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Fantastische Geschöpfe

Kategorie: Natur
 Ausgabe_04/2017 - 01.04.2017

Text:  Benedikt Meyer

Die Natur ist hübsch, aber sie ist ein grässliches Durcheinander. Deshalb suchen Wissenschaftler schon seit Jahrtausenden, Ordnung zu schaffen. Ein schwieriges Unterfangen.

© Natural History Museum London

Plinius der Ältere (23–79 n. Chr.) war der erste, der versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen. Der römische Gelehrte ernährte sich praktisch von Büchern: Über 2000 Werke verschlang er, sogar beim Baden, Essen oder auf Reisen liess er sich von einem Assistenten Texte vorlesen. Plinius wollte so viel Wissen aufnehmen wie nur irgendwie möglich. Und mit diesem Wissen schrieb er dann seine «Historia Naturalis», die erste Enzyklopädie der Natur. Darin listete Plinius über 37 000 (!) Stichworte auf, gab Tipps zur Bienenzucht oder zum Weinbau, erklärte die Funktionsweise von Austern oder empfahl Heilmittel gegen Schlangenbisse. Der Gelehrte trug das Wissen seiner Zeit zusammen und beschaffte sich Informationen nicht nur aus seiner Umgebung, sondern auch aus Indien oder Afrika. Dabei konnte er natürlich nicht alles auch noch auf seine Richtigkeit überprüfen. Und so finden sich in Plinius’ Werk denn auch Einträge über Menschen, die mittels Gebell kommunizieren, über Mischwesen aus Mensch und Tier oder über Leute mit 16 Zehen.

Mythen mit realem Kern. Plinius hatte es nicht leicht: Wie hätte er Echtes von Erfindungen unterscheiden sollen? Und ist ein Zentaur (Gestalt der griechischen Mythologie mit dem Körper eines Pferdes und dem Oberkörper eines Menschen) wirklich so viel fantastischer als ein Elefant? Ist eine Sphinx (Löwe mit einem Menschenkopf), ein Riese, ein Satyr (lüsterner Waldgeist, der wie ein Bock aussieht) weniger verblüffend als ein Schuppentier, ein Chamäleon oder ein Riesenkalmar? Ausserdem: Viele Mythen haben einen realen Kern. Menschen, die sich mit Klicklauten statt Worten verständigen, gibt es zwar nicht. Aber es gibt die Xhosa, deren Sprache tatsächlich unterschiedlichste Klicks und Schnalzer enthält.

Anderthalb Jahrtausende nach Plinius begann sich in Europa der Buchdruck zu verbreiten. Und die altehrwürdige «Historia Naturalis» war eines der ersten Werke, das die Druckerpressen verliess. Plinius hatte sich gefragt, welche Tiere und Pflanzen es überhaupt gab. Nun fragten sich die Gelehrten der Renaissance, wie diese Tiere und Pflanzen miteinander verwandt waren und was im grossen System der Natur wo hingehörte.

Aldrovandis Monster.
Solange man das oberflächlich tat, war es nicht allzu schwer: Fische und Vögel liessen sich gut unterscheiden und 99 Prozent der Zackenbarsche liessen sich problemlos ihrer Spezies zuordnen. Aber der Teufel steckt eben im Detail. Und gerade dort wurde die Sache interessant. Jedenfalls für Leute wie Ulisse Aldrovandi (1522–1605).

Der italienische Arzt und Naturforscher schrieb deshalb nicht nur Bücher über die gängigsten Kategorien von Tieren und Pflanzen, sondern auch eines über exotische «Monster». Darin tauchten einige von Plinius’ Sagengestalten wieder auf, aber auch neue Kreaturen: Drachen, Meerjungfrauen, siamesische Zwillinge, Zwergwüchsige, Zyklopen, sechsbeinige Kühe, zweiköpfige Schlangen, oder der oben rechts abgebildete «Kranichschnäbler». Und gerade die Entdeckung Afrikas, Amerikas und Asiens brachte immer neue, fantastische Geschöpfe zum Vorschein: Riesenfaultiere, Lamas und gefiederte Schlangen zum Beispiel. Es lohnt sich, die Kirchenportale aus jener Zeit zu studieren. Nicht selten wollte man darauf die gesamte Schöpfung abbilden und nicht selten finden sich darunter auch fantastische, mystische Gestalten. Aber auch die tatsächlich existierenden Tiere sind einen Blick wert: Die Steinmetze hatten nämlich oft nur eine ungefähre Vorstellung davon, wie die Geschöpfe aussahen. Das sieht man beispielsweise an den Elefanten auf der  Basler Münsterpfalz: Die Stosszähne sind viel zu kurz, dafür hängen die Schlappohren bis zum Boden.

Krankheit oder Strafe Gottes? Auch Aldrovandi und die Forscher der Renaissance hatten ihre Probleme. Die Hälfte der im oberen Abschnitt aufgezählten Wesen gibt es tatsächlich, und die Natur ist für ihre Launen berühmt. Ist ein Fisch mit zusätzlicher Flosse eine Anomalie? Eine «Missgeburt»? Eine eigene Gattung? In Basel wurde 1474 ein Hahn geköpft, seziert und verbrannt, weil er ein Ei gelegt hatte. Es gab dafür Zeugen und es ist nicht der einzige dokumentierte Fall. Es gibt Menschen, die am ganzen Körper dicht behaart sind, solche mit Licht-Allergien und recht viele mit Trisomie 21. Krankheit? Laune? Eine Strafe Gottes? Gerade das Aussergewöhnliche warf Fragen auf, regte die Wissenschaftler zum Nachdenken an. Und so trug gerade das «Abnormale» zum Verständnis dessen bei, wie die Natur funktioniert.

Unser Wissen über die Natur hat sich dank Plinius, Aldrovandi und weiteren Forschern immer weiter vergrössert. Inzwischen haben wir die meisten Mythen als Mythen enttarnt, und zumindest die Profis finden sich in der farbenprächtigen Vielfalt der Natur heutzutage gut zurecht. Wir wissen, was Gene sind und was sie auslösen können, wissen, wie die Evolution wirkt oder was während einer Schwangerschaft passiert. Die Geschichte, wie wir zu diesem Wissen gekommen sind, erzählt nun ein reich illustriertes Buch mit dem Titel «Meisterwerke der Naturgeschichte». Die Autoren tragen darin die wichtigsten Studien zusammen und porträtieren das Leben und die stellenweise auch ziemlich kuriose Forschungsarbeit von Plinius, Aldrovandi und dreissig weiteren massgebenden Naturforscherinnen und forschern. Die grossformatigen Drucke – ein Augenschmaus – sind nicht gebunden und eignen sich auch zum Rahmen.

Buchtipp
Magee, Judith (Hrsg.) «Meisterwerke der Naturgeschichte. Schätze aus der Bibliothek des Natural History Museum, London», Haupt Verlag, 2016, Fr. 68.–


Illustration: © Natural History Museum London

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