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Armin Capaul über die Kuhhorn-Initiative

Kategorie: Tiere
 Ausgabe 10_2018 - 21.02.2019

Text:  David Hunziker

Am 25. November stimmen wir über die Kuhhorn-Initative ab, die der streitbare Bauer Armin Capaul erfolgreich lanciert hat. Die Initiative verlangt, dass die massenhafte Enthornung gestoppt und die Haltung behornter Kühe wieder gefördert wird.

@ istockphoto.com

Armin Capaul, wozu brauchen Kühe Hörner?
Das ist ganz einfach: Die Schöpfung hat ihnen Hörner gegeben, also müssen wir sie ihnen lassen – ausserdem ist die Milchqualität von behornten Kühen besser. Das Horn ist nämlich ein Teil des Schädels, es enthält viel Blut und Nerven. Kühe brauchen ihre Hörner, um miteinander zu kommunizieren, und sie regulieren durch sie auch die Temperatur ihres Körpers. Das nationale Forschungszentrum Agroscope untersucht gerade, ob enthornte Kühe eher an einem Hitzestau leiden.

Es gibt Experten, die sagen, Kühe können auch ohne Hörner gut leben.
Ja, das stimmt. Aber auch ein Mensch kann ohne Arme leben. Trotzdem fehlt ihm etwas.

Was erhoffen Sie sich, wenn die Initiative angenommen wird?
Ich mache mir keine Illusionen – die grossen Industriebauern werden auch durch die Subventionen nicht auf behornte Kühe umsteigen. Ich will vor allem diejenigen Tiere retten, die übriggeblieben sind, und jene Bauern unterstützen, die sich für behornte Tiere entscheiden.

Sind Sie zuversichtlich, was die Abstimmung angeht?
Ja, klar! Ich habe das Gefühl, dass immer mehr Leute hinter mir und meinem Anliegen stehen.

Sie sind Bündner, ihr Bauernhof steht aber im Berner Jura. Wie reagieren die Leute in Ihrem Heimatkanton auf Ihr Engagement?
Mit viel Skepsis oder sogar Ablehnung. Es wird im Bündnerland nicht gern gesehen, wenn einer aus ihren eigenen Reihen im Mittelpunkt steht. Ich bin mittlerweile richtig entrüstet, was die dort abziehen. Im Nationalrat hat nur eine Vertreterin von fünf für die Initiative gestimmt. Für einen bäuerlich geprägten Kanton ist das doch peinlich!

Viele finden es übertrieben, für ein vergleichsweise unbedeutendes Thema wie Kuhhörner die ganze Bevölkerung an die Urne zu rufen.
Ich wollte gar nie, dass es zu einer Volksabstimmung kommt. Vor der Lancierung der Initiative habe ich alles Mögliche probiert, um meinem Anliegen Gehör zu verschaffen: Ich habe anständig Briefe an den Bundesrat geschrieben, eine Petition lanciert, Vorstösse im Parlament angeregt. Aber unsere Volksvertreterinnen und Volksvertreter wollten es ja nicht begreifen! Am Schluss blieb mir keine andere Wahl mehr, als eine Initiative zu lancieren – sonst hätten die Kühe ja von vornherein verloren gehabt.

Der Bauernverband hat sich sehr kritisch zur Initiative geäussert. Wie wird er sich im Abstimmungskampf verhalten?
Er wird wohl Stimmfreigabe beschliessen. Der Verband befürchtet eine Spaltung der Bauern und will sich darum nicht aus dem Fenster lehnen.

Auch Hans-Ulrich Huber, Geschäftsführer des Schweizer Tierschutz STS, hat die Initiative kritisiert, weil sie fördere, dass Kühe im Stall wieder vermehrt angebunden werden. Denn am meisten Probleme mit den Hörnern gibt es in Ställen, in denen die Tiere frei herumlaufen.
Die Verbreitung der Laufställe ist Hubers grosses Prestigeprojekt, darum behauptet er, diese seien tierfreundlich. Dabei wird immer klarer, dass das nicht der Fall ist. Kürzlich haben Forscher herausgefunden, dass Kühe im Laufstall zweieinhalbmal so viele Ammoniak-Emissionen, ein für Menschen gefährliches Gas, freisetzen als im klassischen Anbindestall. Trotzdem werden Laufställe über staatliche Subventionen immer noch gefördert.

Laufställe gelten als tierfreundlicher, weil die Kühe darin mehr Bewegungsfreiheit haben. Leuchtet das nicht ein?
Die Kehrseite davon ist, dass die Tiere ständig die Hierarchie in der Herde aushandeln müssen. Den stärksten macht das nichts aus, aber die schwächeren sind ständig gestresst und können nicht in Ruhe wiederkäuen und verdauen. Am wichtigsten ist, dass Kühe Auslauf auf der Weide haben und frisches Gras fressen können. Im Freilaufstall haben sie zwar mehr Platz, bewegen können sie sich in den meisten Fällen aber nur auf einer Betonplatte und nicht auf einer Weide – und das soll tierfreundlich sein? Zudem geht der Bezug des Bauern zu den Tieren verloren. In meinem Stall umarme und streichle ich die Tiere jedes Mal, wenn ich sie am Abend an- und am Morgen wieder losbinde, damit sie auf die Weide können.

Im Titel Ihrer Initiative ist die Rede von der «Würde der landwirtschaftlichen Nutztiere». Was meinen Sie damit?
Es geht darum, dass wir nicht einfach in den Körper eines Tiers eingreifen dürfen, nur weil uns etwas daran stört. Intuitiv ist uns das völlig klar – wer findet schon nicht, dass eine Kuh mit Hörnern stärker und schöner aussieht? An Viehschauen waren Hörner früher Teil der Punktierung, man hat sie wertgeschätzt. Heute müssen sie den Tieren an den Alpabzügen einen Haufen Blumen auf den Kopf binden, damit man nicht sieht, dass nichts darunter ist.

Je grösser ein Landwirtschaftsbetrieb ist – desto weniger Kühe haben Hörner. Das geht aus einer Umfrage von KAGfreiland von 2014 hervor. Läuft etwas grundlegend falsch in der Schweizer Landwirtschaft?
Auf jeden Fall. Meine Initiative ist nämlich auch ein Hornstoss gegen die heutige Agrarpolitik, die dafür sorgt, dass immer mehr kleine Betriebe verschwinden. Aber mein Ziel ist zuerst einmal nur, die Enthornungen zu stoppen. Wenn die Initiative dann auch noch ein paar Personen zum Umdenken bewegt und sich auch andere Dinge in der Politik ändern, umso besser. 

Ja zur Kuhhorn-Initiative

Liebe Leserinnen, liebe Leser
In der Regel nimmt «natürlich» keine Stellung zu Abstimmungsthemen. Im Falle der Kuhhorn-Initiative, über die wir am 25. November abstimmen werden, können wir aber nicht schweigen.

Seit die Menschheit sesshaft geworden ist, gehören Kühe zu unserer Kultur. Sie haben unsere Vorfahren reich gemacht. Zum Dank dafür haben wir die Tiere zu Hochleistungs-Milch- und Fleischmaschinen gezüchtet, die allein kaum mehr überlebensfähig sind. Damit nicht genug, berauben wir die gutmütigen Kühe seit Jahren nun auch noch ihrer Hörner, einzig mit dem Ziel, dass noch zwei, drei mehr von ihnen in den Stall passen – und dies trotz anhaltender Milchschwemme. Gewinn kommt hier eindeutig vor dem viel beschworenen Tierwohl.

Aus diesem Grund und aus Respekt vor der Schöpfung empfehlen wir vom «natürlich», die Kuhhorn-Initiative mit einem Ja anzunehmen.

Ihre «natürlich»-Redaktion

Der 66-jährige Bündner Armin Capaul ist Bauer aus Überzeugung. Die von ihm lancierte Kuhhorn-Initiative hat er ins Leben gerufen, weil er Tiere nicht nur als Produkte, sondern als Lebewesen mit eigener Würde und mit Rechten betrachtet. Capaul hat seinen Hof samt behornten Kühen und Geissen vor einem Jahr schuldenfrei seinem Sohn übergeben.

 

 

 

Buchtipp

David Hunziker «Kuhhorn – die Würde der Kuh und die Grenzen der industriellen Landwirtschaft», AT Verlag 2018, siehe unser Leserangebot.

 

 

Fotos: zvg
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