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«... dass einer sich darob vergafft ...»

Kategorie: Natur
 Ausgabe_12/2016 - 01.12.2016

Text:  Benedikt Meyer

Das Basler Universalgenie Felix Platter, Stadtarzt und leidenschaftlicher Botaniker, legte das älteste heute noch existierende Herbarium der Schweiz an. Jetzt wurde der 400-jährige Kulturschatz neu aufgelegt.

@ Burgerbibliothek Bern

Laut und lebhaft muss es bei Platters zugegangen sein. Zum Mittagessen versammelten sich zahlreiche Studenten, Professoren debattierten, der Hausherr schlug die Laute, Reisende erkundigten sich nach der berühmten Sammlung und von Zitronenbäumchen zwitscherten exotische Vögel. Felix Platter (1536 –1614) war ein geselliger Typ. Ein ausgezeichneter Musiker, ein guter Schreiber, ein Tänzer – und ein sehr einflussreicher Gelehrter.

Schon Felix’ Vater hatte eine steile Karriere gemacht, der Walliser Verdingbub brachte es vom Geissenhirten zum Leiter eines Basler Gymnasiums. Und Felix stand ihm in nichts nach. Er studierte in Montpellier, wurde Arzt, Professor und schliesslich Rektor der Uni Basel. Vor allem aber forschte Felix in alle Richtungen. Als Erster erkannte er, dass unser Sehen nicht in der Linse stattfindet, sondern auf der Netzhaut. Er machte Fortschritte in der Anatomie, der Rechtsmedizin und der Diagnostik. Und er fand einen neuen, besseren Umgang mit geistig Kranken.

Grandiose Schöpfung. Erst seit Kurzem untersuchte man damals die Natur möglichst präzise, umfassend und analytisch. Dabei ging es zunächst einmal darum, sich einen Überblick über die grandiose Vielfalt der Schöpfung zu verschaffen. Welche Pflanzen gab es überhaupt? Wie sahen sie aus? Welche Eigenschaften hatten sie, wie waren sie untereinander verwandt und wie liessen sie sich medizinisch nutzen? Platter sammelte, trocknete, presste, skizzierte und beschriftete. Dutzende, Hunderte, schliesslich rund 2000 Pflanzen versammelte er exakt beschrieben in seinem Herbarium und erstellte so ein riesiges Verzeichnis der Flora.

Dabei ging er ziemlich pragmatisch vor. Die Ackerglockenblume etwa verlor beim Trocknen ihre blaue Farbe – also bastelte er die Blüten aus blauem Rittersporn nach. Dicke Knollen und Wurzeln schälte er und presste die Schale. Platters Herbarium war nicht das einzige seiner Zeit, aber wenigstens in der Schweiz mit Abstand das grösste. Es umfasste schliesslich 49 Bände und war weit über Basel hinaus bekannt. Michel de Montaigne liess es sich zeigen, Reisende bezahlten Eintritt, um es bestaunen zu dürfen, und ein Luzerner Apothekter fand es so imposant «dass einer sich darob vergafft und des Munds offen vergisst».

Von Riesen und Einhörnern. Platter legte auch eigene Gärten an, züchtete Pflanzen und war besonders stolz auf seine exotischen Zitrusfrüchte. Berühmt war er auch für die Wellensittiche und den Elch, den er sich hielt. Ausserdem sammelte er Walrosszähne, Mineralien, versteinerte Früchte und Objekte aus China und der Neuen Welt. Vieles wurde ihm zugeschickt und nicht immer konnte er die Fundstücke richtig zuordnen. Als ihm aus der Zentralschweiz ein grosser Knochen zugetragen wurde, dachte er an einen Menschen und berechnete seine Körpergrösse auf fünf Meter sechzig. Erst Jahrhunderte später wurde der «Riese von Reiden» als Mammut enttarnt.

Was Platter als Privatperson leistete, ging später an grössere Institutionen über. Sein Schüler Caspar Bauhin, einer der «Väter der Pflanzenkunde», legte 1589 den Botanischen Garten der Universität Basel an, den ersten der Schweiz; zoologische Gärten folgten etwas später. Deren Ziel war in erster Linie, die Fülle der Natur zu versammeln, um sie studieren zu können. Und das unabhängig von den Jahreszeiten und ohne, dass man dafür in ferne Länder reisen musste.

Stinkende Titanwurz und bärtige Frauen. Nebenher sollte auch bei Laien das Interesse für die Wunder der Natur geweckt werden. Dabei stiessen die exotischsten Dinge stets auf die grösste Aufmerksamkeit und so tingelten bald schon Kuriositätenkabinette mit zweiköpfigen Schlangen, bärtigen Frauen und  eischfressenden Pflanzen herum. Auch der botanische Garten Basel schaffte es in jüngster Zeit vor allem mit der stinkenden Titanwurz in die Schlagzeilen.

Von Felix Platters 49-bändigen Herbarium sind heute noch acht Bände mit rund 800 getrockneten Pflanzen und ein Band mit Pflanzenabbildungen erhalten. Aufbewahrt und konserviert werden sie in der Burgerbibliothek in Bern. Aus dieser Sammlung haben nun der Historiker Luc Lienhard und die Restauratorin Lea Dauwalder die interessantesten Stücke herausgegriffen und in einem Buch sorgfältig arrangiert. «Das Herbarium des Felix Platter» überzeugt sowohl optisch wie auch inhaltlich mit informativen Texten und zahlreichen gut erklärten Abbildungen. Ein richtig schönes Buch.

Herbarien sind bis heute unverzichtbar für die Forschung. Selbst hochaufgelöste Bilder können die echten Pflanzen nicht ersetzen. Die grössten Sammlungen der Welt befinden sich in London und New York, aber bereits auf Platz fünf folgt das Genfer Herbarium. Es umfasst rund sechs Millionen Belege.

Buchtipp
Burgerbibliothek Bern (Herausgeber): «Das Herbarium des Felix Platter. Die älteste wissenschaftliche Pflanzensammlung der Schweiz», Haupt Verlag, 2016. Fr. 49.–.

Fotos: Burgerbibliothek Bern

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