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Dank Schallwellen der Erde zuhören

Kategorie: Natur

Text:  Eva Rosenfelder

Möchten Sie einmal der Zwiesprache der Grillen, dem Schnippen der Würmer oder dem Knirschen der Ameisen lauschen? Das Forschungs- und Kunstprojekt «Sounding Soil» macht die Lebensgeräusche aus dem Erdreich hörbar.

@ biovision

«Organismen produzieren durch ihre Bewegungen und die Kommunikation mit anderen Lebewesen Schallwellen. Diese können wir hörbar machen.» Marcel Maeder

Unsere Böden leben – in jeder Handvoll Humus wuseln und wirken Millionen Lebewesen. Alles wächst aus der Erde und kehrt in geraumer Zeit auch wieder zur Erde zurück. Sie ist unsere Lebensgrundlage und entscheidend für die Ernährung: Mehr als 90 Prozent unserer Lebensmittel wachsen im und aus dem Boden. Darüber hinaus filtrieren und reinigen gesunde Böden und speichern CO2.

Dennoch wird Erdboden oft im wahrsten Sinne des Wortes mit den Füssen getreten, benutzt und übernutzt, gelegentlich despektierlich als «Dreck» bezeichnet oder als lebloses Material wahrgenommen; man macht sich eben nicht gern die Hände schmutzig und verliert im ach so smarten Computerzeitalter komplett den Boden unter den Füssen. Etwas, das sich leider immer mehr faktisch abzeichnet: Nicht nur in den Tropen verschwinden ganze Landstriche durch Entwaldung und Erosion; auch direkt vor unserer Haustüre steht der Boden unter enormem Druck.

Böden verschwinden lautlos
Ein Bericht des Bundesamts für Umwelt (Bafu) aus dem Jahr 2017 belegt die zunehmenden Stickstoffbelastungen durch die intensive Landwirtschaft, die zu Überdüngung und Übersäuerung der Böden führen; durch den Bau von Strassen, Siedlungen, Wirtschafts- und Industriegebäuden wird pro Sekunde (!) ein halber Quadratmeter Boden versiegelt, oftmals fruchtbares Kulturland; die Übernutzung durch die Landwirtschaft führt zu Erosion und schwere Maschinen verdichten rund ein Drittel der Ackerflächen. Wetterkapriolen mit langen Trockenperioden und Starkniederschlägen traktieren die Böden zusätzlich. Allein in der Schweiz gehen so jedes Jahr 840 000 Tonnen Boden verloren.

Mit unserem jetzigen Konsumverhalten verfügen wir gemäss Bafu-Studie nicht mehr über genug Land in der Schweiz: Um den Bedarf an Nahrungsmitteln zu erfüllen, muss bereits auf 45–50 Prozent (!) ausländische Flächen zurückgegriffen werden. Das alles geschieht mehr oder weniger lautlos und unbeachtet, zeigen sich die Böden doch meist nur als Oberfläche – was darunter liegt, bleibt uns verborgen: komplexe Ökosysteme mit eng verwobenen Interaktionen, die auf Störungen äusserst sensibel reagieren.

Hören statt sehen
Hier setzt das Projekt Sounding Soil an: «Ziel unseres Gemeinschaftsprojektes ist es, die komplexen Prozesse im Boden sinnlich erfahrbar zu machen und damit das öffentliche Bewusstsein für gesunde Böden zu stärken», sagt Klangkünstler, Forscher und Komponist Marcus Maeder. Mit der Kunstinstallation Sounding Soil, die aus dem Projekt hervorgegangen ist, macht er die Geräusche von Asseln, Springschwänzen, Tausendfüsslern und anderen Bodenlebewesen hör- und erlebbar. «Andere Umweltfaktoren wie Luft- und Wasserverschmutzung oder Klimawandel sind den meisten Menschen bekannt. Der Wert und die Bedeutung des Bodens für Umwelt, Natur und Mensch sind aber noch zu wenig im Bewusstsein. Mit Sounding Soil möchten wir dazu beitragen, dem Boden mehr Sorge zu tragen.» Beteiligt am Kooperationsprojekt sind die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), Nationale Bodenbeobachtung (NABO) an der Agroscope und ETH Zürich.

In den jungen Forschungsgebieten der Ökoakustik und der akustischen Ökologie würden Tonaufnahmen verwendet, um die Beziehungen in der Umwelt zu untersuchen, erklärt Maeder: «Praktisch jeder Organismus produziert durch seine Bewegungen und die Kommunikation mit anderen Lebewesen Schallwellen. Mithilfe unserer Aufnahme- und Messmethoden können wir anhand dieser akustischen Aktivitäten die Zusammensetzung von Lebewesen im Boden und deren ökologische Beziehungen und Prozesse untersuchen. Was wir im Dunkeln des Erdbodens nicht sehen können, wird auf diese Weise hörbar.»



Irdische Symphonie
Noch sei es Zukunftsmusik, die Aktivität und Biodiversität in Böden einfach und schnell anhand von Tönen beurteilen zu können, ohne Bodenproben nehmen zu müssen. Doch es wird bereits fleissig gelauscht und verglichen, in welchen Böden die Tierwelt wie kommuniziert. Wie zum Beispiel Würmer mit ihren Körpern schnippen, um sich bei Artgenossen bemerkbar zu machen; wie Ameisen im Streu mit ihren Mundwerkzeugen knirschen oder Heuschrecken Vibrationen über den Erdboden schicken als Botschaft an die Nachbarn. 

In einer Handvoll Boden leben mehr Organismen als Menschen auf der ganzen Erde. Bekannt sind vielen nur Regenwürmer, Tausendfüssler, Asseln und Schnecken; wer genau hinschaut, entdeckt vielleicht noch die ein bis zwei Millimeter kleinen Springschwänze. Ein Grossteil der Lebewesen sind aber für uns unsichtbare Bakterien, Pilze und Algen. Gemeinsam helfen sie durch Zerkleinern, Zersetzen und Verdauen von organischen «Abfällen», den nährstoffreichen Humus zu bilden. Ohne diese Bodenlebewesen wäre die Produktion von gesunden Nahrungsmitteln auf Böden gar nicht möglich.

Die Tatsache, dass Böden überhaupt tönen, fasziniert auch Sabine Lerch, die bei Biovision für Sounding Soil zuständig ist: «Es ist beeindruckend, dem Gekrabbel und Gekrieche wie auch den Kommunikationslauten der verschiedenen Bodentiere zu lauschen und so den Boden als lebendiges Ökosystem zu erleben.» Sie betont, dass die Unterschiede zwischen verschiedenen Böden klar zu hören sind: «Ein gesunder Boden mit einer hohen Biodiversität tönt vielfältiger. So sind zum Beispiel in einem Bioacker oder in einer extensiven Alpweide eine Vielzahl von Geräuschen zu hören.» Laut Maeder werden jedoch nicht einzelne Arten bestimmt: «Wir analysieren die Aufnahmen statistisch: Je mehr verschiedene Geräusche, desto mehr Tierarten sind in einem Boden vorhanden. In unseren laufenden Untersuchungen sehen wir, dass Böden, die stark bearbeitet und gestört werden, weniger Bodengeräusche bis hin zu völliger Stille verzeichnen.»

Böden schützen
In der biologischen Landwirtschaft werden Böden schonend bearbeitet, um die Bodenstruktur nicht zu verletzen. Die Erosion wird so minimiert, die Nährstoffe bleiben im Boden und werden nicht ausgewaschen. Zudem werden keine synthetischen Dünger verwendet.

«Mit einer nachhaltigen, ökologischen Landwirtschaft bleiben die Böden langfristig gesund. Sie haben eine höhere Widerstandskraft und können sich besser an neue klimatische Bedingungen anpassen. Konsumenten bestimmen mit ihrem Kaufverhalten mit, ob sich eine nachhaltige Landwirtschaft in der Schweiz durchsetzen wird», betont Lerch und plädiert: «Wählen Sie Bioprodukte, möglichst saisonal und regional. Versuchen Sie, weniger Fleisch zu essen und Food Waste zu vermeiden. Denn der steigende Fleischkonsum und Food Waste verschlingen wertvolle Landflächen.» Sounding Soil, fährt Lerch fort, «möchte die Schweizer Bevölkerung, Gartenfreunde, Schulklassen, Politikerinnen und Landwirte darauf aufmerksam machen, wie wichtig gesunde und artenreiche Böden für eine nachhaltige Zukunft sind».

Beim täglichen Einkauf auf Bioprodukte zu setzen, ist also nicht nur gut für die eigene Gesundheit, sondern trägt bei zur Gesundung der Erde. Mit unserem Kaufverhalten bestimmen wir also nicht nur mit, ob sich eine nachhaltige Landwirtschaft durchsetzen kann, sondern auch, ob die Grundlage des Lebens auch für die kommenden Generationen erhalten bleibt.

Fotos: biovision
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