auf weltweit etwa 30 Prozent der mit Vegetation bewachsenen Landflächen sind diese geheimnisvollen Organismen zu finden.

Nährstofflieferanten
Die Flechten so wie auch andere Kryptogamen (z. B. Algen, Moose, Pilze und Farne, die ebenfalls keine Blüten bilden) nehmen weitaus mehr Kohlendioxid und Stickoxide auf als bisher angenommen. Jährlich speichern diese unauffälligen Lebensgemeinschaften rund 50 Millionen Tonnen Stickstoff, was der Hälfte des gesamten von Landpflanzen aufgenommenen Stickstoffs weltweit entspricht, berichteten Wissenschaftler des Biodiversität und Klima Forschungszentrums und des Minzer Max-Planck-Instituts für Chemie. Zudem binde dieser grüne Mantel der Erde rund 14 Milliarden Tonnen Kohlendioxid, was in etwa dem entspreche, was Waldbrände und Biomasseverbrennung weltweit in einem Jahr freisetzten. Der flächige Bewuchs mit diesen auch als Geheim- oder Verborgenblühern bezeichneten Kryptogamen kann Kohlendioxid allerdings nur über wenige Jahre hinweg speichern. Doch dank Flechten, Moosen und Co. gelangt der Stickstoff als mineralischer Dünger in den Boden, was wiederum das Wachstum anderer Pflanzen, etwa der Bäume, ankurbelt, die CO2 langfristig zu speichern vermögen. Insbesondere in nährstoffarmen und trockenen Gebieten spielen Flechten, Moose und Algen eine zentrale Rolle als Nährstofflieferanten.

Lebensgemeinschaft Flechte
Flechten sind eigentlich keine Pflanzen, sondern eine Symbiose zwischen einem Pilz, dem sogenannten Mykobionten, und einem oder mehreren Photosynthese betreibenden Partnern, den Photo- oder Phytobionten. Dabei handelt es sich um Grünalgen (Chlorophyta) oder Cyanobakterien. Die Eigenschaften der Flechten unterscheiden sich deutlich von den Eigenschaften der Organismen, aus denen sie bestehen.

Betrachten wir Flechten, haben wir also immer eine Lebensgemeinschaft vor uns, die als faszinierendes Doppelwesen in mannigfaltigsten Formen in Erscheinung tritt. Weltweit existieren rund 25 000 Flechtenarten; in der Schweiz kennt man bisher ungefähr 2000 Arten, so Flechtenspezialist Christoph Scheidegger von der Forschungsanstalt WSL. Gastgeber sei dabei meist ein Schlauchpilz, der seine Grün- oder Blaualgen mit Wasser, Mineralstoffen und Kohlendioxid versorge und ihnen Schutz biete vor UV-Strahlung und Tierfrass. Als Gegenleistung überlässt die Alge ihrem Wirt 40 Prozent der mittels Fotosynthese hergestellten Kohlehydrate: eine Win-win-Situation. Und damit ein typisches Beispiel der erfolgreichen Evolution.

Die winzigen Sporen, die in den Fruchtkörpern der Flechten ausgebildet werden, können sich nur dann über grosse Distanzen ausbreiten, wenn sie schwebend in höhere Luftschichten gelangen, was selten geschieht – meistens ist ihre Ausbreitung deshalb räumlich stark eingeschränkt. Treffen Sporen auf eine passende Alge, wird diese von einem aus der Spore keimenden Pilzfaden eingewickelt; dieser kann mit speziellen Saughyphen auch in die Alge eindringen. Dies ermöglicht den Austausch von Stoffen zwischen den beiden Lebenspartnern – eine neue Flechte entsteht. Flechten wachsen mit nur wenigen Millimetern pro Jahr äusserst langsam. Sie können sich deshalb nur an Orten durchsetzen, an denen sie nicht von schnell wachsenden Blütenpflanzen überwuchert und verdrängt werden.

1. Krustenflechten bilden dünne Krusten auf Steinen und Holz. (links) | 2. Bartflechten hängen haarig von Zweigen und Bäumen. (rechts)

 3. Laub- oder Blattflechten gedeihen als blattartige Gebilde auf Gestein und Erde. (links) | 4. Nabelflechten wachsen im Urgrund fest. (rechts)

5. Strauchflechten wirken wie kleine Bäumchen oder Sträucher.



Schlaue Überlebensstrategien
Dabei sind ihre Ernährungsansprüche äusserst bescheiden: Flechten begnügen sich mit den geringen Mengen an Mineralien, die als Staub über die Luft herangetragen werden. Gesteinsbewohnende Flechtenarten entnehmen Mineralstoffe auch dem Fels, doch nur in der obersten Schicht. Die meisten Arten brauchen ihren spezifischen Untergrund mit dem richtigen Säuregrad und passenden Nährstoffverhältnissen; nur wenige Arten sind flexibel und auf verschiedenen Untergründen anzutreffen. Und doch gehören Flechten zu den anspruchslosesten Organismen. Viele Arten sind Pioniere. Sie besiedeln Orte, die anderen Organismen keine Lebensgrundlage bieten. Sogar bei absoluter Trockenheit und Extremtemperaturen bis zu 80 Grad können Flechten jahrelang überleben. In Wüsten sind sie ebenso zu finden wie auf 7000 Metern Höhe und in eisigen antarktischen Felsregionen. Manche Krustenflechten in den Alpen sind 3000 Jahre alt, in der Antarktis fand man auf 10 000 Jahre geschätzte Exemplare.

Heilende Flechten

Isländisch Moos

Dabei handelt es sich nicht um ein Moos, sondern um eine Flechte, die nicht nur in Island, sondern in ganz Nord- und Mitteleuropa beheimatet ist. Isländisch Moos wirkt kräftigend, krampflösend, hustenlindernd, schleimlösend, reizmildernd, entzündungshemmend, milch- und appetitfördernd (Bitterstoffe). Bei Magen-Darmproblemen, Atemwegserkrankungen, Blutarmut und zur Stärkung des Immunsystems.

Lungenflechte
Heute
vor allem gebräuchlich für homöopathische Anwendung (Sticta pulmonaria) bei beginnenden Erkältungskrankheiten und allergischen Erkrankungen des Atemtraktes.

Bartflechte
Wirkt
schleimlösend, entzündungswidrig, antibiotisch. (hindert z.B. Staphylokokken am Wachstum), antimikrobiell und desinfizierend. Bei Bronchitis, Erkältung, Katarrh, Durchfall, Magenschwäche. Die Tinktur wirkt geruchshemmend und hilft bei Akne und unreiner Haut.

Rentierflechte
Wirkt
antibiotisch und ist oft Bestandteil von Hustensirup.

Echte Becherflechte
Wurde früher zur Behandlung von Fieber und Keuchhusten eingesetzt.

Eichenmoos
Ist
ebenfalls eine Flechte und wird in der Parfümindustrie verwendet.

Monatelange Trockenheit führt dem Flechtenstoffwechsel keinen Schaden zu; vielmehr werden die Symbiosepartner dabei einfach hart und starr, sie machen einen auf scheintot. Doch bereits wenige Wassertropfen oder eine hohe Luftfeuchtigkeit erwecken sie aus ihrem Dornröschenschlaf und lassen die Flechten wieder biegsam und geschmeidig werden. Experimente, die mit der Landkartenflechte und der Zierlichen Gelbflechte durchgeführt wurden, zeigten, dass diese beiden Arten zumindest für einige Zeit sogar in der Lage sind, die lebensfeindlichen Bedingungen ausserhalb der Erdatmosphäre wie extreme Temperaturschwankungen und hohe UV-Strahlungsintensität zu überstehen.

Flechten enthalten zahlreiche Substanzen, die für ihren eigenen Stoffwechsel wichtig sind, darunter vor allem Flechtensäuren, mit denen sich die Lebensgemeinschaften dank antibiotischer Eigenschaften vor Mikroorganismen und Frassfeinden wie Insekten oder Schnecken schützen. Die nahrhaften Rentier- sowie andere Flechtenarten helfen den Rentieren im hohen Norden Nahrungsengpässe im Winter zu überstehen. Andere Arten enthalten wohlriechende und heilkräftige Substanzen (z.B. Eichenmoos). Die meisten Flechten aber sind vor allem Hort und Heimat für verschiedenste Lebewesen: So werden Flechtenteppiche von Schnecken abgegrast, dienen Ameisen und anderen Krabbeltierchen als Versteck und sind begehrtes Nistmaterial für Vögel, Futter für Hirsche, Steinböcke und andere Tiere – und nicht zuletzt potentes Heilmittel für den Menschen.

Empfindliche Bioindikatoren
Trotz allem gehören ausgerechnet diese zähen Lebensgemeinschaften heute zu den am stärksten bedrohten und dezimierten Organismusgruppen Europas. 37 Prozent (!) unserer baum- und erdbewohnenden heimischen Flechten werden gemäss Roter Liste in der Schweiz als gefährdet eingestuft. Gesteins- und Totholz-bewohnende Flechten wurden nicht untersucht.

Ein Grund für den teilweise massiven Rückgang der Flechten: Längst nicht alle Arten können mit hohen Stickstoffkonzentrationen umgehen. So sind zum Beispiel die einst häufigen Rindenflechten aufgrund der Luftverschmutzung stark zurückgegangen; und auch die heilkräftigen Bartflechten, die einst in vielen Wäldern in langen, hellen Matten von den Ästen hingen, sind selten geworden. Die Artenverarmung schreitet also auch im Reich dieser seltsamen Urwesen voran. Das lässt aufhorchen bei einem Organismus, der widerstandsfähig ist wie kaum ein anderer und fast überall – selbst im Weltall – überleben kann. Wie kann es sein, dass die zähen Flechten so anfällig auf die modernen Umweltbedingungen reagieren? Nun, das liegt unter anderem an der besonderen Eigenschaft der Flechten, Luft und Regenwasser weitgehend ungefiltert aufzunehmen. So reichern sich die Schadstoffe rasch an. Da Flechten kein Ausscheidungssystem haben, kann so das Stoffwechselspiel zwischen den Symbiosepartnern Pilz und Alge leicht gestört werden. Die Flechten verfärben sich, sie hören auf zu keimen und zu wachsen und sterben langsam ab.

In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde zwar der problematische Ausstoss von Schwefeldioxid durch Entschwefelungsanlagen entschärft, was den Flechten eine Erholungsphase bescherte. Doch es kehrten nur die Arten zurück, welche mit hohen Stickstoffkonzentrationen umgehen können, etwa entlang von Autobahnen die intensiv gelb oder orange gefärbte Blattflechte. Sie profitiert von Substanzen, die vielen anderen Flechtenarten und ebenso der menschlichen Gesundheit schaden: Stickstoffverbindungen wie Stickoxide und Ammoniak.

Neben der Luftverschmutzung sind einmal mehr auch die industrielle Landwirtschaft und die zunehmende Urbanisierung wesentlich beteiligt am stillen Aussterben dieser aussergewöhnlichen Erdenbewohner. Weil es immer weniger unbearbeitete Böden und alte Bäume gibt, auf denen Bodenflechten wachsen könnten. Totholz wurde früher eingesammelt und ist heute noch in vielen Wäldern in viel zu geringen Mengen vorhanden; nur in wenigen Waldregionen lässt man sehr alte Bäume stehen. Da Flechten aber so langsam wachsen, sind sie auf alte Bäume angewiesen. Der schlechte oder morsche Zustand eines Baumes wird dabei gänzlich zu Unrecht den Flechten zugeschrieben, die in Gärten meist rigoros vom Gehölz (manchmal sogar mit Gift!) entfernt werden. Dabei könnten wir von den Flechten lernen. Sind doch gerade sie als autonome Gemeinschaft beispielhafte Selbstversorger, die ihrem Wirt – anders als wir Menschen der Erde – nicht den geringsten Schaden zufügen. Und auch davon können wir lernen: In diesen Urwesen lebt die Kraft der Langsamkeit. Das Frühjahr ist geradezu ideal, diese Symbiose-Gemeinschaften mal etwas genauer zu betrachten und ihrer stillen Einladung zur Entschleunigung dankbar zu folgen.

Buchtipp

Volkmar Wirth, Ulrich Kirschbaum: «Flechten einfach bestimmen»,
Quelle & Meier 2017, ca. Fr. 35.–

Fotos: Helge Schulzjean-claude mermilliod | zvg | iStock.com
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