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Sehnsuchtsmaterial

Kategorie: Natur
 Ausgabe_12/2016 - 01.12.2016

Text:  David Hunziker

Holz tut gut, davon sind viele Menschen überzeugt. Die Gründe dafür sind vielfältig: Sie reichen vom positiven Einfluss aufs Raumklima bis zur spirituellen Beziehung zum Material. In der Schweiz ist beim Bauen und Einrichten Holz wieder gefragt.

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Sehnsucht nach Geborgenheit. Holz fühlt sich gut an – da sind sich viele Menschen einig. Das beginnt schon beim Aufenthalt im Wald. Tatsächlich findet man zahlreiche Studien, die belegt haben wollen, dass ein Aufenthalt im Wald sich positiv auf Gesundheit und Wohlbefinden auswirkt. Vor zwei Jahren etwa schickten koreanische Forscherinnen und Forscher je eine Gruppe von Testpersonen auf einen Spaziergang durch eine Stadt und einen Wald. Das Ergebnis: Bei denjenigen, die aus dem Wald zurückkamen, liessen sich willkommene Veränderungen am Körper feststellen: ein signifikant tieferer Blutdruck, eine höhere Lungenkapazität und elastischere Arterien. Bei den Stadtspaziergängern geschah nichts.

Eine mögliche Erklärung, die in der Forschung kursiert: dass wir im Wald sogenannte Phytonzyden einatmen, die Pflanzen zu ihrem eigenen Schutz vor Schädlingen und Krankheiten bilden und in die Luft ausstossen. Diese Phytonzyden sollen dann wiederum auch das menschliche Immunsystem stärken. Das klingt fast so, als könnten wir uns während eines Waldspaziergangs für eine Weile in ein riesiges pflanzliches Immunsystem einklinken, um den Wald daraufhin gestärkt wieder zu verlassen.

Holz sorgt für ein gutes Klima. Holz vermag uns ein Gefühl von Gemütlichkeit und Geborgenheit zu vermitteln. Das hat viel damit zu tun, dass Holz auch in verarbeiteter Form noch «lebendiger» ist als andere Materialien, es je nach Temperatur und Feuchtigkeit seine Form verändert. Holzhäuser geraten über die Jahrzehnte in Schieflage, Holzböden beginnen zu knarren, die Transformationen des Materials haben immer ein Moment von eigenwilliger Zufälligkeit.

Immer mehr Menschen scheinen diese Eigenschaften von Holz als lebendigem Material zu schätzen. Lukas Müller, Mitinhaber der Holzwerkstatt Schmocker im bernischen Rohrbach, kann das bestätigen. Innenausbau, Möbel und Küchen stellt die Schreinerei vor allem mit Massivholz her, das nur mit natürlichen Ölen oder Wachs behandelt wird. Als Firmengründer Jürg Schmocker Mitte der 80er-Jahre angefangen habe, so zu arbeiten, sei er in der Schweiz einer der einzigen gewesen, sagt Müller. «Heute gibt es unzählige Schreinereien, die mit rohem, natürlich behandeltem Holz arbeiten.» Bei Konsumentinnen und Konsumenten könne er in letzter Zeit einen Trend in diese Richtung feststellen: «Die Leute wollen wieder rohes Holz sehen, statt es mit Lacken zu überdecken oder Spanplatten zu verwenden.»

Müller weist auf einen Vorteil hin, den die Lebendigkeit von Holz in einer Wohnumgebung ganz abgesehen von der heimeligen Atmosphäre hat: Massive Holzelemente tragen zum Feuchtigkeitsaustausch in einem Raum bei. «In einer Wohnung sind die einen Räume – vor allem Küche und Bad – tendenziell zu feucht, andere dagegen – vor allem im Winter – zu trocken», erklärt der Schreiner. «Indem Holz Feuchtigkeit aufnimmt und wieder abgibt, reguliert es das Klima im Raum und erhöht damit das Wohlbefinden der Bewohner.»

Holzhäuser wachsen in die Höhe. Doch Holz kann viel mehr als ein behagliches Gefühl vermitteln oder das Raumklima regulieren. Urs Deppeler, Architekt bei der Firma Metron in Brugg AG, sagt, am Holzbau interessiere ihn vor allem die Konstruktion als solche – kaum ein Material sei so vielseitig einsetzbar. Und: «Holz als nachwachsender, klimaschonender Rohstoff ist für mich ein wichtiger Baustoff für das nachhaltige Bauen.» Metron, die auch in der Raum- und Verkehrsplanung tätig ist, baut unter anderem Wohnsiedlungen, die bis aufs Fundament fast ausschliesslich aus Holzelementen zusammengesetzt sind.

Doch die Entscheidung für Holz als Baustoff ist für Deppeler keine Frage der Philosophie, sondern der spezifischen Anforderungen an ein Gebäude. «Bauen wird immer komplexer und oft zeigt sich, dass ein Material nicht allen Ansprüchen gerecht werden kann.» Reine Holzkonstruktionen seien bezüglich Akustik oder Brandschutz etwa nur mit zusätzlichen Materialschichten lösbar. Doch mit den aktuellen Brandschutznormen, die seit Anfang 2015 in Kraft sind, sei viel mehr möglich – etwa ganze Hochhäuser aus Holz, wie derzeit eines in Risch ZG gebaut wird, das immerhin 36 Meter hoch wird. Die Gesetzesanpassung ist ein Beispiel dafür, dass Holz als Baumaterial einen immer höheren Stellenwert geniesst: «Ich stelle fest, dass die Akzeptanz für Holzbauten merklich gestiegen ist», sagt der Architekt. Als er vor zwanzig Jahren damit anfing, Wohnsiedlungen aus Holz zu bauen, hätten Holzbauten bei vielen Leuten noch einen schlechten Ruf gehabt. «Mit ihnen wurden Bilder von provisorischen Bauten und landwirtschaftlichen Ökonomiegebäuden assoziiert.» Themen wie Nachhaltigkeit, die 2000-Watt-Gesellschaft oder auch architektonisch hochwertige Beispiele von Holzbauten haben für Deppeler zu dieser Entwicklung entscheidend beigetragen.

Der Mond mischt mit. Holz kann ökologisch und nachhaltig produziert werden, ist architektonisch vielseitig einsetzbar und hat physikalische Eigenschaften, die das Wohnklima positiv beeinflussen – gute Gründe, Holz einzusetzen, sind leicht zu finden. Doch es gibt Leute, die darüber hinaus auch eine spirituelle Beziehung zu dem Material suchen. Ein Beispiel dafür ist das Mondholz, das je nach Verwendungszweck zu bestimmten Zeitpunkten im Mondkalender geschlagen wird und dadurch andere Eigenschaften aufweisen soll.

Eine Verfechterin von Mondholz ist Mathilde Willimann, die in Rickenbach LU einen Laden betreibt, wo sie unter anderem Betten aus Mondholz verkauft. Was es auslöst, in einem solchen Bett zu schlafen, sei nicht rational greifbar, sagt Willimann. «In einem solchen Bett ist der Schlaf viel tiefer und erholsamer – das muss man selber erlebt haben.» Denn das Mondholz gebe in der Nacht Energie ab, welche die Tanne im Wald in Form von Licht gesammelt habe, ist Willimann überzeugt. Wichtig sei dafür insbesondere der 14 Zentimeter dicke Boden des Betts.

Holz ist trendy
Laut dem Branchenverband Holzbau Schweiz steigt die Menge von Holz, die in der Schweiz im Aussenbereich und Innenausbau sowie für Möbel, Verpackungen und Holzwaren verarbeitet wird, kontinuierlich. Im vergangenen Frühling wurden die Ergebnisse einer Studie der Berner Fachhochschule BFH im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt BAFU präsentiert, die den Holzverbrauch in der Schweiz über mehrere Jahre auswertet. Demnach ist dieser Gesamtverbrauch zwischen 2009 und 2012 um zehn Prozent auf über drei Millionen Kubikmeter gestiegen. Der Holzverbrauch für den Bau von Mehrfamilienhäusern stieg von 2009 bis 2014 sogar um 73 Prozent.
Und die lokalen, also nachhaltigen Möglichkeiten sind noch gar nicht ausgeschöpft: Laut Wald Schweiz, dem Verband der hiesigen Waldeigentümer, wachsen in Schweizer Wäldern jährlich etwa zehn Millionen Kubikmeter Holz nach, wovon etwa die Hälfte geerntet wird. Eine nachhaltige Waldbewirtschaftung liesse die Nutzung von zusätzlichen zwei bis drei Millionen Kubikmeter zu.

Der Preis ist Nebensache. Doch die Produktion von Mondholz ist auch aufwendiger. «Wir müssen den Baum zuerst danach befragen, ob er bereit ist, geschlagen zu werden», erklärt Willimann. Nachdem der Baum gefällt wurde, werde er vier Monate lang im Wald liegen gelassen und anschliessend viel langsamer getrocknet, als herkömmliches Holz. Das hat auch seinen Preis: Das Einzelbett aus Mondholz verkauft sie ab 4550 Franken.

Die Konsumentinnen und Konsumenten lassen sich davon nicht abschrecken. Willimann stellt fest, dass Mondholz immer beliebter wird. Gründe dafür sieht sie darin, dass es vielen Leuten heute generell wichtiger sei, dass sie gut schlafen. Auch die regionale Herkunft des Tannenholzes, das in ihren Betten verarbeitet wird, komme gut an. Dieses wird in einem Radius von gerade mal fünf Kilometern um Willimanns Laden geschlagen. Obwohl sie also noch ganz andere Gründe dafür hat, ein Holzfan zu sein, finden sich die Verfechter des Baumaterials doch immer wieder bei denselben, hochaktuellen Themen: Ökologie, Regionalität, Nachhaltigkeit.

Fotos: istockphoto.com

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