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Mein wilder Garten

Kategorie: Natur
 Ausgabe_09/17 - 01.09.2017

Text:  Remo Vetter

Gärten sind vom Menschen gestaltete Orte. Doch muss der Gärtner seinen Garten «im Griff» haben? Jein, meint Remo Vetter und rät zu gezielter Verwilderung und etwas mehr Laissez-faire.

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Meterhohes Gras wiegt sanft im Wind; rund um die verblühten Rhododendronbüsche sprenkeln Blütenblätter den Boden: rosa und lila auf braun – fast wie ein Gemälde. Trotzdem, ziemlich verwildert, der Garten. Wir waren mal wieder zu lange in den Ferien. Der Rasen könnte auch mal wieder geschnitten werden. Könnte. Muss aber nicht. Als Gärtner steht man immer wieder im inneren Konflikt zwischen Aktivismus und Genuss – was ist zu viel, was ist zu wenig?

Um friedliche Momente unter der Spätsommersonne in der Hängematte zu geniessen, um sich am Duft der zum zweiten Mal blühenden Rosen zu laben oder frische Zitronenmelisse, Thymian, Lavendel, Rosmarin und Verveine für das Abendessen und den Tee danach zu ernten, muss man vorher einiges an Mühe investieren: umgraben im Frühjahr, mähen, jäten, schneiden, ernten und vor allem giessen im Sommer – je nach Grösse des Gartens kann das vielgepriesene Hobby ganz schön anstrengend sein.

Charmante Wildnis. Die Frage stellt sich mir Jahr für Jahr: Wo genau liegt die Grenze zwischen Entfaltung und Verwahrlosung? Um die Natur «in den Griff» zu bekommen, wird ordentlich geschuftet, am besten in der Arbeitskluft und zu festgelegten Zeiten. Typisch Schweiz! Dem Garten werden geometrische Strukturen aufgezwängt, die Rasenkanten mit der Messlatte abgestochen, der Buchsbaum zu dreidimensionalen Skulpturen frisiert, die Hecke rechtwinklig zu einer grünen Mauer «erzogen». Ordnung muss sein, was soll denn der Nachbar denken?! Nein, sage ich, Ordnung muss nicht sein, nicht im Garten! Im Gegenteil: Gerade die gezielte Verwilderung kann viel charmanter wirken als das mit dem Lineal gezogene Beet. Ausserdem bietet ein wilder Garten Tieren einen Lebensraum, Schmetterlingen, Schwebefliegen, Wildbienen, Eidechsen, Fröschen, Igeln und Vögeln. Das rege Treiben zu beobachten, an dem prallen Leben teilzuhaben macht demütig und dankbar – ja, es ist ein grosses Glück, Zeit in einem naturnahen Garten zu verbringen.

Tipps für entspanntes Gärtnern
Bescheiden planen: Keine Bäume und Sträucher pflanzen, die ständig Blätter verlieren oder geschnitten werden müssen wie Bambus oder Kirschlorbeer.
Keine Freiflächen: Oft wächst Unkraut dort, wo keine geschlossene Pflanzendecke existiert. Eine dichte Mischung aus Stauden, Bodendeckern und kleinen Gehölzen hemmt die Ausbreitung von Unkraut.
• Blumenwiese statt Rasen: Wer kein Golfturnier veranstalten will, kann auf einen wöchentlich rasierten Rasen verzichten. Wer eine Blumenwiese wachsen lässt, muss nicht vertikutieren, düngen und nur selten mähen.
Nussbaum statt Palmen: Wer auf Pflanzen setzt, die in der natürlichen Umgebung vorkommen, hat weniger Arbeit. Zudem bieten einheimische Pflanzen Insekten, Vögeln und anderen Kleinlebewesen ideale Lebensbedingungen.
Mehrjährige Stauden: Statt Stauden und Zwiebeln jedes Jahr umpflanzen zu müssen, besser mehrjährige Gewächse verwenden, die sich selbst weitervermehren.
Wildkräuter: Frostbeständige, mehrjährige Kräutersorten wie Liebstöckel, Minze, Salbei, Thymian und Schnittlauch in ein Kräuterbeet nahe der Küche pflanzen. So ein Beet erfordert kaum Pflege, sieht schön aus und stärkt die Gesundheit, indem wir täglich frische Kräuter konsumieren.

Rennen oder hängen? Über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte wurde die Glaubensfrage diskutiert und unterschiedlich interpretiert: Soll der Mensch die Natur zähmen und in strenge Formen zwängen oder soll er ihr freien Lauf lassen und das Ergebnis geniessen? Wo liegt sie, die Grenze zwischen Entfaltung und Verwahrlosung?

Die Frage ist sicherlich individuell zu beantworten. Trotzdem, es gibt ländertypische Ansichten eines schönen Gartens. Die Briten sind, was «gardening» betrifft, viel entspannter. «Gardening» ist ihr Lieblingshobby und schon das Wort klingt bei ihnen viel entspannter und nach weniger Stress als unser «Gärtnern». Und das obwohl die britische Art der Gartenarbeit vielleicht zeitaufwendiger ist als unsere effiziente Art mit Laubbläser, Turbohäcksler und Kompostbeschleuniger. Vielleicht haben die Briten einfach ein anderes Zeitgefühl als wir, ähnlich wie die Franzosen ? Etwas mehr Laissezfaire würde unsereins oft gut tun. Wer jedes heruntergefallene Blatt sofort aufhebt und jede Blüte in dem Moment abrupft, wenn sie gerade am Verwelken ist, wird am Garten vermutlich eher verzweifeln und in Aktivismus verfallen, als gut britisch «happy» zu werden. Andererseits – nur in der Gartenlounge hängen und zusehen, wie Gras und Beikraut wachsen, ist auch nicht befriedigend. Die richtige Antwort ist, wie so oft: der goldene Mittelweg.

«The Lazy Gardener. Wie man sein Glück im Garten findet », Appenzeller Volksfreund, 2008, als Leserangebot für 55 Franken inkl. Versandkosten statt Fr. 63.90. Zu bestellen bei remowhatever@thelazygardener.ch

Arbeitsarme Gärten. Gärtner können vorsorgen, damit sie dereinst nicht von der Gartenarbeit übermannt werden. Ein arbeitsarmer Garten will gut geplant sein. Und es braucht Geduld. Bei der Planung und Gestaltung gilt es, die richtige Balance zwischen gebändigter und wilder Natur zu finden. Das fängt bei der Einteilung der Flächen an und hört bei der Wahl der Pflanzen und der Zeit, die man zur Verfügung hat, nicht auf. Als Faustregel gilt: je grösser der Nutzgartenanteil, desto mehr Arbeit. Denn Gemüse und Kräuter sind pflegeintensiver als Rasenflächen und Staudenbeete.

Zunächst muss ich mir als Gärtner also bewusst werden, welche Art von Garten ich will: Sind frische Kräuter, Gemüse und Obst wichtig oder will ich darauf verzichten? Geht es mir vor allen um Blumen und ihre Blütenpracht ? Sollen Obstbäume und Beerensträucher die Hauptrolle spielen? Von allem etwas? Oder von allem alles?

Viele Gärtner machen den Fehler, dass sie am Anfang zu viel wollen. Selbstversorger vom Start weg! Und so wird jeder Quadratmeter bepflanzt mit dem Fazit, dass Tag für Tag Trübeli, Himbeeren, Zucchetti, Salate, Gurken, Bohnen geerntet sein wollen, dass Bäume geschnitten, Büsche gerodet, wuchernde Bodendecker ausgerissen werden müssen, dass gejätet und gegossen werden muss, was das Zeug hält, weil das verdammte Grünzeug schneller wächst, als man zuschauen kann. So wird einem die Lust am Gärtnern gründlich vergehen. Zumal man im Sommer ja vielleicht auch mal in die Ferien will.

Hecken aus Lavendel
Als mediterraner Halbstrauch benötigt der Lavendel viel Sonne und Wärme. Wichtig ist auch ein lockerer, gut drainierter, nährstoffarmer Boden. Auf schweren Lehmböden ist Lavendel meist nur kurzlebig. In den feuchten Wintermonaten sind seine Wurzeln anfällig gegen Nässe und beginnen leicht zu faulen. Bei uns im Appenzellerland sind die Böden meist schwer und lehmig. Daher arbeiten wir bei Lavendelneupflanzungen grosszügig Kies, groben Sand oder Splitt in den Boden ein.
Den Buchs, der früher unsere Beete einfasste, haben wir in den letzten Jahren durch Lavendel ersetzt – eine pflegeleichte Heckenalternative, die kaum gegossen und gedüngt werden muss. Ausserdem wird der stark duftende Lavendel nur selten von Schädlingen befallen. Ein einmaliger Rückschnitt im Jahr reicht aus, um dauerhafte Lavendelsträucher zu bekommen. Der beste Zeitpunkt für den Rückschnitt der abgeblühten Blütenstiele ist unmittelbar nach der Blüte, spätestens Anfang Herbst. Die Pflanzen können sich so relativ schnell erholen und gehen mit neuen kräftigen Trieben gestärkt in den Winter. Lavendel ist ausserdem ein guter Begleiter zu Rosen, da er Läuse abhält.

Entspanntes gärtnern. Die Auswahl der richtigen Pflanzen für den jeweiligen Standort spielt eine grundlegende Rolle beim entspannten Gärtnern: Langjährige, widerstandsfähige Gewächse erfordern weniger Aufmerksamkeit als exotische Pflanzen; winterharte, an unser Klima gewöhnte Stauden kommen mit dem Wetter besser zurecht und sind deshalb pflegeleichter; bei Bäumen und Sträuchern sind Sorte zu bevorzugen, die ohne regelmässigen Schnitt am besten wachsen. Daneben gilt es einige Tricks zu berücksichtigen, um die Gartenarbeit zu minimieren: Bodendecker oder Mulch halten den Boden feucht, sind ein bewährtes Mittel gegen die Verbreitung von Unkraut und fördern die Entwicklung von Bodenmikroorganismen. Nach den Prinzipien des Lazy Gardeners («Faulen Gärtners») wird wenig gedüngt und bewässert, nicht etwa aus Faulheit, sondern weil das in unseren Breitengraden meist nicht nötig ist. Wenn man dem Rasen nicht wöchentlich eine Vollrasur verpasst, trocknet er auch nicht so schnell aus, und wenn man statt einer tennisplatzartigen Fläche eine Blumenwiese hat, sieht das nicht nur schön aus, sondern lockt auch Insekten und Vögel an. In einer Kräuterspirale lassen sich Pflanzen mit unterschiedlichen Ansprüchen auf kleinstem Raum so anordnen, dass jedes Kraut den perfekten Platz findet.

Ein Garten, in dem man sich wohlfühlt, entsteht sicher nicht dadurch, dass man nur in der Hängematte fläzt. Ein Minimum an Pflege braucht jeder Garten. Aber Aktivismus ist fehl am Platz. Er wird der Natur nicht gerecht. Schlussendlich geht es beim Gärtnern um die innere Haltung: Ein passionierter Gärtner empfindet die körperliche Anstrengung ja nicht unbedingt als nervige Arbeit. Im Gegenteil. Die Bewegung an der frischen Luft, das Hacken, Graben, Pflanzen und Ernten kann meditativ auf die Seele wirken. Ich behaupte sogar, dass es nichts so Entspannendes und Heilendes gibt wie einen Tag im Garten. Vorausgesetzt, ich lasse mich von ihm nicht stressen. 

Zur Person
Remo Vetter wurde 1956 in Basel geboren. 1982 stellte ihn der Heilpflanzenpionier Alfred Vogel ein. Seither ist Vetter im A. Vogel Besucherzentrum in Teufen Appenzell Ausserrhoden tätig.

Fotos: istockphoto.com

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