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Kategorie: Natur
 Ausgabe_11/2016 - 01.11.2016

Text:  Hans Keller

Besuch aus dem All? Gibt es! Wir suchen und finden Ausserirdische am Twannberg bei Biel. Dort haben Forscher das bisher grösste bekannte Meteoritenstreufeld Europas entdeckt.

@ Naturhistorisches Museum Bern, Hans Keller

Wir treffen den Meteoritenjäger Marcel Häuselmann auf dem Spitzberg, französisch Mont Sujet genannt, der sich als riesiges bewaldetes Oval parallel zum Bielersee erhebt. Oben, auf einem über 1300 Meter hoch gelegenen Plateau, das mit seinen Wiesen, Steinen und Einzelbäumen bereits an die jurassischen Freiberge erinnert, geniesst man eine eindrückliche Aussicht auf die lang gezogene Bergwand des Chasseral. Häuselmanns hochsensibler Detektor grummelt, jault und piepst, je nachdem, was er gerade unter dem Gras im Erdreich ortet. Unglaublich, wie viel Metallschrott sich da ansammelt, in diesem doch eher abgelegenen Gebiet! Kübelweise Messer, Hufeisen, Gürtelschnallen, Nägel und dergleichen mehr hat Häuselmann auf dem Mont Sujet gefunden. Dabei ist er auf der Suche nach etwas ganz anderem: nach Ausserirdischen. Nein, keine grünen Männchen, sondern Eisenmeteoriten.

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Bote aus dem All. Vor schätzungsweise 160 000 Jahren ist der «Twannberg-Meteorit», ein zwischen sechs und 20 Meter grosser Bote aus dem All, in die Erdatmosphäre eingetaucht und dabei explodiert. Seit drei Jahren suchen Meteoritenjäger wie Häuselmann unter der Führung von Beda Hofmann, Geologe an der Universität Bern, auf dem Mont Sujet systematisch nach Fragmenten des Twannberg-Meteoriten. Rund 600 Stück, gut 75 Kilogramm, haben sie bisher gefunden. Sie sind erstaunlich gut erhalten. Üblicherweise verwittern Meteoriten im europäischen Klima innerhalb von 5000 bis 10 000 Jahren. Doch die Kuppe des 1382 Meter hohen Mont Sujet blieb während der vorletzten Eiszeit eisfrei. Auch darum blieb das Streufeld weitgehend intakt. Deshalb sind die Chancen gross, dass Häuselmann hier weitere Teile des Eisenmeteoriten findet. Während er langsam über die Wiese schreitet, schwenkt er den Detektor langsam hin und her. Der Detektor surrt, fiepst, piepst. Manchmal bleibt Häuselmann stehen, will es genauer wissen, doch immer wieder entfährt ihm ein verächtliches «Schrott!».

Dialog mit dem Kosmos. Mit diesem zweiten Fund war der reale Mythos «Twannberg-Eisenmeteorit» geboren. Für Sammler und Forscher begann eine Art Dialog mit dem Weltall. Und tatsächlich liefern die Meteoriten gewisse Einsichten, etwa über die Entstehung des Sonnensystems.

Meteorit im Museum. Im Naturhistorischen Museum Bern findet zurzeit eine Meteoriten-Schau statt, in der dem Twannberg-Meteoriten gebührend Platz eingeräumt wird. Im Soussol ist in einer langen beleuchteten Vitrine eine grosse Auswahl wichtiger Fragmente zu sehen. Beginnend mit TW1, TW2 und TW3 gelangt man über mittelgrosse Stücke zu zahlreiche  kleinen und winzigen schwarzen oder braunrot gefleckten Objekten. Viele davon sehen aus wie misslungene Schokoladenpralinen; besonders prägnant geformte Stücke tragen Namen wie «Batman», «Venus vom Spitzberg» oder «Hexe».

Beda Hofmann, Verantwortlicher der Ausstellung, macht uns mit wissenschaftlichen Fakten zum Twannberg-Meteoriten vertraut. «Er gehört zu einer seltenen Art von Meteoriten», sagt er. «Weltweit kamen erst sechs Eisenmeteoriten mit derselben chemischen Zusammensetzung herunter – zwei in Alabama USA, zwei in Chile, einer in Südafrika und einer eben in Twannberg.» Über die Herkunft und die Zeit des Niedergangs des Twannberg-Meteoriten gebe es lediglich Mutmassungen. «Der Absturz, bei dem der schätzungsweise 33 000 Tonnen schwere Meteorit in Tausende Teile zerbarst, liegt wohl um die 160 000 Jahre zurück», spekuliert Hofmann. «Wahrscheinlich stammt der Meteorit von dem aus unterschiedlich grossen Objekten bestehenden Asteroidengürtel, der zwischen Mars und Jupiter um die Sonne rast. Vermutlich hat eine Kollision den Meteor dazu gebracht, seine Bahn zu verlassen und Richtung Sonne abzudriften.»

Meteore, Meteoroiden, Meteoriten
Meteoroiden nennt man Objekte, die innerhalb des Sonnensystems die Sonne umkreisen. Wenn Meteoroiden in die Erdatmosphäre eindringen, dann wird die dabei auftretende Leuchterscheinung Meteor genannt – oder im Volksmund Sternschnuppe. Das Leuchten wird von der Ionisation der Luft verursacht. Ein Meteoroid, der die Erdoberfläche erreicht, wird Meteorit genannt.
Täglich fallen bis zu 40 Tonnen Meteoriten auf die Erde nieder. Der Grossteil misst weniger als 0,1 mm. Man unterscheidet vor allem zwischen zwei Gruppen: Steinmeteorite (Aerolite) und Eisenmeteorite (Siderite), davon gibt es Mischformen. Die meisten Bruchstücke stammen aus dem Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter, manchmal kommen sie jedoch auch aus Kometenschweifen oder von anderen Planeten.
Weltweit sind gut 53 700 Meteoriten dokumentiert, acht davon in der Schweiz; jener von Twannberg ist der einzige, von dem es mehrere Fragmente gibt. Er hat den niedrigsten Nickelgehalt aller bekannten Eisenmeteoriten überhaupt und zählt zur Klasse IIG. Von dieser Kategorie gibt es weltweit nur sechs Exemplare. Sie entstanden bereits rund 2 Millionen Jahre nach der Geburt des Sonnensystems vor 4,6 Milliarden Jahren. Das Streufeld des Twannberg-Meteoriten ist das grösste bisher bekannte in Europa – es umfasst fünf bis möglicherweise gegen 15 Kilometer Länge und einige Hundert Meter Breite.
Einige Meteoriten erlangten geschichtliche Bedeutung, so etwa der 470 v. Chr. auf Phrygien gefallene schwarze Meteorit, mit dem die Göttin Kybele verehrt wurde; heute ist er in Rom zu sehen. Auch beim schwarzen Stein in der Kaaba, dem islamischen Heiligtum in Mekka, soll es sich um einen Meteoriten handeln.
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Zum Geschäft gemacht. Von Mutmassungen zu Konkretem: Wem gehören eigentlich die gefundenen Fragmente? Dazu gebe es staatliche Regelungen, erklärt Hofmann. Wissenschaftlich wertvolle Funde gehören dem Kanton, in dem sie gefunden wurden. Den wissenschaftlichen Wert von Meteoriten beurteilt das Naturhistorische Museum Bern in Absprache mit dem Institut für Geologie und dem Physikalischen Institut der Universität Bern. Meteoritenjäger müssen archäologisch interessante Funde bei der Fundstelle sorgfältig dokumentieren und dem Archäologischen Dienst abliefern.Professionelle Sucher brauchen eine Bewilligung. Der Finder hat Anspruch auf eine «angemessene Entschädigung», im Falle von Twannberg erhält er eine prozentuale Abgeltung in Form von Meteoritenfragmenten. Ein Beispiel: Meteoritenjäger Häuselmann habe ihm, Hofmann, gerade erst sieben Funde präsentiert, von denen er fünf als «Honorar» behalten durfte.

Twannberg-Meteorit – Jäger des verlorenen Schatzes
Ausstellung im Naturhistorischen Museum Bern bis 20. August 2017, Infos: www.twannbergmeteorit.ch

Fotos: Naturhistorisches Museum Bern, Hans Keller

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