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Kategorie: Tiere
 Ausgabe 09/2016 - 01.09.2016

Text:  Michael Götz

Ohne geeignete Nist- und Wohnplätze ist der Lebensraum von Fledermäusen zunehmend gefährdet. Hochstammobstgärten stellen für die kleinen Flieger ideale Jagd- und Wohngebiete dar.

@ René Güttinger | RGBlick, fotolia.com

Der Obstgarten von Peter Zahner in der Widenhueb bei Waldkirch im Kanton St. Gallen ist bekannt für seine Hochstammobstbäume und alte Obstsorten. Der Landwirt trennt sich nur ungern von alten Bäumen, nicht weil er nostalgisch wäre, sondern weil er sieht, dass die grossen Hochstammbäume Lebensraum für viele Vogelarten, Fledermäuse und andere Wildtiere sind. Er ist Vorstandsmitglied des Vereins Fledermausschutz St. Gallen-Appenzell-Liechtenstein und hat im Laufe der Jahre ein gutes halbes Dutzend verschiedene Fledermausarten in seinem Obstgarten entdeckt: Braunes Langohr, Grosses Mausohr, Grosser Abendsegler, Fransen- und Zweifarbenfledermaus, Kleiner Abendsegler, Zwergfledermaus.

Wohnen hier, Jagen dort. «Der Bauernhof und die Hochstammobstanlagen bilden einen idealen Lebensraum für Fledermäuse», bestätigt René Güttinger aus Nesslau. Er ist Biologe und Naturfotograf und ebenso im Fledermausschutzprojekt engagiert. Auf dem Bauernhof sei vieles auf kleinstem Raum vorhanden, was Fledermäuse brauchen, sagt er. Im offenen Dach- oder Heustock, in Maschinenhallen oder einfach hinter Fensterläden finden die Tiere ein ideales Quartier. Auch die Nahrung ist nicht fern, denn die Tiere und Früchte auf dem Bauernhof ziehen Fluginsekten, die Nahrung der Fledermäuse, an. Fledermäuse fallen kaum auf, denn sie sind klein, nachtaktiv und fliegen sehr schnell. Wie ein Detektiv erforscht Güttinger die heimliche Lebensweise der Fledermäuse. Dazu markiert er einzelne Tiere mit Minisendern und verfolgt ihre Flugbahnen. Auf diese Weise hat er festgestellt, dass das Grosse Mausohr im Tannenbergerwald oberhalb von Waldkirch nachts nach Insekten jagt. Sein Quartier befindet sich allerdings beachtliche 20 Kilometer weit weg bei Flawil in der Oberglatter Kirche. Das Mausohr legt also täglich grosse Strecken zurück, um in sein Jagdgebiet zu gelangen. Das ist nicht bei allen Fledermausarten der Fall. Beim Braunen Langohr etwa fallen Jagd- und Wohngebiet zusammen. Sie ist eine Waldfledermaus, die baumfreie Flächen meidet und ausserhalb der Wälder gerne in Hochstammobstgärten wohnt, sofern Baumhöhlen oder Fledermauskästen vorhanden sind.

Fledermäuse sind Säugetiere
Bekannt ist bei Fledermäusen das ausgeklügelte Echoortungssystem, das sie zu geschickten Jägern macht. Dabei geht fast die erstaunliche Tatsache vergessen, dass Fledermäuse fliegende Säugetiere sind. Eine Fledermausmutter bringt ihr Junges hängend zur Welt und trägt es im Quartier während der ersten Tage auf ihrer behaarten Brust, wo sich das winzige Tier festklammert. Während der Jagd muss das Junge bereits in der ersten Nacht im Quartier zurückbleiben. Die meisten Fledermäuse bringen pro Jahr nur ein Junges zur Welt. In der Schweiz kommen 30 von weltweit 1200 Fledermausarten vor.

Nachtfalter als Beute. Bauer Zahner hat in seinem drei Hektar grossen Obstgarten 30 Kunstquartiere aufgehängt. Sie bestehen aus Holzbeton, einem Gemisch aus Zement und Holzspänen. Die Kästen besitzen unten ein Einflugloch. Während Vögel in ihren Kästen ein Nest bauen, hängen sich Fledermäuse einfach an der Decke des Kastens auf. Am Kot sieht man, ob das Quartier bewohnt ist. Natürlicherweise sucht sich das Braune Langohr Baumhöhlen. Höhlen entstehen vor allem an alten Bäumen, seien es Astfaullöcher im Stamm oder Fäulnisspalten bei Gabelungen, Zwiesel genannt. Auch Spechthöhlen nehmen die Fledermäuse gerne als Zuhause an. Grosse alte Apfelund Birnbäume sind besonders spannend, haben die Fledermauskenner festgestellt. Die Bäume bieten ein ideales Jagdgebiet, weil die Kronen hoher Bäume lichter sind als die Kronen kleiner Bäume. Ein zu dichtes Astwerk dürfte den Fledermäusen die Jagd erschweren. Sie haben es vor allem auf Nachtfalter abgesehen, die in alten Bäumen in grosser Zahl vorkommen. Doch auch tagaktive Insekten, die im Wald übernachten, gehören zu ihrer Beute. Fledermäuse folgen dem Nahrungsangebot. So geht das Braune Langohr in der Widenhueb im Juni vor allem im Wald auf die Jagd, während es im Juli häufiger im Hochstammobstgarten anzutreffen ist.

Fledermäuse sind in der Schweiz immer seltener anzutreffen. Insbesondere das Braune Langohr hat es schwer. Ein Grund dafür ist, dass schleichend immer mehr alte hohle Bäume aus der Landschaft verschwinden und dass die Lebensräume der Fledermäuse zu wenig vernetzt sind. «Für viele Fledermausarten ist die Ausdünnung fatal», betont Güttinger. Braune Langohren beispielsweise benötigen Hecken, Bachgehölze und Obstanlagen, um baumfreie Flächen zwischen Quartier und Jagdgebieten zu durchqueren. Niederstammanlagen sind kein Ersatz für Hochstammanlagen, da sie Fledermäusen zu wenig Lebensraum bieten. Die Bäume stehen dicht beieinander und es werden mehr Pestizide eingesetzt. Es komme allerdings vor, dass das Braune Langohr auch in Niederstammanlagen jage, wenn diese mit Hagelschutznetzen gedeckt seien, berichten die Fledermauskenner. Denn dann sind Nachtfalter unter dem Netz gefangen und werden leichte Beute für die Fledermäuse. Ein anderer Grund, weshalb der Fledermausbestand rückläufig ist, liegt darin, dass ihnen weniger Quartiere zur Verfügung stehen. Dachstühle werden geschlossen und ausgebaut, Spalten in den Wänden werden immer rarer. Wer ein altes Haus renoviert, sollte deshalb auch an die Fledermäuse denken.

Künstliche Quartiere anbieten. Wer den Tieren also, eine Behausung anbieten kann, hilft den Fledermäusen schon viel. Bauer Peter Zahner hat die Fledermauskästen auf verschiedener Höhe aufgehängt. Den Fledermäusen komme es nicht darauf an, dass die Kästen hoch oben sind – und auch nicht, wann man sie aufhängt. Früher oder später werden sie besiedelt, denn die robusten Kästen bieten ihnen Schutz vor dem Wetter und vor ihren natürlichen Feinden, vor allem Katzen, Marder sowie Greifvögel und Eulen. Der Holzbeton wirkt temperatur- und feuchtigkeitsausgleichend. Manchmal kommt es vor, dass sich ein Vogel im Kasten einnistet. Dann sucht sich die Fledermaus einfach ein anderes Quartier.

Buchtipps
• Christian Dietz: «Handbuch der Fledermäuse», Franck Kosmos Verlag, 2016
• Dirk A. Diel «Ein Garten für Fledermäuse: Lebensräume schaffen im naturnahen Garten – Beobachten – Gestalten – Bauen», Pala Verlag, 2013
• Klaus Richarz «Fledermäuse beobachten, erkennen und schützen «, Franckh Kosmos Verlag , 2015

Foto: René Güttinger / RGBlick, fotolia.com

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