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Grünes Zuhause

Kategorie: Natur, Pflanzen
 Ausgabe 12_2018 - 25.02.2019

Text:  Hans Keller

Grünlilie, Bromelia, Aloe – Zimmerpflanzen verbessern nicht nur das Raumklima, sondern fördern auch das psychische Wohlbefinden. Den Gang nach draussen ersetzen sie aber nicht.

@ unsplash.com, judah guttmann

Der Journalist Gerry Kull kommt ziemlich in der Welt herum, etwa auf einschlägigen Filmfestivals von Spanien über Argentinien bis nach Kuba. Das Reisen hinterlässt in seiner Wohnung in Zürich deutliche Spuren, allerdings nicht etwa in Form von Fotos, Skulpturen und dergleichen, sondern als regelrechter Dschungel: Pflanzen spriessen vom Schlafzimmer bis zum überwucherten Balkon in Töpfen jedweder Grösse. Kull hegt ein Faible für Lateinamerika, insbesondere für Kuba. Da er fast jedes Jahr dort weilt und ein explizites Interesse an den dortigen Pflanzen hat, wächst in seiner Zürcher Küche am Fenster kein ordinärer Basilikum, sondern ein kubanischer Oregano. «Und mit der tropischen Minze lassen sich wunderbare Mojitos mixen», schwärmt Kull.

Seine Wohnung wirkt fast wie ein Herbarium diverser Weltgegenden. Ein Blick auf den jeweiligen Zustand der Pflanzen, das Verfolgen ihres Wachstums und das oft plötzliche Erscheinen von Blüten oder Früchten fasziniere ihn, erzählt der leidenschaftliche Pflanzenfreund. «Die fertilen Fähigkeiten der Natur sind doch erstaunlich – sogar hier im doch eher engen Umfeld der Wohnung wuchert es.»


«Der Pflanzenfreund lebt gesund!»

Erinnerungen in Grün
Der Anschauungsunterricht, welchen die Beobachtung von Zimmerpflanzen bietet, vermag vom täglichen Stress abzulenken. Das ist aber nur einer der positiven Gründe dafür, warum man sich mit Gewinn um Zimmerpflanzen kümmern sollte. Ausserdem halten sie einen auf Trab. Denn in jeder seiner Pflanzen, so Kull, ticke eine eigene innere Uhr, die sie aus Argentinien, Kuba, Spanien oder Brasilien mitgebracht habe. Da gedeiht zum Beispiel im Flur eine mächtige, in Brasilien heimische Dieffenbachie, eine Augenweide mit ihrem schwarz-weiss geringelten Stamm und den gelbgrün gesprenkelten Blättern. Das Monstrum fühlt sich hier in der vielleicht an das Dämmerige im Dschungel erinnernden Düsternis offensichtlich wohl.

«Viele der Exoten wecken Erinnerungen an die Gegenden, woher sie stammen», berichtet Kull – ein Trip des Gedächtnisses quasi, der dem Vielreisenden immer wieder die Vielfalt der globalen Natur ins Bewusstsein ruft. Die eher unscheinbare brasilianische Grünpflanze unbekannten Namens etwa, die in Kulls Küche direkt neben dem Oregano brav ihre vierlappigen Blätter treibt, grub er in einer wüstenartigen Gegend des Teilstaates Ceará direkt neben einem alten Friedhof aus, der ihn an den Italowestern «Spiel mir das Lied vom Tod» gemahne.

Hege und Pflege
Andere Exoten in Kulls Wohnung können je nach Witterung und Jahreszeit als Balkon- oder Zimmerpflanzen gehalten werden. Die wie ein fein verästelter Scherenschnitt wirkende Jacaranade aus Argentinien etwa ist ein Sensibelchen und muss bei Kälte schleunigst vom Balkon ins Zimmer geholt werden. Ähnlich reagiert der riesige Japanische Mispel-Strauch, der in einer Ecke des Balkons wuchert. Während er in Megasommern wie dem verflossenen bis zu fünfzig wohlschmeckende Früchte spendiert, muss Kull den gewaltigen Topf bei Frost ins Wohnzimmer schleppen. Auch Mangos, Avocados, Oleander und Kakteen, die auf seinem dschungelgleichen Balkon gedeihen, vertragen kaum Kälte. Fazit: Wer zwischen Zimmerpflanzen wohnt, umgibt sich mit Lebewesen, die zwar weder reden noch grunzen oder heulen können, aber auf ihre Art und Weise unmissverständlich kundtun, wie gut oder wie schlecht es ihnen geht.

Gut zu wissen
Achtung: giftig! Kommen Sie bitte nicht auf die Idee, mit Blättern Ihrer Zimmerpflanzen einen Salat anzurichten. Denn die meisten Zimmerpflanzen sind giftig und der aus verletzten Ficusarten (Gummibaum) fliessende Saft brennt auf der Haut. Auch andere Zimmerpflanzen können Kontaktallergien auslösen, etwa die Birkenfeige, bei der in seltenen Fällen auch allergische Atemwegserkrankungen und Bindehautentzündungen nachgewiesen sind. Bei Blühpflanzen können Primeln und Chrysanthemen Hautekzeme auslösen. Auch Tulpen und Inka-Lilie enthalten Allergene. Bei einer bekannten Allergie gilt: Den direkten Kontakt unbedingt meiden oder die entsprechenden Pflanzen am besten gar nicht erst in den Raum stellen.

Aus der chaotischen Vielfalt des Balkondschungels gehts in die Enge des gebohnerten Hausflurs in Kulls Schlafzimmer. Dort rankt sich in einer Ecke eine vertraut aussehende Zimmerpflanze empor: ein sogenanntes Fensterblatt (Monstera deliciosa). Die Blätter der häufig in Räumen anzutreffenden Pflanze besitzen in der Jugend fensterartige Löcher, die sich später in grosse Kerben und Spalten verwandeln. Das Fensterblatt gehört zu jenen Spezies, die früher der Haltung von Zimmerpflanzen einen miefigen Ruf bescherten.

Vom Spiess- zum Spriessbürger
Zimmerpflanzen als Symbol für Spiessbürgerlichkeit – das Urteil hielt sich von der stringenten Bauhaus-Ästhetik bis in die Hippiezeit. Die Geschichte der Zimmerpflanzen ist denn nicht zuletzt ein Zickzackpfad zwischen Sympathie und Antipathie. Man weiss dank überlieferten Darstellungen, dass sowohl die Babylonier, Ägypter und Griechen als auch die Römer Pflanzen in Töpfen kultivierten. Anschaulich liefern die erhaltenen Stadtstrukturen in Pompeji durch einschlägige Funde, dass hier viele Häuser und Atrien mit Topfpflanzen geschmückt wurden. Danach allerdings verschwand die Zimmerpflanzenkultur für lange Zeit. Weder im Mittelalter noch in der frühen Neuzeit besass man einen ästhetischen Sinn für so etwas «Nutzloses» wie das Aufziehen von Pflanzen in Innenräumen.

«Blumen anschauen hat etwas Beruhigendes: Sie kennen weder Emotionen noch Konflikte.» Sigmund Freud 1856–1939

Eine Wende brachten das 17. und 18. Jahrhundert. In diese Epoche fielen weltweite Entdeckungen unbekannter Kontinente und Länder, in deren meist exotischem Klima ebenso exotische Pflanzen gediehen. Wollte man in unserer Hemisphäre all das studieren, was etwa Cook von seinen Seefahrten mitbrachte, musste man künstlich Bedingungen schaffen, die sich diese Spezies gewohnt waren. Und so errichtete man grosse verglaste Hallen wie die Londoner Krew Gardens, in denen sich die Pflanzen wohlfühlten.

Während der Biedermeierzeit und im späten 19. Jahrhundert begann man mittels Topfpflanzen die Natur in die eigenen vier Wände zu holen. Seit der Jugendstilzeit, in der Naturformen in Architektur, Design und bildender Kunst en vogue waren, wechselten die Moden gelegentlich in geradezu asthmatischem Tempo. Die jeweiligen Trends färbten auch auf die Pflanzenwelt ab, mit der man sich umgab: Während im Art déco der verrückten 1920er-Jahre bei Pflanzen eine gewisse Künstlichkeit beliebt war, bewegten sich die 1930er zurück zur Natur; die 1950er-Jahre wiederum brachten all das hervor, was uns heute miefig und spiessig erscheint: Kombimöbel mit eingebauter Hausbar und gleich daneben Gummibäume und Philodendren. Die Hippiegeneration der 1960er- und 1970er-Jahre wollte sich gegen diesen Mief absetzen und umgab sich mit Palm- und Farn-Dschungeln. Seit den Nullerjahren setzt sich eine gewisse natürliche Einfachheit durch; neben Oliven und Lorbeer ist aber auch Exaltiertes wie die Geigenfeige angesagt, deren Blätter die Form des gleichnamigen Streichinstruments haben. Aber auch Klassiker sind gefragt, etwa das stattliche Fensterblatt, das unverwüstliche Einblatt oder der Bogenhanf, dessen wie spitze Schwerter aus dem Topf starrende Blätter der Pflanze den schönen Beinamen «Schwiegermutterzunge» eingebracht haben. Als «Schwiegermuttersessel» wiederum bezeichnet man den Kaktus Echinocactus grusonii.

Tipps zur Auswahl und Pflege
Zimmerpflanzen können
nur dann zu einem gesunden Raumklima beitragen, wenn sie optimal gedeihen. Was Sie bei der Auswahl und Pflege beachten sollten:

Überlegen Sie, zu welchem Zweck Sie Pflanzen einsetzen möchten. Einige Pflanzen, wie zum Beispiel Zyperngräser, Zimmerlinde oder Banane, eignen sich besonders zur Erhöhung der Luftfeuchtigkeit, während andere, wie Grünlilie, Efeu oder Einblatt, gut Schadstoffe abbauen können. Ebenso wichtig ist die psychologische Wirkung. Daher Pflanzen auswählen, die Ihnen gefallen.

Zimmerpflanzen können ihre Wirkungen nur optimal entfalten, wenn Sie ihre Bedürfnisse (Standort, Giess- und Düngebedarf) berücksichtigen. Halten Sie sich also an die Pflegehinweise und kontrollieren Sie regelmässig, wie sich die Pflanzen entwickeln.

Schimmelnde Blumenerde am besten durch frisches Substrat ersetzen oder zumindest die obere Erdschicht entfernen. Blähton (Hydrokultur) im oberen Topfbereich bietet weniger Angriffsfläche für Bakterien. Der Wurzelbereich sollte jedoch regelmässig auf Fäulnis überprüft werden.

Pflanzen müssen atmen können. Daher die Blattoberseiten alle paar Wochen mit einem elektrostatischen Staubwedel oder lauwarmem Wasser reinigen.

Buchtipps

Caro Langton, Rose Ray «House of Plants. Mit Sukkulenten, Luftpflanzen und Kakteen leben», teNeues 2018, ca. Fr. 50.–

Ursula Kopp «Saubere Luft mit Zimmerpflanzen. Die 50 besten Detox-Pflanzen für ein gesundes Raumklima», Bassermann 2018, ca. Fr. 15.–

Frances Tophill «Garantiert ohne Geranien! DIY-Ideen für Topfgärtner – ungezwungen, modern, natürlich», Kosmos 2018, ca. Fr. 27.–

Pflanzen bauen Schadstoffe ab
Relativ neu sind Erkenntnisse über die Fähigkeiten gewisser Zimmerpflanzen, durch chemische Prozesse zur Reinigung der Zimmerluft beizutragen. Dass Pflanzen atmen und dabei Stoffe aufnehmen und abgeben, ist eine botanische Binsenwahrheit. Teppiche, Farben, Möbel, Synthetisches, Putz- und Haushaltsmittel geben Schadstoffe an unsere Wohnungsluft ab, die, so weiss man heute, durch bestimmte Zimmerpflanzen neutralisiert und unschädlich gemacht werden können. Der amerikanische Forscher Bill Wolverton wurde 1984 von der Weltraumbehörde NASA beauftragt, herauszufinden, wie die Luft in den Raumstationen verbessert werden könnte. Wolverton experimentierte mit Zimmerpflanzen und fand heraus, dass eine ganze Anzahl davon Gift- und Schadstoffe filtern können, wobei die Umwandlung von Kohlendioxyd in Sauerstoff noch der einfachste Prozess sein dürfte. Gewisse Zimmerpflanzen werden auch mit Schadstoffen wie Formaldehyd, Benzol und vielen mehr fertig. Als besonders wirksam haben sich die Bromelia, die Echte Aloe, der Baumfreund und die Friedenslilie erwiesen.

Das informative Buch «Saubere Luft mit Zimmerpflanzen» informiert über das Phänomen und stellt eine Anzahl reinigender Pflanzen vor, zu denen auch Klassiker wie das Einblatt, die Grünlilie, der Zimmerefeu und der Gummibaum gehören, die samt ihren Fähigkeiten porträtiert werden. Und siehe da: Auch das Fensterblatt, das sich in einer Ecke des Schlafzimmers von Gerry Kull wohlfühlt, gehört zu den luftbefeuchtenden und Sauerstoff spendenden Spezies. Fazit: Der Pflanzenfreund lebt gesund!

Keine Ode an den Gummibaum
Zimmerpflanzen reinigen aber nicht nur die Luft, sie tun auch unserer Psyche gut. Laut einer Studie der University of British Columbia fühlen sich Menschen allein dadurch glücklicher und wohler, dass sie die Natur um sich herum beobachten und wahrnehmen. Dabei können auch Zimmerpflanzen helfen. Das Grün wirkt ausgleichend auf das zentrale Nervensystem. Es erstaunt deshalb nicht, dass Zimmerpflanzen gerade im urbanen Umfeld als eine Art Gartenersatz geschätzt werden. Sie waren auch immer wieder Modelle in der Malerei. Spitzweg kommt einem da in den Sinn, aber auch – als Kontrast – ein 1920er-Jahre-Flapper wie Tamara de Lempicka, die das wollüstige Flair von CallaLilien in dekorativen Darstellungen einfing. Den Dichtern, Barden und Poeten hingegen fiel im Verlauf der Jahrhunderte kaum etwas zu Zimmerpflanzen ein – sie lobpriesen und besangen Linden, Sonnenblumen und auch das Heideröslein; doch keiner wäre auf die Idee gekommen, eine «Ode an den Gummibaum» zu verfassen.

Aber halt! Immerhin der auch als Zimmerpflanze beliebte Lorbeer inspirierte im antiken Griechenland einen Dichter zu einer hinreissenden, wenn auch bittersüssen Sage: derjenigen von Daphne. Da brennt Apollo regelrecht für die schöne Nymphe Daphne, die jedoch nichts von ihm wissen will und vor dem Gott flieht. Apollo hat sie schon beinahe eingeholt, als Daphne Zeus um Hilfe anfleht. Der verwandelt sie in einen Lorbeerbaum. Die Reaktion Apollos beschreibt Ovid eindrücklich in seinen Metamorphosen: «Phoebus – er liebt auch den Baum: er legt an den Stamm seine Rechte / Unter der Rinde, der neuen, spürt er noch immer des Herzens flatternden Schlag.»

Sollte Sie also ihr häuslicher Lorbeer jemals kneifen, dann ist das ja vielleicht die unglückliche Daphne.

Fotos: istock.com, zvg | unsplash.com, judah guttmann
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