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Die letzten Indianer

Kategorie: Natur
 Ausgabe_03/2017 - 01.03.2017

Text:  Markus Kellenberger, Stefan Doppmann, Franziska Hidber

Die Samen im hohen Norden Lapplands sind ein indigenes Volk, eines der letzten In Europa. Sie leben fast so urtümlich wie ihre Vorfahren.

@ Serena Barolo, Tobias Meyer, Riku Pihlanto, Marcel Noecker

Spätestens seit Karl May wissen wir: Cheyenne, Sioux und Apachen sind im landläufigen Sinne eindeutig Indianer. Ebenso zu den Indianern zählen die im Regenwald von Borneo lebenden Penan, für die sich der verschollene Schweizer Umweltaktivist Bruno Manser einsetzte, die Awa aus Brasilien oder die Pygmäen in Zentral- und Westafrika. Dass es auch in Europa «indigene Völker» gibt, wie ihre politisch korrekte Bezeichnung lautet, geht oft vergessen. Eines davon ist das Volk der Samen. Die Samen, die sich selber Sami nennen, leben hoch im Norden auf den heutigen Staatsgebieten von Norwegen, Schweden, Finnland und Russland.

Mehr als 6000 Jahre zurück reicht die Geschichte dieses Volkes, das man bis in die 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts leicht abschätzig «Lappen» nannte, was in etwa «die, die am Rande wohnen» heisst. Lappland, das Land am Rand der Welt, nennen die Finnen, Schweden, Norweger und auch die Russen heute noch das Gebiet, in dem die Sami grösstenteils leben.

Als Jäger und Sammler hinterliessen sie in und um Alta, einer Stadt in Norwegisch- Lappland, ihre Felsmalereien, auf denen Jagdszenen aus der Steinzeit zu sehen sind: Schützen, die ihre Bogen spannen und auf Rentiere zielen; Schamanen, die die Tiere beschwören; Elche, Bären, Hasen, Gänse, Füchse, Fische und Wale sind kunstfertig abgebildet, und immer wieder Frauen, Kinder und Männer, die ihren Tätigkeiten nachgehen. Eines geht aus diesen Felszeichnungen unverkennbar hervor: Das Leben der Samen hat sich immer, von der Urzeit bis heute, um ihren grössten Reichtum gedreht – die Rentiere.

Die Rentierzucht bildet auch heute noch für rund 15 Prozent der Samen die ausschliessliche Grundlage für ihren Lebensunterhalt. Gar jeder zweite ist in irgendeiner Form mit der Rentierwirtschaft verbunden. Sei es, dass er im Nebenerwerb ein paar Tiere hält oder sich der Verarbeitung oder dem Vertrieb von Rentierprodukten widmet.

Aslak Paltto ist einer von ihnen. Wie schon sein Vater und dessen Vater lässt er seine Rentiere frei durch den wunderbaren Lemmenjoki-Nationalpark ziehen. Eine einfache Blockhütte ist sein Sommercamp. Hier kocht Aslak zum Zmittag eine schmackhafte Suppe aus Rentierfleisch, Kartoffeln und Gemüse. Dazu gibt es Roggenbrot mit Rentierbutter und Käse.

Nach dem Essen singt Aslak einen sogenannten Joik, ein Singsang zwischen Jodel und klassischen indianischen Melodien. In einer Mischung aus Worten und zusammenhanglosen Silben besingt der junge Mann den Alltag seines Volkes und den seinen. Er singt mit in die Ferne gerichteten Augen, mit seiner Stimme drückt er sein Lebensgefühl aus. «Der Joik kommt immer von Herzen», sagt er in einer kurzen Pause. Dann singt er weiter. Doch dieser neue Joik erzählt nicht wieder vom Leben im hohen Norden und den lichten Wäldern, in denen Aslak jeden Tag nach seinen Tieren sucht – sondern vom neuen Schneemobil seines Bruders. Die Segnungen der Moderne haben den traditionellen Lebensstil der Samen längst erreicht und auch erleichtert. Motorfahrzeuge, Elektrizität und Handys sind allgegenwärtig.

Aslak Paltto hat in Rovaniemi, in der nördlichsten Universität Europas, Kommunikationswissenschaften studiert. Seine Eltern wollten es so, denn vor 30 Jahren, als er zur Welt kam, war noch nicht sicher, ob sich die Lebensweise seiner Familie in die Zukunft retten könne. Sie konnte es. Und deshalb ist Aslak in seine Heimat zurückgekehrt. Und weil er an der Universität gleich auch noch Englisch gelernt hat, führt er heute, wenn er nicht nach seinen Rentieren sucht, Touristen durch die Wälder und per Motorboot über den Fluss Lemmenjoki, der dem Nationalpark seinen Namen gab.

Schnittmuster im Ohr
In den Wochen nach Mittsommer schneiden die Rentierbesitzer ihren Kälbchen nach alter samischer Art als Erkennungszeichen eine Kerbe in den Ohrenrand. Dabei ist der Schrecken für die Jungtiere grösser als der Schmerz.
Es geschieht in einer hellen Sommernacht nach Mittsommer. Dann versammeln sich Rentierzüchter einer Region, meist mit der ganzen Familie und vielen Helfern. Vorher wurden die Tiere auf einen eingezäunten Platz getrieben. Früher verwendete man dafür Pferde, heute sind je nach Grösse der Herde auch Autos, Motorräder, Quads, mancherorts gar Helikopter im Einsatz.
Für die Kälbchen kommt jetzt der erste Schreckensmoment. Sie werden eingefangen und erhalten ein Nummernschild um den Hals. Kaum freigelassen, suchen die Rentierkinder angstvoll nach ihrer Mutter, oft stossen sie dafür ihre charakteristischen Laute aus.
Nun heisst es für die Rentierzüchter, scharf zu beobachten. Welches Kalb drängt sich zu welcher Rentierkuh? Denn noch wissen die Besitzer nicht, welche Kälbchen ihnen gehören, ihre Kühe hingegen erkennen sie selbst aus der Distanz an der Ohrmarkierung. Hat ein Kalb seine Mama gefunden, notiert der Besitzer blitzschnell dessen Nummer. Nach der Kaffeepause wird Kalb für Kalb eingefangen, Nummer für Nummer aufgerufen und unter dem gestrengen Blick des Vorsitzenden des Rentierzuchtverbands dem Besitzer zugeführt. Bei der eigentlichen Markierung schneidet der Besitzer mit einem Messer nach alter Tradition schnell das für seine Herde charakteristische «Schnittmuster» in beide Ohrenränder: Auf diese Weise gelingt es auch Aussenstehenden, ein Tier zuzuordnen – zum Beispiel, wenn es angefahren wurde. So traditionell die Markierung verläuft, so modern ist die digitale Datenbank, in der sämtliche Muster registriert sind.
Es mag brutal aussehen, wenn plötzlich ein Büschel Ohr auf den Boden fällt, doch das Schneiden ist für die Tiere schmerzfrei – am Ohrenrand verlaufen weder Blut- noch Nervenbahnen. Nach dem erneuten Schrecken rennen die Kälbchen sofort zurück zur Mutter, und kurze Zeit darauf bewegen sie sich wieder frei durch Wiesen, Felder und Wälder. Der zweite Höhepunkt im Rentierjahr folgt mit der Rentierscheidung im Spätherbst: Dann wird entschieden, welche Bullen geschlachtet werden.
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Wie bei Aslak ist heute bei allen Samen eine Aufbruchstimmung spürbar. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wichen Unterdrückung und Diskriminierung in den nordischen Ländern allmählich der Anerkennung. Grund dafür war nicht zuletzt auch das aufkommende politische Bewusstsein der Samen. Sie haben ein eigenes Parlament, das l.nderübergreifend die Interessen der Samen gegenüber den nationalen Regierungen in Schweden, Finnland, Norwegen und Russland vertritt.

Ein wichtiger Erfolg des Sami-Parlaments ist die Rückbesinnung auf das kulturelle Erbe des eigenständigen Volkes. Neben dem Erhalt der Sprache, die in verschiedenen Dialekten gesprochen und in den skandinavischen Ländern als Landessprache anerkannt wurde und in den Schulen auch gelernt wird, sind es vor allem traditionelle Handwerkstechniken, die sich wieder grosser Beliebtheit erfreuen. Das Sami Education Institute in der kleinen Stadt Inari im finnischen Teil Lapplands hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese zu erhalten. «Wir wollen die traditionellen Kulturtechniken weitergeben und den jungen Leuten zeigen, wie sich daraus ein Verdienst erzielen lässt», sagt Institutsleiter Mika Aromäki.

Abnehmer für diese auf traditionelle Weise hergestellten Güter – etwa aus Silber und Rentierknochen hergestellter Schmuck, bunte Stoffe und Kleider, mit Heu gefüllte Fellschuhe oder hölzerne Alltagsgegenstände – sind in erster Linie Touristinnen und Touristen, die in Lappland die samische Kultur erleben möchten. Noch aber sind die touristischen Infrastrukturen in den wilden Weiten Lapplands nicht sehr gut ausgebaut – aber gerade dieser Umstand ermöglicht Reisenden das Eintauchen in eine urtümliche Kultur und spontane, herzliche Begegnungen mit den letzten europäischen Indianern.

Fotos: Serena Barolo, Tobias Meyer, Riku Pihlanto, Marcel Noecker

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